Jul 252018
 

Das identitär-rechtsextreme Europa-Narrativ. Eine Tumblr-Recherche

Versucht Robert Menasse in seinem Roman Die Hauptstadt (2017), für die Idee einer supranationalen Europäischen Union zu werben, so schildert er doch vor allem, dass die meisten EU-Beamten selbst nur wenig davon halten, nach und nach mehr Entscheidungen von den nationalen Regierungen an eine europäische Regierung zu übertragen. Schon eine Kampagne, die nur das Image der EU-Kommission verbessern soll, überfordert die Brüsseler Bürokraten: Sie finden keine plausible – motivierende und verbindende – Erzählung für die Entwicklung und Zukunft der EU. Daher lässt sich Menasses Roman auch als Hilferuf lesen. 

Die für jene Kampagne Zuständigen glauben, es genüge, sich auf Auschwitz zu berufen, um einen gesamteuropäischen Geist zu stärken. Immerhin gelte: „Nichts in der Geschichte hat die verschiedenen Identitäten, Mentalitäten und Kulturen Europas, die Religionen, die verschiedenen so genannten Rassen und ehemals verfeindete Weltanschauungen so verbunden, nichts hat eine so fundamentale Gemeinsamkeit aller Menschen geschaffen wie die Erfahrung von Auschwitz.“ In den KZs der Nazis sei es zur „Überwindung des Nationalgefühls“ gekommen, und damit sei überhaupt erst die Idee entstanden, als deren „Hüter“ sich die EU nun zu begreifen habe. Sie habe die „Sicherheit eines Lebens in Würde“ zu gewähren, die in den Lagern der Nazis so grauenhaft missachtet worden sei.[1] Das „Narrativ der Europäischen Kommission“ besage demnach, dass diese „als Antwort auf den Holocaust“ gegründet wurde, der sich „nie mehr wiederholen“ solle, denn „wir garantieren Frieden und Rechtzustand“.[2]

In einem Thinktank wird sogar die Idee vorgestellt, in Auschwitz als dem „Fundament, auf dem das Europäische Einigungswerk errichtet wurde“, die neue Hauptstadt Europas zu bauen.[3] Der Vorschlag kommt in Menasses Roman von einem emeritierten Wirtschaftsprofessor, also von einem Vertreter einer Generation, deren Herkunft und Jugend noch wesentlich von der NS-Herrschaft geprägt wurde. Doch was für die eine Generation eine unvergessliche Lebenserfahrung ist, ist schon für die nächste und übernächste ziemlich abstrakt: nichts, woraus sich ein besonderes Sinnbedürfnis ergeben könnte. Kaum etwas aber beschäftigt Menasse mehr, als dass diejenigen, die das Holocaust-Narrativ stark gemacht haben, mittlerweile alt, oft sogar schon tot sind. In seinem Roman geht es auch darum, wie mühsam ist es, überhaupt noch Auschwitz-Überlebende zu finden, die sich als Zeitzeugen für jene Kampagne einsetzen ließen. Umso dringender bräuchte es somit ein neues, anderes Narrativ; doch fällt den Beamten der EU in ihrer Hilflosigkeit nichts Besseres ein, als den alten Plot auf die Spitze zu treiben, was dessen Glaubwürdigkeit nur weiter schmälert. 

Am Ende des Romans werden die Hauptprotagonisten Opfer eines Terroranschlags in der Brüsseler Metro. Ohne dass es ausdrücklich gesagt werden müsste, ist klar, dass es sich dabei um ein islamistisches Selbstmordattentat handelt. Und damit steht plötzlich auch vor Augen, welches ganz andere Narrativ dazu geeignet sein könnte, ein europäisches Wir-Gefühl zu stärken: Die Angst vor Terror und Islamisierung, letztlich also ein gemeinsamer Feind, bringt die Bürger der Länder der EU enger zusammen und lässt etwas Gemeinsames jenseits bloß nationaler Zugehörigkeiten spürbar werden. Zugleich aber steht außer Frage, dass ein solches Narrativ nicht das der Europäischen Kommission sein könnte. Immerhin müsste man dann ja den Feind immer wieder eigens als solchen zur Geltung zu bringen, damit also von einer Politik des Friedens und des Pluralismus Abschied nehmen. Statt sich weiterhin, als Lehre von Auschwitz, den Menschenrechten und einer (mehr oder weniger) humanitären Politik verpflichtet zu fühlen, hätte man aus einem offenen Staatengebilde die Festung Europa zu machen.

Tatsächlich wird diese auch gefordert – und werden Terroristen und Flüchtlinge gleichermaßen zu Feinden erklärt, die es unter allen Umständen abzuwehren gelte. Die dabei treibenden Kräfte sind vornehmlich rechtsgerichtete und populistische Parteien, die in fast allen Ländern Europas bei Wahlen mittlerweile deutlich zweistellige Prozentzahlen erzielen und die immer häufiger sogar an die Macht gelangen. Dass sie so stark werden, liegt nicht zuletzt daran, dass sich in ihrem Narrativ viele Menschen besser erkennen können als in dem, das in den ersten Jahrzehnten der Europäischen Union noch zuverlässig Orientierung gab. Und da weder die Offiziellen der EU noch ein so engagierter Schriftsteller wie Robert Menasse ein neues Narrativ im Angebot haben, fällt es denen, die die Festung Europa gegen die EU ausspielen, umso leichter, mit ihrer Erzählung durchzukommen.

Da die neuen Fronten nicht zwischen einzelnen Ländern, sondern innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten verlaufen, befürchten einige sogar bereits einen „neuen Bürgerkrieg“. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot diagnostiziert, dass „das klassische politische Rechts-links-Schema“ abgelöst werde „durch die Anhänger einer Öffnungsagenda und die Adepten einer Abschottung Europas“. Letztere sind nicht einfach nur Nationalisten alten Stils, sondern genauso europaweit organisiert wie die EU-Befürworter; dank des zugkräftigen Plots erzeugen sie aktuell vielleicht sogar eine stärkere europäische Dynamik als diejenigen, die sich für den Fortbestand und weiteren Ausbau der EU einsetzen. Guérot spricht von „der dialektischen Pointe, dass die heutigen Vertreter des europäischen Ungeistes als europäische Bewegung daherkommen“.[4]

Das aber ist in der öffentlichen Diskussion noch nicht deutlich genug – vor allem bleibt unscharf, was für eine Gefahr von einer solchen EU-feindlichen Besetzung des Europa-Begriffs ausgeht. Dabei ist diese Besetzung – wie die im folgenden dokumentierte Recherche belegen soll – bereits ziemlich weit gediehen; sie manifestiert sich nicht nur in Reden und Texten, sondern beinhaltet auch zahlreiche Ikonografien sowie ein umfassendes Programm der Bildpropaganda. Letzteres lässt sich insbesondere in den Sozialen Medien antreffen – und dabei wohl nirgendwo sonst so vielfältig und professionell wie auf Blogs und Accounts von rechtsradikalen Strömungen wie der Identitären Bewegung (IB). 

Diese war es auch, die im Sommer 2017 die bisher spektakulärste Aktion startete, als sie unter dem Titel „Defend Europe“ ein Schiff charterte, um im Mittelmeer die privaten Seenotretter und NGOs zu observieren und daran zu hindern, Flüchtlinge nach Europa zu bringen. Zu der international zusammengesetzten Crew von „Defend Europe“ gehörten sogar US-Amerikaner, was dazu passt, dass eine Gruppe der Alt-Right-Bewegung „Identity Evropa“ heißt und sich, innerhalb einer ‚White Supremacy’-Ideologie, auf die eigenen europäischen Wurzeln beruft. „Defend Europe“ meint also vor allem die Verteidigung der als überlegen empfundenen weißen Rasse, und wie diese Aktion folgt auch fast jede andere Aktivität der IB dem Bestreben, jenes Narrativ von der Festung Europa noch dichter, noch emotionaler, noch suggestiver zu inszenieren. So besteht, nochmals in den Worten Guérots, kein Zweifel: „Die Identitären wollen Europa.“[5]

Zum Beleg dafür und zur Einstimmung auf einige der identitär-europäischen Bildmuster sei zuerst jedoch (ungekürzt) zitiert, was unter dem Lemma ‚Europa’ in dem Band Kontrakultur (2017) zu finden ist, in dem Mario Alexander Müller, Identitärer aus Halle und ebenfalls bei „Defend Europe“ mit an Bord, Schlüsselbegriffe der rechtsextremen Szene versammelt hat:

„Europa ist das Geheimnis, dem wir uns verschrieben haben. Es funkelt in den Augen unserer Kinder, peitscht vom Meer her durch unsere Wälder und flüstert in der Stille unserer Kathedralen. Es ist über die Jahrtausende bei uns geblieben, in Liedern, großen Erzählungen, in der Art, wie wir uns lieben oder wie wir sterben.
Europa ist nicht der Westen. Was sich in den letzten 200 Jahren aus dem intellektuellen Abfall der Universitäten, dem Machtstreben der Unwürdigen und dem teuflischen Geist des Geldes entwickelt hat, was heute als falsches Zauberwort von der Menschheit die Völker der Welt verneint, ist das Anti-Europa in seiner reinsten Form.
Europa ist das Land der Europäer. Wie unsere Ahnen sind auch wir mit den Landschaften unserer Heimat verwachsen. Ihre Wälder rauschen in unserer Sprache, ihre Gebirge ragen in unsere Architektur, ihre Gezeiten spiegeln sich auf unserer Haut. Wir sind in Europa zu Hause und Europa lebt durch uns.
Europa ist unser Schicksal. Wir sind nicht ohne Grund in der norddeutschen Tiefebene, in den Pyrenäen oder in den heißen Gassen Roms auf die Welt gekommen. Unsere Heimat ist uns Erbe und Auftrag zugleich.
Und wenn es andere in die Welt zieht: Wir bleiben hier und sehen dem Schicksal entgegen.“[6]

Schon der erste Satz gibt den Ton vor: Europa als Geheimnis zu deklarieren, heißt, ihm eine Bedeutsamkeit zuzusprechen, die umso mehr Sinn und Schwere verheißt, als sie üblicherweise verborgen bleibt. Nur wenige sind offenbar in der Lage, durch die Profanität des Alltäglichen hindurch jenes Geheimnis zu erfassen und zu ertragen. So übersetzen die Identitären das alte, von einem starken antizivilisatorischen Affekt gespeiste Motiv eines ‚geheimen Deutschland’ in das Motiv eines ‚geheimen Europa’ (vielleicht in Anspielung auf einen gleichlautenden Text von Franz Marc aus dem Jahr 1915). Sie beschwören eine Eigentlichkeit, die jenseits von Institutionen und politischem Pragmatismus – und am weitesten entfernt von Brüsseler Bürokratie – gesucht wird. Eng miteinander verbunden bergen die Natur und große gemeinschaftliche Werke des Menschen, von antiken Mythen bis zu mittelalterlichen Kathedralen, das Geheimnis, während die Moderne keinen Sinn mehr dafür hat, es gar zerstört. Aufklärung, Emanzipationsbewegungen, Menschenrechte und Kapitalismus werden innerhalb dieses kulturpessimistischen Dispositivs gleichermaßen als falsch, ja als anti-europäisch gebrandmarkt. Allem Modernen will man sich daher widersetzen, egal um welchen Preis. Die wiederholte Nennung des Schicksals adelt die Verteidiger des wahren Europa zu opferbereiten Helden; mit viel Pathos erklärt Müller Heimatverbundenheit zum Merkmal einer coolen Subkultur.

In den Sozialen Netzwerken gibt es unzählige Bilder, die diese Motive illustrieren und atmosphärisch weiter aufladen. Vor allem auf Tumblr lebt sich die identitäre – und weitergehend die gesamte rechtsextreme – Szene aus, was das Image des Subkulturellen befördert, nicht nur weil dort, anders als bei Instagram oder Facebook, fast nichts zensiert wird, sondern auch weil die User üblicherweise nicht mit Klarnamen auftreten, sie also umso ungehemmter – ohne Sorge um ihre bürgerliche Existenz – agieren können. Da ebenso verborgen bleibt, wie viele Follower einzelne Accounts haben, eignet sich Tumblr ohnehin nicht als Medium vergleichender Selbstdarstellung. Befördert Instagram eine Fortsetzung und Steigerung des jeweiligen statusbewussten Lifestyles, mit dem man sich als Einzelner profilieren kann, lässt sich Tumblr vielmehr als große Tauschbörse verstehen: Man lädt Bilder aller Art hoch, die man irgendwo gefunden oder selbst gemacht hat und von denen man glaubt, sie seien so aufregend, ungewöhnlich, geil und krass, dass andere sie rebloggen, zumindest aber liken.

Bereits die Namen vieler identitärer und rechtsextremer Tumblr-Blogs verweisen auf das Europa-Motiv, das dort insgesamt auch das präsenteste Thema sein dürfte. Sie heißen etwa Defend Europe, Reconquista Europe, Europe Identity, Ultimate Europe, Phalanx Europa, Europatria, The Spirit of Europa, Angry European, Imperium Europaeum, Empire Européen, Für Europa oder Indigenes Europa. Entsprechend oft findet man auf ihnen Bilder, die mit europaspezifischen Slogans wie „Defend European Beauty“, „Make Europe white again“ oder „Make Europe great again“ unterlegt sind, wobei das fast durchgängig verwendete Englisch nicht erkennen lässt, aus welchem Land der Urheber des jeweiligen Motivs stammt. – Ein Beispiel:

In nostalgischer Sepiatönung ist eine antike Tempelruine zu sehen, hinterlegt von einem weißen Sonnenrad des Typs, den die Nazis zuerst auf der Wewelsburg installierten und der, als dreifaches Hakenkreuz, heute ein weit verbreitetes rechtsradikales Symbol darstellt. Im selben Weiß ist ‚Europe’ geschrieben, so als sei das Sonnenrad das Piktogramm für den Kontinent. Zugleich ist dies als Hinweis auf die vermeintliche Überlegenheit – und sonnengleiche Ewigkeit – der weißen Rasse zu verstehen. Die Ruine soll an eine große Vergangenheit erinnern, zugleich geht von ihr der Imperativ aus, diese in der Zukunft wiederherzustellen. Sie ist, in den Worten Müllers, „Erbe und Auftrag“.

Generell gehört kaum etwas so untrennbar zum Europa-Narrativ der Rechtsextremen wie das Motiv der Wiederherstellung und Rückeroberung. Überall trifft man auf das Präfix ‚re-’, die Rede ist von ‚Reconquista’, ‚Remigration’ (der Flüchtlinge), ‚Re-Generation’, Recall oder ‚Revenge’. Am liebsten wäre es den Kämpfern für die Festung Europa, sie könnten die Zeit einfach zurückspulen wie ein Tonband:

Die Beschriftung einer Rückspultaste wird über eine antike Büste gelegt, im Hintergrund ist auf der einen Seite eine brennende Stadt zu erkennen, auf der anderen – dort, wohin die Rückspulpfeile verweisen – herrscht Idylle. Beschriftet ist das Bild mit einem bei Rechtsextremen und Identitären beliebten Satz: „The last virtues of a dying society are tolerance and apathy.“ Richtet sich diese Aussage gegen die Befürworter einer pluralen, multikulturellen Gesellschaft, denen unterstellt wird, für Chaos und Staatsversagen verantwortlich zu sein, so ist sie zugleich ein Appell zu Wehrhaftigkeit. Schönheit und Reinheit sind nur möglich, wenn das Eigene kompromisslos verteidigt wird.

Hier wie bei vielen anderen Bildern bedient man sich einer Ästhetik, die in den letzten Jahren gerade auf Tumblr unter dem Begriff ‚Vaporwave’ große Beliebtheit erlangt hat. Sie stellt die aktuellste Version einer Ruinenästhetik dar, besteht sie doch einerseits aus Relikten von Benutzeroberflächen, Symbolen und Grafiken des frühen Computerzeitalters sowie aus antiken Skulpturen, andererseits aus Glitch-Effekten, die – mit Zeilensprüngen, Farbverschiebungen oder Flimmern – den Eindruck einer gestörten Bildübertragung erwecken.[7] Gerade dieser nostalgische Ruinencharakter macht Vaporwave auch für rechtsradikale Aktivisten attraktiv, die sich in einer kaputten Gegenwart wähnen und die Zukunft am liebsten als Restitution einer Vergangenheit denken. Vor allem eine jüngere Generation lässt sich mit Vaporwave besser erreichen als mit romantischen Ruinengemälden, wobei auf den rechtsextremen Accounts durchaus auch alte Kunst und alte Computerästhetik miteinander verbunden und das mit Slogans aus dem eigenen Narrativ gesampelt wird:

Einer der (in diesem Fall aus Polen stammenden) Urheber dieser seit 2017 weit verbreiteten Ästhetik, die mittlerweile unter dem Terminus ‚Fashwave’[8] firmiert, betreibt den Tumblr-Account neonreconquista, auf dem er im September 2017 ein Manifest veröffentlichte, aus dem klar hervorgeht, wie wichtig es den Identitären ist, gerade Jugendliche – die nächste Generation – anzusprechen. Er wolle, so heißt es darin, dazu beitragen, „dass Faschismus sexy sei“ („that fash is sexy“). Solange man jedoch nur Müll und Kitsch zu bieten habe, mache man sich bei Jugendlichen lächerlich und trage dazu bei, dass sie sich lieber linken Gruppierungen anschlössen („trash or kitsch shit made nationalist movement in Poland look like joke for youngsters, and because of that, many young people are turning left”).[9]

Doch ist es nicht nur die Adaption einer beliebten Ästhetik, sondern letztlich noch mehr die Mischung an Bildern, womit neue Anhänger zu rekrutieren sind und das eigene Europa-Narrativ ebenso aufregend wie emotional gefüttert wird. Werden Tumblr-Blogs von Usern oft durchgescrollt, so entsteht dabei, ähnlich wie beim Hören von Musik, eine Stimmung. Verbindungen zwischen einzelnen Bildmotiven und Stilmitteln, Kontraste, Interferenzen, Assoziationen – das alles ergibt eine jeweils eigene Klangfarbe. Sie ist bei vielen der rechtsradikalen Accounts durch martialische Sentimentalität gekennzeichnet: Bilder, die auf Krieg, Heldentum, Opfer einschwören sollen, wechseln sich mit Bildern ab, die von Idylle, Harmonie, Ewigkeit träumen lassen. Jugendlicher Weltschmerz wird damit ebenso bedient wie die Überzeugung, es irgendwann einmal allen zu zeigen, die einen nicht verstehen und ausgrenzen.

Aber damit nicht genug. Die Motivation, immer weiter zu scrollen, wird nicht zuletzt durch Bilder gesteigert, die erotisch stimulieren. Auf fast allen Accounts, die wiederum fast alle von Männern stammen und an Männer adressiert sind, gibt es zwischen Sujets aus Geschichte, Militär, Hochkultur und Mythologie immer wieder Darstellungen leicht bekleideter oder nackter Frauen. Mit ihnen soll nicht nur einmal mehr die weiße Rasse gefeiert werden; vielmehr geht es, wenig überraschend, ebenso darum, Frauen als lasziv und passiv, dem Mann untergeordnet und ergeben zu präsentieren. Sie winken den tapferen Verteidigern der Festung Europa als Belohnung, und um sie – ihre Reinheit – zu schützen, ist der Kampf gegen alles Fremde – und Bedrohliche – überhaupt nur nötig.

Neben dem Beharren auf einer klaren Geschlechterordnung, in der für Schwule und Queere so wenig Platz ist wie für eine Gleichberechtigung von Mann und Frau, vermitteln die Bildprogramme noch weitere rechtsextreme Werte. Durch stete Wiederholung immer wieder ähnlicher Motive werden Krieg, eine antidemokratische Adelsgesellschaft sowie eine nietzscheanische Herrenmoral propagiert, es geht um Heldenverehrung und Denkmalskult, um Okkultes und um alte Bücher. Vor allem aber tauchen auf zahlreichen Bildern Sujets des Nationalsozialismus sowie des Faschismus auf; beharrlicher als mit jeder anderen historischen Referenz brüstet man sich mit Hitler und der SS, Kunst aus der NS-Zeit und Nazi-Symbolen, zumindest aber mit Mussolini und Mosley. Die beliebte Aussage von Identitären und vielen anderen Rechtsextremen, sie hätten nichts (mehr) mit dem Faschismus zu tun, entpuppt sich auf nahezu allen Tumblr-Accounts (wo man sich weniger beobachtet wähnt als sonst) als ebenso falsch wie die ähnlich oft geäußerte Behauptung, man lehne Gewalt ab.

Dabei wäre es gut möglich, das identitär-rechtsextreme Europa-Narrativ ganz ohne Bezugnahme auf die faschistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts zu gestalten. Man könnte den Wald und die Kathedralen, die schönen weißen Frauen und die heldenhaften Männer, das vormoderne Landleben und eine hipsterfreie Zukunft feiern, um für die Festung Europa und die Verteidigung des Eigenen zu werben. Doch scheint das nicht zu genügen. Für das Feeling als Subkultur braucht es härteren Stoff: Sujets, die provozieren und die vielerorts als Tabubruch empfunden werden. Dann hat man es, da man Widerspruch oder auch Sanktionen erfährt, leichter, sich als Opfer, als Märtyrer zu fühlen, sich aber auch als verschworene Gemeinde zu stilisieren, die nicht nur gegen den Mainstream, sondern im Verborgenen agiert und ihre Ziele zum Geheimnis erklären kann.

So wenig die EU-Befürworter von Auschwitz und damit von den Opfern loskommen, so wenig kommen die Rechtsextremen also von den Tätern des Nationalsozialismus und Faschismus los. Doch sind ihre Heroisierungen, sind Fashwave und andere Ästhetisierungen höchst aktuell; hier sind, anders als bei historischen Begründungen für die EU, Vergessen und Abstrakt-Werden ganz und gar kein Thema. Plötzlich hat man sogar die bedrückende Vision, dass die Täter ein viel längeres Nachleben haben könnten als die Opfer. Diese drohen, gerade weil es viel zu viele sind, als dass man sie als Individuen festhalten könnte, in der Anonymität zu verschwinden, während die Täter, gerade weil sie so Unvorstellbares getan haben, immer weiter faszinieren und provozieren. Lässt sich mit Menasse und anderen mutmaßen, dass die Zeiten bald vorbei sein werden, in denen die Opfer als Mahnung, als Wegweiser für eine menschlichere Politik in einem einigen Europa wirken konnten, so könnte die Zeit, in der aus Tätern Helden werden, schlimmstenfalls gerade erst beginnen – und endlos lange dauern.

Solche Mutmaßungen bekommen weiter Nahrung, wenn man auf Versuche blickt, Bürger und gerade die junge Generation dazu zu motivieren, sich für Fortbestand und Weiterentwicklung der EU zu engagieren. So hat die 2017 gestartete Kampagne „Pulse of Europe“ mit Kundgebungen und Aktionen in zahlreichen europäischen Städten nicht die erhoffte virale Dynamik erlangt und scheint bereits fast wieder eingeschlafen zu sein. Andere Projekte bleiben auf das ziemlich enge Milieu von Kunst und Wissenschaft beschränkt, und selbst wenn ihre Formate auf die Sozialen Medien hin angelegt sind, zünden sie dort nicht richtig. 

Besonders aktiv ist etwa der Fotograf Wolfgang Tillmans, der im Mai/Juni 2018 – zusammen mit dem Architekten Rem Koolhaas und anderen – ein „Eurolab“ in Amsterdam veranstaltete, auf dem diskutiert werden sollte, was an der EU-Kommunikation schiefgelaufen ist und wie sich ein Neustart bewerkstelligen ließe („what has gone wrong in the communication of, and about the EU and how to make a new and powerful beginning”).[10] Und schon 2017 entwickelte Tillmans eine Plakatkampagne unter dem Titel “Protect the European Union”: fünf Motive, in 23 Sprachen übersetzt. 

 

Die Texte, die sich ausdrücklich „gegen Nationalismus“ richten, wollen auf Vorzüge der EU aufmerksam machen, etwa auf das Prinzip der Freizügigkeit, wonach man studieren und leben kann, wo man will. Doch ist der Hinweis auf eine komfortable Lebenssituation noch lange kein Narrativ; dazu müsste man die gegenwärtigen Verhältnisse etwa ausdrücklich denen von früher gegenüberstellen, als benachbarte europäische Länder blutige Kriege gegeneinander führten und als schon jede Reise aufgrund zahlreicher Landes- und Währungsgrenzen mühsam war. 

Wer erwartet, einer der berühmtesten Fotografen der Welt habe aber zumindest Bilder zu bieten, die für den Geist der EU einnehmen, wird von seiner Plakatkampagne noch mehr enttäuscht. So begleiten die Texte jeweils einfach nur Fotos mit Himmel von oberhalb der Wolken. Dort, so die Botschaft, gibt es keine Grenzen, alles ist vielmehr offen und frei. Doch wirken die fast einfarbigen Motive ziemlich abstrakt und sehr unverbindlich, eher als Platzhalter denn als emotionalisierende Sujets. Ist Menasses Buch immerhin noch ein virtuoser, höchst unterhaltsam geschriebener Hilferuf, so fällt es leider schwer, in den Plakaten von Tillmans mehr als ein Zeugnis purer Ohnmacht zu erblicken.

Ihm selbst ist diese Problematik aber durchaus bewusst. In einem Interview mit der ZEIT im Juli 2018 bekennt er, es sei „nicht ganz leicht“, angesichts des Schwindens der Selbstverständlichkeit des Europa-Narrativs der Nachkriegsgeneration „mit einer emotionalen Kampagne vorzugehen“. Mit starken Emotionen würden außerdem schon die Rechten agieren und „Kampagnen der Angst, des Ressentiments“ betreiben, ja „die ständige Krise, den ständigen Ausnahmezustand […] simulieren“. Dagegen, so seine These, bleibe „gar nichts anderes übrig, als die Debatte auf eine rationale Grundlage zurückzuholen“.[11] Seine eigene Kampagne ist also offenbar ganz gezielt nüchtern statt emotional. Aber ob sich auf Dauer Wahlen ohne eigenes Narrativ gewinnen lassen? Im Mai 2019 steht die nächste Europawahl an, und schon jetzt braucht es nicht viel Phantasie, um zu prognostizieren, dass es die relevanteste und auch umkämpfteste Wahl seit Bestehen der EU werden wird. Die vereinten Rechten werden ihr Anti-EU-Narrativ erstmals voll ausspielen. Vieles von dem, was im Moment noch auf Accounts von Tumblr entwickelt wird, dürfte dann in den Wahlkampf eingespeist werden. Es wird nicht über ein Europa, sondern über zwei extrem gegensätzliche Europas abgestimmt werden.

 

 

Wolfgang Ullrich ist freier Autor.

 

Anmerkungen

[1] Robert Menasse: Die Hauptstadt, Berlin 2017, S. 184f.

[2] Ebd., S. 242.

[3] Ebd., S. 394.

[4] Ulrike Guérot: Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde, Berlin 2017, S. 21, 42.

[5] https://www.republik.ch/2018/07/10/wir-brauchen-ein-souveraenes-europa

[6] Mario Alexander Müller: Kontrakultur, Schnellroda 2017, S. 80.

[7] Vgl. Annekathrin Kohout: “Discover Tumblr 1 | Vaporwave” (2016), auf: https://sofrischsogut.com/2016/02/28/discover-tumblr-vaporwave

[8] Vgl. Jack Smith IV: “This is fashwave, the suicidal retro-futurist art of the alt-right” (2018), auf: https://mic.com/articles/187379/this-is-fashwave-the-suicidal-retro-futurist-art-of-the-alt-right

[9] https://neonreconquista.tumblr.com/post/165792509316

[10] http://www.betweenbridges.net/open-call-eurolab-new-ideas-to-communicate-the-eu.php

[11] https://www.zeit.de/amp/kultur/2018-06/wolfgang-tillmans-europa-kommunikation-verteidigung-europawahl

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