Mai 272019
 

Merkmale und Wertungen

[aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 14, Frühling 2019, S. 150-177]

Viele sprechen von ›Populismus‹, Journalisten, Politiker und Wissenschaftler zugleich, eine erstaunliche Konjunktur des Begriffs. Nicht wenige fügen hinzu, der Ausdruck sei diffus, schwierig zu definieren, schwer zu fassen. Auch das ist immer ein untrügliches Zeichen für die Bedeutung eines Worts; es zieht viele an, erscheint ihnen attraktiv, auch wenn sie nicht wissen, aus welchen Gründen. Bleibt ein Begriff umstritten, seine Bedeutung umkämpft, herrscht kein Einvernehmen darüber, worauf er sich bezieht, dann zeigt das seinen hohen Rang an, nicht seine Minderwertigkeit.

Teilnehmer an politischen Debatten wissen das aber nur selten richtig zu schätzen, sie glauben offenbar, irgendwo in der gesellschaftlichen Welt gebe es Dinge, die ihren Namen auf der Stirn trügen, weshalb nur eine Bedeutung zutreffe, die den Kern der Sache erfasse. Dies denken sie nicht nur angesichts greifbarer Gegenstände – Rednerpulte im Parlament, Richterroben, Stimmzettel, Schlagstöcke –, sondern immerfort. Zuerst gestehen sie die Schwierigkeit ein, den Begriff zu fassen, am Ende trauen sie sich es im Regelfall aber doch zu. Seht her, rufen sie dann, das ist Populismus, und zeigen dabei nicht nur auf Handlungen und Ereignisse, sondern – gewollt oder ungewollt – auch auf ihre eigene Verwendung des Begriffs.

Kommt demselben Wort in anderem Zusammenhang eine davon verschiedene Bedeutung zu oder wird es bewusst anders definiert, wollen sie das jedoch nicht als weiteren, unterschiedlichen Sprachgebrauch auffassen, sondern als Wirklichkeitsverkennung brandmarken. Sie sehen es darum nicht als ihren Erfolg an, wenn sich ihr Sprachgebrauch durchsetzt, sondern schreiben es dem Wesen der Dinge zu, die nur so richtigen Ausdruck finden konnten. Ihr eigenes Vermögen, mit Worten Tatsachen zu schaffen, wollen sie nicht wahrhaben. Sie wollen sich gar nicht dafür feiern lassen, Bedeutungen geschaffen und anderen erfolgreich vermittelt zu haben, sie wollen vielmehr das Medium sein, durch die Dinge sich anderen mitteilen. Dass diese Bescheidenheitsgeste bzw. diese Gewissheit, die politische Wirklichkeit richtig erkannt und zwingend benannt zu haben, ebenfalls ein rhetorischer Überzeugungs- und Lenkungsversuch ist, will ihnen darum nicht in den Sinn kommen.

Die Fähigkeit, mit Begriffen Weltanschauungen zu prägen, erreicht ihren Höhepunkt bzw. Abschluss, wenn die in die Welt gesetzten Wörter nicht nur bestimmte Phänomene aufrufen, sondern zugleich allen eindeutig erscheint, wie die bezeichneten Phänomene zu bewerten sind (ohne dass der Sprecher Adjektive wie ›gut‹, ›schlecht‹, ›gefährlich‹, ›vortrefflich‹ noch in den Mund nehmen müsste). Auch ›Populismus‹ war einige Jahrzehnte lang solch ein Wort, das kaum jemand in deutsch- und englischsprachigen Ländern mit positivem Akzent verwendete. Deshalb wurde es auch häufig gebraucht, um neue, zum Teil rasch aufstrebende Strömungen und Parteien der beginnenden 2010er Jahre zu bezeichnen, die der großen Mehrzahl an Politikern, Journalisten, Wissenschaftlern missfiel. Mittlerweile dient der Begriff aber nicht mehr ausschließlich als Negativbegriff, sondern wird von den derart Abgewerteten manchmal wieder mit positivem Zungenschlag angeeignet (historisch schließt sich dadurch der Kreis, der bei der US-amerikanischen Populist Party seinen Anfang fand; in den romanischen Sprachen, besonders in Lateinamerika, ist ›Populismus‹ ohnehin nie ein reines Schimpfwort gewesen).

Diese Ambivalenz versteht sich beinahe von selbst, steckt in ›Populismus‹ doch genauso wie in ›Demokratie‹ das ›Volk‹ (lateinisch ›populus‹, griechisch ›demos‹). Gerade im Deutschen ist dieser Gleichklang der Wortherkunft freilich wenig gegenwärtig, darum reden Populismus-Kritiker auch nicht vom ›Demokratismus‹. Der Demokratie bleibt so nicht nur der angehängte ›ismus‹, mit dem oftmals (Extremismus, Fanatismus), wenn auch nicht immer (Humanismus) eine Abwertung angezeigt wird, erspart; sie wird prinzipiell von der antipopulistischen Abneigung nicht erfasst. ›Demokratie‹ als Begriff soll keinerlei Missklang zugedacht bekommen.

Das allerdings ist viel weniger selbstverständlich, man muss hier bloß an Kants deutliche Bevorzugung des »Republikanism« (mit der Gewaltenteilung als Regierungsform) gegenüber der »Demokratie« (als Herrschaft des Volkes bzw. seiner Mehrheit) erinnern. Dank der Konzentration auf ›Populismus‹ kann diese Konsequenz vermieden werden. Mit der abfälligen Rede über den ›Populismus‹ kann man sich missbilligend zu Volks-Konzeptionen äußern, ohne mit kritischem Unterton ›Demokratie‹ sagen zu müssen.

Trotz dieser Ignoranz oder Raffinesse bleibt aber auch für die Gegner des Populismus die Notwendigkeit bestehen, ihre Scheidung von guter Demokratie und schlechten populistischen Bestrebungen zu begründen oder auf andere Weise plausibel zu machen. Dann kommt Kants Differenzierung aus seiner Altersschrift »Zum ewigen Frieden« (1795) oftmals wieder zu Ehren. In der negativ gehaltenen Aussprache über den Populismus machen sich Demokraten zumindest auf verdeckte Weise selbst den Prozess, indem sie mit dem ›Volk‹ und seinen Herrschafts- und Ausdrucksformen ins Gericht gehen.

Als Zeitschrift, die sich der Analyse der Pop- und Populärkultur widmet, sind wir für solche Populismus-Debatten prinzipiell gut vorbereitet. Sehr viele der Kritikpunkte am Populismus scheinen aus den älteren Diskussionen über die populäre Kultur geläufig zu sein. Es ist darum naheliegend, in einem ersten Schritt ihr Potenzial für die Bestimmung und Einschätzung des Populismus zu überprüfen. Ebenfalls vertraut muten die Bestrebungen der letzten Jahre an, dem Begriff ›Populismus‹ wieder eine positive Konnotation zu verleihen. Hier stellt sich die Frage, ob dabei an die oftmals geglückten Versuche angeschlossen wird, Wörtern im Umkreis der (einst) verfemten Populär- oder Massenkultur einen guten Klang zu geben. Dieser Frage soll im zweiten Teil nachgegangen werden.

Populäre Kultur

Während der ungebrochenen Dominanz von Aristokratie und Klerus bedurfte die Kunst und Kultur der Herrschenden keiner umfangreichen Theorie und Verteidigung, die detailliert Mängel, Zumutungen und verführerische Verlockungen der Lebensweisen der Bauern, Handwerker, Söldner herausstellt, um den eigenen Vorrang zu rechtfertigen. Erst mit den Erfolgen bürgerlich-revolutionärer Bestrebungen ändert sich dies, als Argumente aufkommen, mit denen gegen die höfische Lebensart deutlich gemacht werden soll, dass es so etwas wie eine respektable Kultur des Volkes gibt.

Diese Variante zielt in Abgrenzung von der Kultur der Gelehrten und des Adels auf eine regionale und später nationale Einheitsvorstellung. ›Kultur‹ wird frühzeitig an Abstammung, Klima und Geografie, die eine bestimmte Lebensweise hervorbringen, gebunden, nicht an aristokratische Verfeinerungen. ›Volkspoesie‹, als Ausdruck solch ursprünglicher Kultur, ist darum ein Lobestitel; sich auf ihre Einfachheit und Sinnlichkeit zurückzubesinnen. Sie wird den gebildeten Autoren im Namen der ›Popularität‹ abverlangt, damit ihre Lieder und Schriften die Gemeinsamkeiten zwischen den Schichten wieder verstärken.

Zum Volk zählen aber nicht alle, die sich einer allzu ›unnatürlichen Kultur‹ verweigern; die Abgrenzung kann auch in die andere Richtung gehen: Bei Herder ist es der »Pöbel«, der vom »Volk« geschieden wird. Das Volk »singt und dichtet«, der Pöbel »schreit und verstümmelt«, heißt es unmissverständlich in seinen Betrachtungen über die »Volkslieder« aus dem Jahr 1779. Mit der alten Tradition, nach der ›Volk‹ ›niederes Volk‹ bedeutet, wird hier gebrochen, die Zweiteilung bleibt jedoch erhalten: Der Anteil des ›Niederen‹ wird an den ›Pöbel‹ weitergegeben.

›Pöbel‹ geht ebenfalls auf ›populus‹ zurück, es sind aber die Wörter ›populär‹ und ›Popularität‹, die im deutschsprachigen Bereich im Unterschied zu ›Pöbel‹ um 1800 häufiger ihren negativen Klang verlieren. Schiller etwa hält 1791 in seiner Besprechung zu den Gedichten Gottfried August Bürgers »Popularität« für ein sehr wichtiges Ziel, er besteht allerdings darauf, dass man dieses Ziel nur durch »Idealisierkunst« erreichen könne und dürfe. Wer nie »die Schönheit der Form«, sondern bloß erregende, sinnliche »Materie« in seinen Gedichten böte, dem versagt Schiller folglich den Lobestitel des »Volksdichters«. 

Bis auf den heutigen Tag sind diese Argumente und Urteile immer wieder zu vernehmen. Mit dem Rangverlust der Aristokratie tritt die Abgrenzung gegen das ›Niedere‹ stark in den Vordergrund. Solche Abgrenzungen greifen im Bürgertum selbst Raum (›Bürger‹ gegen ›Kleinbürger‹, ›Bildungsbürger‹ gegen ›Besitzbürger‹) und v.a. in der Auseinandersetzung der ›Bürger‹ mit den – aus ihrer Sicht – Nicht-Bürgern (den ›Proleten‹, den ›Plebejern‹, dem ›Pöbel‹, der ›Unterschicht‹, der ›Masse‹, den ›Halbstarken‹, den ›Beatfans‹, den ›TV-Konsumenten‹, den ›bildungsfernen Schichten‹, der ›Spaßgesellschaft‹ etc.). Ihnen wird mitunter nach dem Vorbild Schillers bescheinigt, eine falsche Form der Popularität zu erzielen. Oftmals lautet das Urteil aber, Popularität sei ein (fast) untrügliches Zeichen des Minderwertigen. Die ›niederen‹ Schichten verfügen nach dieser Auffassung über eine eigene, ›niedere‹ Kultur – eine ›Unkultur‹, die wegen der großen Zahl der Subalternen leider eine hohe Popularität genieße. Zu den Merkmalen solch ›populärer Kultur‹ gehörten Schlichtheit, Vulgarität, Konditionierung, Schematismus, Seichtheit, Effekthascherei, Kitsch und eine bornierte sowie leicht manipulierbare Rezeption. Nicht die Werkschöpfer mit ihren Absichten und Ansprüchen seien hier von Bedeutung, sondern die Werke hinsichtlich ihrer Funktion, für Ablenkung, Freude, Sinnenkitzel, Aufregung, Bestätigung zu sorgen. Schafften sie dies nicht, würden sie vom Publikum der Populärkultur verworfen, das keine weitere Anstrengung der Ausdeutung und der historischen Einbettung unternähme, um sich Werk und Autor näherzubringen.

Zwar kann man diese Einschätzungen über zwei Jahrhunderte lang unverändert hören, sie treten aber nicht zu jeder Zeit in derselben Stärke und Anzahl auf. Zwei Unterschiede sind mit Blick auf das Populismus-Thema besonders bemerkenswert. Erstens geht die Einschätzung, die populäre sei zumeist eine niedere Form der Kultur, seit den 1960er Jahren kaum noch mit starken Bedenken gegenüber dem politischen System der Demokratie mit ihrem gleichen Stimmrecht für jeden wahlberechtigten Staatsbürger einher. Dies war lange Zeit anders. Um noch einen Klassiker, Tocqueville, anzuführen, bei dem kulturelle und politische Kritik untrennbar verbunden sind: Der bevormundenden Macht jener öffentlichen Meinung, die in der Wahldemokratie von Mittelmaß und Oberflächlichkeit beherrscht werde, entspreche eine Kultur, in deren Mittelpunkt das Gefällige und Reißerische stehe (»De la Démocratie en Amérique«, erster Band 1835, zweiter Band 1840 erschienen). Diese Diagnose führt nicht selten zu Vorschlägen, das Prinzip gleichen Stimmrechts aufzuheben, was sogar von einem der Ahnherren des Liberalismus, John Stuart Mill, propagiert wurde. Da die öffentliche Meinung (»public opinion«) auf konformistische Weise von den mittelmäßigen Massen dominiert werde (»On Liberty«, 1859), solle ein ungelernter Arbeiter bei Wahlen über eine Stimme verfügen, ein gelernter Arbeiter über zwei, ein Vorarbeiter über drei, Bauern, Händler, Handwerker über drei oder vier, Rechtsanwälte, Ärzte, Priester, Schriftsteller, Beamte über fünf oder sechs – und alle, die einen Universitätsabschluss erworben haben, über mindestens genauso viele. Zusätzlich schlägt Mill vor, dass jeder bei freiwilligen Prüfungen die Höchstzahl an Wahlstimmen erringen könne, wenn er dort nachweise, ungeachtet seines Standes über eine ›höhere Bildung‹ zu verfügen (»Thoughts on Parliamentary Reform«, 1859), welche ihn offenbar befähigt, vom Mittelmaß abzuweichen. Solche Konsequenzen ziehen die scharfen Kritiker der Populär- und Massenkultur in der Gegenwart nicht mehr, ihre Klagen über die Verflachung der Bildung kommen ohne Forderungen nach entsprechenden (heutzutage verfassungswidrigen) Wahlrechtsänderungen aus.

Der zweite historische Unterschied, der auch Auswirkungen auf die Populismus-Debatte besitzt, hat ebenfalls etwas mit dem individuellen, egalitären Stimmrecht zu tun. Nun geht es aber um ihre Summierung und die damit verbundenen Folgen. Wenn unstrittig ist, dass derjenige, der bei politischen Wahlen die meisten Stimmen erhält, die größten Rechte erhält, auf Machtpositionen zuzugreifen, dann kann bei anderen ›Wahlsiegern‹ nicht von vornherein ausgeschlossen werden, dass ihnen ebenfalls eine bedeutende Rolle zusteht. Tatsächlich hat auch im kulturellen Bereich die Orientierung an Charts und Quoten in den letzten Jahrzehnten beachtlich zugenommen; nicht nur kommerzielle Unternehmen, sondern auch öffentlich-rechtliche Sender, Museen etc. verweisen zu ihrer Legitimation regelmäßig darauf, dass ihre Erzeugnisse hohe Plätze bei der quantitativ bilanzierten Rezipientengunst – bei den ›Massen‹ – erringen. Eine kategorische Vermeidung quantitativer Verfahren zugunsten qualitativer Maßstäbe findet nicht mehr statt. Durch die Ausstellung solcher Daten in Charts und anderen Listen wird sehr häufig sichtbar, dass die nationale Populärkultur sich völlig oder weitgehend von gewissen traditionellen, vom Klima und der Bodenbeschaffenheit diktierten, von manchen als natürlich und ethnisch unabdingbar angesehenen gelöst hat und ganz im Reich der internationalen Künstlichkeit angekommen ist.

Qualitative Maßstäbe, die kategorisch die Minderwertigkeit populärer Kultur behaupten, bleiben in den Bereichen der subventionierten Kunst, des Feuilletons, der Schulen und Universitäten gleichfalls nicht ohne Herausforderung. Verwiesen wird dann weiterhin (1) auf die traditionelle, ländlich-landsmannschaftlich verankerte Folklore, (2) auf die solidarische, realistische, pragmatische Kultur der Arbeiter, Handwerker und Bauern, oder seit einigen Jahrzehnten v.a. (3) auf (internationale) Subkulturen, die sich um authentischen, gemeinschaftsinnigen Ausdruck oder (4) um subversive Praktiken bemühen. Aber auch ohne soziologischen Zugriff können sich Hoch- bzw. Umwertungen etablieren, die Artefakte der Populärkultur nobilitieren: Das Vulgäre ist nach positiv gewendetem Urteilsspruch das Sinnliche, das Konditionierende das Reizvolle, das Schlichte das Einfache, Unvermittelte, Direkte, das Stereotype das Musterhafte, das Seichte das Unterhaltsame, der Kitsch das Opulente, die Effekthascherei das Karnevaleske, die Borniertheit emphatische Identifikation – und gerade das nicht schön bzw. nicht nach autonomen ästhetischen Prinzipien Durchgeformte befördere kreative Aktivität und verhindere jene eine passive Haltung, die kanonisierte akademische wie moderne Kunstwerke bewirkten.

Viele, aber nicht alle dieser Ab- und Umwertungen spielen auch bei der Rede über den Populismus eine wichtige Rolle. Es wird sich zeigen müssen, ob es in stärkerem Maße die Übernahmen, die Auslassungen oder die Verschiebungen sind, die hier von Bedeutung sind. Da zumindest die Rede vom ›Populismus‹ jüngeren Datums ist als die über das ›Populäre‹ und die ›populäre Kultur‹, kann aber eins vorweggenommen werden: Zum ›Populismus‹ gibt es kaum etwas, das nicht bereits zum ›Populären‹ und zur ›Masse‹, zu ›public opinion‹ bzw. ›popular clamour‹ ausgeführt worden ist.

Merkmale des ›Populismus‹

Wenn nun verschiedene Merkmale zusammengetragen werden sollen, dann geht es stets um Eigenschaften, die von anderen benannt worden sind, nicht um eine eigene Bestimmung. Es geht also auch nicht um eine abschließende Liste von Merkmalen, die am Ende zu einer eigenen Definition mit notwendigen und hinreichenden Elementen addiert würden, sondern um einen Überblick über wichtige Positionen, die nicht zuletzt eine Funktion in der politischen Auseinandersetzung besaßen oder besitzen. Es soll deshalb nicht um akademische Definitionen ohne Resonanz, sondern um wirkungsmächtige Begriffsverwendungen und Sprachregelungen gehen. Drei Punkten kommt dabei eine besondere Bedeutung zu: Die Bestimmung des Populismus als (1) wirklichkeitsfremde, (2) vereinfachende, (3) essentialistische politische Weltanschauung. Alle drei Bestimmungen gewinnen ihr Profil, indem sie die angeführten Eigenschaften explizit oder implizit auf Volks-Konzeptionen hin ausrichten.

(1) Als der ›Rechtspopulismus‹ noch nicht in aller Munde war, hieß es angesichts einer ganzen Reihe politischer Vorhaben bereits oftmals, sie seien ›populistisch‹. Diese Einschätzung war immer negativ gemeint. Wenn sie von liberalkonservativer Seite kam, sollte sie nicht nur zum Ausdruck bringen, dass Absichten und Forderungen politischer Gegner wirklichkeitsfern seien, unverantwortlich und überzogen, sondern auch, dass sie sich zu nah an den Wünschen und Instinkten großer Teile der ungebildeten, wenig sachkundigen, ideologisch verblendeten Bevölkerung bewegten – nach älterer Terminologie: an denen des ›Volks‹ bzw. der ›Masse‹. Aus der Kritik an der Populärkultur besonders gut bekannt ist Annahme von der Verführbarkeit und übermäßigen Sinnlichkeit des kulturindustriell konditionierten Publikums. Gemeinsam ist unterschiedlichen negativen Einschätzungen der populären Kultur die Auffassung einer passiven, ›weiblichen‹, konsumorientierten Masse. Was in der Kritik am kommerziellen Spektakel die leichte Manipulation der Zuschauer und die einfachen, sinnlichen Reizauslöser sind, ist in der Populismus-Kritik die Verführbarkeit und materialistische Haltung der angesprochenen Wähler. Diese ließen sich durch ›Wohltaten‹ und finanzielle ›Geschenke‹ (die ihnen als Staatsbürgern und Steuerzahlern offenbar keineswegs zukommen) allzu leicht vom Blick auf die eigentlich gebotene Zurückhaltung im Dienste eines unterstellten Gesamtwohls.

So vertraut die liberalkonservative Populismuskritik ausfällt, so selten wird auf ihren beinahe paradoxen Zuschnitt hingewiesen. Zum einen polemisiert sie gegen die Wirklichkeitsferne der politischen Vorhaben, zum anderen postuliert sie eine ewige Wirklichkeit konsumistischer, leicht verführbarer Haltungen unter gewissen niederen Schichten, manchmal sogar unter breiten Schichten der Bevölkerung. Der liberalkonservativen Populismuskritik bliebe deshalb streng genommen bloß ein resignierter Modus übrig: Hält sie ihre eigenen Prämissen für wahr, kann sie bloß zum Schluss gelangen, dass sich die populistischen Forderungen beim leicht verführbaren Volk stets durchsetzen. Ihre Kritik müsste dann im Bewusstsein erfolgen, dass sie sinnlos bzw. aussichtslos ist. Verfügt die Kritik jedoch über einen hoffnungsvollen Grundton, erweist sich ihre Argumentation als heuchlerisch bzw. als effektvoll zugespitzt – denn solche Hoffnung kann in einer Demokratie nur bestehen, wenn das Volk als vernünftig oder erziehbar gilt.

Aufseiten linksprogressiver Akteure erweist sich der Populismus-Vorwurf darum ebenfalls als problematisch. Wenn sie ihren konservativen, liberalen oder reaktionären Gegnern vorwerfen, populistisch zu agieren, verraten sie ihre eigenen aufklärerischen, plebejischen oder anti-elitären, volksfreundlichen Überzeugungen. Deshalb sollte eine linke Kritik an autoritären, xenophoben, misogynen Parolen und Einstellungen, die in Form der Populismus-Kritik ergeht, leninistischen Kräften und neulinken Theoretikern, die keine Sympathien für Volks- oder Volksfront-Konzeptionen hegen, vorbehalten bleiben. Für Linke, die im Zeichen solidarischer Massen oder mehr oder minder spontaner Bewegungen antreten, verbietet sich jene Populismus-Kritik, die eine leichte Verführbarkeit oder gar eine prinzipielle Ignoranz niederer Schichten oder großer Volksklassen konstatiert, eigentlich von selbst.

(2) Es gibt aber einen Weg, dem gerade aufgezeigten Widerspruch zu entgehen. Das Volk wird als prinzipiell vernünftig oder erziehbar angesehen, seine gelegentliche Anfälligkeit gegenüber populistischen Vorschlägen deren großer manipulativer Kraft zugeschrieben: Populisten seien geschickt, charismatisch, begabte Redner, verfügten über wirkungsvolle Slogans und klare, eingängige politische Abgrenzungen. Bei entsprechender Aufklärung sei aber die Demokratie vor solchen Manipulationen oder Rhetoriken gefeit.

Dies klingt grundsätzlich gut und plausibel, das Problem dieser Argumentation liegt jedoch in ihrer inhaltlichen Ausgestaltung. Schaut man näher hin, erkennt man rasch, in welch starkem Maße die Rede von den geschickten Populisten wenig Raffiniertes ins Feld führt: plakative Slogans, viriles Auftreten, Lautstärke, Schwarz-Weiß-Gegensätze, Vereinfachungen, haltlose Versprechungen, Lügen usf. Angesichts solcher Manipulationen und Verführungen, die den Populisten von ihren Gegnern nachgesagt werden, ist es kaum oder gar nicht mehr möglich, von einer schwer durchschaubaren Strategie zu sprechen, die eine erhöhte Aufklärungsanstrengung benötigte. Folglich kann auch das Volk gar nicht vernünftig sein, das auf solche primitiven Überredungsmaßnahmen anspricht. Sind die eingesetzten Mittel ebenso einfach wie erfolgreich, müssen auch die Überzeugten schlicht sein. Die Demokratie steht dann in Frage, wenn die Wahlberechtigten derart leicht zu manipulieren sind und offenkundig über sehr wenig Vernunft verfügen. Woran sollte Aufklärung dann überhaupt ansetzen?

(3) Der dritte wichtige Bestimmungspunkt des ›Populismus‹ setzt genau hier an. Er nimmt die Perspektive der Populisten ein und enthält sich dadurch erst einmal der Wertung. Das Volk gilt nicht sofort als simpel, wenn als typisch für den Populismus angenommen wird, dass er sich durch die Absetzung von einer verdorbenen Elite auszeichne – eine Abgrenzung, die nicht bloß quantitativ (wir viele gegen die wenigen), sondern substantiell vorgenommen werde. Aus der (unterstellten) Mehrheit der Bevölkerung werde so das Volk. Der angenommene Gegner dieses Volks gehört folglich nicht zu ihm, die Eigenschaften des Antipoden können nicht die des Volks sein; alle, die über jene Eigenschaften verfügen, zählen nicht zu ihm, sie unterliegen dem Ausschluss, sind ›volksfremd‹. Aus populistischer Sicht gibt es darum keine Wahlbevölkerung, aus der heraus die einen für dieses, die andere für jenes, dritte für drittes etc. eintreten und stehen, sondern das essentielle Volk mit seinen guten Eigenschaften und ›Volksfremde‹ mit schlechten.

Man braucht keinen Politikwissenschaftler oder Soziologen, um zu dieser Bestimmung zu gelangen. Sie ist von den Verfechtern der US-amerikanischen Peopleʼs Party (auch als Populist Party firmierend) in vielen Reden Ende des 19 Jahrhunderts zum Ausdruck gebracht worden: »It is no longer a government of the people, by the people and for the people, but a government of Wall Street, by Wall Street and for Wall Street«, hört man dort etwa. Der Klassengegensatz steht aber bei den »Populists« (wie die Parteianhänger auch heißen) nicht für sich allein, sondern wird überwölbt durch den zwischen rechtschaffenem Volk und unmoralischen Herrschern: »The great common people of this country are slaves, and monopoly is the master. Money rules, and our Vice President is a London banker. Our laws are the output of a system which clothes rascals in robes and honesty in rags.« (zit. n. John D. Hicks: »The Populist Revolt. A History of the Farmersʼ Alliance and the Peopleʼs Party«, Minnesota 1961, S. 160)

Aus dem simplen Volk wird so das anständige Volk, das sich seine ›ursprüngliche‹ Tugend, seine Natürlichkeit erhalten hat und dadurch vor der Einstellung (wenn auch nicht den Handlungen) der ›wurzellosen‹, internationalen, ›amoralischen‹, ›dekadenten‹ Elite bewahrt bleibt. Wenn wiederum die Kritiker solch populistischer Anschauungen nicht allein deren Volks-Essentialismus und die unterstellte Tugendhaftigkeit des sesshaften Arbeiters und Kleinbürgers als haltlos verwerfen, sondern (auch) die Primitivität der ganzen Konzeption denunzieren, bekommt die vorgebliche Einfachheit aber erneut ihre negative Bedeutung zugewiesen: Aus dem anständigen, mit ›gesundem Menschenverstand‹ ausgestatteten Volk wird das simple, gemeine, niedere Volk.

Wertungen des Populismus

Wie gesehen, gehen Bestimmung und negative Bewertung des Populismus oftmals Hand in Hand. Neuerdings sind aber auch in Europa und den USA Bestrebungen zu beobachten, den Populismus-Begriff positiv zu wenden. Ganz anders als in den Cultural Studies sind diese Umwertungen jedoch nicht auf den Nachweis kultureller Praktiken hin ausgerichtet, die in einem überraschenden, vielfältigen, abweichenden Gebrauch standardisierter Produkte bestehen, sondern streichen genau umgekehrt das Generalisierbare und Essentielle heraus. Zum einen werden unter dem Zeichen eines positiv gewendeten Populismus bewusste politische Zuspitzungen gelobt (erst Freund/Feind-Dichotomien erlaubten eine Diskussion und Entscheidungsfindung, die einer vorgeblichen Alternativlosigkeit entgehe) sowie Setzungen hoch abstrakter, von vielen adaptierbarer, nicht technokratisch oder schichtenspezifisch vermittelter Werte als essentielle demokratische Verfahren gerechtfertigt (erst sie ermöglichten die Überbrückung der Spaltung in Interessengruppen). Zum anderen wird die Berufung auf das Volk mitunter in seinem Namen durchgeführt: Populismus als ›wahre‹ Demokratie, als ›Volksdemokratie‹. Bislang konnten diese Bemühungen aber keine Popularität erzielen, die abwertende Verwendung von ›Populismus‹ steht dem nach wie vor erfolgreich entgegen.

Viel an dieser kritischen Energie entstammt der bekannten alten Kritik an Pöbel, Plebs und Masse sowie der Kritik an Trivial- und Populärkultur. War erstere häufig direkt gegen die egalitäre Dimension der Demokratie gerichtet, bot letztere die Möglichkeit, eine Reserve gegenüber den vulgären Zumutungen der Masse zu signalisieren, ohne die Demokratie anzugreifen. Zwar zielte der Vorwurf der kommerziellen Kulturlosigkeit zwar regelmäßig auch auf jene (sozial)demokratischen Verhältnisse, die in den Augen der Skeptiker diese ›Unkultur‹ hervorbrachte, zunehmend wurde aber seit den 1960er Jahren die Kritik an Kulturindustrie, kommerzialisierter Öffentlichkeit und spektakulärer Popkultur gerade im Namen ›wahrer‹, ausgeweiteter Demokratie vorgetragen (und nicht im Zeichen geistesaristokratischer, reaktionärer, konservativer, realsozialistischer Gesellschafts- oder Staatsvorstellungen).

Mit dem Populismus-Begriff wird nun etwas Ähnliches versucht: Eine (offene) Kritik an der Demokratie oder zumindest an den Verhältnissen, die eine liberal-marktwirtschaftliche Ordnung hervorgebracht hat, vermeidet man, indem man ›populistische‹ Tendenzen in den Mittelpunkt rückt. Vereinfachungen, populäre Forderungen, nicht diskursive Elemente, Schwarz-Weiß-Malerei, Personalisierungen etc. sollen den Anschein bekommen, sie gehörten nicht recht zur Demokratie, sondern seien mehr oder minder antidemokratisch oder zumindest der Demokratie abträglich, mit einem (ihrem) Wort: populistisch. Dieses Argument verfängt aber überhaupt nicht, falls nicht das ganze Spektrum der größeren Parteien in den europäischen und nordamerikanischen Ländern mit einbezogen wird – denn sie agieren nach Maßgabe dieser Bestimmung allesamt populistisch. Will man diesen Schluss vermeiden, bleibt von den genannten Merkmalen wenig übrig, sie taugen dann offenbar nicht, um einen Widerspruch von (herrschenden) demokratischen Verhältnissen und populistischer Vorgehensweise zu behaupten.

Zu den genannten Angaben muss darum mindestens ein hinreichendes Merkmal hinzukommen. Der Verweis auf die Sinnlichkeit und Rohheit des Volks, das auf populistische Verführungen leicht anspricht, kann es offenkundig nicht sein, es sei denn, man ist ein libertär-anarchistischer, technokratischer, autokratischer oder elitärer Gegner der Demokratie schlechthin (nicht nur der liberalen). Die Berufung von Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern auf vermutete oder gemessene empirische Daten macht die Sache nicht besser. Der heutzutage oft zu lesende Hinweis, die Anhänger der Populisten rekrutierten sich aus der gestiegenen Zahl an ›Globalisierungsverlierern‹, geht aus dreierlei Gründen am Ziel vorbei: Erstens darf zumindest im Rahmen einer Popkultur-Zeitschrift angemerkt werden, dass bei diesem Befund immer unterschlagen wird, dass selbst diese ›Verlierer‹ oftmals der Globalisierung insofern nicht abgeneigt sind, als sie international vertriebene Popkultur-Produkte konsumieren, selbst wenn ihnen bewusst ist, dass sie mit der ›National‹- oder ›Volkskultur‹ nichts zu tun haben. Zweitens führt die Auffassung, es gebe tatsächlich eine beachtliche Zunahme an Verlierern, in die Irre. Zwar ist der genaue empirische Nachweis sicher schwer zu erbringen, es gibt aber gerade bei historischer Betrachtung wenig Grund zur Annahme, der meritokratische, liberaldemokratische Kapitalismus würde bei stärkerer Abschottung seiner Grenzen und bei einer nationaleren Gesinnung seiner Führungsschichten wesentlich mehr ›Gewinner‹ hervorbringen. Drittens suggeriert die These, dass die populistische Anschauung an eine bestimmte Schicht gebunden sei – und zwar nicht an die der internationalen, liberalen Elite (diese Ansicht wird sowohl von Gegnern wie Anhängern der AfD gerne vorgetragen). Gerade in der deutschen Geschichte war aber solcher ›Rechtspopulismus‹ keineswegs das Privileg von Modernisierungsverlierern oder niederem Volk.

Deshalb überzeugt auf den ersten Blick die heutzutage ebenfalls oft zu hörende Leitlinie, Populismus daran zu erkennen, dass seine Repräsentanten sich auf ein bestimmtes Volk berufen und nicht nur auf die Wahlbevölkerung mit ihren jeweiligen Abstimmungsergebnissen. In Übereinstimmung mit älteren Ausführungen zur populären bzw. zur Volkskultur ist das im Regelfall das ›einfache‹, ›ursprüngliche‹, mit ›gesundem Menschenverstand‹ ausgestattete, lokal ›verwurzelte‹, einen vorgeblichen Einklang von vorgefundener Natur und ethnischer Kultur bildende Volk.

Auch dieser Ansatz verfügt jedoch über das Problem, dass die Art, sich wiederholt auf ein ganz bestimmtes Volkssubstrat zu berufen (und nicht ausschließlich auf die Gesamtheit der Wähler), keineswegs exklusiv bei den Strömungen anzutreffen ist, die Liberale vorzugsweise als ›populistisch‹ einstufen. Neben der offenbar obligatorischen Auszeichnung der Vielfalt, durch die zwar Chauvinismus multikulturell abgewehrt wird, aber dennoch die international wirksame Mode- und Popkulturindustrie zugunsten je regionaler oder eben nationaler Kulturen abgewertet wird, ist ein besonders prägnantes Beispiel hierfür das penetrante Insistieren auf der ›Mitte‹ und der ›bürgerlichen Politik‹. ›Bürger‹ meint dabei eben nicht Wahlbürger, und die ›Mitte‹ bezeichnet nicht bloß eine angeblich moderate Politik, sondern hebt die Wähler aus der ›tüchtigen‹, ›integren‹ Mittelschicht als besonders demokratietauglich hervor. Auch hier kann es darum bloß um ein Mehr oder Weniger an Populismus gehen, nicht um einen prinzipiellen Unterschied. Die liberalen, christ- und sozialdemokratischen Kritiker des Populismus sollten sich darum bei ihren Bestrebungen, populistische Rhetorik mit Vereinfachungen und mangelnder Differenzierungsbereitschaft zu identifizieren, häufiger an ihre eigenen Maßstäbe erinnern.

Schluss

Die Durchsetzung des Populismus-Begriffs in der politischen und medialen Sphäre hat sich rasch vollzogen. Die Popularität des Begriffs verdankt sich wie gesehen nicht zuletzt dem Umstand, dass seine negativen Untertöne durch Wertungsmuster, die sich innerhalb der Gebrauchsgeschichte von Begriffen wie ›Masse‹ und ›populäre Kultur‹ gut eingespielt haben, recht zuverlässig garantiert sind. Dadurch ermöglicht es der Begriff ›rechtpopulistisch‹ (ebenso wie ›linkspopulistisch‹) gegenwärtig, nicht nur eine politische Richtung zu markieren, sondern diese im gleichen Atemzug als fragwürdig auszugeben. Die Alternative bestünde darin, anstatt ›rechtspopulistisch‹ ›konservativ‹ zu sagen. ›Konservativ‹ verfügt aber noch über eine höhere Dignität, deshalb unterlässt man dies, obwohl sehr viele der den ›Rechtspopulisten‹ zugeordneten Einstellungen auf ganz und gar konservativen Positionen beruhen: das Vertrauen auf die ›organisch gewachsene Gemeinschaft‹, deren Ordnung vor ›Fremden‹ bewahrt werden müsse, die Heteronormativität, die Berufung auf den ›gesundem Menschenverstand‹, die Skepsis gegenüber sozialreformerischen Intellektuellen wie gegenüber technokratischen Großprojekten und Steuerungsabsichten, die Abwehr supranationaler Organisationen, die Auszeichnung von Familie, (Kultur-)Volk, Nation als zentrale Einheiten.

Andererseits gehört es zu den Eigentümlichkeiten der zeitgenössischen Rede über den Rechtspopulismus, unter die derart Bezeichneten neben Konservativen häufig auch jene fallen zu lassen, für die sich ebenfalls traditionellere und gut gebräuchliche Begriffe förmlich aufdrängen: ›rechtsextrem‹ und vor allem ›faschistisch‹. Wieso diese nicht viel öfter verwendet werden, bleibt unklar, ist eventuell nur Zufällen des Sprachgebrauchs geschuldet oder verdankt sich doch dem planvollen Bemühen, Stigmatisierungen zu vermeiden, um die ›Verführten‹ unter den ›Populismus‹-Anhängern leichter in die ›Mitte‹ zurückholen zu können – zum ›Volks‹-Konzept im Sinne einer niederen, manipulativ erzeugten Populärkultur gehört es nun einmal, dem Volk bzw. den Populärkultur-Anhängern nicht zuzugestehen, dass sie zu einer selbstbewussten Einstellung gelangt sind.

Bei allem Verständnis für Taktiken oder Strategien dieser Art sei abschließend die Frage erlaubt, ob es nicht sinnvoller wäre, eine deutlichere Sprache zu sprechen, die mit den Traditionen der Populärkultur-Abwertung entweder bricht oder sie offensiv betreibt und damit in ihrem undemokratischen oder wenigstens antiplebejischen Grundzug kenntlich macht? Und um mit der Deutlichkeit gleich selbst anzufangen: Gerade eine Kritik, die sich wider Rechte oder Neue Rechte wendet, sollte sich von Volks-Mystifikationen und Populärkultur-Essentialismen abwenden, auch wenn sie es erlauben, auf mehr oder minder elegante, indirekte Weise Abneigungen gegen Konservative und Reaktionäre zu mobilisieren. Bei solch einer Abkehr würde wahrscheinlich auch leichter sichtbar werden, dass Populärkultur zumindest in Form international wirksamer Popmoden ein Gegenmittel zur populistischen Volkskultur darstellt – Tokio rückt dadurch viel näher als München oder Chemnitz – und nicht allein ein Grund zur Sorge.

 

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