Apr 232015
 

Apple Watch

Thematische Ausgewogenheit hält Katharine Viner, künftig Chefredakteurin des »Guardian«, nicht für etwas, zu der Journalistinnen und Journalisten besonders viel beizutragen hätten. Meistens einigten sich ihre Berufskollegen zu schnell darauf, welche Themen und Ereignisse man am besten für eine ausführliche Berichterstattung auswählt. Wie bei der Geburt des künftigen britischen Thronfolgers im Juli 2013 jagten sie oft »den gleichen Dingen« (»Freitag«: »Der Aufstieg des Lesers«] hinterher, sodass viele andere Berichte erst gar nicht in die Medien gelangten.

Seit dem 10. April schon kann man die Apple Watch vorbestellen, ihre Markteinführung wurde im September letzten Jahres durch das Unternehmen angekündigt. Mindestens seit diesem Tag und der Meldung ihres raschen Ausverkaufs ist sie für Technikjournalisten endgültig das geworden, was Prinz George im Juli 2013 für einen Großteil der Weltpresse wurde: ein Gegenstand, über den zu berichten man sich allseits verpflichtet sieht und zugunsten dessen man bereit ist, andere vielleicht ebenso relevante Themen zu übersehen.

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Vielleicht wird man schon deshalb viele der zahlreichen Berichte, die derzeit über die Apple Watch erscheinen, nicht immer mit Neugier und Interesse zur Kenntnis nehmen. Trotzdem könnten sie zu willkommenen Anlässen dafür werden, die Fähigkeit zu erproben, die Viner – sicher etwas voreilig – den meisten Journalisten abspricht: nämlich den Schwerpunkt der Aufmerksamkeit auch dann verlagern zu können, wenn auf der Hand zu liegen scheint, welchen Themen man besondere Beachtung schenken sollte.

So dürfte es von Vorteil sein, derzeit auch andere Technologieprodukte außer der Apple Watch zu beachten, ohne diese damit gleich gänzlich aus den Augen zu verlieren. Man wird sich dann zugleich auch besser darüber Rechenschaft ablegen können, dass die Wahl eines Rezensionsgegenstands oft schon mit impliziten Wertungen und unbedachten Vorlieben einhergeht. Schon bevor man überhaupt ein näheres Urteil getroffen ist, hat man schließlich zumeist schon eine Trennlinie gezogen zwischen Gegenständen, die man für eine nähere Bewertung überhaupt in Betracht zieht und an denen man die eigenen Wertmaßstäbe schärft, und solchen, die man dafür von vornherein für uninteressant hält.

Statt den vielen Berichten über die Apple Watch also nur einige Ergänzungen hinzuzufügen, scheint es angemessener, sich eines Urteils zu enthalten und eher Antipoden zur Diskussion bringen, also Produkten vergleichend Beachtung zu schenken, die gänzlich entgegengesetzte oder auch nur gegenüber der Apple Watch deutlich unterschiedliche Merkmale kennzeichnen, wie sie in den vielen derzeit erscheinenden Berichten erwähnt werden.

Während das iPhone immer wieder als Objekt taktilen Wohlgefühls bewundert wurde, verweisen viele frühe Kommentatoren auf die besonderen taktilen Kommunikationsmöglichkeiten der Apple Watch. Mit den Funktionen »Taptic Engine« und »Force Touch«, so John Gruber, Verfasser des Blogs Daring Fireball, würde es erstmals möglich, nicht mehr nur telefonisch oder über Bild- und Textnachrichten, sondern auch taktil zu kommunizieren. Die »physische Kommunikation«, die man mit der Apple Watch betreiben könne, sei mit größerer persönlicher Nähe und Intimität verbunden: Es fühle sich nämlich so an, »als ob man eine andere Person berühre oder von ihr berührt werde«.

Darüber hinaus erwähnen die Berichte über die Uhr oftmals, wie sehr Apple es darauf angelegt habe, durch unterschiedliche Fassungen, Armbänder und eine ganze Reihe wählbarer Ziffernblätter, sein Produktangebot zu individualisieren. Benjamin Clymer, Autor bei Hodinkee, eines Onlinemagazins, das sich vornehmlich mit hochpreisigen Armbanduhren befasst, verglich Apple deshalb schon im September mit Automobilunternehmen wie BMW oder Audi und ihren stark ausdifferenzierten Produktpaletten. Formen der »mass customization«, der individualisierten Massenfertigung, wie man sie dort und nun auch bei der Apple Watch antreffe, seien bei klassischen Uhrenherstellern bisher noch nicht in ähnlichem Umfang bekannt.

Apple hat sich bei der Entwicklung der Smartwatch keineswegs nur an Uhrenunternehmen wie Rolex, TAG Heuer oder etwa Patek Philippe orientiert, sondern, wie der Technikolumnist Tim Bajarin glaubt, an den Armbändern, den sogenannten MagicBands, die Disney bereits seit einigen Jahren in seinen Freizeitparks einsetzt. Mit den elektronischen Armbändern lassen sich Zimmer in den Disney Resort Hotels ebenso öffnen, wie man sich Zugang zu den Freizeitparks verschaffen, Zahlungen tätigen, Essen und Merchandising-Produkte erwerben kann, ohne dass man auf Dauer noch deutlich merkt, dass man das Armband überhaupt trägt.

Außer des kaum überraschenden Lobs über das Design der Apple Watch (Joanna Stern, WSJ) finden sich in den bisher erschienenen Rezensionen so vor allem Überlegungen, wie mühelos und reibungslos der Gebrauch der Smartwatch im alltäglichen Gebrauch ausfällt. Entsprechend beschäftigt viele Rezensionen, dass einige der installierten Softwares noch allzu langsam laufen (Nylay Patel, The Verge), wie oft der Akku der Apple Watch geladen werden muss (ebenfalls Patel) oder, ob man mit der Uhr die Zeit reduzieren könne, die man mit der Bedienung des Smartphones verbringe (Lance Ulanoff, Mashable).

Geht man nach den bislang erschienen Berichten über die Apple Watch, könnte man rasch zu der Einschätzung gelangen, Kommunikation, Personalisierung und die elegante Camouflage von Technologie seien für die meisten technologisch basierten Konsumprodukte maßgeblich. Deshalb lohnt es sich auch, der Apple Watch nicht übertrieben viel Beachtung zu schenken, um einer solch voreiligen Schlussfolgerung relativierend zu begegnen. So könnte man etwa zur Kenntnis nehmen, dass man bei Fernsehgeräten, wie sie Sony oder Samsung vermarkten, oft ein ganz ähnliches Preisspektrum antrifft und diese trotzdem für ein ganz anderes Verhältnis zu technischen Geräten stehen, als es mit der Apple Watch verbunden wird.

Weder Samsung noch Sony empfiehlt seinen Kunden den Kauf eines Fernsehgeräts, um ihnen etwa Zugang zu besseren technischen Kommunikationsmöglichkeiten zu erhalten. Eher werden sie als technisch avancierte TV-Bildschirme und elegante Einrichtungsgegenstände vermarktet. Samsung veröffentlicht ein »Magazin für digitale Wohnkultur« mit Kurzberichten über seine kurvig angelegten Fernseher und Sony präsentiert seine Fernseher gerne im Zusammenspiel mit Bücherregalen, Designerlampen und Sofaensembles.

Während die Apple Watch in den kommenden Jahren vielleicht zum Statussymbol werden kann, weil man mit ihr über einen besonders unauffälligen und doch leistungsfähigen technischen Begleiter verfügt, sind es deshalb großflächige Fernseher eher, wenn sie besonders markant den Eindruck prägen, den man von der Einrichtung eines Wohnzimmers gewinnt.

Auch als Beweisstücke eigener Individualisierungsleistungen wird man die Fernseher dennoch kaum einsetzen können. Neben den unterschiedlich ausfallenden Bildschirmgrößen hat man allenfalls die Wahl, ein Gerät mit niedriger oder höherer Bild- und Tonqualität zu erwerben. An ihnen kann nur wenig augenscheinlich werden, dass man sich bei ihrem Erwerb anders als andere Konsumenten entschieden hätte. Eher rechnen die Besitzer vielleicht damit, dass die Bewunderung, die die technisch optimierten Bilder eines Fernsehgeräts vielleicht auszulösen vermögen, sich auf ihre eigene Person überträgt.

Je größer die Bildschirmdiagonalen eines Fernsehers ausfallen, desto besser können die Besitzer jedoch zuletzt auch signalisieren, sich sonst alltäglichen digitalen Kommunikationsverpflichtungen entziehen zu können. Jedem ist klar, dass auf die bewegten Bilder, die ein TV-Bildschirm zur Anzeige bringt, man schließlich nicht mehr eigens reagieren muss, so wie es vielleicht auf YouTube oder Facebook notwendig wäre.

So wird man sich schlussendlich nicht sorgen müssen, dass die Apple Watch physische Kommunikation, Individualisierung und ein Primat unauffälliger Technologie allzu obligatorisch machen werden. Sogar auf die Sorge, westliche Gesellschaften seien mehr und mehr von einem um sich greifenden Gesundheitswahn erfasst, nachdem nun auch die Apple Watch nicht zuletzt Fitness und körperliche Aktivität ihrer Besitzerinnen und Besitzer differenziert aufzeichnet, könnte man mit dem Verweis auf aktuell vertriebene Fernsehgeräte reagieren.

Denn auch wenn die Apple Watch all jene überzeugen wird, die entschlossen sind, sich durch sie zu messbar größerer körperlicher Aktivität, Fitness und Gesundheit drängen zu lassen, werden Fernseher wohl noch für eine ganze Weile als Gegenspieler erhalten bleiben. Sie sind nicht zuletzt auch Symbole derjenigen, die wenigstens in ihren eigenen Wohnräumen nicht nur eher Kommunikationsverzicht und Passivität bevorzugen, sondern vermutlich auch Herzfrequenz, Kalorienverbrauch und andere Leitzahlen ihrer körperlichen Aktivität gerne im Dunkeln belassen.

 

Simon Bieling ist akademischer Mitarbeiter an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und promoviert im Forschungsverbundprojekt »Konsumästhetik. Formen des Umgangs mit käuflichen Dingen«.

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