Okt 282019
 

Generationen aus Journalismus und Sachbuch

Je öfter gesagt wird, dass die heutige Welt komplex und unübersichtlich sei, desto häufiger wird der Begriff ‚Generation‘ verwendet, um Gemeinsamkeiten über alle Trennungen und Konfusionen hinweg hervorzuheben. Erstaunlich ist, dass die beiden vollkommen gegensätzlichen Behauptungen nicht selten von denselben Leuten kommen.

Besonders gerne wird die Operation von Journalisten und anderen Publizisten durchgeführt. Generationentexte sind seit einigen Jahren[1] ein sehr beliebtes Format, mit dem immer wieder gerne einprägsame Bezeichnungen eingeführt werden. Auf die Generation Golf, die Generation Praktikum, die Generationen X, Y und Z folgen momentan sehr viele weitere Versuche. Sie reichen allein unter der Schwerpunktsetzung ‚Neue digitale Medien‘ von Generation Porno über Generation Selfie bis hin zu Generation YouTube.

Diese Generationentexte sollen im Folgenden vorgestellt und zum Teil beispielhaft auf ihre Konstruktionsprinzipien hin untersucht werden: Durch welche Erzähl- und Darstellungsweisen wollen die Generations-Behauptungen Plausibilität und Erinnerungswert erzielen?

Das Konzept ‚Generation‘

Die Begriffe ‚Altersgruppe‘, ‚(Alters-)Kohorte‘ und ‚Generation‘ werden mitunter synonym verwendet. Sie sind jedoch deutlich zu unterscheiden. So ist ‚Altersgruppe‘ eine Kategorie zur Unterteilung der Gesellschaft nach aktuellem Alter. Personen gehören demnach im Laufe ihres Lebens mehreren Altersgruppen an. Für ‚Kohorte‘ erfolgt die Zuteilung nach Geburtsjahrgängen. ‚Generation‘ wird ebenfalls als zeitlicher Ordnungsbegriff verwendet. Sie dient darüber hinaus als soziokulturelle Kategorie wie ‚Stand‘, ‚Schicht‘, ‚Klasse‘ oder ‚Geschlecht‘[2] sowie zur Darstellung historischer Kontinuität oder aber historischen Wandels.[3] Der Begriff kann sowohl im Kontext der Familie als auch im Kontext der Gesellschaft verwendet werden, in unserem Zusammenhang ist letzterer von Bedeutung.

Das moderne Verständnis des Generationenbegriffs beruht auf dem Aufsatz „Das Problem der Generationen“ (1928) des Soziologen Karl Mannheim. Entscheidend ist darin seine räumliche Vorstellung einer Generationenschichtung. Mannheim spezifiziert den Begriff der Generation durch die Unterscheidung in „Generationslagerung“ (Kohorte), „Generationszusammenhang“ (gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen) und „Generationseinheit“ (gemeinsame Verhaltensweisen).[4]

Jureit und Wildt bestimmen den Begriff der Generation, den Ansichten Mannheims folgend, als Identitätsbegriff und Handlungskategorie. Die Zugehörigkeit zu einer Generation liefere eine „Erklärung für eine spezifische Ausprägung des Denkens, Fühlens und Handelns“.[5] Eine ähnliche Sozialisation durch bestimmte Ereignisse führt demnach zu einer gemeinsamen Art der Wahrnehmung. Daraus folgende Handlungen lassen also Rückschüsse auf die Existenz einer Generation zu.

Das Konzept der Generation ist aufgrund eines teilweise unpräzisen Gebrauchs, einer fehlenden Berücksichtigung des Konstruktionscharakters, der daraus folgenden Komplexitätsreduktion und der häufigen Beschreibung von Minderheiten- anstelle von Generationenprägungen, umstritten. Dennoch besitzt er unverändert eine Bedeutung als „kulturelles Deutungsmuster“,[6] wie vor allem durch die häufige Verwendung des Generationsbegriffs in publizistischen Texten deutlich wird. Solche generationalen Erzählungen dienen zur Beschreibung der Erlebnisse und Erfahrungen einer oder mehrerer Generationen.[7] Aufschlussreich ist daher, mit Rückgriff auf die Erzähltheorie, die Untersuchung von Generationen als Narrativen.[8]

Generationenerzählungen im Vergleich – die digitale Perspektive

Gegenwärtig gibt es eine große Vielfalt an Generationsbestimmungen, dazu reicht bereits ein Blick auf jene Ansätze, die das Internet als Ausgangs- oder Mittelpunkt nehmen. Von allgemeinen Beschreibungen wie Generation Internet, Net Generation, Digital Natives, Digital Natives 2.0 ( sowie dem Gegenbegriff Digital Immigrants) über angebotsspezifische Titel wie Generation Facebook, Generation Newsfeed, Generation Instagram oder Generation Porno bis hin zu einzelnen Tätigkeitszuschreibungen wie Generation Selfie ist alles zu finden.

Nach Palfrey und Gasser besteht die Generation Internet aus den Geburtsjahrgängen ab 1980.[9] Sie zeichne sich durch eine hohe Mitteilungsbereitschaft, neue Kommunikationsformen sowie ein hohes Maß an Kreativität, Selbstentfaltung und Innovation aus.[10] Es handle sich um eine „globale, partizipatorisch geprägte Online-Kultur, die größere digitale Kompetenz erfordert“.[11] Die Generation legt also Wert auf Kooperation und Feedback. Aus dieser Partizipation der Konsumenten leiten Palfrey und Gasser die gesellschaftliche Relevanz der Generation, insbesondere bezüglich traditioneller Medien und anderer etablierter Branchen, in Form eines „Zusammenbruch[s] der Hierarchien“[12] ab. Die Generation Internet lebt eine digitale Do It Yourself-Kultur, die die Rolle des passiven Rezipienten abschafft.

Aus der mehrfachen Selbstdarstellung, die das Internet seinen Nutzerinnen und Nutzern ermöglicht, folgt eine erhöhte Wandelbarkeit der persönlichen und sozialen Identität.[13] Dieser Wandel wird als generationenspezifisch dargestellt, da die Digital Natives durch ihre digitale Prägung während der Kindheit klar von den Digital Immigrants[14] abgegrenzt werden.

Wenn selbst einzelne Akteure mehrere Versionen ihrer Persönlichkeit in der digitalen Welt präsentieren können, wird die Unterscheidung von Fakten und Fiktion grundsätzlich schwierig. Der Begriff ‚Fake News‘ wird so ebenfalls mit der Generation Internet in Verbindung gebracht.

Das zentrale Thema des Aktivismus ist laut Palfrey und Gasser ebenfalls Teil der Generation Internet: Durch Wahlkampagnen, vielschichtige Berichterstattung, vereinfachten Meinungsaustausch, die schnelle Entstehung von Protestbewegungen oder die Organisation eigener Initiativen entstehe eine „Kultur des digitalen Aktivismus“,[15] die die direkte und persönliche Teilnahme am politischen Prozess ermöglicht. Die persönliche Betroffenheit, die als Voraussetzung für politisches Engagement genannt wird, ist über das Internet schnell und ohne räumliche Grenzen zu erzeugen.

Auch die Kinder der Jahrtausendwende, wie die Geburtskohorte von 1995 bis 2005 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ genannt wird, scheinen unter anderem durch ihr Cyber-Leben eine Generation zu bilden. „Die Kinder von Merkel und Instagram“[16] – der Titel zeigt das breite thematische Spektrum dieser Generationenerzählung: von politisch bis digital, die Generation wird nicht auf ein Charakteristikum reduziert. Es handelt sich also um einen Artikel, der durch eine möglichst vielfältige Darstellung Evidenz erreichen möchte. In Bezug auf das Internet fällt bei den Kindern der Jahrtausendwende auf, dass ihre Persönlichkeit nicht mehr unabhängig vom Online-Leben denkbar ist. Die daraus resultierende dauerhafte Vernetzung mit der Welt habe aber Vorteile: Die Generation sei zu einer eigenständigen Bildung und Sozialisation in der Lage.[17] Das ermögliche eine politische Meinung und im nächsten Schritt politisches Handeln, wie es konkret beispielsweise im Rahmen von Fridays for Future stattfindet.

Kritisch wird eine solche neue Möglichkeit der Meinungsbildung unter dem Titel der Generation Newsfeed im Magazin „t3n“ diskutiert. Ein Zuschnitt der Meldungen auf persönliche Interessen, wie er im Newsfeed bei Facebook stattfindet, sorge für eine Gruppenpolarisierung, die kontraproduktiv für eine differenzierte Meinungsbildung und Kommunikation sei.[18] Im Gegensatz zur Position von Palfrey und Gasser, die in der Internetnutzung einer ganzen Generation die Chance eines verstärken Austauschs sehen, wird nun das Fehlen eines öffentlichen Diskurses befürchtet. Die Bezeichnung dieses Phänomens als „Zeitgeist“[19] ist allerdings nicht unbedingt ausreichend, um die Verwendung des Generationenbegriffs zu legitimieren.

In einem Blogbeitrag zur Generation Instagram[20] stellt die Autorin die Nutzung von und Begeisterung für Social Media als altersabhängig dar. Die dort praktizierte Selbstdarstellung ist ihrer Meinung nach zunehmend mit Druck verbunden, weil es dort nur idealisierte Versionen der eigenen Person und des eigenen Lebens zu sehen gebe. Instagram als Plattform für das scheinbar einfache und schnelle Erreichen von Berühmtheit diene als Verkörperung einer altersspezifischen Vorstellung von Erfolg. Das Anstreben eines partikulären Lebensstils soll also als Merkmal der Generation dienen. Netzaktivismus wird dort nicht mit Instagram in Verbindung gebracht.

In einem weiteren Artikel wird versucht, die These, Social Media beeinflusse die Selbstwahrnehmung und erhöhe den sozialen Druck, durch ein zählbares Indiz zu belegen. Die „Süddeutsche Zeitung“[21] berichtet über einen Anstieg der Eingriffe in der plastischen Chirurgie, liefert Zahlen für die Operationen bei unter 30-Jährigen und nimmt diese Entwicklung als Grundlage für die Generation Selfie. Der Text suggeriert so die Betroffenheit einer bestimmten Altersgruppe und argumentiert weiter, Menschen aus allen Bevölkerungsschichten würden so versuchen, den Schönheitsidealen der Sozialen Medien zu entsprechen. Da es sich allerdings nur um zwei Prozent der Bevölkerung handelt, scheint es angebracht, für diese konkrete Entwicklung von einer Minderheitenerscheinung zu sprechen, nicht jedoch von einer Generation.

Im Gegensatz dazu erstellt Gernert ein umfassendes Portrait der Generation Porno, die für ihn aus den Geburtsjahrgängen der 1990er Jahre besteht und ebenfalls direkt mit dem Internet zusammenhängt, da der Konsum pornografischer Inhalte in der Altersgruppe online stattfindet. Das Argument für die Generationenspezifik wird also erneut über die Art der Internetnutzung generiert. Die Abgrenzung zu früheren Generationen findet laut Gernert durch einen anderen Zugang zur Medienwelt statt: Es entstehe ein „digital divide“.[22] Mögliche Folgen des Pornokonsums beruhten auf den Mechanismen, die auch als charakteristisch für die Sozialen Medien gelten: Ständiger Vergleich, unrealistische Ideale und sozialer Druck sorgten für Verunsicherung.[23] Der Porno wird als Teil des Alltags dargestellt – sei es in Form von Spielzeugen, Filmen, Mode, Jugendsprache oder dem eigenen Sexualleben. Der massenkompatible ‚Porno Chic‘ mache Pornografie zu einem Aspekt der Popkultur.[24] Dies spreche für die Generation Porno als eine gesamtgesellschaftlich relevante Gruppe, die eine kulturelle Veränderung bewirke.[25]

Generationenerzählungen im Vergleich – die politische Perspektive

Für die Jahrgänge ab 1990 ist die Politik der Bundesrepublik automatisch mit der Kanzlerschaft Angela Merkels (seit 2005) verbunden. Für die Generation Merkel ist sie das verbindende Element. Die Autorin des „Welt“-Artikels[26] ist Anfang zwanzig, sieht sich selbst als Angehörige der Generation und liefert so eine intragenerationelle Perspektive. Durch Selbstzuschreibungen schafft sie Evidenz für ihre Generationenerzählung. Als entscheidendes Kennzeichen stellt sie heraus, wie unpolitisch ihre Generation sei. Merkel spiele insofern eine Rolle, als sie mit ihrem passiven Regierungsstil als Verhaltensvorbild gelte. Durch Beschreibungen wie „Wir sind ihre [Merkels] Kinder und ihr Erbe“[27] wird die Verbindung zwischen der Kanzlerin und der beschriebenen Generation verdeutlicht und indiziert, dass Merkel auch über ihre Kanzlerschaft hinaus die Jugend präge, die mit ihr aufgewachsen ist.

Das mangelnde politische Interesse der Generation bringt die Autorin mit dem Begriff der „Wohlstandsgeneration“[28] in Verbindung. Es bestehe kein Anlass zum Widerstand, aus dem fehlenden Generationenkonflikt entstehe eine generelle Gleichgültigkeit gegenüber (welt)politischen Konflikten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Kontrast zu einem weiteren Artikel zur  Generation Merkel, nun aus dem „SZ-Magazin“ und geschrieben von einem Angehörigen der Generation Kohl.[29] Die andere Perspektive und der Vergleich zwischen den deklarierten Generationen Kohl und Merkel sorgen für erhebliche Unterschiede in der Charakterisierung und verdeutlichen die Subjektivität der Generation als Konstrukt. Die Kanzlerschaft Merkels, die im ersten Artikel als profillos kritisiert wird, ist nach Auffassung des zweiten Autors geprägt von Überraschung und Bewegtheit, sie stehe darum der Vorhersehbarkeit und Stagnation der Kanzlerschaft Kohls konträr gegenüber.[30] Als Merkmal der Generation Merkel schließt  er somit auf Aktivität, während die Autorin des ersten Artikels die Passivität ihrer eigenen Generation beanstandet.

In der FAZ wird bezüglich der Jahrtausendwendekinder darauf aufmerksam gemacht, dass „[p]olitische oder kulturelle Rebellion […] sich nicht primär im äußeren Stil“[31] äußere, wie es beispielsweise bei Punks oder anderen Subkulturen der Fall sei. Rebellische Haltungen einer Generation sind also möglichweise nicht direkt als solche erkennbar. Die Prägung durch ökologische Katastrophen kann laut den Autoren des Artikels entweder das Vertrauen in die eigene Zukunft erschüttern oder „eine geprüfte und gefestigte politische Haltung“[32] einfordern. Auch dazu steht die Darstellung der Generation Merkel als unpolitisch definitiv im Widerspruch.

Zwischenbilanz

Bei einem Vergleich aller hier betrachteten Texte fallen insgesamt nur wenige Widersprüche auf. Trotz der teilweise sehr unterschiedlichen Begriffe und Perspektiven werden viele Aspekte mehrmals aufgegriffen. Für die digitalen Generationsbezeichnungen sind dies die Bedeutung der Kommunikation und Interaktion sowie die Möglichkeiten der Partizipation und Bildung. Unter dem Begriff der ‚Selbstdarstellung‘ stehen sich kreative Selbstverwirklichung und unter Druck setzende Selbstoptimierung gegenüber. Die Ansicht, dass die Art der Internetnutzung Auswirkungen auf Identität, Sozialisation und politische Meinungsbildung hat, wird jedoch in allen Texten vertreten. Die darin enthaltene Komponente des Netzaktivismus lässt sich in direkten Bezug zur Generation Merkel setzen. Wie bereits angemerkt, passt der Artikel aus der „Welt“ nicht in die Beschreibungen einer sich repolitisierenden und digital aktiven Generation, die anderen Texte aus der politischen Perspektive ergänzen aber überwiegend widerspruchslos dieses Bild.

Durch die Auswahl der Generationsbestimmungen werden unterschiedliche Herangehensweisen für Zuschreibungen erkennbar. Während sich für eine politische Generationenbeschreibung die Orientierung an einer Persönlichkeit des politischen Lebens anbietet, wird im Bereich der ‚neuen Sozialen Medien‘ die Entwicklung und Nutzung ebendieser Technologien als Ausgangspunkt verwendet. Daraus ergeben sich für die konkreten Artikel auch unterschiedliche Macharten. Begriffe wie die Generation Selfie, Newsfeed oder Porno arbeiten mit einem einzelnen Phänomen, das mit dem Terminus der ‚Generation‘ verknüpft wird, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Davon ausgehend werden weitere Aussagen über die Personen getroffen, die der Generationenbeschreibung zuzuordnen sind. Anders wird bei den Texten zur Generation Internet oder den Jahrtausendwendekindern vorgegangen. Dort wird mehr als ein Ereignis oder Phänomen betrachtet, um ein möglichst vielschichtiges Generationenportrait, das verschiedene Lebensbereiche abdeckt, zur Evidenzerzeugung zu nutzen.

Eine weitere Generationsbezeichnung dieser Art soll abschließend detailliert betrachtet werden. Der Text über die Generation YouTube vereint nicht nur mehrere Möglichkeiten der Generationszuschreibung, sondern auch die bisherigen thematischen Schwerpunkte: Politik und Social Media.

Die Generation YouTube – Vertreterinnen und Vertreter

Unter dem Titel „Rezoluzzer“[33] stellt der „Spiegel“ (Nr. 23, 01.06.2019) eine neue Generation vor – und gibt dieser gleich mehrere Namen. Im Vordergrund steht die „Generation YouTube“,[34] auch als „2019er“[35] oder „Kinder der Apokalypse“[36] deklariert. Die Vorstellung und Charakterisierung der Mitglieder erfolgen anhand ihrer bekanntesten Galionsfiguren. Die Vertreterinnen und Vertreter bilden die Vielfalt der Lebensbereiche ab, die im Artikel zu Bestandteilen der Generation gemacht werden.

Auf dem Titelbild des „Spiegel“ sind fünf Personen abgebildet. Drei Frauen, zwei Männer, alle sehen recht jung aus. Fast alle tragen Turnschuhe und schauen ernst in die Kamera. Der Titel in großen blauen Lettern bezeichnet sie als „Rezoluzzer“.[37] Mit farblich zum Titel passender Haartolle steht in der Mitte der YouTuber Rezo. Die fünf jungen Menschen repräsentieren bildlich eine Generation, die in der Ausgabe des Magazins vorgestellt wird: die Generation YouTube. Wer dazugehört, wodurch sie geprägt wurde und was sie ausmacht, wird auf insgesamt zehn Seiten dargestellt.

Um zu erklären, wer mit den neu eingeführten Begriffen gemeint ist, fallen bereits etablierte Generationenbezeichnungen: Millenials, Generation Z, iGen.[38] Das liefert Geburtsjahrgänge von den frühen 80ern bis in die Jahre nach 2000. Die Personen, die als Mitglieder der Generation YouTube und den 19ern vorgestellt werden, sind zwischen 1990 und 2003 geboren.

Dazu zählt als jüngste und gleichzeitig wohl bekannteste Vertreterin die 16-jährige Greta Thunberg. Die schwedische Umweltaktivistin ist Initiatorin der mittlerweile in zahlreichen Ländern stattfindenden Protestaktion Fridays for Future und erhielt große Aufmerksamkeit durch ihre Rede bei der UN-Klimakonferenz in New York. Gemeinsam mit Greta wird ihre Familie porträtiert. Der Leser lernt fürsorgliche Eltern kennen, die feststellen, dass ihre Tochter durch ihr Asperger-Syndrom eine klare Sicht für wichtige Fragen entwickelt hat und sich ihrem geforderten Lebensstil anschließen. Greta Thunberg ist im Artikel nicht nur eine zentrale Figur für die Klima-Demonstrationen, sondern auch für die Generation YouTube. Auf der ersten Doppelseite des Hauptartikels ist ein großes Foto von ihr beim gemeinsamen Protest mit anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen abgedruckt. Ihr Gesichtsausdruck wird beschrieben als „erhaben und entrückt und fremdelnd“.[39] Im Zusammenhang mit Greta Thunberg fallen aber auch Begriffe und Namen wie „Abendmahl“[40], „heilige […] Ernsthaftigkeit“[41], „Jeanne d’Arc“[42] und „Jesus Christus“[43]. Die Geschichte der Familie wird als „modernes Martyrium“[44] und „moderne Erlösungsgeschichte“[45] bezeichnet. Die Beschreibung des „Spiegel“ macht sie wortwörtlich zu einer Ikone ihrer Generation.

Für die Fridays for Future-Bewegung in Deutschland spielt Luisa Neubauer eine entscheidende Rolle. Die 23-Jährige wird weitgehend über ihr Instagram-Profil vorgestellt. Denn so erreiche sie ihr Publikum: Sie postet. Sie postet über Fridays for Future und anstehende Wahlen, sie ruft zur Teilnahme an Protesten und zur Unterzeichnung von Petitionen auf. Ihr Netzaktivismus mache sie ebenfalls zu einer Vertreterin der Generation YouTube.

Neben diesen Verfechterinnen des ökologischen Wandels sollen die anderen porträtierten Personen als Persönlichkeiten vorgestellt werden, für die das Feld der gesamten Politik eine große Bedeutung besitzt. Immerhin behauptet der Untertitel auf dem „Spiegel“-Titelblatt, die Generation YouTube mische die deutsche Politik auf. Das trifft wohl besonders auf den Mann zu, für den der titelgebende Neologismus geschaffen wurde. Der YouTuber Rezo würde sich selbst aber nicht als Aktivist oder eben Rezoluzzer bezeichnen. Er sehe sich als Unterhalter.[46]

Warum er ein typisches Beispiel für die Generation YouTube ist – abgesehen von seiner Tätigkeit als YouTuber – wird prägnant zusammengefasst: Veganer, Plastikmüll vermeiden, Flüchtlinge retten, Google, Netflix, Twitter, Instagram.[47] Dass Rezo tatsächlich Teil der jungen Generation ist, wird in seinem Interview mit dem Spiegel auch auf sprachlicher Ebene sehr deutlich gemacht. Die Schule sei ein Struggle gewesen, darauf folgten Talks mit Psychologen, und er wisse, was Jesus für ein Dude war.[48]

Doch soll sich die Generation nicht nur auf Deutschland erstrecken. In den USA hat die jüngste Abgeordnete der US-Geschichte, Alexandria Ocasio-Cortez, ihren Sitz auch ihrer steilen Karriere in den Sozialen Medien zu verdanken. Sie erreicht mit ihren Posts auf Instagram dreieinhalb Millionen Menschen, auf Twitter noch fast eine Million mehr, darunter viele Menschen, die – ähnlich wie Ocasio-Cortez – gesellschaftlichen Minderheiten angehören und von ihr mobilisiert wurden. Diese mache Alexandria Ocasio-Cortez nicht nur zu einer „politischen Ikone“[49], sondern, dem „Spiegel“-Artikel zufolge, auch zu einer Vertreterin der Generation YouTube.

Die Generation YouTube – Prägungen und Eigenschaften

Wie die 19er selbst seien auch ihre Prägungen vielfältig. In diesem „verrückten Jahrzehnt“[50] fanden und finden zahlreiche einschneidende Ereignisse statt, die das Weltbild und die Überzeugungen einer heranwachsenden Generation geprägt hätten. Im Zusammenhang mit Fridays for Future stehe sicher der Klimawandel im Vordergrund. Doch erst die Ergebnisse der Europawahl im Mai 2019 hätten deutlich gemacht, dass die Generation mit ihrem Protest für das Klima ernst zu nehmen sei. Die wöchentlichen Demonstrationen seien dafür eine Art „Prophezeiung“[51] gewesen.

Es werden aber auch andere Ereignisse als prägend für die Generation YouTube dargestellt. Dazu zählen die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, die Zunahme rechten Populismus und damit die innere Bedrohung von Demokratien, die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, der Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein und die daraus folgende Netzfeminismus-Debatte mit zahlreichen Hashtags wie #metoo, sowie die digitale Öffentlichkeit im Allgemeinen und Fake News im Besonderen. Gerade politische und wirtschaftliche Entscheidungen wie die Ausarbeitung des Artikels 13 zu Uploadfiltern im Netz oder die Abholzung des Hambacher Forstes verlangten, dass die Generation YouTube nun als Protestgeneration charakterisiert werden muss. Zugeschrieben werden ihr politisches Potenzial, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, Hypermoralität, Zukunftsorientiertheit, Schnelligkeit und eine große Reichweite durch das Internet. Die Protestbewegung der Generation wird zusammengefasst als „eher weiblich […] und links, eher jung und digital und feministisch, gegen Rassismus und für Gerechtigkeit“.[52]

Zu beobachten sei eine Repolitisierung der Jugend, aber abseits der Parteipolitik. Die Beispiele verdeutlichen: Politik, insbesondere politischer Aktivismus, finde zunehmend im Internet statt. Wie die Europawahl zeige, könnten so schnell Probleme für die Volksparteien entstehen, die in ihren Wahlprogrammen diese Art der Partizipation nicht berücksichtigen.

Die Generation YouTube tritt nach Auskunft des „Spiegel“ für den radikalen Wandel ein. Es scheine wohl für die Kinder der Apokalypse die einzig angemessene Reaktion zu sein – so kurz vor dem drohenden Weltuntergang.

Die Generation YouTube als Generationenerzählung

Nach der Vorstellung der Generation YouTube beziehungsweise der 19er, wie sie im Artikel des Spiegels vorgenommen wird, soll es nun um die argumentative und stilistische Ebene dieses Generationentextes gehen. Wie wird die Leserschaft von der Gültigkeit der neu eingeführten Generationsbegriffe überzeugt?

Bei dem Artikel handelt es sich um eine generationelle Erzählung. Wie entscheidend die Verknüpfung mit der Narratologie für das Verständnis von Generationengefügen ist, wird ausführlich im Sammelband „Generation als Erzählung“ dargelegt: Letztlich beruhe die „Wirkung der Generation als Erzählung […] auf ihrer narrativen Plausibilität“[53], nicht auf dem empirisch nachweisbaren Wahrheitsgehalt der Generationendarstellung. Eine generationelle Erzählung biete Orientierung, denn sie erzeuge Kollektivierung.[54] Formate wie der vorliegende Generationentext tragen also zur Manifestierung einer Generation bei. Wie dies erzählerisch gelingt, soll nun untersucht werden.

Das wichtigste Argument für die Generationenbezeichnung ist wohl der Wandel, der durch die Generation stattfindet. Ihn sollen die Ergebnisse der Europawahl, auf die im Laufe des Artikels mehrmals Bezug genommen wird, belegen; sie werden als eine deutliche Demonstration des politischen Potenzials eingestuft. Die Ergebnisse nach Altersgruppen zeigen starke altersspezifische Tendenzen in Bezug auf das Wahlverhalten. Das Wahlergebnis der Grünen – 31 Prozent unter den 18- bis 29-Jährigen – lässt Rückschlüsse auf gemeinsame politische Zielsetzungen zu. Das funktioniert nicht nur parteien-, sondern auch personenbezogen, wie Alexandria Ocasio-Cortez in den USA zeige: „AOC hat die Jugend hinter sich“.[55] Das Argument: Die Mehrheit einer Altersgruppe fühlt sich durch das gleiche (Partei)Programm angesprochen, weil sie generationenspezifische, gemeinsame Erfahrungen gemacht hat, die zu gemeinsamen Handlungen führen.

Für die Bedeutung der Generation wird mithilfe der Folgen der Wahlergebnisse argumentiert. Innerhalb von zwei Monaten werde die Protestbewegung um Fridays for Future von Politik und Allgemeinheit nicht nur wahr-, sondern auch ernst genommen. „This house is on fire. Und dieses Land nun auch.“[56] So schließt der Absatz zu den Klima-Demos und dem Wahlsonntag. Dieses Ereignis wird als partikulär – und somit als entscheidend für die Generation – dargestellt. Wenn der Aktivismus junger Menschen direkte Folgen für ein ganzes Land (konkret: für die Volksparteien des Landes) habe, erhalte er gesamtgesellschaftliche Relevanz. Daraus folgt für den „Spiegel“, dass sich diese Altersgruppe auch eine eigene Bezeichnung als Generation verdient hat.

Neben dem politischen Programm wird mit einem zweiten verbindenden Element argumentiert: dem Internet. Soziale Medien und Internet-Plattformen dienen der Generation YouTube als Informations- und Mitteilungskanäle. Der Umgang mit der digitalen Welt funktioniert als Alleinstellungsmerkmal in Abgrenzung zu anderen Altersgruppen. Durch eine größere Reichweite sowie bessere und schnellere Kommunikation untereinander sind die Relevanz und der Einfluss Einzelner oder von Gruppen durch das Internet erst möglich. Die technischen Möglichkeiten der Vernetzung werden als entscheidende generationsspezifische Entwicklung präsentiert. In diesem Zusammenhang wird im Artikel außerdem auf bekannte Generationsbezeichnungen, beispielsweise die Millenials, zurückgegriffen. So kann der ähnliche Sozialisationsprozess im Zeichen von technischem Fortschritt und Digitalisierung verdeutlicht werden.

Die 19er und die 68er

Die Definition der Generation geschieht besonders deutlich in Abgrenzung zu einer anderen. Die Wortneuschöpfung der 19er erfolgt in Anlehnung an die 68er. Das Jahr 1968 und die nach ihm benannte Generation sind ein bedeutsamer Bestandteil der deutschen Geschichte sowie einer Vielzahl generationaler Texte. Gerne wird sie als Vergleich herangezogen, wenn es um später in Erscheinung tretende Protestbewegungen geht. Im „Spiegel“-Artikel wird der Standpunkt vertreten, der Vergleich sei in diesem Fall trotz erheblicher Unterschiede angebracht. Wie werden also die 19er vor dem historischen Vorbild der 68er dargestellt?

Interessant ist für diese Frage, dass die Deklaration als Nachfolger der 68er-Generation durch einige Aktivisten von Fridays for Future selbst erfolgte.[57] Die Assoziation mit ihr und den zugehörigen Werten scheint also erwünscht zu sein, ist vielleicht sogar Teil der Selbstdarstellung?

Jedenfalls findet im Artikel des „Spiegel“ eine auffällige Parallelisierung der beiden Generationen statt. Bereits auf dem Titelblatt erfolgt eine Deklaration, die eine eindeutige Verbindung herstellt: Die Generation YouTube als „[d]ie neue APO“.[58] Ein Vergleich mit der Außerparlamentarischen Opposition, dem Ausgangspunkt mehrerer Bewegungen in der BRD (Ostermarschbewegung, Studentenbewegung, Komitee Notstand der Demokratie),[59] schürt vor Beginn des Artikels die Erwartungen an das politische Potenzial der betitelten Generation YouTube.

Im Verlauf des Textes werden zunächst einzelne Personen als „Referenzfiguren“[60] verglichen (Rudi Dutschke und Greta Thunberg), dann die in Fotos festgehaltenen Demonstrationen (Vietnam und Klima) und schließlich die Jahre 1968 und 2019: „So war das damals im Februar 1968. Und so ist das nun im Frühjahr 2019.“[61] Das Phänomen des Jahres 1968 als Geschichte „vom Aufbruch und vom radikalen Umbau einer Gesellschaft, […] von der Neufindung eines Landes“[62] wird übertragen auf die Protestbewegung 2019, auf die 19er-Generation. Obwohl die Motive ihres Handelns aufgrund der verschiedenen gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Situationen recht unterschiedlich sind, drücken beide Generationen ihr Streben nach Veränderung in Protesten aus. Sie gehen auf die Straße, jedoch nicht mit den gleichen Zukunftsaussichten. 1968 waren sie die „Kinder des Aufbruchs“.[63] 2019 sind sie die „Kinder der Apokalypse“.[64]

Zwei weitere Unterschiede sind zu nennen. Während der Protest der 68er stark auf dem Prinzip der Subversion beruht habe, treffe der Protest der 19er auf breite gesellschaftliche Akzeptanz. Entscheidend ist dabei die Position der Eltern. Die klare Abgrenzung, die für die junge Generation 1968 selbstverständlich war, falle heute weg. Man arbeite nicht gegen, sondern mit den Eltern, obwohl der Protest inhaltlich eine fundamentale Anklage an diese liefere. Ein Generationenkonflikt liege nicht mehr vor.[65] Die Wirkungsweise des Protests unterscheidet sich sowohl durch die Reichweite als auch durch die Schnelligkeit der aktivistischen Tätigkeiten. Das kommt, wie bereits erwähnt, durch die modernen Kommunikationsmöglichkeiten in Zeiten des Internets zustande.

Trotz dieser gravierenden Unterschiede wird die Parallelisierung der Generationen bis zum Ende des Artikels aufrechterhalten. Die Prognose lautet: Die 19er werden zur nächsten großen Protestgeneration nach den 68ern. Dadurch wird der im Artikel vermittelte generationelle Auftrag besonders deutlich: Das politische Potenzial der Generation YouTube, wie es auch bei den 68ern vorhanden war, muss genutzt werden für das wichtige Zukunftsprojekt mit dem Titel Klimawandel.

Fazit

Unabhängig von der Prägung und den Merkmalen einer Generation diene jene als „treibende Kraft des historischen Prozesses“.[66] Die junge Generation wäre somit entscheidend für den Wandel, der sich innerhalb einer Gesellschaft vollzieht. Prognosen für einen solchen Wandel und Wünsche für die Zukunft sind häufig Gegenstand generationaler Literatur, sofern sie sich nicht mit der historischen Charakterisierung bereits vergangener Generationen beschäftigt. Auch der hier untersuchte „Spiegel“-Artikel entwirft ein Zukunftsszenario, das den weiteren Einfluss einer Altersgruppe ausgehend von aktuellen Ereignissen, beispielsweise Wahlergebnissen, prognostiziert.

Neben der Zukunftsorientierung sind generationale Diskurse nach Kraft/Weißhaupt jedoch auch stets „interessengeleitete Diskussionen über politische, ökonomische oder soziale Fragen“.[67] Die Konstruktion der Generation YouTube als Fremdbeschreibung im „Spiegel“-Artikel ist aus dieser Perspektive hilfreich für eine strukturierte Darstellung aktueller Ereignisse.

Laut Niethammer erfolgt die Identifikation einer Generation durch die „Isolierung des Besonderen“.[68] Die Vorstellung solcher generationenspezifischer Aspekte findet im „Spiegel“-Artikel statt: Es wird eine Kombination verschiedener Phänomene vorgenommen, die mit jüngeren Altersgruppen in Verbindung gebracht werden. Zu nennen sind insbesondere das Internet, die Sozialen Medien, die zunehmende globale Vernetzung und daraus folgend neue Arten der Unterhaltung, Kommunikation und Information sowie neue Indikatoren für Erfolg und Anerkennung, die durch neue Berufsbilder (YouTuber, Instagramer, Influencer) verdeutlicht werden.

Verknüpft wird dieses thematische Feld mit politischem Aktivismus, bei dem der Klimawandel als drängende Herausforderung der Generation im Mittelpunkt steht, und für welchen das Internet, und insbesondere Soziale Medien, als Forum fungieren. Es besteht also eine Übereinstimmung mit der Vielzahl an Generationenerzählungen, die die Bedeutung des Internets betonen und den technologischen Fortschritt als entscheidendes Merkmal zur Abgrenzung von anderen Altersgruppen und Generationen darstellen.

Für die politische Dimension vor dem Hintergrund der Generation Merkel hingegen liefern Selbstwahrnehmung und Fremdbeschreibung konträre Standpunkte. Die Beschreibung als Generation mit Problemlösungstaktiken ist vereinbar mit der Darstellung einer engagierten und protestierenden Generation im „Spiegel“-Artikel. Auch die Argumentation wird durch die Gegenüberstellung mit einer anderen Generation ähnlich strukturiert. Im anderen Text steht eine eigene politische Agenda dem generellen Desinteresse junger Menschen entgegen. Der „Spiegel“ kann mit konkreten Beispielen und Persönlichkeiten (Europawahl, Fridays for Future, Rezo, Greta Thunberg) für Plausibilität sorgen, da diese mehr Überzeugungskraft als intragenerationelle Selbstbekundungen haben.

Die Autorinnen und Autoren des Spiegel-Artikels wählen sowohl mehrere Betitelungen – Rezoluzzer, die neue APO, Generation YouTube, die 19er, Kinder der Apokalypse – als auch mehrere Themenbereiche. Dazu zählen die deutsche, europäische und internationale Politik, der Schwerpunkt Klimawandel in Verbindung mit Fridays for Future, das Internet, die Sozialen Medien und der so mögliche Netzaktivismus. Dies ermöglicht eine umfassende Charakterisierung der entworfenen Generation, die gestützt wird durch Beispiele, Personen, Statistiken und Experten. Sie dient als strukturierter, weil als generationaler Text geformter, Überblick über aktuelle, gesamtgesellschaftlich relevante Entwicklungen, die durch Menschen einer Altersgruppe angestoßen wurden. Der Umfang dieser Beschreibungen und die Kohärenz mit den Merkmalen bereits etablierter Generationen soll Glaubwürdigkeit erzeugen. Dass es mittlerweile eine weitere Generationenerzählung gibt, die Greta Thunberg und Rezo vereint, trägt auch dazu bei. In der Kolumne werden sie zu Mitgliedern der „Generation ziviler Ungehorsam“,[69] die Fridays for Future mit der Bewegung Extinction Rebellion in Verbindung bringt. Deutlicher kann die kontinuierliche Transformation des Konstrukts Generation nicht werden.

Nach Mannheim impliziert die Pluralisierung des Generationsbegriffs, dass Überlagerungen innerhalb einer Generation möglich, in einer ausdifferenzierten Gesellschaft durch diverse Einflussfaktoren und Prägungen sogar kaum vermeidbar sind.[70] Eine Generationslagerung kann also mehrere Generationszusammenhänge enthalten, und auch aus einem ähnlichen oder gleichen Generationszusammenhang können mehrere Generationseinheiten entstehen, die sich durch ihre Handlungen unterscheiden. Die Vielfalt der Ereignisse und Persönlichkeiten im untersuchten „Spiegel“-Artikel legt nahe, dass dieser Generationentext mehrere Generationseinheiten zusammenfasst, die getrennt voneinander angemessener beschrieben werden könnten.

Am Ende sei noch einmal an die Kernthese aus dem Band „Generation als Erzählung“ erinnert: Die Wirkung der Generationtexte beruhe auf ihrer „narrativen Plausibilität“[71], nicht auf dem empirisch nachweisbaren Wahrheitsgehalt der Generationendarstellung.[72] Dies mag so sein, auffällig ist jedoch, dass alle vorliegenden Generationentexte großen Aufwand betreiben, ihre Generationenbestimmung als ‚wahr‘ und ‚nachweisbar‘ auszugeben. Das gehört zu ihren ‚Narrationen‘ offenkundig bindend dazu.

 

Anmerkungen

[1] Generationenliteratur gibt es vermehrt seit den späten 1990er Jahren. Vgl. Parnes/Vedder/Willer: Konzept der Generation, S. 12.

[2] Vgl. Jureit/Wildt: Generationen, S.7 f.

[3] Vgl. Parnes/Vedder/Willer: Konzept der Generation, S. 226 f.

[4] Vgl. Mannheim: Das Problem der Generationen, S. 543 f; Zur Kritik am Konzept Mannheims s. bspw. Neun: Zur Kritik am Generationenbegriff von Karl Mannheim; Zinnecker: Überlegungen zu Karl Mannheims kanonischem Text.

[5] Jureit/Wildt: Generationen, S. 9.

[6] Bohnenkamp/Manning/Silies: Argument, Mythos, Auftrag und Konstrukt, S. 29.

[7] Vgl. Kraft/Weißhaupt: Erfahrung – Erzählung – Identität, S. 32.

[8] Vgl. Bohnenkamp/Manning/Silies: Argument, Mythos, Auftrag und Konstrukt, S. 10 ff.

[9] Vgl. Palfrey/ Gasser: Generation Internet, S. 1.

[10] Vgl. ebd., S. 27, S. 137 ff. und S. 270.

[11] Ebd., S. 158.

[12] Ebd., S. 154.

[13] Vgl. ebd., S.22 ff.

[14] Ebd., S. 27.

[15] Palfrey/ Gasser: Generation Internet, S. 311.

[16] FAZ. Die Kinder von Merkel und Instagram.

[17] Vgl. ebd.

[18]Vgl. t3n: Generation Newsfeed.

[19] Ebd.

[20] Denkwandel: Generation Instagram.

[21] SZ: Die Selfie-Generation kämpft gegen die Falten.

[22] Gernert: Generation Porno, S. 35.

[23] Vgl. ebd., S. 174 f.

[24] Vgl. ebd., S. 150 ff.

[25] Zur Aktualität der Begriffsverwendung s. Focus: Pornos und Kinder (Februar 2019).

[26] Welt: Generation Merkel.

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] SZ: Die Wahrheit über die Generation Merkel.

[30] Ebd.

[31] FAZ: Die Kinder von Merkel und Instagram.

[32] Ebd.

[33] Der Spiegel: Rezoluzzer, Titel.

[34] Ebd.

[35] Ebd., S. 14.

[36] Ebd., S. 12.

[37] Der Spiegel: Rezoluzzer, Titel.

[38] Vgl. ebd., S. 14.

[39] Ebd., S. 13.

[40] Ebd.

[41] Ebd.

[42] Ebd.

[43] Ebd.

[44] Ebd., S. 14.

[45] Ebd., S. 15.

[46] Vgl. ebd., S. 20.

[47] Vgl. ebd.

[48] Vgl. ebd.

[49] Ebd., S. 17.

[50] Ebd., S. 14.

[51] Ebd., S. 13.

[52] Ebd., S. 14.

[53] Bohnenkamp/Manning/Silies: Argument, Mythos, Auftrag und Konstrukt, S. 19.

[54] Vgl. ebd., S. 20.

[55] Der Spiegel: Rezoluzzer, S. 17.

[56] Ebd., S. 13.

[57] Vgl. ebd.

[58] Ebd., Titel.

[59] Vgl. Bebnowski, S. 90 f.

[60] Thießen: Generation Feuersturm, S. 36.

[61] Der Spiegel: Rezoluzzer, S. 13.

[62] Ebd., S. 13.

[63] Ebd., S. 14.

[64] Ebd.

[65] Vgl. ebd., S. 15 f.

[66] Parnes/Vedder/Willer: Konzept der Generation, S. 12.

[67] Kraft/Weißhaupt: Erfahrung – Erzählung – Identität, S. 34.

[68] Niethammer: Sind Generationen identisch?, S. 7.

[69] SZ: Generation ziviler Ungehorsam.

[70] Vgl.  Parnes/Vedder/Willer: Konzept der Generation, S. 247.

[71] Bohnenkamp/Manning/Silies: Argument, Mythos, Auftrag und Konstrukt, S. 19.

[72] Vgl. ebd., S. 20.

 

Literatur- und Quellenverzeichnis

Primärliteratur

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Sekundärliteratur

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