Jun 032014
 

Leidenschaft wird gewünscht, aber nicht festgestellt. Das ist der Extrakt des vorherigen Teils dieser Artikelreihe (Teil 2). Um dieses Ergebnis zu ändern, plädieren Roland Benedikter und Georg Göschl für eine europäische Zivilreligion (dazu Teil 1).

Was aber bedeutet das? Benedikter/Göschl berufen sich auf die Analyse von Robert N. Bellah, den kürzlich verstorbenen Kulturwissenschaftler. In seinem 1967 veröffentlichten Aufsatz „Civil Religion in America“ (der hier online steht) überträgt Bellah Rousseaus „religion civile“ auf die US-amerikanische Geschichte.

Als bedeutsam für die USA hält Bellah die Durchdringung des politischen Ethos mit religiöser Überzeugung – nicht mit der Ausprägung einer bestimmten Religion, sondern mit der grundsätzlichen Überzeugung, im Einklang mit einer noch höheren Instanz als dem Volkswillen und dem gesatzten Recht zu stehen – mit einer göttlichen Instanz. Als ein Beispiel dafür verweist Bellah auf Lincolns zweite Inaugural-Rede gegen Ende des Bürgerkriegs, in der Lincoln sich auf Gott beruft, um die gewaltsame Beendigung der Sklaverei um jeden Preis herbeizuführen. Lincoln sagt:

„Fondly do we hope, fervently do we pray, that this mighty scourge of war may speedily pass away. Yet, if God wills that it continue until all the wealth piled by the bondsman’s two hundred and fifty years of unrequited toil shall be sunk, and until every drop of blood drawn with the lash shall be paid by another drawn with the sword, as was said three thousand years ago, so still it must be said ‚the judgements of the Lord are true and righteous altogether.‘“

Und aus seiner Zeit führt Bellah eine Rede von Präsident Johnson an, die dieser 1965 vor dem Kongress hält, um für die Durchsetzung des gleichen Wahlrechts für alle einzutreten:

„Rarely are we met with the challenge, not to our growth or abundance, or our welfare or our society – but rather to the values and the purposes and the meaning of our beloved nation.

The issue of equal rights for American Negroes is such an issue. And should we double our wealth and conquer the stars and still be unequal to this issue, then we will have failed as a people and as a nation. […]

Above the pyramid on the great seal of the United States it says in Latin, ‚God has favored our undertaking.‘

God will not favor everything that we do. It is rather our duty to divine his will. I cannot help but believe that He truly understands and that He really favors the undertaking that we begin here tonight.“

Bellah räumt ein, dass solches Sendungsbewusstsein auch genutzt werden kann – und genutzt worden ist –, um zahlreiche imperialistische Abenteuer zu rechtfertigen. Er ist aber überzeugt, dass die Zivilreligion auch auf die Vereinten Nationen übergehen könne, auch wenn das derzeit nicht der Fall sei: „So far the flickering flame of the United Nations burns too low to be the focus of a cult, but the emergence of a genuine transnational sovereignty would certainly change this.“

Gleiches kann man heute für die EU behaupten. Die Frage ist nun natürlich: 1. Kann die Europäische Gemeinschaft zivilreligiösen Geist hervorbringen und durch ihn gestärkt werden? Daran schließt sich gleich als zweite Frage an: 2. Wenn ja, ist das wünschenswert? Der Beantwortung der beiden Fragen widmen sich die beiden nächsten Folgen dieser Artikelserie.


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