Jul 092017
 

Wochenende eines protestantischen Läufers

Der Bundestagswahlkampf 2017 ist der erste, in dem auch Bilder der Sozialen Medien, vor allem Bilder auf den Instagram-Accounts von Parteien und Abgeordneten eine Rolle spielen. Statt nur Reden zu halten oder Kundgebungen zu veranstalten, machen Politikerinnen und Politiker mittlerweile also auch zunehmend selbst Bilder, um für ihre Botschaften zu werben. Bis zur Bundestagswahl wird Wolfgang Ullrich einzelne dieser Bilder in loser Folge genauer betrachten und Instagram als Medium politischer Ikonografie in der Phase seiner Entstehung begleitend kommentieren.

Teil 3 der Kooperation von Ideenfreiheit und pop-zeitschrift.de

Bildschirmfoto 2017-07-09 um 11.57.14

Für den CDU-Generalsekretär Peter Tauber war es wohl eine seiner unangenehmsten Wochen. Ein Tweet am Montagabend, wonach Leute mit Minijobs selbst schuld an ihrer Lage seien, weil sie nichts „Ordentliches gelernt haben“, löste einen Shitstorm aus: Weltfremdheit, Zynismus, soziale Kälte – dies und etliches mehr wurde Tauber vorgeworfen. Und was soll heutzutage überhaupt etwas ‚Ordentliches’ sein, fragte nicht nur Sascha Lobo. Die Debatte lenkte aber auch von dem Spott ab, den Tauber kurz zuvor auf sich gezogen hatte – und der einem der krudesten Hashtags zukommt, die jemals erfunden wurden: #fedidwgugl. Das Akronym des Wahlkampfmottos der Union „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, das Unionspolitiker nun krampfhaft auf ihren Accounts repetieren, wirkt so sperrig, als würden selbst seine Urheber unter akuter Politikverdrossenheit leiden.

Grund genug also für Peter Tauber, das Wochenende zu nutzen, um etwas Abstand zu gewinnen. Schon am Freitagabend – nach etlichen Tagen Funkstille – postete er auf seinem Instagram-Account das Bild eines Sonnenuntergangs mit Wald und Wiese und den Hashtags #heimat, #sonne, #wald. Damit tat er kund, nicht nur weit weg von Berlin, sondern genauso weit weg von Hamburg zu sein, wo zeitgleich das totale Gegenteil einer Idylle stattfand.

Am Samstagabend folgte ein Foto, das viel über Taubers Gemütslage verrät. Wieder viel Natur: ein Weiher, Wald, eine Wiese. Am Ufer ein Schlauchboot, im Vordergrund zwei Laufschuhe, mit den Spitzen auf den Weiher und den frühabendlichen Himmel ausgerichtet. Sie sind der Stellvertreter für die Person, die von hier aus in die Landschaft blickt und die Ruhe genießt. Sie sind aber zugleich ein Zeichen dafür, dass diese Person alles andere als untätig ist. Im begleitenden Kommentar teilt Tauber denn auch mit, gerade 28 Kilometer gelaufen zu sein. Wer seinen Account verfolgt, weiß, dass das nicht unüblich für ihn ist. Er bezeichnet sich nicht nur als „Läufer“, sondern postet auch zum großen Teil Bilder von seinen Läufen, seinen Laufpartnern, seinen Laufrouten, seinen Laufschuhen. Eine Zeitlang nutzte er sogar eine App, die auf jedem Foto die gelaufenen Kilometer vermerkte. Das alles signalisiert, wie sehr es Peter Tauber selbst in der Freizeit um Leistung, um Disziplin, um Wettbewerb geht. In seinem Account stellt er sich – dazu passend – auch als „Protestant seit 1517“ vor, identifiziert sich also mit der strengen Version protestantischer Ethik, die, nicht nur nach Max Weber, den Geist des Kapitalismus überhaupt erst hervorgebracht hat.

So kann man eine Verbindung herstellen zwischen dem protestantischen Läufer und dem Politiker, der darauf pocht, dass die Leute etwas Ordentliches lernen, um dann auch Anspruch auf beruflichen Erfolg zu haben. Mit seinem Foto bestätigt Tauber sein Weltbild also einmal mehr, findet zugleich aber eine ganz und gar unaggressive Form, sich dazu zu bekennen. So zeugt die Aufnahme von einer geläuterten Stimmung: Jemand bleibt sich allem Gegenwind zum Trotz treu, besinnt sich aber auch und ist um eine Atmosphäre bemüht, die von seinen Gegnern bestenfalls als ein Friedensangebot angenommen wird.

Aber sogar noch mehr. Im Kommentar zu dem Foto teilt Tauber weiter mit, dass das der letzte Lauf mit diesen Schuhen gewesen sei, die ihn „über 1000 Kilometer begleitet haben“. Er dankt den Schuhen, setzt ihnen mit diesem Foto ein kleines Denkmal und verrät damit eine Sentimentalität, die man einem Politiker wie ihm nicht unbedingt zutraut. Auf einmal erkennt man neben allem Stolz auf die eigene Leistung auch die Fähigkeit, auf das, was passiert ist, zurückzublicken. Und vielleicht kann jemand, der einsieht, seine Laufleistung nicht zuletzt einem Paar Schuhe zu verdanken, erst recht einsehen, dass auch seine anderen Leistungen nicht sein alleiniges Verdienst sind. Und kann anerkennen, dass es immer von vielen Faktoren abhängt, wie viel Erfolg jemand hat – im Beruf oder anderswo. Das Foto der Laufschuhe nimmt dann sogar den Charakter eines Eingeständnisses an, es ist Peter Taubers – sehr dezenter – Versuch einer Entschuldigung.

 

Der Wahlkampf auf Instagram:

Teil 1: Mit dem Regenbogenherz ins politische Sommermärchen
Teil 2: Martin Schulz in der Schule

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