Okt 282019
 

Ausgaben der Gegenwart

Der Kommentar »bewertet aktuelle Ereignisse«[1], er fügt einer »neutralen Berichterstattung ein wertendes Urteil hinzu«,[2] so lauten die noch aus der Schule vertrauten Hinweise weiterhin in heutigen journalistischen Ratgebern und Handbüchern.

Blickt man nun in gedruckte Zeitungen, mag man überrascht sein: Viele Zeitungen weisen Textsorten gar nicht aus. Falls ihre Redaktionen Journalisten beauftragen sollten, einen Kommentar oder Bericht zu schreiben, machen sie dies jedenfalls dem Leser gegenüber nicht deutlich.

Langjährige Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) z.B. mögen wissen (oder meinen zu wissen), dass auf der Titelseite die beiden von ihnen aus gesehen rechten Spalten die Kommentarspalten sind, über den jeweiligen Artikeln steht aber keine entsprechende Angabe. Durch das Layout wird zwar ein Unterschied zu anderen Artikeln hergestellt, es gibt aber in der Zeitung selbst keine Erläuterung, dass z.B. ein bestimmter Strich einen ›Kommentar‹ anzeigt.

Anders sieht es am oberen Rand der Zeitungsseiten aus. Hier stehen durchgehend Wörter, mit denen die Redaktion Angaben zu Besonderheiten der Artikel macht, die unter diesen Wörtern stehen. Meist traditionell gefasst (»Politik«, »Wirtschaft«, »Finanzen«, »Leserbriefe«, »Reisen« etc.), in seltenen Fällen mit vage-euphemistischen (»Chancen«) und irreführenden (»Dossier«) neueren Titeln. Mit ihnen werden – mit der Ausnahme der »Leserbriefe« und des »Dossier[s]« – immer Themenbereiche angezeigt, nicht Textsorten.

Feuilleton als Textsorte

Einigermaßen rätselhaft unter den Angaben bleibt allein das »Feuilleton«. Einige deutsche Tageszeitungen (etwa die WAZ) haben einen »Kultur«-Teil, kein ›Feuilleton‹ – ist ›Feuilleton‹ also ein altmodischer Ausdruck für ›Kultur-Berichte‹? Wenn man sich die bekanntesten deutschen Feuilletonseiten – über denen »Feuilleton« steht – ansieht, die von FAZ, SZ und ZEIT, kann man in Zweifel geraten, weil dort manchmal auch Artikel abgedruckt sind, die politische Themen behandeln.

Oder ist »Feuilleton« doch eine Angabe zur  Textsorte? Für die Textsorten-Hypothese spricht zunächst einmal, dass der Begriff ›Feuilleton‹ tatsächlich wiederholte Male zur Bezeichnung einer besonderen Textsorte gebraucht worden ist, der »kleinen Prosaform ›Feuilleton‹«.[3]

Zur Überprüfung solcher und anderer Hypothesen sollen drei Ausgaben von FAZ, DIE ZEIT und Süddeutscher Zeitung (SZ) untersucht werden. Exemplare der drei Zeitungen wurden per Zufallsauswahl herausgegriffen, damit die Auswahl nicht von vorab gefassten Anschauungen bzw. Ergebniserwartungen beeinflusst werden konnte; es handelt sich um folgende Ausgaben: FAZ vom 22.04.2015; SZ vom 20.07.2016; DIE ZEIT vom 21.07.2016; Seitenangaben im Fließtext beziehen sich im Folgenden immer auf diese Ausgaben.

Wenn mit der »kleinen Prosaform ›Feuilleton‹« nun Textsorten wie Anekdote, Humoreske, Sentenz, Aphorismus, Rätsel, Erzählung angesprochen werden,[4] dann muss man konstatieren, dass es im heutigen »Feuilleton« der FAZ, ZEIT, SZ – und nur um die von ihren Redaktionen so bezeichneten Seiten soll es hier ja gehen –, diese Textsorte Feuilleton nicht (mehr) gibt (auf solche Feuilletons stößt man zum Teil noch in den Beilagen dieser Zeitungen, in der ZEIT auch im Buch »Z« [»Zeit zum Entdecken«]).

Zur ›kleinen Prosaform‹ gerechnete Genres wie Straßenbild, Stadtbild, Denkbild, Glosse, Reisebeschreibung[5] hingegen findet man ab und zu noch im »Feuilleton« besagter Blätter. In den Stichproben, die wie gesagt das Material der folgenden detaillierten Analysen bilden, waren sie allerdings – mit Ausnahme einer Schrumpfform des Reiseberichts bzw. des Stadtbilds (ZEIT, S. 45) sowie eines Denkbilds (ZEIT, S. 46) – nicht vorhanden, allgegenwärtig sind sie also keineswegs.

Die zweite gängige Weise, die kleine Prosaform Feuilleton zu bestimmen, besteht in der Angabe von Stileigenschaften. Positiv gewendet: »Leichtigkeit, elegante Beiläufigkeit, Impressionismus und Sprachraffinement«,[6] abwertend als ›Feuilletonismus‹ verbucht. Folgte man diesem Ansatz,[7] müsste man die Variablen (»Leichtigkeit« usf.) freilich genauer definieren, um zu nachvollziehbaren Ergebnissen zu gelangen, ob (und wenn ja, in welchem Maße) sich Feuilletons und/oder Artikel, die im »Feuilleton« erschienen sind, von anderen Artikeln unterscheiden.

»Feuilleton« und Bericht

Dem soll hier aber nicht nachgegangen werden, der Akzent liegt vielmehr auf der Wertungsfrage: Gibt es Besonderheiten im »Feuilleton«[8] der ZEIT, SZ und FAZ bei der Art und Weise, Bewertungen vorzunehmen?

Unmittelbar plausibel klingt die Hypothese, dass eine Besonderheit gegenüber den anderen Zeitungsseiten in der Vielzahl an Wertungen besteht, schließlich machen Rezensionen einen beträchtlichen Teil dieser »Feuilletons« aus – Kritiken, die, wie der Name schon sagt, nicht nur Beschreibungen, sondern auch bewertende Einschätzungen der vorgestellten Filme, Opern etc. bieten.

Tatsächlich ist es schwer, Meldungen und Berichte – die nach gängiger Auffassung ja keine Wertungen von journalistischer Seite enthalten sollen – in den zur genaueren Untersuchung ausgewählten Zeitungsausgaben zu finden. In der ZEIT gibt es im »Feuilleton« gar keine Meldungen oder Berichte, in der SZ einen einzigen Bericht.

Nur in einem Fall übernahm die »Feuilleton«-Redaktion der FAZ eine dpa-Meldung, die sich, wie bei Presseagenturen üblich, streng an die Konventionen der Textsorte Meldung/Bericht hält: Angaben von Ereignissen und Daten werden zumeist unter Angabe einer Quelle referiert; Bewertungen erfolgen nicht vom Journalisten der Deutschen Presseagentur, sondern von den Personen, über die berichtet wird: »Latchinian bezeichnet die Entwicklung von Einnahmen und Besuchern als positiv.« (FAZ, S. 12)

Zwei weitere dpa-Artikel stehen im »Feuilleton«-Buch der FAZ auf der »Medien«-Seite Diese beiden dpa-Artikel sind allerdings von der Redaktion bearbeitet worden, als Urheberangabe steht unter den Artikeln »dpa/F.A.Z.« (S. 13). Die Bearbeitung erschöpft sich nicht nur in Kürzungen (sonst stünde dort wohl nur ›dpa‹), sondern in anderen Umformulierungen bzw. Zusätzen. Eine Bearbeitung zeichnet sich zudem durch Bewertungsanklänge aus.

Klammert man den Abdruck der Rundfunkprogramme aus, gibt es demnach im »Feuilleton« der FAZ zwei kurze, in der SZ einen sehr kurzen und in der ZEIT keinen Beitrag, der die gängigen Anforderungen an Meldung und Bericht erfüllt. ›Gängig‹ soll hier immer heißen: gemäß der Bestimmungen der weitaus meisten Redaktionsstatuten und Journalismus-Ratgeber.

Tatsachen- und Wertfragen

Nicht gängig sind die Anschauungen, zwischen Beschreibungen und Bewertungen nicht nur trennen zu können, sondern in bestimmten Textsorten auch zu müssen, hingegen in vielen philosophischen und kulturwissenschaftlichen Ausführungen (von Vertretern des Idealismus, des Konstruktivismus, des Poststrukturalismus etc.).

Halt gewinnt diese Trennung v.a. noch innerhalb des logischen Positivismus. Alfred J. Ayer etwa separierte in der Nachfolge Rudolf Carnaps[9] strikt »Tatsachenfragen« von »Wertfragen«. Aussagen über Tatsachen könne man durch empirische Beobachtungen verifizieren oder falsifizieren, Aussagen über ethische oder ästhetische Werte nicht. Letztere gäben lediglich Aufschluss über die »körperliche und geistige Verfassung« des Aussagenden; es sei darum nicht möglich, ästhetischen oder ethischen Urteilen »objektive Gültigkeit beizumessen«.

Wahr oder falsch kann nach Ayers Vorgabe z.B. nur die Aussage sein, ein bestimmtes Gedicht sei ein Sonett oder weise Paarreime auf, nicht aber die Aussage, es handle sich um ein großartiges oder scheußliches Gedicht: »Solche ästhetische Wörter wie ›schön‹ und ›häßlich‹ werden – wie ethische Wörter – nicht zur Aussage von Tatsachen verwendet, sondern nur, um gewisse Empfindungen auszudrücken und ein gewisses Verständnis hervorzurufen.«[10]

Selbst innerhalb der analytischen Philosophie ist diese strenge Trennung aber umstritten. Ein pragmatistischer Ansatz wie der Hilary Putnams sieht vielmehr ein »entanglement of facts and values« gegeben. Putnam stellt zwar fest, es sei ein »perfectly obvious fact that language can represent something that is itself outside of language«,[11] für ihn folgt daraus aber nicht, dass Werturteile nur den Zustand der Urteilenden repräsentierten und ihnen darüber hinaus nicht ›Richtigkeit‹ zukommen könnte.[12]

Auch könne man beim Gebrauch von Worten nicht immer zwischen ihrem Einsatz für einen »normative purpose« und als »descriptive term« unterscheiden. Putnam stellt folgenden Gebrauch des Wortes »cruel« als Beispiel für diese ‚Verstrickung‘ von Beschreibung und Bewertung heraus: »If one asks me what sort of person my child’s teacher is, and I say, ›He is very cruel,‹ I have both criticized him as a teacher and criticized him as a man. I do not have to add, ›He is not a good teacher,‹ or, ›He is not a good man.‹ […] I cannot simply say, ›He is a very cruel person and a good man,‹ and be understood.«[13]

Wertungen im »Feuilleton«

Für unsere Zwecke brauchen wir die Grundsatzfrage nach der vollkommenen oder nicht vollkommenen Trennung von »fact/value« nicht beantworten, für unsere Analyse reicht die Feststellung Putnams, dass es ungeachtet der prinzipiell nicht ausgeschlossenen »entanglement of facts and values« oft möglich ist, den Unterschied zu machen, hinreichend aus. Auch die Frage nach der möglichen ›Richtigkeit‹ der Werturteile kann ausgespart bleiben. Egal, wer nun Recht hat – Putnam oder Ayer –, die Analyse der »Feuilleton[s]« kann sich der Frage widmen, welche Werturteile dort zum Einsatz kommen.

Hier fällt die Antwort leicht: Es sind nicht nur ästhetische Urteile, sondern auch (angesichts politischer wie persönlicher Fälle) moralische. Man weiß nicht immer zu sagen, was davon zutrifft. Etwa die Klage über den »fanatischen Willen der Bauherren zum radikal modernen Museum des Betonbrutalismus« (FAZ, S. 9) – bringt sie ein ästhetisches Urteil zum Ausdruck oder (auch) ein moralisches (gerichtet gegen einzelne Personen oder ein politisches System)? Die Texte sagen es einem oftmals nicht genau.

Offen bleibt zumeist auch, ob Wörter nur deskriptiv oder auch wertend gebraucht werden. Putnams Hinweis, dass »cruel teacher« keineswegs nur beschreibend, sondern ebenfalls verurteilend gemeint sei, bringt einen hier nicht weiter. Ist ›fanatisch‹ und ›radikal modern‹ tatsächlich zwingend Teil einer Klage oder Verurteilung? Futuristen und Brutalisten in der Architektur sehen das bekanntermaßen anders. Im speziellen Fall hilft dann der Blick über den Satz hinaus: Mit der Tradition sei »Schindluder« getrieben worden (ebd.), heißt es kurz darauf, also ist dieser ›Fanatismus der Moderne‹ für den Autor tatsächlich ein negatives Moment.

Wie an diesem Beispiel eindrücklich zu sehen, ist es auch und gerade bei Aussagen, die Kunstwerke betreffen, heutzutage – in Zeiten der Moderne und Postmoderne – nicht immer einfach, a) zu erkennen, ob es sich um deskriptive oder bewertende Aussagen handelt, und b) im Falle einer bewertenden Aussage zu erkennen, ob es sich um eine positive oder negative Einschätzung handelt.

Dies gilt besonders für Leser, die wissen, dass es nicht nur Anhänger des Expressionismus, sondern auch des Realismus gibt, nicht nur Freunde der Erbauung, sondern auch des Ästhetizismus, nicht nur Liebhaber der Einfühlung, sondern auch des Verfremdungseffekts, usf.[14] Wenn Wörter wie ›groß‹, ›Qualität‹, ›Klassiker‹ fehlen – und tatsächlich stehen sie längst nicht in jedem »Feuilleton«-Artikel (und erst recht nicht in jeder Passage) klärend parat –, bleibt für sie immer mindestens ein Rest an Unsicherheit.

Ein weiteres Beispiel dafür aus einer Buchrezension: »Dabei sind diese kleinen Geschichten […] keineswegs auf surrealistische Kombination von Beliebigem aus, sondern präzise komponiert und häufig pointiert im Sinne moderner morality tales – die Moral von Reisenden besteht ja in einer klugen Vermittlung von Prinzipien mit Umständen.« (FAZ, S. 10) »Kleine Geschichten«, »präzise komponiert«, »surrealistische Kombination von Beliebigem« – sind das nun lediglich Beschreibungen oder auch Bewertungen?

Und wenn es auch Bewertungen wären: Sind das ›Kleine‹, die ›Präzision‹ und die »surrealistische Kombination von Beliebigem« hier Ausdruck von Lob oder Tadel, von Begeisterung oder Langweile? Ist die ›Klugheit der Reisenden‹ auch eine gute Devise für eine Geschichte? Grundsätzlich kann man es nicht mehr wissen, wenn man weiß, dass es in der Geschichte der Kunsturteile sowohl Anhänger des Kleinen wie des Großen, des Präzisen wie des Vagen, der surrealistischen Zufallskombination wie der bewussten Verbindung, der ›klugen Vermittlung‹ wie der anarchischen Auflösung gegeben hat.

Man behilft sich also mit einigermaßen begründeten Vermutungen: Man ruft sich die gängige Konnotation von Begriffen vor Augen (in der Hoffnung, dass der Autor dem Gängigen folgt), stellt die übliche Position der Zeitung oder des Rezensenten in Rechnung (wenn man sie denn kennt und mit Konformismus oder behaupteter Identität rechnet). man schließt aus eindeutig positiven oder negativen Wendungen, die vorher oder nachher in dem Artikel stehen, auf den Gehalt der einzelnen Stelle (baut demnach auf Konstanz).

In gewisser Hinsicht können einem aber selbst die eindeutigen Wertungen (im zuletzt angeführten Artikel etwa »großer Erzähler«) Schwierigkeiten bereiten: Nachdem man auf solche klaren Urteile gestoßen ist, erwartet man vielleicht ständig Wertungen und klopft jedes Attribut auf seine Konnotationen ab.

Für den routinierten Teilnehmer an der literarischen Welt ist das natürlich kein Problem, der Vorgang läuft ›automatisch‹ ab; in einem kleinen Experiment, das ich mit Germanistikstudenten durchgeführt habe, also zumindest nicht völlig kenntnislosen Probanden, zeigte sich aber rasch, dass bei ihnen keinerlei Sicherheit in der Aufschlüsselung von einzelnen Wendungen und Angaben mit Blick auf die Rezensentenmeinung bestand (dass ›Komplexität‹ in fast allen heutigen Rezensionen sehr positiv und ›Beliebigkeit‹ höchst negativ konnotiert ist, stand ihnen als Vorwissen z.B. nicht zur Verfügung).

Zu dieser Unsicherheit tragen zwei weitere wichtige Punkte bei: Zum einen kommen die Rezensionen ohne Angaben zu persönlichen Gemütszuständen und körperlichen Reaktionen aus. Zum anderen verzichten sie zumeist auf Angaben eines Maßstabs oder einer Regel für die Einzelfallbeurteilungen.[15]

Als wollten sie Ayers Feststellung, ästhetische Urteile seien Empfindungsäußerungen, zumindest auf jener Ebene, die offen zutage liegt, umgehen, vermeiden sie Aussagen der Form ›Werk x hat mich an Stelle y gelangweilt, erregt, zum Lachen gebracht, geängstigt, von Ereignis z abgelenkt‹.

Dies würde Ayer zwar nicht davon abbringen, die häufig anzutreffenden Aussagen der Form ›Werk x ist interessant, öde, brillant, großartig, mittelmäßig, eine gelungene Komödie, ein faszinierender Thriller‹ als ästhetische Urteile und damit als Angaben der Empfindungen und Gemütszustände der Rezensenten angesichts bestimmter Werke einzustufen, die Reserve der Rezensenten symbolisiert aber wenigstens (bzw. versucht den Eindruck zu erwecken), dass sie mehr als ihren persönlichen Eindruck vermitteln wollen.

Andererseits geht dieser bei den Urteilsformulierungen anzutreffende Drang nach Objektivierung – dem Werk als ihm innewohnende Eigenschaft zuzuschreiben, was als Empfindung des Betrachtenden angegeben werden könnte (oder nach Auffassung Ayers müsste) – nicht so weit, dass für das Urteil über das einzelne Werk auch eine feste Beurteilungsgröße angegeben würde.

Es gibt in den untersuchten »Feuilleton[s]« nur eine Ausnahme davon; in einer Rezension zu einer Tanzaufführung heißt es kategorisch: »Aber das politische Engagement kommt der Qualität in die Quere: Wie immer, wenn Kunst eine Botschaft transportieren soll, geht sie unter der Last in die Knie.« (FAZ, S. 12). Damit ist klar: Nicht nur diese spezielle Aufführung, sondern jedes politisiert-didaktische Kunstwerk ist ein schlechtes Kunstwerk – gemäß der (nach Auffassung des Artikels) geltenden Regel für ästhetische Werthaltigkeit, dass politische Botschaften die Qualität der Kunst beträchtlich schmälern.

Die anderen Rezensionen gehen diesen Schritt nicht. Bei vielen von ihnen könnte man zwar wegen der Vehemenz und Sicherheit der vorgetragenen Einschätzungen den Eindruck gewinnen, die von den Urteilen ableitbaren Maßstäbe gelungener Kunst gälten immer; die Rezensionen selbst bleiben aber auf das individuelle, konkrete Werk bezogen, deshalb gelten die Einschätzungen aus Sicht der Rezensenten nur mit Blick auf dieses Werk.

Sicher, man könnte als Betrachter jederzeit ableiten, dass ein Rezensent, der z.B. die realistische Genauigkeit eines bestimmten Werks lobt, grundsätzlich realistische Genauigkeit als unverzichtbare Eigenschaft großer Kunst postuliert. Dies wäre aber eine bloße Spekulation, die nicht einmal dann Beweiskraft besäße, wenn in allen Kritiken eines Autors bei je besonderen Werken das Vorkommen realistischer Genauigkeit gelobt und ihr Fehlen getadelt würde. In den Rezensionen selber wird nämlich wie gesagt keine Regel des Schönen oder gelungener Kunst aufgestellt.

Dem Eindruck, über eine Poetik und mit ihr verbundene strikte Regeln zur Bewertung von Kunstwerken zu verfügen, zerstreut das »Feuilleton« insgesamt dadurch, dass bei der Kritik von Kunstwerken offenkundig nicht ein Maßstab angelegt wird, vor dem sich konsequent jeder Roman, jeder Film, jede Aufführung bewähren muss.

Häufig wird immerhin betont, dass die Betrachtung und Bewertung der »Form« wichtig sei (›Form‹ fungiert dabei zumeist als eine Metapher für ›gute Schreibweise‹, ›gute Malweise‹, ›gute Kompositionsweise‹ etc). Dies ist freilich bloß eine Selbstverständlichkeit, denn wenn nur Themen und Motive Gegenstand des Kunst-Urteils wären, wäre es gleichgültig, ob man Gegenstände der Kunst oder Nicht-Kunst bewertete. Sinn gewönne der Hinweis auf die Bedeutung der Form lediglich, wenn man betonte, dass für das Urteil über ein Kunstwerk nur die Form, nicht der Inhalt berücksichtigt worden sei (und als Regel gefasst: werden dürfte).

»Feuilleton« und Politik

Wie bereits angedeutet, stößt man im »Feuilleton« keineswegs nur auf Kunstkritiken. Zwar kann man dort keine Gedichte, Witze, Rätsel, Feuilletonromane, Kurzgeschichten, Aphorismen lesen, wohl aber Beiträge zu politischen Themen.[16] Diese Beiträge unterscheiden sich nicht von denen des »Politik«-Teils, etwa weil sie inaktuell oder zumindest weniger aktuell wären[17]. In vielen Fällen unterscheiden sie sich nicht einmal hinsichtlich der Facetten eines Themas. Manchmal gibt es nicht einmal bei der Textsorte einen Unterschied, denn kürzere und mittellange Kommentare gibt es auch im »Politik«-Teil, auch Essays (oder wie immer man längere Kommentare nennen möchte).

Bei der ZEIT fällt der Unterschied bei der Behandlung derselben Themen am geringsten aus. Die ZEIT nutzt ihre relative Distanz zur hochaktuellen Berichterstattung der Tageszeitungen weniger dazu, bei politischen Themen der vorangegangenen Woche eine umfassende Hintergrundberichterstattung anzubieten, sondern versieht in erster Linie die bekannten Meldungen mit Einschätzungen der Journalisten, ihrer Interviewpartner oder von Gastautoren.

Überwiegend sind es sogar die Journalisten selbst, die Ereignisse bewerten, über Motive spekulieren und über tiefliegende Gründe philosophieren, Meinungen abwägen, Akteure gewichten, Prognosen anstellen und Forderungen formulieren. Dies geschieht in unterschiedlichem Maße – ausgerechnet in Artikeln, die sich der Reportageform annähern, wird von den dem Genre gemeinhin zugestandenen Möglichkeiten, die Reporter-›Subjektivität‘ ins Spiel zu bringen, wenig Gebrauch gemacht –, mindestens eine der genannten Kommentarhandlungen wird jedoch in allen Artikeln vollzogen. In der ZEIT kann es also überhaupt nicht auffallen, dass im »Feuilleton« keine Berichte stehen, weil es im ersten Buch gar keine und in der kompletten Ausgabe fast keine gibt.

Folgerichtig ist es teilweise wohl eher dem Zufall geschuldet, in welchem Teil der ZEIT die Artikel erscheinen, wenigstens ist das in der hier analysierten Ausgabe vom 21. Juli 2016 so. Nicht im »Feuilleton«, sondern im »Politik«-Teil führt jemand aus, dass die »Literatur« (Musil, Zweig, Mann, Gracq) »uns viel über die heutige Übergangsperiode lehren« könne (S. 3); ein Beitrag eines »Feuilleton«-Redakteurs zum Zustand der Demokratie in der Türkei (S. 44) hätte genauso wie ein Artikel über einen türkischen Journalisten (S. 54) im »Politik«-Teil erscheinen können, umgekehrt die Reflexionen eines Politikwissenschaftlers über den heutigen Terrorismus aus dem »Politik«-Teil (S. 8) im »Feuilleton«.

Ähnlich in einer Ausgabe der SZ aus derselben Woche (20. Juli). In ihr findet man zwar (anders als in der ZEIT) im ersten Buch viele Berichte und Hintergrundberichte, die »Feuilleton«-Artikel zu politischen Themen (Lage in der Türkei nach dem Putsch; Stimmungslage in Frankreich) hätten aber gleichfalls im vorderen Teil der Zeitung abgedruckt werden können, weder gibt es einen kulturpolitischen oder philosophisch-theoretischen Schwerpunkt noch kann von einem besonderen ›Feuilletonismus‹-Ton oder -Duktus die Rede sein. Auch weichen die dort vertretenen Meinungen von denen der Politik-Redakteure nicht ab.

Die FAZ weist im untersuchten »Feuilleton« (Ausgabe vom 22. April 2015) ebenfalls einen Beitrag aus, der sich – ebenso wie einige Beiträge des ersten Buchs – einem aktuellen Ereignis widmet, den Versuchen von Flüchtlingen, das Mittelmeer von Nordafrika aus zu überqueren. Da es hier bei den themengleichen Artikeln zu etwas größeren Unterschieden kommt, sollen sie im Folgenden genauer untersucht werden.

Auf der Titelseite der FAZ geht es in einem Bericht um eine »Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer« (»vermutlich mehr als 800 Tote[]« nach Kentern eines »Flüchtlingsboot[s]«; FAZ, S. 1). Man erkennt an solchen Berichten rasch, dass die geläufige Auskunft (oder Hoffnung), diese Textsorte zeichne sich durch die kommentarlose Wiedergabe von Tatsachen aus, um den Satz ergänzt werden sollte, diese Tatsachenwiedergabe betreffe häufig Aussagen Dritter: Berichtet wird hier lediglich, was Behörden, Politiker, Zeugen gesagt haben. Die journalistische Aufgabe besteht hier nur in der Zusammenfassung und Auswahl anderer Texte oder mündlicher Aussagen; um (richtige oder falsche) Angaben, bei einem Ereignis (das keine Pressekonferenz war) dieses oder jenes gesehen und gehört zu haben, geht es in diesem Fall gar nicht.

Da man mit Worten sehr gut Worte wiedergeben kann (im Falle des Zitats bekanntermaßen sogar auf perfekte Art und Weise, wenn die Sätze durch Pressestellen der Gerichte, Exekutivorgane, Unternehmen schriftlich fixiert wurden), können alle Ansprüche auf Wahrheit und Objektivität (wenn auch nicht auf Ausgewogenheit) leicht erfüllt werden. Es bleibt dann natürlich noch die Frage, ob die wiedergegebenen Aussagen der Pressesprecher etc. wahr sind.

Die Hintergrundberichte der FAZ zu diesem Schiffsunglück können diese Frage auch nicht beantworten. Sie liefern stattdessen viele weitere Informationen, bei denen deutlich gemacht wird, dass sie mindestens teilweise auf eigene Zeugenschaft und eigene Recherche der Journalisten zurückgehen.

Dieser erhöhte Grad der Eigenständigkeit zeigt sich auch an der (freilich sehr seltenen) Verwendung stark konnotierter Ausdrücke (»prahlt«, »eingebleut«, »Hardliner«; FAZ, S. 5), an Einschätzungen mit höherem Abstraktionsgrad, die nicht auf den Wahrnehmungen der Sinnesorgane beruhen (»Erfolgsaussichten […] sind […] unklar«; FAZ, S. 5), sowie an gelegentlichen Spekulation, die vonseiten der Journalisten selbst kommen (»weil der Flüchtlingsstrom mit dem besseren Wetter erst so richtig loszugehen scheint«; FAZ, S. 4). Auf Bewertungen wird in all diesen Hintergrundberichten verzichtet, die Journalisten vermerken nicht, etwas sei gut, schlecht, wünschenswert oder bedrohlich.

Dies bleibt einem Kommentar auf der Titelseite vorbehalten. Er vertritt (scheinbar resignierend) einen Ansatz, von dem er schreibt, dass er vom »Sturm der Entrüstung« derjenigen »zerzaust« werde, die von einer »Festung Europa« redeten. Gegen die heutige »Tornado-Politik« (angesichts der Tatsache, dass der Kommentar ein Schiffsunglück zum Anlass hat, bemerkenswert unsensible Metaphern) kurzfristiger, von »Moralpredigten« ausgelöster Maßnahmen gerichtet, schlägt er dennoch vor, die seiner Ansicht nach wahren Ursachen der Katastrophe anzugehen. »Verursacher dieses Elends« seien »unfähige Regierungen, korrupte Staatenlenker, kriegslüsterne Eliten und skrupellose Geschäftemacher Afrikas und des Nahen Ostens, nicht Europas.« Dies müsse sich ändern (wie das geschehen soll, bleibt unerörtert), damit »Migranten und Flüchtlinge« nicht »illegal nach Europa kommen wollen« und so »mit ihrem Leben spielen« (FAZ, S. 1)

Auf der ersten Seite des Feuilletons derselben Ausgabe heißt es hingegen: »Die Hauptursache für den aktuellen Anstieg der Flüchtlingszahlen ist der Zerfall der staatlichen Ordnung in Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens. Europa hat diesen Zerfall nicht etwa aufgehalten, sondern selbst befördert, indem es über Jahrzehnte und noch inmitten der arabischen Aufstände skrupellose Tyrannen massiv unterstützte.« Es gebe folglich eine »deutsche und europäische Mitverantwortung« für das »Massensterben im Mittelmeer« (FAZ, S. 9).

Wenn sie auch im Punkte der ›Mitverursachung‹ nicht zu demselben Ergebnis kommen, gehen beide Artikel trotz der unterschiedlichen Publikationsressorts also auf dieselbe Weise vor: Sie stellen nicht unmittelbar wirksame Gründe für konkrete Geschehnisse fest.

Wer hat nun Recht? Wegen der weiten Spanne zwischen behaupteter Ursache und beschriebener Wirkung ist das nicht mit Sicherheit zu sagen. Berichte vermeiden darum üblicherweise solche Angaben, sie halten sich an leichter überprüfbare Ursache-Wirkung-Verkettungen (›Fischkutter rammt Frachter und kentert deshalb, darum ertrinken rund 800 Flüchtlinge‹). Kommentare benutzen sie hingegen, um eine Wertung zu verdeutlichen oder zu umgehen: Beide Texte verzichten auf die Aussage, dass es gut und geboten sei, Diktatoren zu stürzen, angesichts der angeführten Wirkung solcher Diktaturen (Flüchtlingstote im Mittelmeer) versteht sich das für sie offenkundig von selbst und erübrigt eine explizit formulierte Wertung.

Unterschiede zwischen beiden Texten gibt es gleichwohl. Beim »Feuilleton«-Beitrag handelt es sich nicht um einen Text eines Journalisten; unter dem Beitrag ist vermerkt: »Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani lebt in Köln. Zuletzt erschien von ihm ›Zwischen Koran und Kafka – Westöstliche Erkundungen‹.« (FAZ, S. 9)

Der Beitrag eines Laien steht natürlich in der Tradition intellektueller Zeitungsartikel. Getragen vom Renommee als Literat oder Wissenschaftler, nimmt der Intellektuelle seine öffentliche Rolle u.a. dadurch wahr, dass er sich zu politischen Fragen äußert. Darin unterscheidet er sich nicht von allen anderen Bürgern auch, im Unterschied zu diesen finden Intellektuelle jedoch leichter Zugang zu bestimmten Massenmedien.

Eine Tendenz der letzten Jahre ist, dass diejenigen Intellektuellen, die besonders häufig in Tages- und Wochenzeitungen ihre politischen Ansichten und Ratschläge verkünden dürfen, keine ausgewiesenen Experten außerhalb dieser publizistischen Tätigkeit sind. Ob Sloterdijk, Precht oder eben Kermani, literarische Werke oder wissenschaftliche Fachpublikationen, die unter ihresgleichen einen hohen Rang besäßen, haben sie nicht verfasst, stattdessen gründet sich ihre Bekanntheit auf ihren essayistischen Betrachtungen zu ›Gott und der Welt‹ (bzw. zu ›westöstlichen‹ Themen oder »Koran und Kafka«). Ihr Vorrecht, zumindest ihr Sonderstatus innerhalb der Zeitung zeigt sich am Artikel Kermanis vor allem daran, dass er als einziger Autor aus allen untersuchten Ausgaben (abgesehen von Leserbriefschreibern und Interviewpartnern) »ich« sagen darf.

Dadurch wird nicht nur deutlich gemacht, dass es eine konkrete Person ist, die Werturteile formuliert, sondern indirekt auch, dass viele Fakten, über die in man in Zeitungen informiert wird, nicht auf maschinellen Messverfahren beruhen, sondern auf den Wahrnehmungen von Menschen.

In den Redaktionen der Tageszeitungen mag man das als Banalität betrachten, weshalb man auf den Gebrauch des Personalpronomens der Ersten Person Singular strikt verzichtet, unter der Hand entsteht so zwangsläufig aber teilweise der Eindruck des Ungreifbaren und Indiskutablen: Beobachtungen haben kein Subjekt, Werturteile ergehen ohne Angabe von Bedürfnissen und Stimmungen, die der Gebrauch eines ›ich‹ zumindest nahelegen würde.

Im »Feuilleton« tritt immerhin als Mittlerfigur mitunter ›der Leser‹ (SZ, S. 14; ZEIT, S. 48), ›der Betrachter‹ (FAZ, S. 10) oder ein »man« (SZ. S. 13) mit seinen Bedürfnissen, Einschätzungen und Rezeptionsweisen auf; da diese Angaben aber selten auf empirische Erhebungen zurückgehen (eine Ausnahme: SZ, S. 14), handelt es sich de facto bloß um den Versuch, Spekulationen (im seltenen Fall auch markiert: »vermutlich werden sich viele Besucher der Ausstellung wundern«; ZEIT, S. 49) und Projektionen des jeweiligen Autors eine gültigen Anstrich oder gar anthropologische Dimension (»uns menschlichen Betrachtern«; ZEIT, S. 51) zu geben. Wiederum verschwindet das ›ich‹ – statt über die Wirkungen des Artefakts auf sich selbst zu berichten, zieht der jeweilige Autor diese ins Fantastisch-Allgemeine.

Bei Kermani nun bekommen die Einschätzungen und ihre Gründe eine grammatisch unmissverständlich persönliche Note (»inzwischen glaube ich, dass die Politiker nicht mehr recht haben und eine Mehrheit der Bevölkerung durchaus bereit wäre, auf etwas Wohlstand zu verzichten«; FAZ, S. 9).

Auch beruft er sich nicht nur auf Wissen aus Zeitungsberichten, gleich zu Beginn legt er Wert auf die Feststellung, Dinge selbst gesehen zu haben. Das mache einen großen Unterschied aus, denn Angaben zu Totenzahlen blieben abstrakt, hoch einprägsam aber sei die eigene Anschauung des Grauens: »[J]etzt sah ich das Blut an den Grenzen Europas, das bis heute immer weiter tropfende Blut.«

Die eigene Wahrnehmung tritt somit aber gleich wieder zurück, denn das Blut »bis heute« tropft, sieht er ja nicht mehr selbst, sein Aufenthalt in der spanischen Enklave Ceuta mit ihrem gefährlichen Grenzzaun datiert auf den Herbst 2005, wie Kermani zu Beginn des Artikels angibt.

Darum überrascht es auch nicht, dass Kermani es keineswegs bei einer impressionistischen Anekdote belässt (im Sinne des ›Anfeaturens‹), sondern die Augenzeugenschaft gebraucht, um darauf sein eigenes Werturteil zu gründen: Es sei richtig, die Flüchtlinge aufzunehmen, handele es sich bei den Flüchtlingssperren doch um »eines der großen Verbrechen unserer Zeit«. Dies gilt nicht nur für die »Toten im Mittelmeer«, mit denen er an dieser Stelle die Schuld der EU belegen möchte, sondern auch für Grenzeinrichtungen wie die Zäune Ceutas, wie aus einem anderen Passus im mittleren Teil des Artikels hervorgeht: »Solange die Tore Europas nicht wenigstens für Verfolge offenstehen […], wird das Blut weiter tropfen.« (Ebd.)

Der sinnliche Eindruck wird benutzt, um den eigenen Werturteilen Gewicht und zwingenden Charakter zu verleihen: Blut und Tod belegen für Kermani das »Verbrechen« (im nicht juristischen Sinne?), aus dem Faktum des blutigen, tödlichen »Verbrechen[s]« folgt unabweislich, wie gut es wäre, Flüchtlingen zu ermöglichen, die Grenzen lebend zu passieren; geboten ist demnach die Aufhebung der Grenzbefestigungen.

Paradox mutet das an, weil diese unabweisliche Folgerichtigkeit offenkundig nicht besteht – man sieht es bereits in derselben Ausgabe am Kommentar auf Seite 1, der zu einer anderen Bewertung kommt, obwohl dem Journalisten die Lage nicht schlechter bekannt ist als Kermani, schließlich gibt es nicht nur auf der Titelseite in einem Bericht ein weiteres Beispiel für die tödlichen Konsequenzen der nicht legalen Einreiseversuche (eine »Flüchtlingskatatrophe im Mittelmeer mit vermutlich mehr als 800 Toten«), sondern dient der Kommentar genau dazu, dieses Geschehen einzuordnen und als Ausgangspunkt für politisch-moralische Werturteile zu nutzen.

Der Unterschied zwischen dem Kommentar auf Seite 1 und dem Beitrag im »Feuilleton« besteht also nur darin, dass sie zu unterschiedlichen Angaben von Ursachen und zu unterschiedlichen Urteilen über die aus ihrer Sicht gebotenen politisch-moralischen Handlungen gelangen – und darin, dass der »Feuilleton«-Autor nicht nur »ich« sagen darf, sondern sich auch auf die eigene sinnliche Wahrnehmung eines mit dem Thema verbundenen Ereignisses beruft.

Schluss

In der Philosophie und in Grundlagenreflexionen der Geistes- und Kulturwissenschaften zählt es zu den häufig unternommenen Versuchen, den Status von ›Wirklichkeitserkenntnis‹ und ›wahren Aussagen‹ herauszufordern. Dies geschieht nicht nur, um eine Methode zu etablieren, mit der solche Erkenntnisse und Aussagen zuverlässig hervorgebracht werden können, sondern oftmals auch, um zu verneinen, dass dies gelingen könne. Zahlreiche Strömungen – Idealismus, Pragmatismus, Systemtheorie, Konstruktivismus, Poststrukturalismus etc. – stehen für diesen Zweifel und sogar oft für eine Verabschiedung der Möglichkeit ein, zur richtigen Erkenntnis der Wirklichkeit, zu wahren Aussagen über die Welt und zu richtigen Tatsachenfeststellungen zu gelangen.

Auch die wissenschaftliche Untersuchung des Journalismus ist davon nicht ausgenommen. In einem Sammelband mit »Grundlagentexte[n] zur Journalistik« heißt es entschieden: »Unter dem Einfluss des (radikalen) Konstruktivismus hat sich die Journalismusforschung von dem Gedanken verabschiedet, Journalismus bilde Realität ab, spiegele die Welt, so wie sie ist, wieder«. Was bleibt dann? Nach Auffassung der Autorinnen sehr viel: »Journalismus bietet vielmehr Interpretationen des gesellschaftlichen Geschehens.«[18]

Dies steht in starkem Kontrast zu den üblichen Ratgebern für Journalisten (die zum Teil auch in Wissenschaftsverlagen erscheinen), in denen dem Journalisten aufgegeben wird, mit Meldung (bzw. Nachricht) und Bericht eine unterschiedliche Anzahl an ›W-Fragen‹ zu beantworten.[19]

Fragen nach dem ›Was‹, ›Wie‹ und ›Warum‹ lassen sich offenkundig ohne Kenntnis des Sachverhalts und seiner Bedingungen nicht beantworten. Wird verneint, dass es etwas anderes als »Interpretationen« geben könne, verlieren die Fragen zwar nicht völlig an Bedeutung, ihre Beantwortung gewinnt aber einen vollkommen anderen Status: Wenn es nur »Interpretationen« gibt, dann wird niemand mehr für seine Antwort in Anspruch nehmen können, nur sie gebe das Ereignis richtig wieder, allein sie sei wahr.

Zudem fällt mit den »Interpretationen« auch die Möglichkeit der Unterscheidung von Bericht und Kommentar. In dem »Grundlagentext« ist merkwürdigerweise dann doch von »Fakten« die Rede, es heißt aber sofort weiter: »Fakten sind immer kontextuell eingebunden, als singuläre Informationen sind sie sinnlos. Sie sind Teil bestimmter Diskurse, kultureller Erklärungsmuster oder gesellschaftlicher Debatten«.[20]

Für Debatten sind nach traditioneller und weiterhin gängiger redaktioneller Lesart jedoch die Kommentarspalten zuständig. In Berichten kann nach dieser Auffassung zwar über Debatten informiert werden, in ihnen ist aber kein Platz für eine eigenständige Position zu diesen Debatten, das bleibt dem Kommentar und Leitartikel vorbehalten.

Wie immer man nun zur Frage steht, ob Aussagen (wenn sie wahr sind) die Wirklichkeit erfassen oder ob es sich stets um »Interpretationen« handelt, die an die Wirklichkeit außerhalb menschlicher Sprachkonventionen und »Diskurse« nicht herankommen, lassen sich die konstruktivistischen Positionen zumindest für die Analyse der Feuilletons nutzen: Im »Feuilleton« (wenigstens in den drei Ausgaben, die in diesem Aufsatz untersucht wurden) gilt die konstruktivistische Grundannahme insofern, als in all seinen Artikeln (zwei kurze Berichte ausgenommen) »Debatten« geführt werden oder versucht wird, sie zu eröffnen.

Dies geschieht u.a. durch die Aufstellung von Werturteilen. Damit ist zwar nicht notwendigerweise gesagt, dass die Autoren meinen, ihre übrigen Aussagen (zum Inhalt eines Romans, zur politischen Lage in der Türkei, zum Frankfurter Dom-Römer-Quartier usf.) reichten – wie alle anderen auch – nicht an die Wirklichkeit heran. Deutlich gemacht wird so aber, dass es für die »Feuilleton«-Autoren und -Redaktionen nicht entscheidend ist, nur »Fakten« zu benennen, sondern dass es für sie darauf ankommt, diese als Teil von »Debatten« zu betrachten.

Wie stark diese Auffassung ist, sieht man daran, dass im »Feuilleton« für Werturteile keine speziellen Artikel reserviert sind, um durch diese Trennung zu symbolisieren, dass in den anderen Bereichen strenge Faktizität und Wirklichkeitswiedergabe walte. Wie gesehen, ist die Aufhebung der (wenigstens angestrebten teilweisen) Trennung von deskriptiven und präskriptiven Aussagen jedoch kein Privileg des »Feuilleton[s]«. In der Wochenzeitung DIE ZEIT beherrscht diese Vorgehensweise alle Teile des Blattes, es gibt an keiner Stelle ein Gebot für die Journalisten, Werturteile allein in den Textsorten Kommentar, Glosse, Rezension und Reportage anzubringen.

Wenn es wie in dieser Ausgabe der ZEIT nicht einmal ableitbare Ausschlussprinzipien bei Grammatik, Stil und Rhetorik gibt (wie es der Fall wäre, wenn nur im Feuilleton Journalisten ›ich‹ sagten, wenn nur im Feuilleton Metaphern zum Einsatz kämen, usf.) und im »Feuilleton« über viele verschiedene Themen, nicht nur solche der Kunst, geschrieben wird, müssen sich Angaben zu Unterschieden zwischen den unterschiedlich benannten Teilen der Zeitung auf graduelle Differenzen beschränken. Sollte sich diese Richtlinie auch bei Tageszeitungen durchsetzen, wären alle Zeitungen von der ersten bis zur letzten Seite ›mehr oder minder‹ ein Feuilleton.[21]

 

Anmerkungen

[1] Wolff, Volker: ABC des Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus, Konstanz: UVK 2006, S. 126

[2] Häusermann, Jürg: Journalistisches Texten, 3., überarbeitete Auflage, Konstanz: UVK 2011, S. 219

[3] Todorow, Almut: Das Feuilleton der »Frankfurter Zeitung« in der Weimarer Republik. Zur Grundlegung einer rhetorischen Medienforschung, Tübingen: Max Niemeyer 1996, S. 12.

[4] Ebd., S. 10-13.

[5] Ebd., S. 12f.

[6] Ebd., S. 12.

[7] Zuletzt Kernmayer, Hildegard: »Sprachspiel nach besonderen Regeln. Zur Gattungspoetik des Feuilletons«, in: Zeitschrift für Germanistik 3 (2012), S. 509-523, hier S. 512.

[8] Wenn ›Feuilleton‹ mit doppelten Anführungsstrichen geschrieben wird, sind in diesem Artikel hier immer die jeweiligen Seiten der drei Blätter (SZ, Zeit, FAZ) gemeint, über denen ebendieses Wort steht.

[9] Carnap, Rudolf: »Abraham Kaplan on Value Judgements«, in: ders., The Philosophy of Rudolf Carnap, hg. v. Paul Arthur Schilpp, La Salle und Chicago: Open Court 1963, S. 999-1013, hier S. 999.

[10] Ayer, Alfred J.: Sprache, Wahrheit und Logik [Language, Truth and Logic, 1936], Stuttgart: Reclam 1970, S. 150f.

[11] Putnam, Hilary: The Collapse of the Fact/Value Dichotomy and other Essays, Cambridge (Mass.) und London: Harvard University Press 2002, S. 101.

[12] Ebd., S. 137.

[13] Ebd., S. 34f.

[14] Dazu Najder, Zdzislaw: Values and Evaluations, Oxford: Clarendon Press 1975, S. 150f.

[15] Grundsätzlich dazu Heydebrand, Renate von/Winko, Simone: Einführung in die Wertung von Literatur. Systematik – Geschichte – Legitimation, Paderborn u.a.: UTB 1996, S. 43.

[16] Zur Zunahme der Artikel zu politischen Themen seit den 1960er Jahren vgl. Steinfeld, Thomas (Hg.): Was vom Tage bleibt. Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland, Frankfurt am Main: Fischer 2004; Reus, Gunter/Harden, Lars: Politische »Kultur«. Eine Längsschnittanalyse des Zeitungsfeuilletons von 1983 bis 2003, in: Publizistik 50/2 (2005), S. 153-172, hier S. 162. Geht man bloß von unseren drei Ausgaben aus, scheint eine Änderung seit 2003 nicht eingetreten zu sein. Das müsste aber natürlich auf größerer Materialbasis untersucht werden.

[17] Selbst die einzige Ausnahme von dieser Regel, Durs Grünbein persönliche Erinnerungen an eine Briefmarke mit dem Porträt Hitlers (Zeit, S. 46), wird zumindest am Ende kurz von Überlegungen zu heutigen Hitler-Darstellungen motiviert; offenbar reichte das der Redaktion aber noch nicht, sie schrieb unter die Überschrift: »Was sich aus der bunten NS-Briefmarkensammlung eines zukünftigen Schriftstellers lernen lässt«.

[18] Klaus, Elisabeth/Lünenburg, Margret: »Journalismus: Fakten, die unterhalten – Fiktionen, die Wirklichkeiten schaffen. Anforderungen an eine Journalistik, die dem Wandel des Journalismus Rechnung trägt«, in: Irene Neverla/Elke Grittmann/Monika Peter (Hg.), Grundlagentexte zur Journalistik, Konstanz: UVK 2002, S. 100-113, hier S. 104.

[19] V. Wolff: ABC des Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus, S. 75.

[20] E. Klaus/M. Lünenburg: »Journalismus: Fakten, die unterhalten – Fiktionen, die Wirklichkeiten schaffen«, S. 102. Dieses Postulat von Klaus/Lünenburg ist bereits publizistische Wirklichkeit (gewesen), folgt man der Angabe von Almut Todorow aus dem Jahr 2000: »In der heutigen Zeitung« sehe man, »daß die Trennung von Nachricht und Feuilleton an vielen Stellen nicht mehr die alte Arbeitsteilung vollzieht […]. Diskursorientierte an Stelle herkömmlich ereignisbezogener Texteinheiten […] breiten sich über die verschiedenen Ressorts hinweg aus. […] Die additive Reihung ausgekargter Nachrichten, die noch um die Jahrhundertwende [1900] das Bild der Zeitung bestimmte, ist heute fast ganz verschwunden.« Todorow, Almut: »Das Feuilleton im medialen Wandel der Tageszeitung im 20. Jahrhundert. Konzeptionelle und methodische Überlegungen zu einer kulturwissenschaftlichen Feuilletonforschung«, in: Kai Kauffmann/Erhard Schütz (Hg.): Die lange Geschichte der Kleinen Form. Beiträge zur Feuilletonforschung, Berlin: Weidler 2000, S. 25-39, hier S. 30.

[21] Um Missverständnissen vorzubeugen, sei hinzugefügt, dass diese Feststellung nicht auf die Diagnose und Wertung hinauslaufen muss, der »Sieg des Feuilletons in allen Sparten« sei gleichbedeutend mit einer »Veroberflächlichung« und »Auflösung von Gründlichkeit und Zuverlässigkeit«. Meunier, Ernst/Jessen, Hans: Das deutsche Feuilleton. Ein Beitrag zur Zeitungskunde, Berlin: Carl Duncker 1931, S. 133 u. 130.

 

Gekürzte Version des Aufsatzes »Werturteile im heutigen Feuilleton der ›Süddeutschen Zeitung«, der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹ und der ›Zeit‹« aus: Hildegard Kernmayer/Simone Jung (Hg.): Feuilleton. Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur, Bielefeld 2018, Transcript Verlag, S. 287-305. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

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