Jun 272018
 

Oversize 

Keypieces der kommenden Herbst/Winter-Saison sind Mäntel, die aussehen sollen, als wären sie mindestens drei Nummern zu groß. Annähernd knöchellang, gürtellos getragen mit überschnittenen Schultern und Ärmeln, die gerne bis an die Fingerspitzen reichen dürfen. Die gestaltbare Fläche zwischen Hals und Füßen wird von diesen Mänteln gleichsam annektiert, verschluckt und zu einer monolithischen Masse modelliert.

Zwar erinnern die Entwürfe vage an das Power Dressing der gerade wieder in Mode kommenden 1980er Jahre, die Wirkung ist jedoch eine ganz andere: Vor 40 Jahren kollidierte der Oversize-Stil mit dem Aufkommen der Gym-Kultur und einer hypermuskulären männlichen Silhouette. Die überbreiten Schultern der Mäntel sollten auch Frauen das Aussehen eines Superhelden verleihen und standen für Macht und Stärke. Die Anti-Passform der Mäntel, die gegenwärtig auf den Laufstegen und an den Leibern der Influencer zu sehen sind, lassen ihre Trägerinnen und Träger dagegen eher schwach, zart und schutzbedürftig aussehen.

Das passt zu den beiden Ursprungsmythen der Oversize-Mode: Ende der 1970er Jahre begannen die ersten Popper, Hamburger Gymnasiasten, damit, die abgelegten Burberry-Trenchcoats ihrer Väter zu tragen. Der Oversize-Look war anfänglich nicht – wie bei Jil Sanders späteren Entwürfen – gewollt, sondern verwies unfreiwillig auf die physische sowie finanzielle Übermacht der Väter.[1] Am anderen Ende des soziokulturellen Spektrums waren es die afro-amerikanischen Häftlinge, die etwa zur selben Zeit mit ihrer schlechtsitzenden Gefängniskleidung den Baggy-Stil der urbanen Hip-Hop-Kultur etablierten.[2]

Demonstrativ zu groß getragene Kleidung evoziert immer die Vorstellung eines imaginären, machtvollen anderen Körpers, wie auch die mittlerweile überholte Bezeichnung Boyfriend-Stil belegt. Je nach Ausrichtung kann Oversize-Mode daher ermächtigend oder verniedlichend wirken.

Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im Frühjahr diesen Jahres zu den Missbrauchsvorwürfen privater Daten seiner Firma vor dem US-Kongress aussagen musste, trug er einen Anzug, der von der Presse eifrig kommentiert wurde. Als bemerkenswert wurde nicht nur die Tatsache empfunden, dass Zuckerberg, der für seine immer gleiche Normcore-Uniform aus Hoodies und Jeans bekannt ist, sich überhaupt in dieses formelle Kleidungsstück zwängte, sondern vor allem, dass dieser Anzug ihm augenscheinlich zu groß war. Es muss angenommen werden, dass Zuckerberg – der bei anderen Gelegenheiten bewiesen hatte, durchaus über gutsitzende Modelle zu verfügen – diesen Anzug bewusst gewählt hatte, um bei seinem öffentlichen Auftritt Sympathien und Mitleid zu erwecken.[3]

Der Raum zwischen Körper und Kleid kann als Indikator des Unbehagens begriffen werden, das Ersterem im sozialen Kontext zugewiesen wird. Das Spiel von Nähe und Distanz kann einmal dazu genutzt werden, Details seiner konkreten Beschaffenheit selbst ins Zentrum der modischen Aufmerksamkeit zu rücken, indem es diese betont und ausstellt oder – wie im Fall der aktuell angesagten Oversize-Mäntel – dazu genutzt werden, die Eigenschaften des physischen Leibes zu verbergen und an ihrer Stelle eine textile Ersatzoberfläche zu generieren.

Am jeweiligen Grad des Ent- oder Verhüllens lassen sich zeitgeistliche Ängste und Wünsche in Bezug auf den Körper festmachen. Die europäische Modegeschichte zeigte in den letzten beiden Jahrhunderten exemplarisch, dass sich Enganliegendes sowie Aussparungen in Zeiten steigender Liberalität und Freizügigkeit durchsetzen konnten, während Verklemmung und Bigotterie ihren vestimentären Ausdruck in stoffreichen, die natürlichen Konturen verzerrenden Gebilden fanden.

Durchaus interessant erscheint in diesem Zusammenhang auch die 1926 veröffentlichte und ebenso oft bestätigte wie widerlegte „Rocksaumtheorie“ des US-amerikanischen Ökonomen George W. Taylor, die eine negative Korrelation zwischen dem modischen Stoffverbrauch und dem wirtschaftlichen Wachstum feststellte:[4] In Phasen des Aufschwungs würden die von Frauen getragenen Röcke kürzer und beim Abschwung wieder länger werden.

Als gefühlte Wahrheit kann somit vorerst festgehalten werden: Anschwellende soziale sowie sexuelle Verunsicherungen begünstigen den Trend zu volumenreicher Kleidung. Wähnen sich Mensch und Mode demnach zurzeit dem Untergang nahe? Der Kampf um knapper werdende Ressourcen verschärft sich ebenso wie der Ton öffentlicher Diskurse um geschlechtliche und kulturelle Identität. Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, etwa Donald Trump, die Popularität dystopischer Serienformate oder die #metoo-Bewegung als auslösende Faktoren des Oversize-Revivals zu benennen.

Die Wechselbeziehungen zwischen Körper und Kleid sind weitaus komplexer als die psychohistorische Parallelisierung gesellschaftlicher und modischer Strömungen glauben macht. Körper und Kleid müssen als zwei Systeme der Bedeutungsproduktion betrachtet werden, die nicht scharf voneinander abgegrenzt werden können, sondern sich in einem parasitären Abhängigkeitsverhältnis fortlaufend zur gleichen Zeit gegenseitig bedingen und bedrohen.

Besonders deutlich wird dies, wenn die Kleidung sich nicht damit begnügt, den Körper zu verhüllen, sondern ihm ihre eigenen kapriziösen Formen aufzwingt: Wie zum Beispiel bei Rick Owens als Hommage an Rei Kawakubos Dress Meets Body, Body Meets Dress (SS 1997) konzipierter Kollektion.

Merce Cunningham: Scenario, Kostüme von Rei Kawakubo (1997)

Rick Owens F/W 2018/19

Die disruptive Qualität dieser Entwürfe kennzeichnet den Modekörper überdeutlich als hybrides Gebilde. Die von einigen Seiten geäußerte Lesart, solcherlei skulpturale Kleidung würde den Körper nicht mehr benötigen oder diesen lediglich zum passiven Trägermaterial degradieren,[5] setzt dagegen ein Eigeninteresse der Mode voraus, sich als Symbiont des menschlichen Körpers zu bemächtigen

Don’t let the clothes wear you lautet ein gerne zitiertes Fashion-Bonmot. Tatsächlich wirken manche der wagemutigeren Oversize-Teile der letzten Saisons auf den ersten Blick, als führten sie ihren Wirt spazieren – und nicht umgekehrt.

In aktuellen modetheoretischen Diskursen wird die körpernormierende Materialität der Bekleidung zumeist nur dann als problematisch bewertet, wenn sie dem Leib Grenzen setzt, die dieser nicht einzuhalten vermag oder gewillt ist.[6] So betrachtet erscheint der Oversize-Trend als begrüßenswert, da er den natürlichen Konturen des Körpers genügend Raum für dessen Ausdehnung über gängige Idealmaße hinaus zu bieten scheint.

Ein Kleidungsstück kann aber nicht an oder für sich Oversize sein, sondern wird dies erst im Zusammentreffen mit einem spezifischen Körper. Ebenso wie der fleischliche Leib modische Interventionen benötigt, um sich in ein sozial interpretierbares Konstrukt zu verwandeln, blieben die Entwürfe ohne den performativen Akt des Getragenwerdens weitgehend bedeutungslos. 

Die konkrete Beschaffenheit des Körpers bildet dabei einen überaus wichtigen Subtext. Schließlich macht es einen großen Unterschied, ob man etwas verbergen möchte oder lediglich bescheiden darauf verzichtet, es zur Schau zu stellen. Ein hard body ist daher die unbedingte Voraussetzung für ein Gelingen dieses Stils.

In Zeiten der visuellen Übersättigung mit pornografischen Körpern gerät das modische Versteckspiel zu einer ausgefeilten Form der Koketterie, die letztlich dazu dient, auf die überlegenen Qualitäten des abwesenden Leibes zu verweisen. 

Stoffreiche und ausladende Kleidung wurde bereits im Feudalismus dazu genutzt, die biologische Gleichwertigkeit von Adel und Volk zu negieren. So entstanden textile Fantasiekörper, welche die als angeborenes Recht begriffene Privilegierung, den Raumanspruch ihrer Trägerinnen und Träger sinnbildhaft Ausdruck verliehen. 

Auch die zeitgenössischen Oversize-Entwürfe erfüllen durchaus eine ähnliche Funktion, umso mehr, da sie mit der ironischen Brechung konventioneller Regeln der Passform sicherstellen, dass das ostentative Protzen und Prahlen mit Designerkleidung eher als intellektuelle Spielerei denn als Ausdruck niedermotivierter Geltungssucht begriffen werden kann.

Bekleidung lässt sich jedoch nicht auf ihre Außenwirkung reduzieren, sie beeinflusst auch das psychische Empfinden ihrer Trägerinnen und Träger. So ist es wohl kein Zufall, dass sich gerade der Oversize-Mantel, der wie kein zweites Kleidungsstück für die symbolische Geste des Beschützens steht, in der kommenden Saison die modische Vormachtstellung erobert. So stellte der britische Psychoanalytiker J. C. Flügel bereits 1930 fest, dass der hochgeschlagene Mantelkragen in Wahrheit nicht dem eisigen Winde trotzen sollte, sondern der allgemeinen Unfreundlichkeit der Welt.[7]

 

Dr. Diana Weis (1974) unterrichtet Modesoziologie und Ästhetik an der Universität Hamburg sowie Modetheorie an der AMD Berlin. Als freie Autorin schreibt sie für zahlreiche Magazine Stilkritiken und hat 2012 das Buch „Cool aussehen. Mode & Jugendkulturen“ herausgegeben. 2017 promovierte sie an der Universität Hamburg mit einer kulturwissenschaftlichen Arbeit über Botox.

 

Anmerkungen

[1] Frohmann, Christiane (2012): Was lacostet die Welt Geld spielt keine Rolex! Die Bieder- und Protestmode der Popper, in: Weis, Diana (Hg.): Cool Aussehen. Mode und Jugendkulturen, Berlin.

[2] Demby, Gene (2014): Sagging Pants And The Long History Of ‚Dangerous‘ Street Fashion, in: https://www.npr.org/sections/codeswitch/2014/09/11/347143588/sagging-pants-and-the-long-history-of-dangerous-street-fashion?t=1529981173864

[3] Mark Zuckerberg’s I’m Sorry Suit, in: New York Times 10.April 2018, in: https://www.nytimes.com/2018/04/10/fashion/mark-zuckerberg-suit-congress.html

[4] A Hemline Index, Updated – How Does Society Change in a Bad Economy? , in: New York Times  18. Oktober 2008 (online: https://www.nytimes.com/2008/10/19/weekinreview/19lewin.html)

[5] Lehnert, Gertrud (2013): Mode. Theorie, Geschichte und Ästhetik einer kulturellen Praxis, Bielefeld.

[6] Haller, Melanie (2015): Mode Macht Körper – Wie sich Mode-Körper-Hybride materialisieren, in: Body Politics 3, Heft 6, 2015.

[7] Flügel, Johann Carl (1930): Die Psychologie der Kleidung, in: Bovenschen, Silvia (Hg.): Die Listen der Mode, Frankfurt/Main 1986.

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