Jan 182015
 

Die Abstinenz des Trends?

Galt die selbsternannt elitäre Modemeute bislang immer als sehr leicht identifizierbar, hat sie sich nun dazu entschlossen, ihre Offensichtlichkeit abzulegen und im ‚gemeinem Volke‘ zu verschwinden.

Grund dieser Wendung ist ein Mode-Neologismus, der seit gut 2,5 Jahren in den Medien haussiert und mit oberflächlicher Banalität glänzt. Normcore, unschwer zu erkennen eine Kombination der Worte ‚Normal‘ und ‚Hardcore‘, ist der Trend, der eigentlich keiner sein wollte.

Geprägt wurde der Terminus 2012 von der in New York ansässigen Trendagentur KHole, die ihn als die bewusste Nicht-Abgrenzung durch Kleidung oder gar als das einfache Sein einer von sieben Milliarden Personen definiert. Abfallen solle der Druck der Individualisierung, Individualität weicht Uniformität – aber alles natürlich ganz im positiven Sinne.

Visualisiert wird der Begriff und Look durch modischen Durchschnitt, 08/15, Normalität eben: Sneakers, Jeans, T-Shirt, Sweater, weiter Mantel. Materialien wie Fleece und Cord in Farben von wollweiß über beige bis braun und grau.

Dekoriert wird dieser Look mit kleinen Attributen wie den obligatorischen weißen Tennissocken zu den vor Saisons noch untragbaren Birkenstocks, dem Mittelscheitel oder der Hornbrille, geprägt im Allgemeinen vom Komfortgedanken, der oft auch mit einer gewissen Negierung des Körpers einhergeht.

No.21 Pre-Fall 2015 (Foto: style.com)

 

So simpel und einfach ‚Normcore‘ nun schwarz auf weiß auch erscheint, die unbarmherzige Modewelt setzt natürlich ihre eigenen Regeln. Während einerseits der Look gemäß des anerkannt-denunzierten Berlin-Mitte-Hipsters vollendetes ‚Vintage‘ (und natürlich nicht Second Hand) darstellt, ist unter Modefanatikern der androgyne Mantel bestenfalls aus Kaschmir, während die Sneakers an der Seite kein Haken, sondern ein Designeretikett ziert und die Jeans auf Grund diverser aufwändiger Waschungen nur noch im höheren dreistelligen Bereich erhältlich sind. Selbst Durchschnittlichkeit kennt ihre kleinen Unterschiede, getreu des Mottos: ‚Alle sind gleich, aber manche sind eben gleicher.‘

 

Christophe Lemaire Frühjahr/Sommer 2015 (Foto: style.com)

 

Nach diesem kurzen Anschnitt der Optik des Antitrends bleibt allerdings die Frage, wie wir von radikaler Zwangs- und Massenindividualisierung nun überhaupt zum trendtauglichen Einheitsbrei getrieben wurden.

Grundsätzlich geht der Normcore aus dem ‚gemeinen Hipster‘ hervor, dessen kleine Lebensphilosophie daraus besteht, sich dem Trenddiktat der höchsten Modeinstitutionen fortan nicht mehr zu beugen. Tatsächlich wurde das Konstrukt der Trendentwicklung in den letzten Jahren überstrapaziert. Fehlt es den Kreativen mittlerweile oft an Innovationskraft (natürlich begründet durch den ökonomischen Faktor der Mode, aber das wäre ein anderes, seitenfüllendes Thema), wird die Mode seit den frühen 2000ern größtenteils durch Zitate am Leben gehalten.

Da diese Zitate einer Anpassung an den Zeitgeist unterliegen müssen, werden sie zugespitzt, radikalisiert, sodass sie nur als zarte Reminiszenz erkennbar bleiben und sich dem Laien als etwas vollends ‚Neues‘ erschließen. Den stärksten Kontrast und die größte Neuerung gegenüber dieser Trendradikalisierung bildet nun einmal die Normalität und Durchschnittlichkeit – und so transformierten sich binnen einer Saison 17cm-Absätze zu flachen Sneakers.

Zu verdanken haben wir diesen Rückzug in die Neutralität und Anonymität meiner Generation, den jungen Erwachsenen. Nicht nur ist der Normcore ein banaler Ruf nach Entschleunigung des Trendsystems, sondern noch weitgreifender des eigenen Lebens. In Zeiten, in denen Flexibilität und Sprunghaftigkeit zu den wichtigsten Kriterien im Anforderungsprofil des Arbeitsmarkts gehören, sehnt man sich nach dem alten Konservatismus, ein angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Lage reaktionär wirkender Wertewandel. Familie, Partner, geregeltes Einkommen, feste Arbeitszeiten, Eigenheim-Sicherheit. Studien zufolge stufen sich Jugendliche und junge Erwachsene als deutlich konservativer als die eigene Elterngeneration ein. In einem Leben mit zyklischen Veränderungen und Flexibilitätsdrang sucht man nach einer Konstante. Und diese Konstante scheint aktuell in der Mode gefunden worden zu sein.

Die Lifestyleindustrie griff den Wertewandel natürlich unverzüglich auf und zieht nun ihren ökonomischen Nutzen daraus, ist Komfort doch um einiges leichter zu vermarkten als ein zyklischer Trendwechsel, weil Komfort ein konstantes Bedürfnis darstellt. Außerdem lassen sich T-Shirts und Sneakers, aktuelle Bestseller, günstiger produzieren, während die Nachfrage passenderweise steigt (selbst Couturehäuser wie Chanel, Givenchy und Dior haben zuletzt diese Sparte für sich entdeckt).

Nach der modischen Expansion des Normcore in 2013 und einem ersten Boom im Jahr 2014 haben die Designer die Aufenthaltsberechtigung unseres Mode-Neologismus aktuell bis mindestens Herbst 2015 (präsentiert in den aktuell laufenden Pre-Fall-2015-Kollektionen) verlängert und einen neuen Boom ausgerufen.

 

Chanel Frühjahr/Sommer 2015 (Foto: style.com)

 

Doch ist die Rezession schon abzusehen. Diverse Label, darunter Dior, Acne Studios und Loewe, haben bereits begonnen, den Look zu brechen und eine Art weiterentwickelte Version des Normcores zu propagieren. So bietet eben Dior in seiner Pre-Fall-Kollektion Pailletten als Addition zum tragbaren ‚Normalo‘-Look, während die flachen Schuhe nun wieder immer öfter auf Laufstegen den extremen Absätzen weichen.

Auch tritt die große Theatralik ihren Wiedereinzug auf die Modebühne an, hat doch gerade John Galliano sein Debut für Maison Martin Margiela gegeben (Review und alle Bilder der Show bei style.com), ausgerechnet das Haus Margiela (das, wie kürzlich bekannt gegeben wurde, nun das Martin aus dem Titel gestrichen hat), bisheriges Synonym für Anonymität.

In einer Saison, in der die Individuen ihre Gesichter bewusst verlieren, erhält die Anonymität nun eins. Es lebe der Normcore – denn solange die Mode zitiert, wird auch er niemals sterben.

 

Mario Keine studiert am Design Department Düsseldorf.


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