Apr 022013
 

In den nächsten Monaten und Jahren wird man noch häufig vom ›Populismus‹ hören. Es ist nicht schwer, den wachsenden Erfolg der EU-kritischen Parteien vorherzusagen. Den bislang oppositionellen Parteien jener EU-Länder, die durch die auferlegten Sparmaßnahmen in die Rezession geführt werden, können deutsche Politiker und Kommentatoren dann immer wieder das Etikett anhaften.

Im deutschen Wahlkampf wird der Begriff keine allzu wichtige Rolle spielen. Die vier Parteien, die am Ende in der ein oder anderen Konstellation miteinander koalieren werden, um die Regierung zu stellen, liegen einfach zu nah beieinander mit ihren Vorstellungen. Dennoch wird das Wort im Wahlkampf regelmäßig zum Einsatz kommen. Gebraucht wird es durchweg mit abwertendem Zungenschlag. ›Populär‹ klingt hingegen für die allermeisten nach wie vor positiv, das Wort bleibt für die eigenen Leute reserviert (›ein sehr populärer Minister‹). Ab und zu versucht man aus Reihen des Gegners, das zu durchkreuzen, indem man von einem ›Popstar‹ spricht. ›Pop‹ ist in Deutschland ebenfalls unverändert negativ besetzt, gilt als unseriös, leichtfertig (Westerwelle!). Mit ›Populismus‹ kann es jedoch nicht ansatzweise konkurrieren.

›Populismus‹ bedeutet stets: a) die gegnerische Partei macht ein attraktives, aber unseriöses Angebot, auf das größere Teile der Wähler/der Bevölkerung (leider) meist hereinfallen; b) sie appelliert an Vorurteile, die (leider) in beachtlichem Ausmaß vorhanden sind.

Faszinierend ist diese Wertungsweise unter Demokraten, weil bekanntermaßen nach ihrer ernstesten Auffassung in der demokratischen Staatsform alle Macht vom Volke ausgeht – und in ›populistisch‹ steckt nun einmal voll umfänglich das Volk, ›populus‹, daran kann auch das ›istisch‹ nichts ändern. Die abgeleitete Vokabel stellt demnach den unter dem Deckmantel des Lateinischen erfolgreich durchgeführten Versuch dar, im Volk wieder das ›niedere Volk‹ auszumachen und gegen es die Herrschaft der (vernünftigen) Elite zu reklamieren.

Auf Deutsch könnte man das momentan nicht mehr freimütig äußern, ohne sich ins undemokratische, gar verfassungsfeindliche Abseits zu stellen, mit dem Fremdwort ist es aber unbefangen möglich. In Deutschland ist das Populismus-Argument zudem beliebt, weil eine Mehrheit der Wähler, entgegen dem, was man ihnen nachsagt, für Bequemlichkeit nicht zu haben ist. Die abwertende Behauptung, bei den Ankündigungen anderer Politiker handele es sich um ›populistische Versprechungen‹, um ›Wahlkampfgeschenke‹, leuchtet ihnen gleich ein. Das Leben muss hart sein und/aber gerecht, materielle Verbesserungen einfach so für größere Bevölkerungsgruppen, das kann nur böse enden und ein Schwindel sein. Die Millionen und Milliarden sind eben besser aufgehoben bei den Stars und anderen Reichen, die man in »Bild«, »exklusiv« und »Spiegel« brav bewundert oder neidvoll bestaunt.

Populistische Bewegungen im engeren Sinne (mehr dazu in unserer Zeitschriftenschau dieses Monats), die eine beachtliche geschichtliche Tradition seit der amerikanischen Populist Party vom Ende des 19. Jahrhunderts aufweisen, sehen das interessanterweise genauso. Ihre tiefe Abneigung richtet sich gegen die für sie undurchsichtigen Konzerne und Bürokratien, gegen die Intellektuellen und akademischen Eliten, nicht aber gegen die charismatischen Stars und faszinierenden Entrepreneure. Ihnen versprechen sie, sich immer redlich zu bemühen und sich anzustrengen, wenn nur Ehrlichkeit und Fleiß endlich wieder belohnt werden. Bequem ist dieser Populismus nicht.

 

 


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