Mrz 132016
 

Western Boots

Seit einigen Saisons geleiten sie männliche wie weibliche Models festen Schrittes über den Catwalk, die Western Boots. In der Menswear etwa hat Patchy Cake Eater für seine Kollektion 2015 zweifarbige Stiefel in frappant eklektizistischer Manier mit Casuals, Sport- und Businesselementen gekreuzt.

Zur gleichen Zeit kombinierte Hedi  Slimane für Saint Laurent überwiegend schwarze, wenige braune und vereinzelt in Material und Farbe auffälligere Modelle mit Modezitaten der 1960er und 70er Jahre aus Psychrock und Italowestern, die von zierlichsten Hendrix-, Morrison-, Ramones- und Eastwood-Imitaten vorgeführt wurden.

Bei DSquared2 wurden die dezent gestalteten Stiefel zusammen mit Jeans, T-Shirt und Lederjacke zum gängigsten Ensemble männlicher Kernigkeit montiert. Eben zu diesem letzten Beispiel verhalten sich die Womenswear-Interpretationen für 2016 von Laurenzo Serafini wie Yin zu Yang.  Über halbhohen, schwarzen Western Booties umspielten luftige, transparente Kleider aus Chiffon und Spitze in Nudetönen die Körperkonturen der ätherisch wirkenden Models.

Jeder Modeblog rät unbedingt zu dieser Hart & Zart Kombination. Auch bei Fausto Puglisi, den Resort-Linien von Miu Miu, Chloe, Valentino und Missoni waren urbane Cowgirls-auf-Zeit unterwegs. Egal, ob es sich um Reproduktionen üblicher Klischees oder überraschende Lösungen der Modemacher handelte, allein die Präsenz dieses Schuhs auf den Laufstegen gereichte zu einer Modevorhersage für 2016: der Western Boot kommt! Die Vogue schlug im Januar gleich „8 Fashion-Forward Pairs to Buy Now“ vor, und man ahnte sofort, woher der eigentliche Wind wehte.

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Das Interesse des Modebusiness an jenem whole cowboy thing verdankt sich offensichtlich der Revitalisierung des Westerngenres. Bereits mit Brokeback Mountain hat sich der Blick – trotz oder wegen der kontroversen Darstellung –  auf bestimmte Hemden, Jeans, Hüte und Boots neu justiert und Nachfragen gesteigert. Allerdings zweifeln aktuell manche Beobachter daran, ob sich mit der neuerlichen kinematografischen Wild West Inspiriertheit der Designer das gewünschte Bedeutungspaket der Realness so einfach in die Mode mitnehmen und auf Kommando ausspielen lässt.

Aber auch mit dem großen Schlagwort der Echtheit lässt es sich nicht weit bringen, handelt es sich beim Western Boot schließlich um ein Produkt einer gefälligen, mythologischen Erzählung, die ihre Fragilität gerade in hysterischen Reaktionen auf Interpretationen wie einer des Ang Lee bewies. So war und ist der Stiefel auch eine dynamische Projektions- und Aushandlungsfläche für sehr disparate Interessen und Bedürfnisse, flottierende Bezeichnungen wie Cowboy-, Western-, Texan- und Mexicana-Boot deuten es an. Seine Genese in den 1870er Jahren verdankt sich der Migration von Europäern und ihren Kleidungskulturen nach Amerika, dem amerikanischen Bürgerkrieg mit seiner Kavallerie und militärischen Reitstiefeln, früheren spanisch-mexikanischen Einflüssen auf die Viehtreiberkultur und der um 1900 einsetzenden nostalgischen Sehnsucht nach der Wildwest-Utopie.

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Durch die Folklorisierung des weißen Cowboys, besonders durch populäre Saddle Dandies in Shows und frühen Filmen, erfuhr der Stiefel in den 1920er und 30er Jahren eine dramatisch-exotische Designverdichtung. Der einfache Reiterstiefel wurde ganz entgegen der modernen Stilisierung männlicher Funktionalität durch phantastische und unendlich nuancierbare Steppnähte und Einlegearbeiten verziert.  Diese Anatomie, so bezeichnet Tyler Beard die ungewöhnliche Gestaltung, wurde funktional und komplex zugleich.

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Tatsächlich steht der Boot als materiales Objekt und ästhetische Oberfläche permanent in Verhandlung und bewegt sich an den Schnittstellen zwischen (anti)hegemonialer Traditionalisierung, Nationalisierung, Folklorisierung, Authentifizierung und Individualisierung. Wie, das zeigt sich viel spannender seit einiger Zeit auf den Sidewalks der Mode. Dort beleben, unterlaufen und übertreiben gegenwärtige Akteure durch das Selbst-Bearbeiten und Selbst-Aneignen die üblichen Lesarten der Dinge.

Das führt uns zurück zur Prognose: möglicherweise schafft es der Stiefel noch einmal wie in den 1980er Jahren auf die Boulevards und in die Fußgängerzonen. Aber schon da zeigte sich in Kombination mit Fiorucci Karotte, pastelligem Benetton Sweater und hochgestelltem Lacoste Polokragen, dass der Western Boot nie nur ein modisches Accessoire sein kann. Durch sein Mäandern in der Popkultur hat er sich vieldeutig aufgeladen.

Darum wird bei seinen Trägern und Trägerinnen ein bewusst komponierter Gesinnungshabitus vorausgesetzt. Sollte dieser, frei nach Hebdige, nicht als Stil ersichtlich sein, führt die starke, ideologische Parole am Fuß ganz schnell an den Abgrund von Kitsch und Künstlichkeit. Man sollte daher im Stande sein, den Stiefel nicht nur anziehen, sondern tragen zu können. Persönlich kenne ich nur zwei Menschen, die diese Kunst beherrschen. Man darf in diesem Jahr gespannt sein, in welche Richtung die anderen mit ihren Boots gehen.

 

Viola Hofmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund.

 

Frühere Gegenstände der Modekolumne:

Skinny Jeans/Culotte (Februar 2016)
Daunenjacke (Januar 2016)
Körpertrends (Dezember 2015)
Model- und Musikstars (November 2015)
Vorgaben individualisierter Mode (Oktober 2015)
Militärisches in der Männermode (September 2015)
Alexander McQueen-Retrospektive (August 2015)
Berluti (Juli 2015)
Monokel (Juni 2015)
Winter 15/16 Frauen (Mai 2015)
Maske (April 2015)
Health Goth (März 2015)
Sportswear Männer (Februar 2015)
Normcore (Januar 2015)
Schirme (Dezember 2014)
Designer-Kollaborationen H&M (November 2014)
Mode und Politik (Oktober 2014)
Anthropomorphe Mode (September 2014)
Winter 14/15 Frauen (August 2014)
Hosen Männer (Juli 2014)

 

 

 

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