Aug 222019
 

Die Banalität des Battle

Den Echo gibt es nicht mehr. Er wurde abgeschafft, weil er keinesfalls als Plattform für Antisemitismus, Frauenverachtung, Homophobie oder Gewaltverharmlosung wahrgenommen werden möchte. Im Geiste erstelle ich eine Liste mit mindestens fünfzig Vereinen und Organisationen, die sich auch abschaffen sollten. Dabei ist der Echo nicht das Problem. Er ist kein Qualitätspreis, er wird aufgrund von Quantität verliehen. Das Problem sind also die Leute, die Freiwild, Xavier Naidoo, Kollegah und Farid Bang herunterladen. Oder, wie es in einem Kommentar des WDR formuliert wird: Battle- oder Gangster-Rap ist ein Spiegel der heutigen Zeit und deshalb auch irgendwie antisemitisch. Müssen die ja wissen, denke ich mir, immerhin hat der WDR vor gut einem Jahr die Dokumentation »Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa« nicht ausgestrahlt. Und irgendwie scheint ja auch alles schon gesagt zu sein. In nahezu jeder Tages- und Wochenzeitung wurden die Textzeilen »mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen« oder auch »mache wieder mal ʼnen Holocaust, kommʼ an mit dem Molotow« kritisiert, kommentiert, skandalisiert oder auch als Kunstfreiheit bagatellisiert. Was kann also noch geschrieben werden? 

Zunächst einmal: Kollegah ist in erster Linie ein erfolgreicher Geschäftsmann mit zuweilen lustigen Ideen. Sein Modelabel heißt Deus Maximus, die dazugehörigen Waschanleitungen sind mit dem Satz »nur für Frauen« gekennzeichnet, und mit dem Trainingsprogramm »Bosstransformation 2.0« bekommt man in nur 12 Wochen für nur 197,- EUR Killer-Muskel-Ergebnisse. Garant für diesen ›Business Case‹ ist die Geschmacklosigkeit von Kollegahs Texten, sein Hass auf Frauen und Mädchen, seine islamistischen Gewalt- und Mordfantasien. Die Leute lieben sowas, das nennt man Provokation, habe ich mir sagen lassen. Aber mal ehrlich: Was gibt es Langweiligeres als solche Sätze wie »Dein Chick ist ’ne Broke-Ass-Bitch, denn ich fick’ sie, bis ihr Steißbein bricht«? Jeder Elternabend in der Grundschule provoziert mich mehr als dieses ewige Rumgeficke und Rumgeheule. Zudem ist es einfach zu offensichtlich, warum gerade Kollegah sein Heil im Porno- und Gangsta-Rap sucht. Denn jede Textzeile, jeder Hoodie und jeder Bosstransformationfitnessdrink verweist darauf, dass Kollegah eben kein solcher ist. Er ist Felix Blume, der scheinfreie Jurastudent aus Friedberg, der eigentlich ganz froh ist, kein Zuhälter sein zu müssen, und bestimmt auch gern mal einen Caramel Latte trinkt. 

Dennoch lohnt es sich, einen genaueren Blick auf Kollegah zu werfen. Und dies nicht, weil er so einzigartig oder streitbar wäre. Das Gegenteil ist der Fall: Kollegah scheint ein ganz gewöhnlicher Antisemit zu sein. Er teilt diesen leidenschaftlichen Wahn mit Millionen von Deutschen und steht repräsentativ für eine deutsche Realität, die gläubige Jüd*innen in Deutschland dazu zwingt, ihre Religiosität zu verheimlichen. »Tragt keine Kippa«, rät Josef Schuster in seiner Funktion als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ein kurzer Blick auf die Seite der Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) gibt ihm mehr als Recht: Allein im Jahr 2017 wurden 947 Vorfälle erfasst, darunter 18 Angriffe, 23 Bedrohungen, 42 Sachbeschädigungen, 679 Fälle verletzenden Verhaltens sowie 185 Vorfälle von Massenpropaganda. 

Im Folgenden möchte ich also über Antisemitismus schreiben. Dieser erschöpft sich allerdings nicht in den bereits genannten Beleidigungen von Opfern der deutschen Vernichtungspolitik oder der Verharmlosung nationalsozialistischer Zwangslager. Vielmehr ist Antisemitismus – so formuliert es der Sozialpsychologe Sebastian Winter – eine leidenschaftliche Welterklärung, in deren Mittelpunkt die Idee vom ›Juden‹ steht. Bemerkenswert ist also, dass Antisemitismus nichts mit konkreten Menschen bzw. Jüd*innen zu tun hat. Antisemitische Stereotypisierungen wie ›Brunnenvergifter‹ und ›Kindermörder‹ hatten und haben keinen Bezug zur Wirklichkeit oder wirklichen Subjekten. Sie sind zutiefst irrational, ihre alleinige Funktion ist Projektion. Denn Antisemitismus bedient das psychische und soziale Bedürfnis mancher Menschen nach totaler kollektiver Identität. Durch die Idee des ›Juden‹ werden innere Konflikte und Unsicherheiten nach außen auf die böse, »geheimnisvolle Andersheit« (Adorno) gerichtet – wodurch das eigene Kollektiv das identische Gute bleibt. Jean-Paul Sartre beschreibt diese Projektion auch als wahnhafte Sehnsucht nach Abgeschlossenheit, welche durch die Angst vor Veränderung und vor Verantwortung begleitet wird. Oder wie es der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn formuliert: Antisemit*innen haben Angst vor Mehrdeutigkeit und Freiheit, sie befinden sich im »Wahn der Homogenität«.

In ebendiesem befindet sich auch Kollegah, wenn er im Musikvideo von »Apokalypse« (2016) auf dem Tempelberg in Ostjerusalem gegen das Böse kämpft. Denn es taucht nicht nur in Gestalt des Teufels auf, sondern trägt dazu einen Ring mit Davidstern und sitzt – wie könnte es anders sein – in einem Bankenturm. Die Bildsprache ist also schon ziemlich flippig, aber auch der Songtext lässt nichts aus: Illuminaten und die USA kontrollieren mit schwarzer Magie die »Geschicke der Welt geschäftsmännisch«. In dem Song »N.W.O.« von 2013 geht es zwar etwas langweiliger zu (Verschwörung, neue Weltordnung, all das unter dem »zufriedenen Blick des allsehenden Auges«), allerdings kommt hier endlich das große Motiv des deutschen Porno-, Gangsta- und Emo-Rap zum Tragen: die Marionette. Bei Kollegah ist es erstmal nur der Präsident, der in den Seilen hängt, aber im Jahr 2017 gelingt es dem souligen Xavier Naidoo, das Puppentheater auf die gesamte Politik auszuweiten – sie alle sind doch bloß Steigbügelhalter, übernehmen nur noch sachverwalterische Aufgaben, weil die wirklich Mächtigen … na, Sie wissen schon. Auch Haftbefehl vertickt Koks an die Juden von der Börse und fantasiert über die Rothschilds, nichts Neues.

Wenn man nun allerdings meint, der Xavier hätte von dem Felix abgeschrieben, so stimmt das nicht. Im Jahr 2009, als Kollegah sich der »Endlösung der Rapperfrage« widmete, veröffentlichte Xavier Naidoo nämlich das Lied »Raus aus dem Reichstag«, in dem es heißt, dass die »Jungs von der Keinherzbank« und »Baron Totschild« den Ton angeben. Und weiter: »Der Schmock [jiddisch für Tölpel, K.S.] ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel.« Drei Jahre später erscheint dann ein Hidden-Track von Xavier Naidoo und Kool Savas über »satanische Verschwörer«, »okkulte Rituale« und eine »Loge, getarnt unter Anzug und Robe. Sie schreiben ihre eigenen Gebote«. Nicht zu vergessen: »Ich schneide euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, so wie ihr es mit den Kleinen macht.« Also alles drin, antisemitische Verschwörungsideologie par excellence: Kindermörder, Strippenzieher, Banken, Kontrolle, Geheimbünde, Grundgütiger. Deshalb verwundert es auch überhaupt nicht, dass Kollegah in bekannter Gut-Böse-Manier die sog. Dokumentation »Kollegah in Palästina« (2016) dreht. Untertitel: »Ich möchte meiner palästinensischen Crowd sagen, ihr solltet nicht den Kampfgeist verlieren, sondern zusammenhalten. Gebt nie auf. Verliert nie den Glauben! Sie können Häuser von Euch nehmen, sie können Euch die Kinder wegnehmen […]«. Aha.

Jetzt ist es natürlich so, und da sind sich die Herren einig, dass die Lügenpresse alles verzerrt darstellt. Sie lieben Juden, kennen welche, chillen auch mit denen, und Juden dürfen sogar kostenlos zum Konzert kommen. Deshalb wurden all diese antisemitischen Bilder, Verweise, Äußerungen und Anspielungen entweder zurückgewiesen (›war nicht so gemeint‹) oder mit Verwunderung zur Kenntnis genommen (›den Text hab ich ja gar nicht geschrieben‹). Kollegah veröffentlichte sogar ein »Ansage«-Video, in dem er sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus zur Wehr setzte. Allerdings wurde hier bei Minute 1:17 eine antisemitische Karikatur gezeigt, die Juden mit Hakennasen als Kontrolleure der Federal Reserve Bank, der Wall Street, der Sozialen Medien, von Hollywood und Fernsehen, der Justiz, der Krebs- und der Pornografie-Industrie ins Bild setzte. Nun hat sich aber Gott sei Dank herausgestellt, dass Kollegah nichts von der Grafik gewusst hat. 

Anhand dieser Beispiele wird deutlich, wie Antisemitismus im Rap funktioniert: Texte und Bilder werden zu einem kulturellen Code verschmolzen, der den identitätsstiftenden Kampf ›Gut gegen Böse‹ in ›Rapper gegen die jüdische Weltverschwörung‹ übersetzt. Dieser Kampf ist nicht nur irrational, sondern wahnhaft und paranoid. Der Sozialpsychologe Rolf Pohl meint zwar, dass »die psychischen Wurzeln dieses zerstörerischen Prozesses« im Bereich des Normalen liegen. Aber: »[D]ie weiteren Wege und Mechanismen der antisemitischen Feindbildkonstruktion folgen dem Muster einer Pathologie. Der Hass auf Andere bei gleichzeitiger Selbstdefinition durch die Zugehörigkeit zu einer überlegenen Rasse, Gruppe oder Nation trägt in seiner Primitivität wahnhafte Züge«. Und da Antisemitismus fast alle Kriterien eines psychiatrisch definierten Wahns, genauer: einer paranoiden Psychose erfüllt, ist jede Aufklärung zwecklos. Denn es geht hier nicht um Wissen und Fakten, sondern um einen tief verankerten, welterklärenden Glauben. Oder anders: Versuchen Sie mal, jemanden auf seine Verschwörungsphantasien anzusprechen – Sie sind ab sofort Teil des Problems.

Diese Irrationalität ist auch der Grund, warum Antisemitismus in allen sozialen und politischen Milieus verbreitet ist. Treffpunkt sind gemeinhin antiisraelische Demonstrationen, da tummeln sie sich alle: linke, rechte, islamistische Antisemit*innen; vereint unter einem Banner, welches garantiert ›Kindermörder‹ skandiert. Denn verbindendes Element ist hier der verschwörungstheoretische Antisemitismus, den teilen auch gleich 30% der deutschen Bevölkerung. Theodor W. Adorno begründet diese umfängliche Paranoia ausführlich in seinen »Studien zum autoritären Charakter« (1950) und verweist dort vor allem auf die Funktion der Projektion. Auch Jean-Paul Sartre kommt in seinen »Betrachtungen zur Judenfrage« (1966) zu dem Schluss, dass Antisemitismus zuallererst von einem Gefühl getragen wird: »Der Antisemit ist ein Mensch, der Angst hat: vor sich selbst, vor seiner Willensfreiheit, seiner Verantwortung, vor der Einsamkeit und vor jedweder Veränderung, vor der Welt und den Menschen, vor allem – außer vor den Juden«. 

Antisemitismus, so lässt sich zusammenfassend festhalten, ist demzufolge eine spezifische Haltung zur modernen Gesellschaft, die durch die Idee des ›Juden‹ verknüpft wird. Diese Idee ist zwar historisch, religiös und kulturell begründet, ist aber prinzipiell austauschbar: »Nicht die Erfahrung schafft den Begriff des Juden, sondern das Vorurteil fälscht die Erfahrung. Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden«, sagt Sartre. Die imaginierte Gemeinschaft kämpft wahlweise gegen die da oben, gegen den Westen, den Kapitalismus, die Politik, die Schuld, den Feminismus, gegen Israel oder auch gegen die Medien. Letzteres stellt sich im Fall des Echo als besonders identitätsstiftend heraus. Denn das peinliche »Ansage«-Video von Kollegah zeigt eindrücklich, wie Kritik postwendend in das kriegerische Weltbild integriert wird: »Sie denken, sie können uns mit der Waffe des Antisemitismus schlagen. Haben die keine Eier, wer stellt sich denn sonst noch gegen die außer wir? Boss und Banger, wir ficken alle«. Und so geht es weiter: Krieg, Pussys, Kämpfen, nochmal Ficken. Der Battle ist allgegenwärtig. Und wie könnte es anders sein: Die antisemitische Paranoia lässt die Kassen der Plattenfirmen klingeln. Also alles in allem doch recht banal, finde ich. 

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