Jul 172017
 

Körpersprache statt Dingsymbole

Der Bundestagswahlkampf 2017 ist der erste, in dem auch Bilder der Sozialen Medien, vor allem Bilder auf den Instagram-Accounts von Parteien und Abgeordneten eine Rolle spielen. Statt nur Reden zu halten oder Kundgebungen zu veranstalten, machen Politikerinnen und Politiker mittlerweile also auch zunehmend selbst Bilder, um für ihre Botschaften zu werben. Bis zur Bundestagswahl wird Wolfgang Ullrich einzelne dieser Bilder in loser Folge genauer betrachten und Instagram als Medium politischer Ikonografie in der Phase seiner Entstehung begleitend kommentieren.

Teil 3 der Kooperation von Ideenfreiheit und pop-zeitschrift.de

Bildschirmfoto 2017-07-17 um 13.06.55

 

Noch knapp zehn Wochen sind’s bis zur Wahl – allmählich beginnt die heiße Phase des Wahlkampfs. Auch auf den Instagram-Accounts der Politikerinnen und Politiker ist das zu spüren. Die einen erhöhen die Schlagzahl, mit der sie Bilder posten, andere hingegen vernachlässigen die Bilderproduktion, weil es für sie nun offenbar doch Wichtigeres und Wahlentscheidenderes gibt, als ein paar hundert Follower bei Laune zu halten.

Auf einem Foto, das sie am 16. Juli 2017 publiziert hat, streckt Laura S. Dornheim, Berliner Bundestagskandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, der Kamera ihre beiden Hände entgegen. Die ausgestreckten Finger stehen hier zuerst einmal nur für die zehn Wochen bis zur Wahl. Der Blick fixiert das Gegenüber, der Gesichtsausdruck ist ernst, eindringlich. Damit wirken die Hände aber zugleich beschwörend, und in Verbindung mit dem begleitenden Text geraten sie sogar zu einer Geste, mit der imaginiert werden soll, was noch alles möglich ist. Die Politikerin erinnert nicht nur an die großen Themen ihrer Partei, sondern versucht, gewiss auch angesichts nur mäßiger Umfragen für die Grünen, ihre Follower davon zu überzeugen, dass „noch alles drin“ sei: Die eigene Partei „deutlich“ über 10%? Die AfD an der Fünf-Prozent-Hürde scheiternd?

In ihrem Profiltext vermerkt Dornheim, sie möge „Twitter lieber“ als Instagram. Tatsächlich twittert sie schon lange ganz selbstverständlich, während sie den Instagram-Account erst anlegte, nachdem sie zur Kandidatin nominiert worden war. Aber in ihrer Bewerbungsrede versprach sie auch, den „besten Online-Wahlkampf aller Zeiten“ zu führen. Mit ihrem Hände-Selfie wahrt Dornheim noch die Chance, ihr Versprechen zu erfüllen. Denn hier gelingt es ihr, Text und Bild so miteinander zu verbinden, dass das Foto die Botschaft nicht nur unterstreicht, sondern auch ansteckend wirkt. Verleiht es nicht allen, die es sehen, ebenfalls die Kräfte, die nötig sind, um sich stark zu fühlen, ja um sogar wieder an bereits fast preisgegebene Ziele glauben zu können?

Statt einen Text mit Pathos und Rhetorik aufladen zu müssen, können Social Media-User den Anspruch, andere zu motivieren, heute also besser denn je an ein Foto delegieren. Eine überraschende und zugleich evidente Geste ist einprägsam, sie lässt sich auch einfach nachmachen – und sei’s nur in der Vorstellung, wo sie immer noch einen Ruck auslösen kann. Spiegelneuronen werden auf diese Weise zu Wahlkampfinstrumenten. Und sie sind vermutlich noch wirksamer als Dingsymbole und Konsumprodukte, mit denen Instagram-User üblicherweise in Erscheinung treten, so wenn sie sich mit einem ökologisch produzierten Eistee zu Nachhaltigkeit oder mit einem bestimmten T-Shirt zum Feminismus bekennen. Auf Körpersprache und nicht auf Influencer-Attitüden zu setzen – das sollte in diesem Wahlkampf viel öfter versucht werden. Wer weiß, wie viele interessante Alternativen zur Merkel-Raute es noch geben könnte?

 

Der Wahlkampf auf Instagram:

Teil 1: Mit dem Regenbogenherz ins politische Sommermärchen
Teil 2: Martin Schulz in der Schule
Teil 3: Wochenende eines protestantischen Läufers

 

 

MENU