Sep 262014
 

Trendschau: anthropomorphe Mode

Oft kommt ja nichts Gutes dabei heraus, wenn aktuelle Entwicklungen aus der Wissenschaft in der Mode ihren Ausdruck finden. Die Fortschritte der Bio- und Nanotechnologie führen etwa zur Weiterentwicklung der „wearable technology“. Die meist in Nachttönen (schwarz, dunkelgrau, schwarzblau) gehaltenen Jacken, Westen, Rucksäcke oder Brillen können dann zum Beispiel Herzfrequenzen messen, den (selbst verursachten) Schweiß regulieren, Wifi-Hotspots orten oder via Bluetooth Daten empfangen. Der modische Appeal dieser biopolitischen Klamotten und Accessoires auf halbem Weg zwischen tragbarer Thermoskanne und Smartphone-Ganzkörperanzug hält sich allerdings in Grenzen, trotz hartnäckiger PR-Arbeit der Hersteller.

In letzter Zeit lässt sich in Gestalt von anthropomorpher Mode endlich ein amüsanter Transfer zwischen wissenschaftlicher Theorie und Mode beobachten. Gesichter, Augen, Lippen, Finger, ja sogar Ohren, Zehen oder Nasen zieren Handtaschen, Schuhspitzen, Röcke Smartphone-Hüllen oder gar Abendkleider und verleihen so den Modeobjekten menschliche Züge.

Clutchbag von MCM, Craig&Karl-Kollektion „Eyes on the Horizon“,
Frühjahr-Sommer 2014

Prada, Frühjahr-Sommer-Kollektion 2014

Stiletto von Pierre Hardy, Herbst-Winter-Kollektion 2014/15 Handtasche von Jeremy Scott x Longchamp, Frühjahr-Sommer-Kollektion 2014

Au jour le jour, Frühjahr-Sommer-Kollektion 2015

Die Mode wird also gewissermaßen zum Leben erweckt und sie grinst, zwinkert und haucht uns Küsse zu, will uns also verführen (was wiederum nichts Neues ist).

In den Sozial- und Geisteswissenschaften haben sich ja schon seit Längerem Theorien etabliert, welche die agency von Objekten hervorheben. Der Soziologe Bruno Latour etwa plädiert dafür, nicht-menschlichen Dingen den Status von den Menschen gleichberechtigen Akteuren anzuerkennen und verhandelt in seiner Akteur-Netzwerk-Theorie die Grenzen zwischen Natur und Gesellschaft neu, also auch die Differenz zwischen Mensch, Tier und Handtasche. Der Literaturwissenschaftler Bill Brown (A Sense of Things: The Object Matter of American Literature) dagegen theoretisiert in Anschluss an Heideggers Dingbegriff die Rolle von Dingen und Objekten in der Moderne und erschließt alternative Perspektiven auf das Verhältnis zwischen Dingen, Ideen und Kultur.

In der Mode wird schon seit den 1930er Jahren mit anthropomorphen Designs experimentiert:

Gürtel von Elsa Schiaparelli aus Seidentaft und Plastik, Herbst-Winter-Kollektion 1934,
aus der Sammlung des Metropolitan Museum of Art, New
York

Pumps von Tokio Kumagaï, 1984,
aus der Sammlung des Kyoto Costume Institute, Kyoto

Kleidungsstücke und Accessoires werden mit menschlichen Eigenschaften dekoriert und materialisieren damit auf ironische Weise die aus feministischer Sicht schwierigsten Motive der Mode, nämlich die Fetischisierung des weiblichen Körpers und den Hang zur Infantilisierung. Gleichzeitig zitiert der aktuelle Micro-Trend des anthropomorphen Modedesigns die Ästhetik der Pop Art und Manga-Kultur, wo das menschliche Antlitz gleichsam als Ikone wie als reine Oberfläche massenhaft reproduziert wird.

 

Monica Titton arbeitet als Soziologin und freie Autorin in Wien.
Jüngste Veröffentlichung zusammen mit Elke Gaugele u.a.: “Aesthetic Politics in Fashion“:

‘Aesthetic Politics in Fashion’ outlines critical studies in the present cross-sections of fashion, art, politics, and global capitalism. Critically examining contemporary collaborations of artists, media, and fashion labels, this groundbreaking anthology locates fashion within ecological and ethical discourses, postcolonial styles, and critical reflections on whiteness. Contributions from a distinguished group of international scholars debate fashion as a cultural phenomenon at the intersection of artistic, creative, economic, and everyday practices.
Aesthetic economies, the production of space, and alternative aesthetic politics are explored from interdisciplinary angles: art history, cultural science, sociology, design, and fashion studies. Aesthetic Politics in Fashion advances theorizing of fashion as an aesthetic metapolitics.

Texts by Endora Comer-Arldt, Ilka Becker, Tanja Bradaric, Martina Fineder, Eva Flicker, Elke Gaugele, Birgit Haehnel, Alicia Kühl, Michael R. Müller, Sabina Muriale, Taro Ohmae, Barbara Schrödl, Ruby Sircar, Birke Sturm, Monica Titton”

Publication Series of the Academy of Fine Arts Vienna, vol. 14
August 2014, English
16.5 x 22 cm, 260 pages, 27 b/w and 47 color ill., softcover
ISBN 978-3-95679-079-9
€22.00

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