Dez 312018
 

Distribution und Inszenierung von Nachrichten im Web 2.0

50 Jahre sind vergangen, seitdem der kanadische Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan nicht nur das globale Dorf prognostizierte, sondern auch erstmals verbalisierte, dass das Medium die Botschaft sei. Wenn also Smartphone, Laptop und Tablet die eigentliche Botschaft sind, was sind dann ihre Kernaussagen? 

Das Web 2.0 und die Sozialen Medien sind als eine neue Spielart der Massenmedien zu interpretieren. Deren Entstehung fällt mit der Industrialisierung und dem aufkommenden Kapitalismus zusammen[1]: Weder die Industrialisierung noch die Massenmedien können ohne den Kapitalismus gedacht werden, und für eine umfassende Analyse der massenmedialen Wirkung muss diese immer auch im Kontext ihrer profitgesteuerten Existenz betrachtet werden.[2] Alle Massenmedien sind an Informationen gebunden [3], die zumeist in Form von Nachrichten[4] weitergegeben werden. Was als Nachrichten in den Massenmedien Verbreitung findet, wurde bislang durch Medienvertreter*innen definiert, die in ihre Entscheidungen das Konsumverhalten ihres jeweiligen Zielpublikums miteinbeziehen.[5] Massenmedien sind unmittelbar an handelnde Akteure, an Narrationen, an Schlagzeilen und Bildmaterial gebunden. Bei der Analyse wird man also den Dreiklang von Wort, Bild und deren Reproduzierbarkeit immer im Auge behalten müssen, wobei unter dem Gesichtspunkt des gegenwärtigen Paradigmenwechsels der Massenmedien sich die Reproduzierbarkeit auf die Übermittlung bzw. die Distribution erweitert hat: „War das Ethos der analogen Fotografie von der Reproduzierbarkeit bestimmt, so ist das mobile, vernetzte Bild von der Übermittelbarkeit bestimmt; […].“[6]

Massenmedien sind durch einige Kernelemente definiert, mit denen wir uns unablässig konfrontiert sehen: Schlagzeilen oder Teaser als Aufhänger der Geschichte, Informationsvermittlung, Emotionalisierung durch Bild und Ton sowie die anschließende Verbreitung der Nachricht. In diesem Kontext begegnet uns im Web 2.0 alles, was wir aus den traditionellen Massenmedien – Zeitung, Fernseher oder Radio – bereits kennen. In letzter Zeit konnte eine erhöhte Affizierung des Bildes durch die Sozialen Medien nachgewiesen werden.[7] Allerdings ist dieser Effekt nicht unbedingt neu in Bezug auf die Wirkung von Bildern. Bereits Susan Sontag hat immer wieder die Wirkungsmacht von Fotografie untersucht und abgebildet. Die Reportagefotografien vieler Magnum-Fotograf*innen belegen exemplarisch und auf eindrückliche Weise, dass die Emotionalisierung und Affizierung durch Bilder kein neues, durch die Sozialen Medien erzeugtes Phänomen ist, wenngleich es durch diese definitiv potenziert wird.

Umgekehrt ist auch das Wort in diesem Zusammenhang von elementarer Bedeutung: „Weniger als 100 Jahre nach Benjamins Beobachtung (dass das fotografische Bild mit der Sprache mithalten kann, Anm. d. Verf.), kann heute behauptet werden, dass, seit Einführung der Hashtag-Funktion, Sprache immer mehr mit Bildern mithalten kann.“ [8]

Schon Zeitungen funktionierten in erster Linie über das Prinzip des Marktschreiens. Nicht nur, dass ehedem der Zeitungsverkäufer genau das war: ein Marktschreier. Auch waren Schlagzeilen das gewählte Mittel, um auch den wenig Lesegeübten einen Zugang zum Thema zu ermöglichen. Die Schlagzeile war und ist Anreiz, einen Artikel zu lesen, und fungiert gleichzeitig als Themensetzung, denn all jene, die über den Titel stolpern, haben das Thema bereits aufgenommen. Vor allem dann, wenn es sich noch mit einem einprägsamen Foto verbinden lässt. Der Versuch, in 140 bzw. 280 Zeichen ein Thema zu setzen, wie es beispielsweise bei Twitter der Fall ist, ist also nicht neu, sondern als nachrichtenverbreitendes Prinzip lange einstudiert.

Der Erfolg der traditionellen Massenmedien – Zeitung, Radio, Fernsehen – beruht nicht nur auf ihrer technischen Reproduzierbarkeit, sondern auch auf der entsprechenden Inszenierung. Als die Fotografie zunehmend in Nachrichtentexte eingewoben wurde, wuchs ihr Erfolg. Das Bild als vermeintliche Wiedergabe der Realität wurde bald auch zu Werbezwecken genutzt und setzte eine höchst produktive, aber auch folgenreiche Entwicklung in Gang, die bis in die Gegenwart andauert.[9] Werbung als Verführung und Nachricht als Information treffen sich im fotografischen (und filmischen) Bild. 

Unterhaltung, Fernsehformate wie Spielshows, Serien gepaart mit populärer Musik (Popmusik), Mode und Werbung definierten das Individuum endgültig als Konsument*innen. Dabei muss zwischen zwei grundlegenden Verständnissen dieser Phänomene, im weiteren Sinne: der Popkultur, unterschieden werden. Einerseits steht sie für Jugendkultur, gesellschaftliche Liberalisierung, Drang nach Freiheit und Fortschritt. Andererseits unterstützt sie kapitalistische Interessen, die zwangsläufig für das Gegenteil steht: Kommerzialisierung, Konsum, Manipulation. Allein das Merkmal der Partizipation kann auf beide Wesenszüge übertragen werden. Die Auswirkungen der Popkultur jedoch waren und sind immens, definiert sie doch die Massenmedien von beiden Enden her neu. Das bedeutet, dass alle Phänomene popkultureller Erscheinung in der Produktion und im Marketing der traditionellen Massenmedien auftauchten und weitgehend bestimmend wurden und sie gleichzeitig zur Entstehung neuer Massenmedien wie dem Web 2.0 entscheidend beitrugen! [10]

Seit 2014 betreibt die Schweizer Künstlerin Irene Chabr ein privates Selfie-Archiv, mit dessen Hilfe sie gängige Bildtypen identifiziert und in Installationen mit dem Titel „Wandernde Gesten“ ausstellt. 

Darin verweist sie durchaus auch auf jenen Zusammenhang, den Andy Warhol zu Beginn des popkulturellen Zeitalters schon prophezeite: dass jeder Mensch für 15 Minuten berühmt werden kann. Die Arbeit Wandernde Gesten zeigt aber noch etwas anderes, vielleicht Wichtigeres: Mit Hilfe popkultureller Theorie, Praxis und Technik lassen sich über das Web 2.0 Nachrichten verbreiten und Wirkungen erzeugen, die womöglich tatsächlich unmittelbar sind. Die Selfies aus unterschiedlichen Protestkampagnen wie beispielsweise #metoo, demonstrieren eindrücklich, wie heute popkulturelle Inszenierung unter politischen Gesichtspunkten in Echtzeit funktioniert, wobei das Medium Smartphone die traditionellen Medien wenn nicht abgelöst, so aber doch überwunden hat.

Eine weitere „Revolution“ ereilte die Massenmedien mit der Umstellung der Sendetechnik auf Satelliten, Anfang der 1990er Jahre. Nicht von ungefähr fiel dieses Ereignis mit dem Zweiten Golfkrieg von 1990/91 zusammen. Der Krieg war auch die wichtigste Initialzündung des ersten 24-Stunden-TV-Nachrichtenkanals Cable News Network (CNN). Dessen Sitz befindet sich in Atlanta, wo während des ersten Irakkrieges auch der Gefechtsleitstand für Raketenabwehr-Raketen stationiert war. Der Zweite Golfkrieg war der erste Krieg, der in Echtzeit durch CNN übertragen wurde.[11] Mit dieser „Revolution“ begannen alle medientheoretischen Fragestellungen, mit denen wir uns heute im Zeitalter des Web 2.0 konfrontiert sehen. Paul Virilio weist diesem Krieg in Echtzeit eine entscheidende Rolle zu. Er beschreibt eindrücklich, dass die Echtzeitmedien die „Beherrschung der Zeit“ ermöglichen: „Die unmittelbare Information wird zur Ultima ratio der Nationen, die Überinformation wird zur Abschreckung durch Bomben, Panzer oder Raketen.“[12] In seinem Buch Krieg und Fernsehen gemahnte er die internationale Presse bereits 1997: „[das] Zeitalter der versetzten Zeit der Masseninformation, müsste dringlichst dem Zeitalter der Echtzeit angepasst werden.“[13]

Zu Beginn der 1990er Jahre war es vor allem die Popkultur, mithilfe der sich die Revolution verkündete. Crossover als Mix der Stile, Techno als digitaler Vorbote, Computer ersetzten Musik-Instrumente, die technische Umstellung von der LP zur CD. Das Nachrichtenbild unternahm den Schritt in die Digitalität und mutierte zum Computerbild. Vor allem Fotografen wie Thomas Ruff oder Filmemacher wie Harun Farocki erkannten früh den sich vollziehenden Wechsel der Bildsprachen. Die neuen Bilder des Zweiten Golfkrieges zur Befreiung Kuwaits aus der irakischen Besatzung durch die von den USA geführte westliche Militärallianz sind die bekannten klinischen Bilder aus den Flugzeugen oder Satelliten, die im Modus eines Nachtsichtgerätes einen vermeintlich kuwaitisch-irakischen Wüstenboden im Fadenkreuz zeigen, auf dem es dann durch „smarte Waffen“ zu einer Explosion kommt. [14]

Mit Beginn der Proteste bei den Präsidentschaftswahlen im Iran 2009 tauchen zum ersten Mal Videos und Fotos von Prosumer*innen[15] in den Sozialen Netzwerken auf, die direkt aus dem Zentrum der Proteste zu uns vordrangen. Das Smartphone-Video von Neda, einem Mädchen, welches bei diesen Protesten von Sicherheitskräften ermordet wurde, tauchte bei YouTube, Facebook und Twitter auf.[16] Damit wird das Nachrichtenbild der „One Way“-Massenmedien zum ersten Mal mit Bildern der „All-to-all“-Distribution konfrontiert. Noch während der Proteste erschienen weitere vermeintliche Dokumentationen, die das brutale Vorgehen der Staatsgewalt gegen die Demonstrant*innen beweisen sollten. [17]

In dem Musik-Video „Another Brick in the Wall, Part 2 (Hey Ayatollah, leave those kids alone)“ – ein Remake des Pink Floyd-Klassikers – der Londoner Gruppe Blurred Vision wird der Paradigmenwechsel von den klassischen Nachrichtenmedien hin zum Web 2.0 vermutlich zum ersten Mal popkulturell thematisiert.

Das Smartphone steht im Zentrum des Pop-Videos, welches auch Sequenzen der Originalaufnahmen der brutalen Polizeieinsätze verwendet. Zur manifesten Konkurrenz der klassischen Massenmedien, die bis dahin das Nachrichtenmonopol innehatten, wurde das Smartphone in Folge der iranischen Präsidentschaftswahl sowie des Arabischen Frühlings [18] und der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Obwohl aktuell meistens Fragestellungen zum Revolutionspotenzial der Sozialen Medien in diesem Zusammenhang untersucht (und entlarvt [19]) werden, geht die eigentliche Medienrevolution der Ereignisse an der allgemeinen Aufmerksamkeit weitgehend vorbei: die Revolution der Nachrichtenübermittlung sowie die Rolle und die Funktion von Bild, Wort und Inszenierung innerhalb der neuen technologischen Transformatoren.

Durch die veränderten Distributions- und Kommunikationswege der Sozialen Medien müssen unter der von McLuhan postulierten Erkenntnis, dass das Medium die Botschaft ist, das Bild in den Nachrichten und die Nachricht im Bild untersucht werden. Damit kommen wir zu einem relativ neuen Phänomen, dem Selfie: „Das Neue an Selfies ist, dass die Übertragung von Bildern instantan möglich ist, sie sind quasi in Echtzeit im öffentlichen Raum verbreitbar. Dadurch können sie auch potenziell leicht Skandale in der Öffentlichkeit herstellen.“[20] Mithilfe von Selfies und auf Plattformen wie Facebook oder Instagram ist jede Nachricht an ein individuelles Profil gebunden: „Die Person schwingt als kontinuierlicher Subtext in Form von Likes, Emojis und Kommentaren mit. Informationen in Social Media-Feeds gehen immer auf ein ‚Ich‘ zurück.“ [21]

Diesen Gedanken konsequent zu Ende gedacht, ist das Selfie die popkulturelle Nachricht des digitalen Zeitalters schlechthin. Zurückkommend auf die Arbeit von Irene Chabr sehen wir genau diese Fokussierung. Im Mittelpunkt des Selfies steht immer eine Person, dennoch wird diese durch den politischen Kontext, der sich schriftlich im Bild oder als Hashtag formiert, auf eine andere, politische Ebene gehoben.[22] In der Arbeit von Irene Chabr sehen wir demnach sich etwas Neues manifestieren, nämlich ein Ich hinter der Nachricht. Das Ich in den Medien ist allerdings innerhalb der Popkultur mit einer hohen Präsenz an Subjektivität gekoppelt. Es ist nicht mehr ein „lyrisches Ich“ wie in der Literatur oder ein „objektiviertes Ich“ wie z.B. bei journalistischen Texten, sondern tatsächlich ein „hybrides Ich“, das zwischen „selbstbezogenem Ich“ und öffentlicher (politischer) Botschaft changiert.

Ebenso wie die Fernsehnachrichten einem klassischen Inszenierungsschema folgen, weisen die Twitter-, Facebook- und You-Tube-Botschaften Inszenierungsmuster auf, die medienanalytisch noch weiter untersucht werden müssen. Das Neue an den Sozialen Medien und ihrer Wirkungsmacht ist auf unterschiedlichen Ebenen festzustellen. So werden Hashtag-Funktion, Schlagzeilen-Tweets, Clickbaiting und Affizierungsbilder zu einer Gesamterscheinung, die aufgrund der massenhaften Echtzeitverbreitung ihre Wirkung erzielt. Dabei ist zu konstatieren, dass der Kumulation der Geschwindigkeiten, Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeiten der Ereignisse (Kumulationseffekt der Beschleunigung) eine besondere Rolle zukommt. Gerade durch den Kumulationseffekt der Beschleunigung geraten wir analytisch und reflexiv ins Hintertreffen und können nur mehr reagieren. Auch wenn wir als Prosumer*innen agieren, so ist doch zu vermuten, dass der Impuls auf eine Aktion reflexhaft ist und durch vorherige (Netz-)Information provoziert ist. Waren wir bis vor kurzem noch passive Zuschauer*innen eines Welttheaters der massenmedialen Inszenierung, so sind wir mit dem Einzug des Web 2.0 durchaus zu einem aktiven Teil geworden, der jedoch möglicherweise auch künftig keine allzu große Bedeutung besitzt, da es immer noch Protagonist*innen gibt, die qua finanzieller oder (wiedererlangter)[23] politischer Möglichkeiten die Distribution und damit die massenmediale Aufmerksamkeit auf sich lenken können.

Dass das Web 2.0 derzeit noch Themen aus der Mitte der Gesellschaft oder sogar deren vermeintlichen Rändern setzen kann, lässt sich an der #metoo- und der #metwo-Debatte ablesen. Dennoch sollten wir nicht allzu blauäugig in die Zukunft blicken: Der amtierende amerikanische Präsident reduziert seine offiziellen Auftritte vor der Presse seit seiner Amtseinführung, um die Welt mit seinen täglichen Tweets in Atem zu halten. Der italienische Innenminister und Vorsitzende der rechtsradikalen Lega Nord verkündet im Sommer 2018 offizielle Regierungspolitik während der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer über seinen privaten Facebook-Account, und ein Fußballspieler der deutschen Nationalmannschaft löst bei seinem 2018 bekanntgegebenen Rücktritt per Twitter eine viel diskutierte Debatte über Rassismus in der deutschen Gesellschaft aus. All diese Beispiele haben eins gemeinsam: Sie verlassen den tradierten Weg vom Repräsentant in die Öffentlichkeit. Nicht die Presse wird zuerst informiert, sondern die Follower*innen in den Sozialen Medien erhalten die Meldungen exklusiv und sollen im Weiteren für deren Verbreitung sorgen.

Mit diesem Agieren ist man nicht nur narzisstisch geprägter Themensetzer und Akteur, da auf eine dazwischengeschaltete und aufs Einordnen spezialisierte Instanz bewusst verzichtet wird, zwangsläufig wird auch das jahrzehntelang einstudierte Spiel zwischen Medien und Politik desavouiert, da das journalistische Nachfragen und eine Bewertung durch die Medienöffentlichkeit unterbunden wird. Hier erleben wir derzeit einen elementaren Paradigmenwechsel: Wenn die Öffentlichkeit via Journalist*innen das Regierungshandeln nicht mehr hinterfragen kann und dies zwangsläufig zu einer fehlenden Bewertung durch dafür vorgesehene Medien wie Zeitung, Fernsehen und Radio führt, muss zukünftig jeder/jede Nachrichtenkonsument*in journalistischer Vollprofi oder Politolog*in sein, um zu einer objektiv ausgewogenen Beurteilung von Facebook-News und Tweets zu gelangen. Die gegenwärtige Diskussion um Fake News und Filterblasen ist vor diesem Hintergrund durchaus erklärbar und solange das Web 2.0 keine Antwort auf die Frage findet, wie die Einordnungen politischer Handlungen und damit die Ausbildung einer gesellschaftlicher Verständigung, bzw. eines politischen Diskurses künftig erfolgen kann, droht eine Erosion demokratischer Gesellschaften. Seit der Antike gab es mit der Agora einen Platz des Austausches und der Bewertung, auf dem vor allem Philosophen, Rhetoriker und Politiker agierten. Die tradierten Medien im Zeitalter der Massenkommunikation übernehmen diese Funktion (nicht perfekt aber) ansatzweise, die identitätsstiftende Agora des Web 2.0 ist derzeit dagegen noch nirgends auszumachen.

 

Anmerkungen

[1] „Die Entwicklung der Massenpresse im 19. Jahrhundert ist im Kontext allgemeiner, übergreifender Entwicklungen zu sehen: Industrialisierung, Urbanisierung sowie gesellschaftliche Liberalisierung auch in Bezug auf Informations- und Pressefreiheit. […] 1835 wurde die weltweit erste Nachrichtenagentur gegründet, […]. Die heute weltweit führende Agentur Associated Press (AP) wurde im Mai des europäischen Revolutionsjahrs 1848 in New York City als Harbour News Association ins Leben gerufen.“, https://de.wikipedia.org/wiki/Funktionen_der_Massenmedien, abgerufen am 01.07.2018.

[2] „Für jedes einzelne Medium besteht die betriebswirtschaftliche Rationalität in der Sicherung des größtmöglichen Marktanteils […].“ Thomas Meyer, Mediokratie – Die Kolonisierung der Politik durch die Medien, Frankfurt a. M., 2001, S. 45.

[3] „Es dauerte nicht lange, da hing das Schicksal der Zeitungen nicht mehr von der Qualität oder Nützlichkeit der Meldungen ab, die sie lieferten, sondern davon, wie viele Informationen sie aus welchen Entfernungen in welchem Tempo herbeischaffen konnten. […] Nur vier Jahre nachdem Morse am 24. Mai 1844 die ersten Telegraphenverbindungen eröffnet hatte, wurde Associated Press gegründet und Nachrichten aus dem Nirgendwo, ohne bestimmte Adressaten, begannen kreuz und quer im ganzen Land umzulaufen. Kriege, Verbrechen, Unfälle, Feuersbrünste, Überschwemmungen […] bildeten von nun an den Inhalt, was man ‚Tagesnachrichten‘ nannte.“ Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, Frankfurt a. M. 1985, S. 86f. Damit hat Postman bereits darauf verwiesen, dass eine unsortierte Informationswiedergabe ohne Kontextualisierung keinen Informationsgewinn darstellt. Diese Kontextualisierung übernahmen bei den traditionellen Massenmedien die Nachrichtenredaktionen. Die Frage ist nun: Wer übernimmt sie bei Twitter, Facebook und Co.? Zu Postmans süffisanter Einordnung wusste Niklas Luhmann ergänzend zu sagen: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996 (2. erw. Auflage), S. 9.

[4] „Am deutlichsten ist der Programmbereich Nachrichten und Berichte als Erarbeitung/Verarbeitung von Informationen erkennbar. In diesem Bereich verbreiten die Massenmedien Ignoranz in der Form von Tatsachen, die ständig erneuert werden müssen, damit man es nicht merkt. Wir sind an tägliche Nachrichten gewöhnt, aber man sollte sich trotzdem die evolutionäre Unwahrscheinlichkeit einer solchen Annahme vor Augen führen. Gerade wenn man mit Nachrichten die Vorstellung des Überraschenden, Neuen, Interessanten, Mitteilungswürdigen verbindet, liegt es ja viel näher, nicht täglich im gleichen Format darüber zu berichten […].“ Luhmann, Ebd., S. 53.

[5] „Die angesichts der unendlichen Fülle von Ereignissen der politischen Wirklichkeit stets extreme Begrenzung der Vermittlungskapazität der Massenmedien zwingen zu einer drastischen Auswahl dessen, was sie bringen und wie sie es darstellen wollen.“ Thomas Meyer, vgl. Fußnote 8, S. 45.

[6] Adam Levin, Das vernetzte Selbst – Codes, Knoten und Rhizome, in: Alain Bieber (Hg.), Ego Update – Die Zukunft der digitalen Identität, Ausst.-Kat. NRW-Forum Düsseldorf, Düsseldorf 2016, S. 108.

[7] „Insbesondere wenn Bilder als Vehikel der Kommunikation genutzt werden, nimmt die Frequenz dieses Dialoges rasant an Fahrt auf. Bilder mit ihrem hohen Affizierungspotential spielen geradezu virtuos auf der Klaviatur der Gefühle und lösen spontane Reaktionen bei ihren Adressat*innen aus. […] Bilder sind zu einer Art ‚Währung‘ des Affektiven geworden und haben nicht ausschließlich dokumentarischen Charakter, sondern avancieren selbst zu Instrumenten der politischen Teilhabe […].“ Julia Höner, Kerstin Schankweiler, Affect Me – Social Media Images in Art, Ausst.-Kat. KAI 10, Düsseldorf, Leipzig 2017, S. 15, 27.

[8] Brooke Wendt, Dissemination: Die Hashtag-Funktion und Identität, in: Alain Bieber, vgl. Fußnote 6, S. 94.

[9] Auf beide Felder trifft zu, was Clément Chéroux „Interikonizität“ nennt. Der Begriff fragt nach der Beziehung zwischen Darstellung und dargestelltem Ereignis, nach der Bildtradition und über „welche, das Einzelbild eines konkreten Ereignisses hinausgehenden Inhalte dadurch thematisiert werden.“ Patrizia Dander, Bild gegen Bild, Köln 2012, S. 10.

[10] „Einer der Vorläufer der Selfie-Bilderproduktion ist auch in der von Andy Warhol stark geförderten Polaroid-Bewegung zu sehen. Warhol wollte, dass das Bild zirkuliert, veröffentlicht und vermittels sozialer Netzwerke geteilt wird. Er hat mit seinen Star-Polaroids die Demokratisierung visueller Reproduktion und Überlieferung stark in den Vordergrund gerückt, denn das Format war billig und stand nicht für Kunstfotografie. Damit hat Warhol nicht nur die Amateurästhetik des Low-Tech-Selfies vorweggenommen, sondern auch ihre Verbreitungslogik durch Social Media.“, Ramón Reichert, Selfie Culture Kollektives Bildhandeln 2.0, In: POP. Kultur und Kritik, Heft 7, 2015, transcript, S. 95.

[11] „Erinnern wir daran, dass Atlanta ebenfalls Sitz von Cable News Network ist, dem Fernsehersender Ted Turners, der mit Zustimmung des Pentagon die vollständige Kontrolle […] sicherstellte, dasselbe Pentagon, das über drei riesige Fernsehübertragungssatelliten vom Typ TDRS verfügt, die sich in ca. 36 000 Kilometer Höhe auf einer Umlaufbahn um die Erde befinden. Diese Satelliten haben die Aufgabe, permanent die Sendesignale der anderen militärischen Satelliten nach Washington zu übertragen.“ Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, Frankfurt a. M. 1997, S. 127.

[12] Ebd., S. 63.

[13] Ebd., S. 64.

[14] „Pikanterweise sickerte nach dem Ende des Golfkrieges durch eine undichte Stelle im US–Informationsministerium durch, dass diese Bilder nicht einmal authentisch waren. Die Raketensysteme, die einen sauberen kosmetisch-chirurgischen Eingriff suggerieren sollten, waren bei Testversuchen auf amerikanischen Stützpunkten aufgenommen, teilweise sogar computeranimiert worden.“ Julian Rosefeldt, Nekrolog, in: Rosefeldt/Steinle, News. Eine Videoinstallation von Julian Rosefeldt und Piero Steinle, Heidelberg 1989,, S. 90.

[15] „Prosumer“ ein Neologismus aus den beiden Begriffen producer und consumer.

[16] Kerstin Schankweiler, Videos von Polizeigewalt in den Sozialen Medien, http://www.pop-zeitschrift.de/2018/01/08/social-media-januarvon-kerstin-schankweiler08-01-2018/, abgerufen am 02.06.2018.

[17] Ebd.

[18] „Aus heutiger Perspektive könnten man für die vergangenen beiden Jahrzehnte – grob vereinfachend – neben den ersten Irakkrieg von 1990-1991 die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001, sowie die Ereignisse des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 als wichtige Katalysatoren im medialen Geschehen benennen.“, Dander, vgl. Fußnote 9, S. 10.

[19] Vgl. hierzu Miha Poredoš, Role of social media in social movements: Egyptian Revolution and Occupy Wall Street, Freie Universität Berlin, https://blogs.fu-berlin.de/mediaanthro/student-presentations/role-of-social-media-in-social-movements-egyptian-revolution-and-occupy-wall-street/, abgerufen am 26.06.2018.

[20] Ramón Reichert, Selfie Culture Kollektives Bildhandeln 2.0, in: POP. Kultur und Kritik, Heft 7, 2015, transcript, S. 87.

[21] Melanie Bühler, Fotografie heute: Private Public Relations. Eine Ausstellungsreihe zur künstlerischen Fotografie im digitalen Zeitalter, Ausst.-Kat. Pinakothek der Moderne München, München 2018, S. 7.

[22] „Eine eigentümliche Kehrtwende vollziehend sind Selfies nicht mehr Aspekte von Individuen, sondern vielmehr sind Individuen Aspekte von Selfies und der erhöhten Netzwerk-Dichte, die sie unterstützen.“ Adam Levin, Das vernetzte Selbst – Codes, Knoten und Rhizome, In: Alain Bieber, vgl. Fußnote 6, S. 130.

[23] Wenn wir anerkennen, dass für einen kurzen Moment zwischen 2010 und 2012 die politisch Mächtigen und Staatstragenden durch die neuen Möglichkeiten der Echtzeittechnologie via Smartphone ausgehebelt wurden, so müssen wir mittlerweile konstatieren, dass die alten Mächte sich ihre Macht und damit ihr Gewaltmonopol wieder zurückgeholt haben – übrigens genau mit den gleichen Echtzeitmedien bzw. der Kontrolle über diese.

[Die Kolumne geht auf einen Essays im Ausstellungskatalog zur Ausstellung „NEWS FLASH #message #social media #artists“ im Kunsthaus Nürnberg zurück, erschienen im September 2018]

 

Matthias A. J. Dachwald ist freier Autor und leitender Ausstellungskurator im Kunsthaus im KunstKulturQuartier Nürnberg. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit Fotografie und gesellschaftskritischen Themen.

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