Jan 282016
 

Zur Sache: Der Daunendeckenmantel

Die anhaltenden Zeiten des Übergangs, so scheint es, führen zu aktualisierten Formen von Übergangsjacken. In den letzten Jahren konnte sich – neben Fleece und Softshell – eine weitere Art durchsetzen, die ebenso wie die Gegenwart noch darauf wartet, eine adäquate Benennung zu erfahren. Gemeint ist die dünne Daunenjacke, welche versucht wird, mit den Adjektiven „light“, „lightweight“ und auch „ultralight“ zu charakterisieren sowie mit den Hilfsbegriffen „Sommerdaunen“ und „Leichtsteppjacke“ zu umschreiben.

Ihre vermeintliche Herkunft aus der (semi-)professionellen Sportbekleidung kann oder will sie nicht verleugnen. Durch das technotextile Material und die hochtechnologische Gestaltung spricht ein überbordender Funktionalismus, der den Eindruck vermittelt, auf alle Etwaigkeiten sowie Widrigkeiten vorbereitet zu sein. Als Übergangsjacke für das ganze Jahr kündet sie von einer selbstbewussten Idee des Körpers im Zeichen klimatischen, politischen sowie soziokulturellen Wandels.

Diese vestimentäre Habachtstellung wird dabei nicht nur auf Wanderwegen und Skipisten, sondern im gleichen Maße auf Straßen sowie Plätzen zur Schau getragen. Dass sich hier Zeitgeist als Kleidgeist materialisiert, ist der Mode selbst geschuldet, für die der Wandel elementares Prinzip ist, denn Mode ist Passagenwerk.

Video: Wandernder Hightech-Wandel – Die „Declathon Daunenjacke Quechua X-Light“, 2015

Als Antwort auf solche ästhetischen Überbetonungen der Funktionalität sind in letzter Zeit vermehrt Gegenentwürfe zu finden. Ein herausragendes Beispiel dafür stellt die Herbst-/Winter-Kollektion 2014/2015 von Yohji Yamamoto dar. Sie ist, so die die Modejournalistin Amy Verner, „a reaction against the phenomenal ubiquity of the ultra-thin, monochromatic down jacket. Maybe the weirdness and wideness of Yamamoto’s collection was his way of rewriting the rules of warmth.“

Zu sehen sind hier hypertroph übersteigerte Mäntel in düsterem Schwarz und wilden Mustern, die gerade keine Körperkonturen abbilden. Im Gegenteil führt der visuelle Verzicht auf Nähte und Abnäher zu aufgelösten Formen und fluiden Silhouetten. So scheinen die Models in den Kleidungsstücken zu ertrinken. Sie changieren zwischen Verschwinden und Gesehenwerden. Diese Anmutung der Mäntel verweist eher auf die Zwischenwelten von Märchen und Mangas als auf die textiler Versuchslabore.

Video: Sichtbares Verschwinden bei Yohji Yamamoto, H/W 2014/2015

Dem Prinzip überbordender Volumina folgt auch Karl Lagerfeld in der überzeugenden Prêt-à-porter-Damenkollektion des Hauses Fendi für Herbst/Winter 2015/2016. Mit den aufgeblähten Oversize-Entwürfen von Daunenjacken, Daunenkleidern sowie Daunenmänteln setzt der Designer einen großen Haufen. Die überzeichneten Revers, Stoffe und Wattierungen scheinen die Trägerinnen fast zu ersticken und bilden einen eindrucksvollen Gegenpart ebenso zum Daunen-Leichtgewicht wie auch zu den verstörenden Entwürfen Yamamotos.

Die Modelle des Mailänder Modehauses könnten einer Retro-Cocktailparty entsprungen sein und rekurrieren damit auf Zeiten längst vergangener, überbordender Dekadenz. Eine solche retrospektive Sicht zeigt sich ebenfalls als Quell der Inspiration. So reflektiert der bekennende Abstinenzler Lagerfeld mit dem einen oder anderen Mantel sein eigenes Werk. Denn er legte bereits im Winter 1980/1981 ein vergleichbares Kleidungsstück vor, das an eine Daunenbettdecke erinnern ließ, an eine höchst luxuriös ausgestattete und verarbeitete Daunenbettdecke.

Video: Oversized Fendi, H/W 2015/2016

Auf Daunendecken verweist ebenfalls das H&M-Konzept COS mit seinem „Ice-blue down coat“ aus der Herbst-/Winterkollektion 2015, deren Kampagne den trefflichen Titel „Glacial“ trägt. Die hellblaue Farbe, die glockenhafte Form und die angehängte Kapuze des Mantels sprechen dafür, dass es sich hierbei eindeutig um einen Wintermantel und nicht um eine Übergangsjacke handelt. So wird auch seine Funktion in der Produktbeschreibung klar herausgestellt: Dieser „oversized style“ ist „designed to cocoon the body“. Damit nimmt er nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Funktion der heimischen Zudecke auf: das wärmende Moment des eigenen Bettes.

Solche Bezüglichkeiten wurden von der Maison Martin Margiela bereits im Herbst/Winter 1999/2000 auf die Spitze getrieben. Deren „Duvet Coat“ wirkt weniger aus dem Bekleidungs- als vielmehr aus einem Bettengeschäft zu kommen. Bill Cunningham umschreibt diesen als „square feather-filled bed comforters, with inset sleeves to define the coat shape“. Der Streetstyle-Fotograf der New York Times führt weiter aus: „His coats came with multiple dust covers – in wool, plastic for snow or rain, and a flower-patterned sheet-like print for dressing up.“ Der Mantel besticht durch seine perfekte Nachahmung der häuslichen Decke und führt dadurch zu einer ganz eigenen ästhetischen Wirkung im öffentlichen Raum. So verwundert es kaum, dass er zu einem der ikonischen Modelle Margielas avancierte, das 2012 für die Re-Edition der Kooperation „H&M x Maison Martin Margiela“ wieder aufgelegt wurde. Im entsprechenden Werbeclip wirkt die Präsenz der Decke auf der Straße ebenso verwirrend wie auch verzaubernd. Bleibt nur zu hoffen, dass die Füllung nicht aus Taubenfedern besteht.

Video: Bettdecke an der Straßenecke – H&M x Maison Martin Margiela, 2012

Die Anleihen bei der Bettwäsche kommen nicht von ungefähr, sondern hängen eng mit der historischen Entwicklung von Daunenjacken, Daunenmänteln und Daunenanoraks zusammen. Als einer ihrer Entwickler gilt Eddie Bauer, der sich schon Ende der 1930er Jahre an die Gestaltung von wärmespendender Oberbekleidung machte. Er übernahm die Steppung von Decken und Schlafsäcken, um das Verrutschen der Daunen zwischen den beiden Stoffschichten zu verhindern.

Als ein weiterer „Erfinder der Daunenjacke“ präsentiert sich Klaus Obermeyer aus Oberstaufen, der nach der Übersiedelung nach Aspen, Colorado, zu Ruhm gelangte. So bedienen Obermeyer und seine Sportbekleidungsfirma nachdrücklich den Gründungsmythos, dass der damalige Skilehrer 1947 einen ersten Mantel aus der Daunendecke gestaltet hat, die ihm seine Mutter für die transatlantische Überfahrt mitgab. Auf die Idee sei er gekommen, weil die lange Fahrt mit dem Sessellift auf den Berg einen Kälteschutz nötig machte. Der Auswanderer selbst beschreibt sein erstes Exemplar jedoch als visuell wenig gelungen, da es wie Bibendum, das Michelin-Männchen, ausgesehen habe.

Video: Klaus Obermeyer, ein „Erfinder der Daunenjacke“, 2015

Die eingangs erwähnte, dünne Daunenjacke setzt eben auf eine entgegengesetzte Erscheinung irgendwo zwischen Schabracke und abgespeckten Bibendum. Und ebenso wie dieser in den Jahren an körperkonturierenden Reifen und somit an Umfang verlor, führt die vorherrschende Religion von Sportivität und Diätik eben zu weniger ausgeprägten Rollen am Oberkörper. Dadurch macht die sogenannte Funktionsbekleidung ihrer Benennung alle Ehre, wobei ihre körperdefinierende Nähe eher die Funktion von Selbstkontrolle, -optimierung und -beherrschung übernimmt. Der hier sichtbar gemachte Wandel zielt, wenn auch kollektiv vollzogen, auf das Individuum.

Anders verhält es sich bei den hypertrophen Formen, die zumeist dazu führen, dass durch die dicken Schichten an Daunen der Körper in den Hintergrund gerät und seine Schutzbedürftigkeit nach Außen gezeigt wird. Hier wird ein Wandel thematisiert, der bereits in der Geschichte Obermeyers anklingt und in den aufgezeigten Beispielen aus der Mode immer wieder durchscheint: Das Tragen der Bettdecke in der Öffentlichkeit, die transformierende Zweckentfremdung des Bekannten, schockiert. Es konfrontiert mit Migrationsbewegungen, den Verlust des Heimes und der Schutzbedürftigkeit von Menschen. So funktioniert die Decke etwa auch in der Werbung als hilfreich und schutzgebend, als Medizin der Wärme in Zeiten der Erwärmung. Das Verschwinden, Ertrinken, Ersticken, Cocooning lässt Ängste gewahr werden, wobei die Friedenstaube bei Margiela auch als Zeichen der Hoffnung aufgefasst werden kann – „Nunc est bibendum!“

 

Jan C. Watzlawik ist Referent für Ausstellungen an der Universität Göttingen.

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