Jun 302015
 

Konferenz Digital-Life-Design (DLDsummer15): Zukunftsglauben, Paternalismus, Vernetzungseuphorie

Statt eine Ausstellung, eine Buchveröffentlichung oder ein Konsumprodukt mit ersten Einschätzungen zu versehen, kann eine Rezension auch als Experimentierfeld sekundären Urteilens genutzt werden. Einschätzungen, die man in der Vergangenheit einmal getroffen hat, werden in solchen Rezensionen rekapituliert, ergänzt oder in ihr Gegenteil verkehrt.

Gelegenheit zu einer solchen Revision bot sich Ende dieses Monats auf der zweitägigen Veranstaltung »DLDsummer15. Health Tech Lifestyle« in München. Sie ist ein Ableger der DLD-Hauptkonferenz, die seit 2005 zu Beginn jeden Jahres stattfindet. Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medien befassten sich auf Einladung des Burda-Medienkonzerns in Vorträgen und Workshops mit dem Zusammenspiel digitaler Technologien und künftiger Gesundheitsversorgung, die auch für die Vermarktung der Apple Watch und vergleichbarer Geräte von großer Bedeutung ist. So kann den ersten Einschätzungen über die Apple Watch, nicht zuletzt auch jenen, die an dieser Stelle erschienen sind, im Rahmen der DLD-Sommerkonferenz mit einem zweiten Blick begegnet werden.

Zunächst musste auffallen, dass während der DLD-Veranstaltung auf die Apple Watch allenfalls indirekt verwiesen wurde. Viele »Speaker« der Konferenz trugen die Uhr zwar demonstrativ, brachten sie in ihren meist kurzen Vorträgen aber dann doch nur mit den Markeninszenierungen ihrer jeweiligen Unternehmen ins Spiel.

So konnte man während der Konferenz auf den Verdacht kommen, dass es auf Dauer wenig Sinn macht, sich ausschließlich mit einzelnen Funktionsmerkmalen eines digitalen Gadgets wie der Apple Watch zu befassen. Mindestens genauso relevant scheint dagegen zu sein, die größeren Deutungsrahmen zu bewerten, in die solche Geräte eingebettet werden. Sich als Instanz für solche übergreifenden Kategorien im Feld digitaler Technologie zu profilieren, ist jedoch ein wesentliches Anliegen der DLD-Konferenzen, weshalb sie für entsprechende Überlegungen auch einiges anzubieten hat.

Digitale Technologie wurde zunächst in vielen Konferenzbeiträgen als Anschluss an eine verheißungsvolle Zukunft in Szene gesetzt. Wer an der Konferenz teilnahm, suchte deshalb zum Preis von knapp tausend Euro für sein professionelles Leben vielleicht vor allem ein Überlegenheitsgefühl. Man erhoffte sich, aus der Zukunft auf diejenigen herabblicken zu können, die zur unternehmerischen Vergangenheit noch allzu enge Bindungen unterhalten, ja unbeweglich in einem tristen »Gestern« ausharren.

Entsprechend häufig findet sich das Wort »Future« in den Vortragstiteln des Konferenzprogramms: »Future Of Your Health – The Right Care At The Right Time At The Right Price« (Ron Gutman, HealthTap), »Future Of Mobility« (Antony Douglas, BMW), »Future Of Healthcare« (Peter Vullinghs, Philips). Zudem erwartete die Besucher am Eingang der Konferenz ein auf weißem Podest platziertes BMW-Modell, in dem man sich, so der BMW-Mitarbeiter vor Ort, allen anderen fünf Jahre voraus fühle. Und nicht zuletzt forderte ein Workshop, der einzelnen Konferenzbesuchern in sechzig Minuten die Basisgewohnheiten des digitalen Entrepreneurs nahebrachte, zur Tugend der Schnelligkeit auf. Einem erfolgreichen digitalen Unternehmer müsse es immer wieder gelingen, Geschwindigkeit unter Beweis zu stellen, statt allein auf die Qualität der Produkte zu achten.

Sicherlich kann man das optimistische Verhältnis zur Zukunft, das die Konferenz durchzog, auch als willkommenes Gegengewicht zu den häufig anzutreffenden Alternativen sehen, den zukünftigen Dekaden nur mit Gleichgültigkeit oder auch Pessimismus zu begegnen. Trotzdem neigen viele Konferenzbeiträge dazu, ihre Zuhörer zu einer etwas überspannten avantgardistischen Zukunftsverliebtheit zu drängen. Hat man sich mit ihr jedoch einmal angefreundet, ist gleich jede Chance verpasst, digitale Geräte und Softwares nicht immer gleich als Inkarnate technischer Revolutionen zu betrachten.

Fairerweise wird man natürlich auch danach fragen müssen, welche Zukunftsszenarios die einzelnen Konferenzbeiträge eigentlich genau entwerfen. Werden einerseits medizinischer Fortschritt gepriesen, etwa wenn der Arzt Shai Efrate eine Zukunft zeichnet, in der der Alterungsprozess des Gehirns signifikant verlangsamt werden kann, dominieren in den Vorträgen andererseits Szenarien, in der jegliche Unsicherheit darüber ausgeräumt ist, ob dieses oder jenes Verhalten für die Gesundheitsvorsorge, eine medizinische Behandlung oder sportliche Aktivität als richtig oder falsch einzuschätzen ist.

Oft wird so kein Vorzug mehr darin gesehen, sich letztgültiger Begründungen für bestimmte Verhaltensweisen auch enthalten zu können, um Handlungsspielräume zu erhalten. Eher sehnen sich viele der Vortragenden nach einem Gesundheitspaternalismus, in dessen Rahmen sich ein langes, bequemes Leben fristen lässt, wenn man sich nur bereitwillig in ein Korsett aus wissenschaftlich beglaubigten Direktiven und Imperativen einfügt.

So skizzierte Ron Gutman, der seine Firma HealthTap auf der Konferenz vertrat, wie Patientinnen und Patienten der Zukunft ihren Körper von einem Gerät wie der Apple Watch kontinuierlich ausmessen lassen könnten. So könnten sie immer daran erinnert werden, die passenden Medikamente zu sich zu nehmen oder, wenn sich Blutwerte negativ entwickelten, aufgefordert werden, einen Arzt aufzusuchen.

Vor allem aber wurden auf der Konferenz immer wieder Listen aus Geboten und Verboten vorgestellt: Der New Yorker Arzt David Agus gab neun aus ganzen fünfundsechzig Verhaltensdirektiven für »ein langes Leben« zum Besten, und in einem parallel zu den Vorträgen stattfindenden »Healthy Lifestyle 101«-Workshop verpackte die Unternehmerin Astrid Purzer ein restlos gesundes, »entgiftetes Leben« in zwölf griffige Ernährungsregeln.

Viele der Vortragenden zeigten sich so überraschend stark überzeugt, dass nichts Bedenkenswertes daran ist, Menschen präskriptiv zu einem »Healthy Lifestyle« zu zwingen. Esther Dyson, eine nicht unbedeutende Investorin verschiedenster Unternehmen im Silicon Valley, vertrat im Rahmen eines Panels sogar die Auffassung, man solle Menschen besser nicht die Entscheidung überlassen, sich bewusst für gesunde Lebensmittel zu entscheiden. Man müsse dagegen ihre Umgebung schon so einrichten, dass sie, ohne es überhaupt zu merken, zu einer gesünderen Lebensführung wechselten. Ganz so vielleicht schon auf der Konferenz: In den Veranstaltungsräumen fand man statt Cola, Limonaden oder Schoko-Keksen ein farbenfrohes Buffetangebot von Säften und Obstkörben, wie um den Teilnehmern wenigstens für die Tage der Konferenz subtil nahezulegen, ihr Ernährungsverhalten endlich zu verändern.

Neben solch paternalistisch gefärbten Anliegen wurde aber auch, wie es für eine derartige Konferenz wenig überraschend ist, fleißig für soziale Vernetzung geworben. Man kann viel Sympathie dafür aufbringen, dass während der Konferenz nicht bestehende Machthierarchien, sondern eher ein Austausch unter Gleichen gestärkt werden sollte. Trotzdem lieferte der Vortrag des Berliner Philosophen Michael Pauen auch einen angenehmen Kontrapunkt gegen die oft einseitig ausfallenden Vernetzungseuphorien. So gab er zu bedenken, dass bei allen Möglichkeiten, die ein Austausch unter Menschen bietet, man immer auch Bedingungen schaffen sollte, die das Nebeneinander vielfältiger Auffassungen kultivieren und etwa in den Social Media entstehende Konformitätszwänge beschränken.

Entgegen der prononcierten Betonung auf Vernetzung wurde dennoch ähnlich oft auch für das Role Model des selbstbestimmten Unternehmers geworben. Könne fast jeder zu unternehmerischem Erfolg gelangen, hätte man vor allem eines zu beachten: Nur wer bereit sei, Phasen des Scheiterns geduldig zu durchleben, könne sich auch Hoffnung darauf machen, in seinem Leben zu unternehmerischen Erfolgen zu finden. Der CEO des Uhrenherstellers Hublot Jean-Claude Biver, die Leiterin des »Digital Innovation«-Workshops Juliane Zielonka, und auch der Beachvolleyballer Julius Brink deuteten in ihren Beiträgen zur Konferenz jeweils unterschiedlich an, wie sich langjähriges Scheitern unversehens in glanzvolle Erfolge verwandeln könne.

Auffallend war letztlich aber vor allem, mit wie großem inszenatorischem Aufwand die Veranstaltung bedacht wurde. Nicht nur zergliederten perfekt getaktete Zwischenspiele einer Jazzband das Konferenzprogramm und wurden Bühne und Publikumsraum aufwendig beleuchtet. Auch das Programm, das nur wenige Pausen vorsah und das Publikum so oft auch in eine Rolle passiven Staunens manövrierte, war nicht ohne Geschick auf Varianz und Abwechslung hin choreografiert. Um es in den Worten der DLD-Gründerin Steffi Czerny in ihrer Begrüßungsrede zu sagen: Immer wieder wurde nahtlos zwischen »enlightenment, surprise, learning and fun« gewechselt.

Bedenkt man anlässlich der DLD-Sommerkonferenz schlussendlich, dass die Apple Watch in solche und ähnliche Deutungsrahmen eingebettet ist, wird man deren künftige Entwicklung vielleicht etwas vielschichtiger zu bewerten haben. So könnte man in nächster Zeit stärker darauf achten, ob man sich mit einer Apple Watch nicht einen etwas überzogenen Zukunftsglauben einhandelt, würde überdenken, wie sehr sie deren Besitzerinnen und Besitzer in einen engen Zusammenhang von Verhaltensdirektiven einzubinden versucht, fragte sich, ob sie eine zu starke technisch basierte soziale Vernetzung zur Folge haben könnte, oder sensibilisierte sich dafür, ob es überhaupt willkommen ist, dass ein solches Gerät immer wieder Stimmungswechsel choreografiert, ganz wie die Konferenz.

In der Tat wünscht man sich so für die Apple Watch und andere ähnliche Gadgets deshalb eine ähnliche Funktion, wie sie die Uhrenfirma Hublot bei der Armbanduhr MP-02 Key of Time am Rande der Konferenz vorgestellt hat. Bei ihr lässt sich die Uhrzeit per Knopfdruck nach eigenem Ermessen beschleunigen oder verlangsamen und damit ein selbstbestimmtes Verhältnis zur Zeit ausgestalten. Wäre es nicht zu begrüßen, wenn Softwares für die Apple Watch und andere sogenannte Wearables künftig Einstellungen besäßen, mit dem man das Maß der gesundheitlichen Direktiven einschränken, soziale Vernetzungsgrade bei Social Softwares regulieren oder stark emotionalisierende Funktionen je nach Situation abschwächen könnte?

 

Simon Bieling ist akademischer Mitarbeiter an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und promoviert im Forschungsverbundprojekt »Konsumästhetik. Formen des Umgangs mit käuflichen Dingen«.

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