Apr 022013
 

Unsere Kolumne zu Netz-Beiträgen dreht sich in diesem Monat um Artikel zum Populismus.

Populisten, hält Hans-Jürgen Puhle in dem lehrreichen Band »Populismus und Aufklärung« (hg. v. Helmut Dubiel) fest, bevorzugen die direkte, nicht durch Parteiapparate und Parlamente vermittelte Beziehung zwischen Volk und Regierung, wobei sie unter ›Volk‹ die kleinen, moralisch integren, ›einfachen‹ Leute verstehen bzw. aufrufen, die gegen das ›System‹ und sein ›Establishment‹ verteidigt werden müssen.

Von Führern und Bewegungen, die in diesem Sinne populistisch sind (nicht in dem üblichen deutschen Sinne, von dem der Artikel »Bequemer Populismus« auf unserer Startseite u.a. handelt), konnte man in den letzten Wochen wieder einiges lesen. Zwei Anlässe gab es dafür: der Tod von Hugo Chávez und der Erfolg der Parteien der beiden »Clowns« (wie der eminent seriöse Politiker Steinbrück kommentierte) in Italien.

Im Blog »The Monkey Cage« weist Diego von Vacano auf mindestens einen wichtigen Unterschied hin, der das Chávez-Regime vom Populismus trenne. Er spricht deshalb mit Blick auf Chávez vom »›democratic Caesarism‹, which is the most adequate term for understanding the mind of Chávez. This term, unlike ›populism‹, describes a regime that seeks to use constitutional, juridical, and legal procedures to institutionalize reforms aimed at ameliorating the plight of poor and working-class citizens.« (»Hugo Chávez and the Death of Populism«).

Robert Skidelsky hält auf der Website »Project Syndicate« genau deshalb für Chávez mit dem venezolanischen Ökonomen Orlando Ochoa wiederum den Begriff ›Populist‹ parat: »Oligarchs fight to keep control over the oil revenues, populists promise to redistribute them, and both groups steal as much as they can for themselves. No one is interested in creating wealth.« Dennoch fällt Skidelskys Bilanz des Chávez-Populismus nicht vollkommen negativ aus: »Poverty was cut in half – from 50% to around 25% of the population, while extreme poverty fell by two-thirds. One can hardly say that every céntimo was well spent. Cronyism was rife and the murder rate tripled, partly owing to corruption in the police and the justice system.« Und schließlich: »Despite his extravagancies and authoritarian style, the masses loved him. They fervently believed that he was on their side«. Was ist eigentlich nach der zuvor präsentierten Statistik daran so erstaunlich? (»The Chávez Way«)

Besser, man sucht die kritischen populistischen Grundzüge in den von Puhle oben skizzierten Momenten. Hinzufügen kann man noch weitere, wie dies Giuliano Santoro im Interview mit der ausgezeichneten deutschen Wochenzeitung »Jungle World« macht (bemerkenswert, dass dieses kleine, unterfinanzierte Blatt im Vergleich zu Organen wie der »Zeit« regelmäßig interessantere Beiträge bringt), u.a. und nicht zuletzt: »Der spezifisch italienische Charakter besteht in der populistischen Antwort auf diese Wünsche und Bedürfnisse, in der Faszination für den starken Mann, den Macher, der auf den Tisch haut und gleichzeitig schöne Geschichten und Witze erzählen kann. Die italienische Version des starken Mannes hat nichts Übermenschliches, ganz im Gegenteil: Er wirkt sympathisch und wird geliebt wegen seiner Fähigkeit, sich als ›einer von euch‹ darzustellen, ganz unabhängig davon, was er in Wirklichkeit ist oder vertritt. Grillo ist in diesem Sinne ein Produkt der früheren großen italienischen Anomalie: des Berlusconismus.« (»›Grillo bietet einfache Lösungen‹«). Wie man aber an Chávez sieht, geht es keineswegs um eine italienische Besonderheit.

 

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