Jun 092014
 

Ist die amerikanische civil religion das mögliche Vorbild einer europäischen Einigung? Da häufig mehr europäische Leidenschaft gewünscht wird (dazu Teil 2 dieser kleinen Artikelreihe), ist der Ruf von Roland Benedikter und Georg Göschl (Teil 1) nach einer europäischen Zivilreligion nicht abwegig.

US-amerikanisches Freiheits- und Demokratiepathos verbindet sich oft mit der Überzeugung – und wird von ihr vorangetrieben –, mit Gott im Bunde zu stehen, wie Robert N. Bellah eindrucksvoll u.a. am Beispiel der Bürgerkriegs-Rede Lincolns zur Aufhebung der Sklaverei gezeigt hat (Teil 3).

Das ist nicht der Gott einer speziellen Religion, sondern eine allgemeine göttliche Instanz. Das ist andererseits nicht nur die An- und Ausrufung der Freiheit und Gleichheit im Namen höchster Macht, sondern zugleich nicht selten die Bekräftigung der Auffassung, die USA seien die auserwählte Nation.

Diese politische Religion ist zwar konfessionell nicht gebunden, sie ruht aber natürlich auf einer religiösen Gewissheit. Und anders als die demokratische Ausrichtung, die möglicherweise in einem Land verwirklicht werden kann, ist selbstverständlich die nationale Erhebung vollkommen gegenstandslos, nicht mehr als ein träumerisches, weitgehend folgenloses Gebilde, wenn es sich nur um ein kleines, schwaches Land handelt.

Darum ist es verständlich, wenn Benedikter/Göschl – auch um u.a. amerikanischen Interessen eine annähernd machtvolle Politik mitunter entgegensetzen zu können – auf ein zivilreligiös geeintes Europa bauen.

Zu Recht weisen sie aber darauf hin, in welch starkem Maße solcher Einigung kulturelle Unterschiede entgegenstehen – und, sollte man ergänzen, viele nationalstaatlich-politische Interessen, die dazu führen, dass die Europa-Politik der Austragungsort nationaler Vorherrschaftspläne ist, notdürftig mit dem Mantel gemeinsamen Wohls bedeckt.

So behindern nicht nur die Verständnisschwierigkeiten das europäische Projekt – auch der allerorten erteilte langjährige Englischunterricht ändert nichts daran, dass die meisten EU-Bürger nicht miteinander reden können (geschweige denn, dass sie fremdsprachige Zeitungen lesen) –, sondern auch vielfältige historische, hochgetriebene und rein imaginierte kulturelle Identitätssetzungen und damit einhergehende Abgrenzungen.

Entscheidend ist dabei, dass diese kulturellen Unterschiede, die ja zumindest teilweise alle Staaten mitsamt regionalen Konflikten durchziehen, nationales Gepräge annehmen und politisch zum Wettbewerb, Streit oder Krieg zwischen verschiedenen Nationen genutzt werden – Konflikte, die nicht nur die Führungsschichten betreffen, sondern auch und manchmal gerade von den Subalternen und Lohnabhängigen (obwohl die ja eigentlich kein Vaterland, sondern einzig der Internationale verpflichtet sein sollten) mit Leben gefüllt werden.

Benedikter/Göschl möchten nun ihre Konzeption einer europäischen Zivilreligion dagegen setzen – realistischerweise verbunden und befestigt durch eine (erfolgreich stattfindende) Volksabstimmung über eine „Finanz-, Steuer- und Sozialunion“.

Unter europäischer Zivilreligion erkennen sie im besten Falle ein „Demokratieverständnis, welches nicht nur aus der kulturellen Vergangenheit heraus entsteht, sondern in säkular-humanistischem Geist den nationenübergreifenden Nenner eines gemeinsamen europäischen Gedächtnisses der Zukunft bilden kann“, mit einem Wort: die „‚abendländisch-westliche Tradition‘“ der Demokratie (Benedikter/Göschl in  Heft 4 von „Pop. Kultur und Kritik“).

Wie stehen nun die Chancen dieses Projekts? Kurz gesagt: Sie stehen genauso gut oder schlecht, wie sich das bereits jetzt ohne ihren Vorschlag darstellt.

Im Unterschied zur USA fehlt sowohl die religiöse Durchdringung weiter Teile der Bevölkerung und der Führungsschichten als auch die Größe des Landes und der historische Status als Einwandererstaat. All dies sind wichtige Voraussetzungen, die ein bloßer Aufruf zur ‚Zivilreligion‘ keinesfalls ersetzen oder vergessen machen kann.

Zweitens ist der demokratische „Geist“ zwar tatsächlich kein Gespenst, sondern in fast allen europäischen Nationen bereits in das Rechtssystem und den Wertekanon der Führungsschichten in hohem Maße eingegangen. Dennoch ist darüber die nationalistisch-kulturalistische Position – wenn sie auch verglichen mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Glück abgenommen hat – keineswegs vergangen. Die Berufung auf den „Geist“ ist darum kein sonderlich erfolgsträchtiger Versuch, schon gar nicht, wenn dieser zivilreligiöse Versuch mit der üblichen Zusage an „kulturelle wie sprachliche Vielfalt“ einhergeht.

Soweit meine skeptische Einschätzung der Erfolgschancen. Im letzten Teil dann allgemeine Anmerkungen und Bewertungen von Populärkultur, Zivilreligion, Europaprojekt.


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