Sep 112017
 

#kunstistpolitisch

Der Bundestagswahlkampf 2017 ist der erste, in dem auch Bilder der Sozialen Medien, vor allem Bilder auf den Instagram-Accounts von Parteien und Abgeordneten eine Rolle spielen. Statt nur Reden zu halten oder Kundgebungen zu veranstalten, machen Politikerinnen und Politiker mittlerweile also auch zunehmend selbst Bilder, um für ihre Botschaften zu werben. Bis zur Bundestagswahl wird Wolfgang Ullrich einzelne dieser Bilder in loser Folge genauer betrachten und Instagram als Medium politischer Ikonografie in der Phase seiner Entstehung begleitend kommentieren.

Teil 9 der Kooperation von Ideenfreiheit und pop-zeitschrift.de

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Wahlkampf findet auch auf der documenta 14 statt. Schon mehrere Politiker (z.B. Cem Özdemir und Peter Tauber) waren hier im Lauf des Sommers und posteten Fotos und ein Statement auf Instagram. Doch niemand nutzte den Kassel-Besuch so markant für eine politische Positionierung wie Katja Kipping, die Vorsitzende von Die Linke, die am 9. September auf der documenta war. Drei Fotos auf ihrem Account zeigen sie vor jeweils prominenten Werken. So nahm Mark Mühlhaus, Kippings Fotograf, sie am Fuß eines Obelisken auf, den der nigerianische Künstler und Kurator Olu Oguibe am Königsplatz aufstellen ließ und der auf seinen vier Seiten mit einem Satz aus dem Matthäus-Evangelium beschriftet ist. Auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch steht hier „Ich war ein Fremdling und Ihr habt mich beherbergt“. Während Obelisken traditionell Herrschaftszeichen waren – oft von Kaisern aus Ägypten importiert, die damit ihre Macht demonstrierten –, lässt Oguibe also einen machtlosen Flüchtling sprechen. Damit kehrt er die Hierarchien um, so dass jeder, der hilfsbedürftig ist, durch den Obelisken und dessen zentralen Standort zu neuem Selbstbewusstsein finden kann und endlich nicht mehr nur Opfer ist. Kipping identifiziert sich mit dieser Revolution; aus Untersicht fotografiert und direkt an den Obelisken gelehnt, signalisiert sie ihre Verbundenheit mit dem „Fremdling“, der hier spricht. Ihre linke Überzeugung wird durch Hashtags wie #solidarity und #refugeeswelcome sowie ein knallrotes Kostüm zusätzlich demonstriert.

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Ähnlich ist es beim zweiten Foto, auf dem Kipping vor einer Installation aus Baurohren kniet, die Hiwa K auf dem Friedrichsplatz platziert hat. Die Röhren sind mit diversen Wohnutensilien gefüllt, dienten solche Rohre Flüchtlingen doch schon wiederholt als Versteck. Auch Hiwa K flüchtete „aus dem Irak bis nach Athen in einem LKW mit Baurohren“, wie Kipping im Kommentar zum Foto vermerkt. Ihre Solidarität drückt sich vor allem darin aus, dass sie mit ihrer rechten Hand eines der Rohre berührt.

Da diesmal fast alle, die auf der documenta mit Werken vertreten sind, ihre eigene Biographie als Betroffene veranschaulichen, liegen derartige Solidaritätsbekundungen auch nahe. Anders als sonst muss die Kunst nicht erst für an sich fremde Zwecke vereinnahmt werden; vielmehr drängen sich gerade die Werke im Außenraum als Bekenntnis-Parcours regelrecht auf. Deshalb wundert sogar, dass nicht noch mehr Politiker – gerade der Linken und der Grünen – davon Gebrauch machten und Kipping die erste ist, die das Wahlkampf-Potenzial der documenta erkannte. (Vermutlich fühlen sich die meisten zeitgenössischer Kunst gegenüber zu unsicher: Sie haben die Sorge, sie oder ihre Rezipienten könnten Entscheidendes nicht verstehen, oder aus Ehrfurcht gegenüber der Kunst scheuen sie davor zurück, diese ins Tagespolitische zu ziehen.)

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Das interessanteste Foto aber entstand vor dem Parthenon der Bücher – dem Motiv, das standardmäßig auch bei anderen Politikern auftaucht, die in diesem Sommer auf der documenta waren. Wiederum handelt es sich um politische Kunst, diesmal aber von konsensstiftendem Charakter, denn kein demokratisch gesinnter Mensch wird dem Anliegen der argentinischen Künstlerin Marta Minujin widersprechen. So widmet sie ihre Arbeit Büchern, die irgendwo auf der Welt verboten waren oder verboten sind – und macht damit auf die zahllosen Bedrohungen der Meinungsfreiheit aufmerksam. Besucher konnten selbst Bücher für den Tempel stiften, seit dem 10. September kann man Bücher von dort auch mitnehmen, und diese doppelte Partizipation soll die gefährdet-gefährliche Literatur umso besser zirkulieren lassen. Vor Ort kann zwar der Eindruck entstehen, es handle sich eher um eine Sammlung von Klassikern und Bestsellern als um in ihrer Existenz bedrohte Werke, man kann angesichts von Titeln von Franz Kafka, Günter Grass und Joanne K. Rowling sogar argwöhnen, dass der Parthenon der Bücher letztlich verharmlose, was es für Autoren bedeuten kann, verboten zu werden, aber als Ort für Bekenntnisse zu Freiheit und für Solidaritätsbekundungen mit unterdrückten Schriftstellern und Intellektuellen eignet er sich allemal.

Das nutzt auch Katja Kipping und stellt sich vor ein Buch von Deniz Yücel, den sie im Kommentar zum Bild auch eigens erwähnt (#FreeDeniz). Aber bemerkenswerter ist etwas anderes, eine Geste: Wieder berührt Kipping mit der rechten Hand die Installation, doch nicht Yücels Buch, „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak. Der 1957 erstmals (in italienischer Übersetzung) erschienene Roman, der schon ein Jahr später mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, durfte in der Sowjetunion erst 1988 publiziert werden, da es in ihm um die Geschichte eines kommunistischen Kämpfers geht, der zum Dissidenten wird. Kipping würdigt mit ihrer Geste also ein Buch, das von einem Regime verboten wurde, das für viele in unmittelbarer ideologischer Nähe zur Partei Die Linke steht. Gerade einer solchen Nähe widerspricht Kipping aber mit ihrer Geste, zumindest jedoch macht sie deutlich, dass sie es für falsch hält, dass dieses Buch einmal verboten war, entschuldigt sich gleichsam stellvertretend dafür. Vielleicht will sie sogar signalisieren, hier ein ihr besonders wichtiges Buch wiederzufinden. Tatsächlich berief sie sich schon in einem frühen Interview (2002) auf „Doktor Schiwago“, als sie für ihr Verständnis von Solidarität auf Pasternaks Buch verwies.

Im Unterschied zu den beiden anderen Fotos ist Kippings Bekenntnis beim Parthenon der Bücher also mehr als nur plakativ. Es geht über eine vorhersehbare Reaktion hinaus. Und wenn sie hier, anders als im Angesicht der beiden anderen Werke, zudem den Hashtag #kunstistpolitisch verwendet, ist zu vermuten, dass sie damit mehr noch als Minujins Installation Pasternaks Roman – und viele andere der in Kassel präsentierten Bücher – meint.

 

Der Wahlkampf auf Instagram:

Teil 1: Mit dem Regenbogenherz ins politische Sommermärchen
Teil 2: Martin Schulz in der Schule
Teil 3: Wochenende eines protestantischen Läufers
Teil 4: Körpersprache statt Dingsymbole
Teil 5: Wer gewinnt den großen Fotowettbewerb?
Teil 6: Ein Mann sieht rot
Teil 7: Mit zwei Körpern kandidieren
Teil 8: Friede, Freude, Eierkuchen

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