Aug 082018
 

Ich weiß, ich bin nicht allein. Es gibt noch andere. Sie verbergen sich im Schatten, verschüchtert und voller Scham. Unterdrückt von jenen, die bestimmen, was zeitgemäß ist. Und stilvoll. Für diese schweigende Mehrheit gestehe ich hiermit stellvertretend: Ich liebe die CD.

Wer sich in diesen Tagen als Musikliebhaber präsentieren will, sammelt Vinyl. Wer mit der Zeit geht, hat ein Premium-Abonnement bei einem Streaming-Dienst und genießt dort das Stöbern in unzähligen Wiedergabelisten. Selbst derjenige, der Musikkassetten sammelt, erntet noch jene Art von skeptischem, aber zugleich sympathisierendem Blick, wie ihn die kulturellen Meinungsmacher für echte „Geeks“ reservieren. Mit dem Bleistift alte Magnetbänder aufzudröseln und auf Trödelmärkten nach MC-Originalen von „Highway To Hell“ oder „Born In The USA“ als MC zu suchen, gilt als legitime Beklopptheit. Nur eines betrachtet man seit einigen Jahren weder als zeitgemäß noch als stilsicher, sondern als dermaßen verknöchert wie die Programmredaktion des öffentlich-rechtlichen Vorabendprogramms: Die ungebrochene Liebe zur CD.

Dem war nicht immer so. Mitte der Neunziger bestanden gerade die Wohnzimmer von Trendsettern wie Musikjournalisten oder DJs unabhängiger Campus-Radiostationen vornehmlich aus meterlangen Reihen des schwedischen Regalmodells „Benno“, welches wie kein zweites für das Sammeln digitaler Tonträger maßgeschneidert war. Die CD wurde damals nicht versteckt oder gar verachtet und allenfalls als Nebenmedium der Schallplatte verwendet, falls man mal im Auto unterwegs war. Nein, die CD war auch für die Meinungsmacher und Fachleute das Medium der Zeit. Abseits der preislich wie konzeptuell absurden „Maxi-CD“, die mit Recht den Weg alles Zeitlichen ging, stand das digital gepresste Album damals nicht für Geschmacklosigkeit und Massenware, sondern für die gesamte Vielfalt der Musiklandschaft. Gerade die von Connasseuren aller Art so gepriesene „handgemachte“ Musik sowie alles, was sich als „Indie“-Ästhetik bezeichnen lässt, erlebte zur Hochzeit der CD eine Blüte. Auf der Silberscheibe erwarb man sperrigen Gitarrensound von Dinosaur Jr. bis Sonic Youth, elektronische Experimente von Portishead bis Ekkehard Ehlers oder Wiederauflagen sämtlicher Jazzklassiker von John Coltrane bis Miles Davis. Mitnichten war die kleine Disk in der handlichen Hülle das Symbol für den seelenlosen Verrat an der Musik, als welches sie heute dasteht. Sie wurde geliebt und geachtet, mindestens aber galt sie als neutrales Medium, über dessen Würde und Ansehen allein der Inhalt entschied.

Der hochmütige Blick auf die Ex

Mitte der Nullerjahre kippte langsam die Stimmung. Kulturredakteure fabulierten rückblickend auf die vergangenen zwei Jahrzehnte vom „Niedergang der Hörkultur“. Der legale Download von Musik sowie das Einspielen der vorhandenen CDs zwecks mobiler Mitnahme der Musik auf dem iPod machte langsam der Technologie Platz, die Fans von „Star Trek“ bereits aus dem Quartier des Captains auf dem Raumschiff Enterprise kannten. Betrat Jean-Luc Picard in der visionären Serie seine privaten Räumlichkeiten, sagte er lässig: „Computer, bitte Beethovens Neunte.“ Daraufhin spielte der Server des Schiffes die Sinfonie ab.

Die mehrere Milliarden Gigabyte großen Festplatten – damals ein utopischer Wert – enthielten die gesamte Musikgeschichte der Menschheit. Heute ist diese ehemalige Zukunftsvision in den Streaming-Diensten weitestgehend umgesetzt. Parallel zu dieser Zeitenwende begannen die ehemals stolzen CD-Sammler, ihre schwedischen Regale zu leeren und den gesamten musikalischen Besitz nachträglich wieder in Vinyl umzutauschen. Die CD betrachteten sie über Nacht mit jener feindseligen Abschätzigkeit und jenem arroganten Hochmut, der enttäuschte Männer auf ehemalige Liebschaften zurückblicken lässt. Klassische Plattenläden erlebten ein Revival. Fabrikneues Vinyl fand wieder Einzug in die Abteilungen der großen Elektronikmärkte. Selbst massenhaft aufgelegte Schallplatten von Softrock-Säuslern wie Chicago oder Haushaltsauflösungs-Klassiker wie Jethro Tull oder Boston, die früher in den Trödelkisten für 50 Cent versauerten, fanden wieder reißenden Absatz. Während Wochenzeitungen und Monatsmagazine bis heute wie die Primeln eingehen, fanden neue Fachmagazine für Vinylkultur ihre Nische im Presseregal, da der Meinungsführer, der etwas auf sich hält, selbstverständlich keinen Blog lesen kann, sondern ein großformatiges Heft in den Händen halten muss.

Gegen den Aufschwung des Vinyls ist nichts einzuwenden. Gegen den hochmütigen Rückblick auf die CD sehr wohl. Dabei geht es nicht um die Diskussion bezüglich des Klangs. Dieses Duell ist nicht zu gewinnen, weder für die eine, noch für die andere Seite. Als die CD aufkam, waren vor allem Fachleute begeistert, die sich in der klassischen Musik mit der kristallklaren Wiedergabe winzigster Feinheiten beschäftigen. Mögen Rockfans oder auch die Besucher verqualmter Jazzkeller bereits damals die Nase gerümpft haben, knallten an den Hochschulen für Tonmeister die Sektkorken. Unzählige Sinfonien, Klavierwerke oder Kammermusikstücke erschienen in Neuaufnahmen mit dem stolzen Stempel „DDD“, sprich: digitale Aufnahme, digitale Abmischung, digitales Mastering.

Zur Jahrtausendwende erschien die von Sony und Philips entwickelte SA-CD, die Mehrkanalton, also Raumklang, ohne Datenreduktion wiederzugeben vermag. Abgespielt über eine Heimkino-Anlage mit Subwoofer sowie im gesamten Raum verteilten Boxen, stellt dieses Format ein klangliches Hochamt für die Klassik, aber auch für fein ziselierten Progressive Rock dar. Urtümlicher Blues und Metal, Stoner Rock oder auch HipHop der alten Schule, der das Plattenformat nie vollständig verließ, machen sich auf Vinyl besser. Letzten Endes hat jeder Stil sein optimales Medium und die Psychoakustik ihre zutiefst subjektiven Gesetze. Tatsache ist aber auch, dass vor zwei bis drei Jahrzehnten viele Männer, die sich heute als Hohepriester des Vinyls geben, aus der Zusammensetzung der Komponenten ihrer Heim-HiFi-Anlage eine kostspielige Wissenschaft machten – mit einem hochwertigen CD-Player als Herzstück des akustischen Altars.

Der Mythos vom Hören in Ruhe

Was hat die CD an sich, das ihre Existenzberechtigung sichert? Was kann sie uns heute noch geben? In Sachen Hörkultur vereint sie die Vorzüge der Schallplatte und die Vorzüge der digitalen Sphäre in einem Medium. Einerseits bewahrt sie das künstlerisch bedeutsame Format des „Albums“. Andererseits erlaubt sie es, ihre Stücke einzeln in den Rechner zu transferieren und nach Belieben neu zu sortieren.

Die Entschleunigung und das bewusste Hören sind mit ihr genauso möglich wie mit der Schallplatte, inklusive der Lektüre des im Vergleichs zur Vinylfassung meist ausführlicheren Booklets, das bei guter Redaktion neben den Texten eine Menge über die Musiker verrät und mit wunderschönem Artwork ausgestattet sein kann. Außerdem geschieht im real existierenden Leben das ausführliche Durchhören eines Albums zu 90 Prozent während der Fahrt im Auto. Die Behauptung der Vinyl-Prediger, sie würden sich stets daheim in aller Ruhe die Zeit nehmen, sich hinzusetzen und von vorne bis hinten ihre Platten zu hören, gehört zu den größten Lügen und Mythen der Gegenwart. Schließlich ist ein Vinylsammler der Neuzeit meistens ein materiell recht betuchter Mann zwischen 35 und 55 Jahren und somit in den meisten Fällen entweder solider Familienvater oder alleinstehender Workaholic. Im ersteren Falle wird er in seiner knappen Freizeit vollständig von der Familie eingenommen. Im letzteren bleibt ihm während der 18 Stunden täglich zwischen Firma, Flugzeug und Foyer keine Zeit, seine sorgsam gepflegte Sammlung daheim zu besuchen oder gar zu bespielen.

Die französische Komödie „Nur eine Stunde Ruhe“, in welcher der Protagonist vergeblich versucht, ein frisch erworbenes, seltenes Jazzalbum zu hören, hat dieses Phänomen 2014 sogar zum Aufhänger gemacht. Am ehesten finden musikbegeisterte Pensionäre und Privatiers die Zeit, sich in den Ohrensessel zu flezen und der Musik ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. Sämtliche Männer dieser Kategorie, die ich persönlich kenne, hören ihren Brahms, ihren Monk oder ihren McCartney auf Anlagen von Bang & Olufsen, Pioneer oder Yamaha über CD. Für sie wie für jeden, der dem letzten physischen Tonträger der Technikgeschichte die Treue gehalten hat, ist mit dem Niedergang der CD als Leitmedium rein ökonomisch ein goldenes Zeitalter angebrochen. Sowohl im Neuzustand als auch erst Recht in den unzähligen Kisten der Gebrauchtwarenhändler sind die Preise im Keller. Wo sich früher im Gebrauchtverkauf tatsächlich nur der Ausschuss befand, lassen sich heute ganze Musikerbiografien oder sogar die Programme bestimmter Labels bezahlbar komplettieren. Lediglich CDs von Plattenfirmen, die nicht mehr existieren und schon während ihrer aktiven Zeit nur ein Nischengenre vertraten, erzielen weiterhin zweistellige Sammlerwerte.

Für die Musik vereint

Abseits der Leitunterscheidung „CD vs. Vinyl“ ließe sich die Geschichte des Musikhörens allerdings auch ganz anders erzählen. Schließlich vergessen viele, dass selbst in den Sechzigern bis in die Achtziger hinein, als die Schallplatte das neben der Kassette einzig erhältliche Leitmedium war, die bewusste Beschäftigung mit Musik bereits auch nur ein Merkmal der Minderheit war. Damals wie heute entwickelte die Mehrheit keinen expliziten Geschmack, der damit einhergeht, bestimmte Nischen und Künstler zu finden, nach dem Schneeballprinzip weiterzusuchen und ein stilistisches Profil auszubilden, um auf die Frage nach der Lieblingsmusik etwas anderes antworten zu können als: „Was eben so im Radio läuft.“ Die Masse der Kundschaft erwarb auch damals keine Alben, sondern Singles oder Kompilationen, auf denen die Plattenfirmen regelmäßig „die größten Hits“ zusammenwarfen. Diese Artefakte der Beliebigkeit haben in keinerlei Format einen Sammlerwert und würden selbst von Vinyl-Jüngern nicht einmal vom Trödel mitgenommen, wenn ihre Etiketten rund um das Loch mit Blattgold beschichtet wären. Im Zweifel haben also trotz des forcierten Kulturkampfes der „hippe“ Vinylsammler, der eifrige Playlisten-Bastler und der aus der Zeit gefallene treue Anhänger der CD eines gemeinsam: Ihre Liebe zum Entdecken der Musik und ihr Unverständnis dafür, sich vollkommen willkürlich und unter Abschaltung der eigenen Persönlichkeit bloß „berieseln“ zu lassen.

 

Oliver Uschmann ist Schriftsteller, Dozent und Musikjournalist. Als solcher verfasste er auch eine Anleitung zum „Überleben auf Festivals“.

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