Dez 072017
 

24. Dezember – Vorabendländer

Es gibt Reisländer und Weizenländer. Es gibt Kaffee- und Teeländer, Bier- und Weinländer. So weit ich weiß, gibt es keine Morgen- und Abendländer, und wenn sich Sachsen-Anhalt das „Land der Frühaufsteher“ nennt, klingt das doch ein wenig so, als gäbe es dort sonst nichts. Ich würde aber behaupten, dass man zwischen Vorabendländern und Mitternachtsländern unterscheiden kann. In Vorabendländern beginnen Festtage mit dem Sonnenuntergang, um 18 Uhr meinetwegen. Der jüdische Sabbat fängt am frühen Abend des Vortags an, das muslimische Fastenbrechen beginnt mit dem Sonnenuntergang und so hält man es auch bei Geburtstagen. Das viel zitierte Abendland ist hingegen alles andere als ein Abendland, geschweige denn ein Vorabendland. Hier fängt ein Fest – egal was es ist, ein Geburtstag, ein Jubiläum oder eben Weihnachten – um Mitternacht an, um Punkt Null Uhr. Gratuliert man auch nur einige Minuten zu früh, bringt das Unglück. Werktags gehört dem Vorabend in Deutschland im besten Falle das Feierabendbier. Im schlechtesten Fall widmet man ihn den, tja, da ist das Wort wieder: Vorabendserien. Das sagt schon alles. Der Vorabend ist die Zeit des Wartens auf den korrekten Tagesanfang – irgendwann mitten in der Nacht.

Okay, und damit jetzt frohe Weihnachten.

23. Dezember – Frühgeschichte

Ich lese viele Bücher über Frühgeschichte. Es ist ein Hobby sozusagen. Gerade im Winter, wenn man dazu Tee trinken kann, denke ich gerne darüber nach, warum wer wann nicht ausgestorben ist. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto enger liegen die Fragen beieinander: Was wir hier überhaupt machen und wer wir überhaupt sind.

Im Sommer besuche ich Dolmen. Die großen Steine liegen da und was auch immer dort getan oder gefeiert wurde, es hat sich in das Gedächtnis der Landschaft eingeschrieben.

Es gibt einen Typ, der auf einer Webseite mit dem kryptischen Namen t4t35 alle prähistorischen Stätten und Dolmen in Westeuropa auf Googlemaps einzeichnet. Egal wo man im Urlaub ist, man kann dort nachschauen, wie man zum nächsten Dolmen kommt.

Auf einer anderen Seite sammelt er Bilder von Oldtimer-Motorrädern. Ich habe ihm einen Fanbrief geschrieben und gefragt, ob er eine dritte Webseite für Lunchboxen hat. Er muss doch auch mal Rast machen, wenn er auf seinen einsamen Motorradtouren von Dolmen zu Dolmen fährt.

Die guten Bücher der letzten Jahre:
Das Gilgamesch-Epos. Neu übersetzt und kommentiert von Stefan M. Maul. C. H. Beck 2005.
Alain Testart: L’amazone et la cuisinière. Anthropologie de la division sexuelle du travail. Éditions Gallimard 2014.
Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus: Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. C.H. Beck 2015.
Jürgen Kaube: Anfänge von Allem. Rowohlt 2017.

Und manchmal schaue ich mir auch eine Episode von Jared Diamond an. Der hat einen genauso dämlichen Backenbart wie Hans-Werner Sinn, aber seine Antworten auf die nicht ganz einfache Frage, warum die Europäer und Eurasier so ziemlich den ganzen Rest der Welt unterworfen haben und nicht andersherum, finde ich sehr interessant.

22. Dezember – Richard Pryor

Ich kannte Richard Pryor nicht! Ich habe einiges an Stand-Up-Comedy gesehen, aber bis jetzt wusste ich nicht, wer Richard Pryor war. Fünfundzwanzig Jahre Lebenszeitverschwendung. Was für ein rassistischer Planet, auf dem das möglich ist.

Schwer zu sagen, was Richard Pryor auf der Bühne eigentlich macht. Wenn Bruno Latour Humor hätte, was ich inzwischen bezweifle, hätte er seine helle Freude daran: Alles lebt. Alle Dinge führen ein Eigenleben. Richard Pryor verkörpert ein Herz im Augenblick seines Infarkts. (Bei seinem ersten war er 39 Jahre alt). Er verkörpert die Faust seines Vaters, die ihn als zehnjährigen Jungen verprügelt. So hart, dass sein Brustkorb sich um die Faust faltet und nicht mehr von ihr abgeht, wohin auch immer dieser seinen Arm bewegt. So springt Pryor über die Bühne: Um eine imaginäre Faust gewrappt, die versucht, ihn abzuschütteln.

Sowieso, es ist irre, was in seinem Leben alles passiert ist. 1940 wird er in Peoria, Illinois, geboren, in einem Arbeiterviertel, wo es lauter normale Familien gibt: „Eleven kids. Yaah, no parents – just kids“. Er wächst in einem Bordell auf, das der Großmutter gehört, seine Eltern prostituieren sich beide darin. Er wird zum größten Star der 70er Jahre. Er kauft Kokain in Kilogramm. Überlebt nur knapp, als er sich auf Drogen selbst anzündet, weil eine Sendung über Vietnam im Fernsehen läuft. Brennend rennt er über mehr als eine Meile die Straße  herunter. Er macht ein Comeback und wird noch berühmter. Zündet ein Streichholz auf der Bühne an und wedelt damit herum: Was ist das? Das ist Richard Pryor.

1986 wird bei ihm die schwere Nervenkrankheit Multiple Sklerose festgestellt. „MS? What does that stand for?! More shit?“

Show „Richard Pryor: Live in Concert“ (1979) auf Netflix.

Show „Richard Pryor: Live on the Sunset Strip“ (1982).

Doku „Richard Pryor: Omit the Logic“ (2013): https://vimeopro.com/user18105648/features/video/65456553

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21. Dezember – Jane Fonda
Jane Fonda ist die Hildegard Knef des Workouts. Denkt einmal darüber nach, es stimmt. Auch im Gesicht gibt es Ähnlichkeiten, und sie haben einen ähnlichen futuristischen Blick. In diesem Jahr hat Jane Fonda auf den Filmfestspielen von Venedig den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk bekommen. Dabei ist ihr Leben bestimmt noch lange nicht zu Ende. Sie wird als Hildegard Fonda wiedergeboren werden, als Schutzheilige der VHS-Kassetten.
Mein Lieblingsworkout ist, ganz klassisch, dieses hier, ich höre es auch manchmal zum Einschlafen:
Auch super: Barbarella, ein Science-Fiction-Film von 1968. Hat mit „Science“ aber nichts zu tun.

20. Dezember – Djivan Gasparyan

Zeit für DJ Ivan, sage ich manchmal, wenn ich mich abends allein ins Bett schicke.

Die Duduk ist das Nationalinstrument Armeniens, sie ähnelt einer Klarinette im Klang und einer kurzen Oboe in der Form. Ihr Ton ist tiefer, aber ähnlich nasal, weinerlich – als würde sich die Luft etwas sträuben, durch diesen engen Spalt des Schilfrohrs getrieben zu werden. Für gewöhnlich ist die Duduk aus Aprikosenholz gemacht.

Djivan Gasparyan ist der bekannteste und unumstritten beste Dudukspieler Armeniens. Nächstes Jahr wird er 90 Jahre alt. Es soll sogar eine Wodkasorte geben, die nach ihm benannt ist. Mit Hans Zimmer hat er Filmmusik aufgenommen. Mit Peter Gabriel – was heißt das schon.

In dieser Welt nicht traurig sein, das geht nur mit trauriger Musik.

„I will not be sad in this world“

19. Dezember – Sense8

Acht Leute, auf vier Kontinenten verteilt, finden heraus, dass sie in die Gedankenwelt der anderen eintauchen und einander Fähigkeiten verleihen können. Sie bilden einen achtköpfigen sogenannten „Sensate“-Cluster und irgendwer versucht, sie zu töten. Das ist genauso wie es klingt: überdrehter, nerviger, extrem kalifornischer Globalisierungskitsch in Form einer Serie. In Bestform, sozusagen.

Es ist okay, wenn man beim Zuschauen etwas befremdet ist. Die Wachowski-Geschwister (Matrix) haben keine ironische Zwischendecke eingezogen, auf die man sich bei Bedarf retten könnte. Die mysteriös verbundene Gedankenwelt der Sensates lädt zu einer Orgie im Pool über den Dächern von Mexico City doch geradezu ein. Ein andermal sieht man zu klassischer Musik acht verschiedene Entbindungen in Frontalansicht. Das Wunder des Lebens als kaleidoskopartig bunter, blutiger Taumel. Weil, why not?

Nach zwei Staffeln hat Netflix die Serie aus Kostengründen abgesägt, im Frühjahr 2018 wird es lediglich eine finale Doppelfolge geben. Es folgte: Entrüstung bei den Fans und die lustigste Idee des Jahres, ein offener Brief des Betreibers der Porno-Webseite xhamster an Lilly und Lana Wachowski mit dem Angebot, sie dürften die Serie auf xhamster weitermachen. „We know we’re an unlikely home. But five years ago, people laughed at the idea of Netflix producing original series. We think that our time, like yours, has come.“ https://de.xhamster.com/blog/posts/691955

 Pornoserien! Das ist die nächste Revolution des Fernsehens, ich gehe jede Wette ein.

 

18. Dezember – Ren Hang

Fast dachte ich: Ren Hang passt zu gut in den Weihnachtskalender für die Pop-Zeitschrift. Ein Kultfotograf hat uns gerade noch gefehlt. Außerdem hat er sich umgebracht, dieses Jahr, mit nur 29 Jahren. Das kann man nicht unerwähnt lassen. Das steht dann aber wie ein Elefant im Porzellanladen vor seinen Bildern herum und verdeckt die Sicht. Andererseits wäre es doch ebenfalls morbide, würde man wegen des Bekanntheitsgrads, in den er sich 28 Stockwerke tief gestürzt hat, jetzt nicht über ihn schreiben. Man muss nämlich über ihn schreiben, weil es so großartig ist, was er da gemacht hat.

Fotografien von seinen nackten chinesischen Mitbewohnern: So anrührend, so lustig, traurig, menschlich, geometrisch, dass man sich ganze Nächte lang auf seiner Webseite verlieren kann (renhang.org). Was der Mensch ist, ist die Frage, die er stellt; irgendwas mit Menschen, ist seine Antwort. Wer weiß, ob er das selbst so gesagt hätte, aber das denke ich und unterschreibe ich sofort.

Eine Ausstellung mit Fotografien von Ren Hang ist in Leipzig zu sehen, nicht mehr lang, nur noch bis zum 7. Januar.
https://mdbk.de/ausstellungen/ren-hang/

 

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17. Dezember –  Brazilian Waxing

Neonröhren liegend von unten betrachtet: Niemals ein gutes Gefühl. Immer Zahnarzt. Die mit Krepp-Papier belegte Schaumstoffliege quietscht unter mir. Liegen und Warten, das ist der Versuch einer Vertikalspannung in der Horizontalen. Ich sage mir, entspann dich. Gesagt, getan. Ich schließe die Augen, ich lasse das Licht der Neonröhren in der Dunkelheit des inneren Auges nachflimmern. Was man auch tun könnte: Eine Debatte darüber führen, wie es dazu kommt, dass ich hier liege. Stellt sich mit sehr viel Klarheit, diese Frage, wenn das Wachs viel zu heiß auf die Haut trifft. Wozu tue ich das? Wozu wir? Könnte man. In der zweiten Hälfte des Schmerzes kann man es schon nicht mehr. Hier geht es um Sekunden. Vor dem Schmerz: nicht wegzucken, dieses Mal nicht wegzucken, nächstes Mal nicht wegzucken. Doch gezuckt haben. Die Sekunde darauf: eine seltene Klarheit flutet das Gehirn. Weniger schlimm als gedacht, sagt die Klarheit und das Neonlicht nickt. Besser als jedes Koffein, sagt der Tag.

16. Dezember – „Mein Flirt“ von Veranda Spuk

Es hat mich noch nie jemand nach meiner Meinung gefragt, aber: Natürlich gibt es Liebe auf den ersten Blick. Alles andere wäre doch absurd. Menschen sind schließlich keine DHL-Pakete, die man, nachdem man einen Zettel im Briefkasten gefunden hat, obwohl man doch die ganze Zeit zuhause war, an irgendeiner Paketstation abholen, mühsam auspacken muss und dann feststellt: Ach so, voll vergessen, hatte ich mir ja letztens bestellt.

Mit Büchern ist es meistens komplizierter als mit Menschen. Man muss sie bis zum Ende durchlesen, um herauszufinden, ob sie gut sind.

So ist es oft, so war es aber nicht mit diesem Buch. Veranda Spuk: „Mein Flirt mit einem ganz bestimmten Superstar oder der Pappkarton im Bettlaken“, Suhrkamp Verlag, 1982. Es war Liebe auf den ersten Blick, als ich im Internet darauf gestoßen bin. Ich habe es sofort bestellt und darauf gewartet. Ich wusste, dieses Buch wurde für mich geschrieben. Der Titel, das Pseudonym (Veranda Spuk!), die Pappschachtel in Form einer Schokoladentafel, in der dieses glänzend goldene Buch liegt – das alles ist genau so, wie das, was darin steht. Es geht um Pappkartons, einen Superstar und ja, auch um Schokolade. Es ist das Tagebuch eines jungen Mädchens. Es ist total irre.

Mehr muss ich dazu gar nicht sagen. Wer für dieses Buch bestimmt ist, der weiß Bescheid.

Anmerkung: Ein Text von mir über dieses Buch erscheint in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift „Kultur & Gespenster“ (Textem Verlag Hamburg).

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15. Dezember – Blue Planet II – Playlist

Ich find’s gut, dass meine Kopfhörer einen Wackelkontakt haben, ich muss immer das Kabel zurechtzippeln, damit rechts Sound kommt. Das verstärkt den Unterwassereffekt von Musik. Manchmal reicht es auch, wenn ich ein bisschen den Kopf schief lege, sodass das Wasser aus dem Ohr rausläuft und irgendein Kabelende wieder Kontakt findet.

2017 ist ein gutes Jahr. Die Unterwasservariante von Planet Earth findet seine Fortsetzung auf BBC: Blue Planet II. Sir David Attenborough, der niedlichste Opa der edlen Television, zeigt uns wieder die lustigen Lebewesen der Weltmeere.

DJ Benji B spendiert die Musik dazu. Hier ist sein Blue Planet II Mix auf BBC Radio One.

http://www.bbc.co.uk/programmes/b09gffzw

14. Dezember – Harry Dean Stanton

Es gibt Menschen, denen schaut man einfach gerne dabei zu, wie sie etwas machen. Egal was. Am besten sie existieren einfach vor sich hin, laufen rum, schauen kurz für einen Kaffee vorbei, den sie am Tresen trinken, und „müssen“ dann wieder „los“. Wie kleine Modellautos rollern sie durch die Gegend. Gegebenenfalls weichen sie Hindernissen aus, und zwar mit der viel zitierten schlafwandlerischen Sicherheit. Als würden sie von einer unbekannten Macht ferngesteuert. Ihre Fahrtrichtung beeinflussen kann man nur durch Lockrufe, durch Kaffee zum Beispiel oder andere Dinge, auf die sie magnetisch reagieren. Man würde sie gerne als Haustiere halten, doch man weiß, dass das nicht geht.

Eines dieser Modellautos ist Harry Dean Stanton. Man schaut ihm gerne zu, plus: er läuft dauernd irgendwohin. Weshalb es Sinn macht, dass er Schauspieler geworden ist, Nebendarsteller, um genau zu sein. Ein Kult-Nebenschauspieler. In der Serie Twin Peaks von David Lynch, mit dem er lange befreundet war, spielt er den Hauswart eines Wagenplatzes, auf dem die abgerissensten Gestalten von Twin Peaksin in ihren mobile homes wohnen. Auch hier: Mobile Homes.

Die einzige Hauptrolle seines Lebens hat er in Paris, Texas von Wim Wenders gespielt, das war 1984, und in der Erzählung von Wenders klingt durch, wie schwierig es gewesen sein muss, einen längeren Monolog mit ihm zu drehen. Er dachte – damals –, er wäre schon viel zu alt dafür. Aber es passt natürlich sehr gut: Travis, ein verwirrter, verwahrloster Mann, läuft durch die Wüste. Nicht viel mehr als das.

In seiner zweiten einzigen Hauptrolle spielt er sich selbst. „Lucky“ (2017) ist ein Spielfilm, der sich von der Doku, die 2012 über ihn gedreht wurde, gar nicht so wesentlich unterscheidet. Aber die hatte den Titel „Partly Fiction“.

Die brennende Zigarette wartet im Aschenbecher, während der 90-jährige Harry Dean Stanton seine täglichen Yoga-Übungen absolviert. Zwischen den Übungen zieht er daran. Wollte man Kritik üben, könnte man sagen, „Lucky“ ist nicht viel mehr als eine sehr sympathische Langversion einer Zigarettenwerbung, in deren Verlauf der Marlboro-Man mit seinem Cowboyhut nicht an Krebs sterben wird. (Es ist allerdings nicht Marlboro, Harry Dean Stanton raucht American Spirit – was alle hippen Großstadtraucher freuen wird). Aber warum sollte man Kritik üben? Nur zur Erinnerung: Wir befinden uns in der Weihnachtszeit, der Eltern- oder Großelternbesuch steht an, allein schon als Methode der Selbstsensibilisierung kann, darf, sollte man sich diese rührende Gestalt anschauen.

In Twin Peaks: The Return, der Fortsetzung der Serie 25 Jahre später, spielt Harry Dean Stanton wieder den Blockwart. Er sieht nicht aus wie 90. Er war schon vor 25 Jahren der älteste am Set. Ich weiß gar nicht, ob man es Alterslosigkeit nennen kann, wenn jemand, der so alt ist, so jung wirkt. Jungenhaft. Könnten wir dem nicht eine lateinische Bezeichnung geben? Ich wäre für Automobilitas.

Am 15. September 2017, morgen vor drei Monaten, ist er gestorben. RIP!

– Paris, Texas. (Wim Wenders, 1984)

– Twin Peaks (1991-93 und 2017)

– Partly Fiction (Doku von Sophie Huber, 2012)

– Lucky (Spielfilm von John Carroll Lynch. Filmstart Deutschland: 8. März 2018).

13. Dezember – John Coltrane

Jazz ist eine der wenigen realexistierenden hegelianischen Aufhebungen on earth. Man kann Jazz hören bevor die Gäste kommen, während sie da sind und wenn sie weg sind, wenn man am Folgetag alleine durch die Wohnung streift und Bierflaschen an erstaunlichen Orten findet. Das kann nicht jede Musik! Je nachdem ob man selbst entspannt oder aufgedreht ist, ist es entspannte oder aufgedrehte Musik. „My Favorite Things“ ist daher auch ein ganz großartiger Titel für das Album des Saxophonisten John Coltrane. Lieblingssachen haben es ja so an sich, dass sie auch in den verschiedensten Situationen immer richtig sind.

Also, wenn es nach mir ginge, dass gäbe es bald einmal zwei Megatrends, ein Comeback des Jazz, meinetwegen elektronisch getwistet, und eine Wiederentdeckung der Orgel als Universalinstrument. Kirchenorgel, meine ich. Da müsste ich jetzt aber weiter ausholen. 

John Coltrane, My Favorite Things (1961)

12. Dezember – A Brief History of Meteorite Falls

Das Buch erinnert mich daran, wie ich einmal meiner Großmutter versucht habe zu erklären, was DJs machen. Es war gar nicht so einfach, weil es ganz offensichtlich paradox klingt: Man kann Musik machen, ohne, tja, Musik zu machen. A Brief History of Meteorite Falls ist ein Gedichtband, keine Frage. Es enthält bloß keine Gedichte. Und die Autorin, die Künstlerin Regine Petersen, hat keinen der Texte selbst verfasst. Sie hat Zeitungsartikel und Augenzeugenberichte gesammelt, viele auf Englisch, einige auf Deutsch, von Menschen, die Meteoriten gefunden haben oder zugegen waren als sie auf die Erde einschlugen. Nur mit Orts- und Datumsangabe versehen, als bekäme der Meteorit erst mit dem Moment des Einschlags einen rechtmäßigen Platz in Raum und Zeit, stehen diese Berichte kommentarlos nebeneinander. Manche Anekdoten sind einfach sehr lustig; in der Komposition sind sie poetisch.

Der Schreck, die Angst, die Neugier; göttliches Zeichen, wissenschaftliches Interesse, der Geschäftssinn. Mister Lloyd-Jones zog seit seinem Erlebnis am 14. April 1931 seinen Hut nicht mehr aus, ging sogar mit ihm schlafen, so verängstigt war er. In Atoka, Oklahoma, waren sich die Leute am 17. September 1945 unsicher, ob es sich nicht vielleicht um eine Bombe handelte – ein Mann, der eine lebenslange Gefängnisstrafe abzusitzen hatte, musste den Stein ausgraben. Oder Strathmore, 1917: „Then there came what seemed like a double knock at the door, which she opened, but found no one there.“

Ebenso schnell wie ein Meteorit die Frage aufwirft, was man mit ihm tun soll, sind die Antworten bei der Hand. Er muss an Ort und Stelle bleiben und wehe ihn rührt jemand an (sagten die Geheimnismänner der Saskatchewan), wir hängen ihn in der Kirche auf (Ensisheim, 1492), er gehört ins Museum! Ins Labor! Jaja. Die Geschichte der Menschheit lässt sich vielleicht tatsächlich erzählen anhand dieser Dinge, die älter sind als der Planet.

PS: In Paris läuft noch bis zum nächsten Sommer eine Ausstellung über Meteoriten, die ich unbedingt sehen will. 350 Exponate gibt es zu sehen – von den immerhin 20.000 Tonnen außerirdischen Gerölls, die jedes Jahr in die Erdatmosphäre eintreten.

Regine Petersen, A Brief History of Meteorite Falls, Textem-Verlag Hamburg 2014.

Ausstellung „Météorites – Entre ciel et terre“. 18. Oktober 2017 – 10. Juni 2018. Grande Galerie de l‘évolution, Paris.

11. Dezember – Das Wendland

Hier ist das Land nicht nur einfach flach, hier ist geschliffen worden. Man sieht der Gegend den Schliff noch an; vergleichbar mit einem kalten Tee, dessen Kälte man anmerkt, dass sie noch jung ist, gerade erst abgekühlt. So ist es auch mit dem Wendland. Man ahnt die Gletscher noch, die in der Eiszeit hier weggeschabt haben, was gerade noch da gewesen war. Die Bauern, die hier siedelten, sind immer arm geblieben. Sandböden, da wächst nicht viel. Wir fahren die Landstraße lang, es ist Nacht. Zwischen Kiefern und Birkengrüppchen hängt Nebel, wie bodennahe Wolken, die aufheulen, wenn das Scheinwerferlicht sie trifft. Giftgasangriff auf die Kühlerhaube. Einmal macht die Straße einen Knick und gleich wieder noch einen, mitten im Nirgendwo – das ist die Grenze gewesen, DDR-BRD. Das Wendland lugte wie eine Nase in die DDR hinein. Es ist das autobahnfreieste Stück Land in Deutschland. Ich habe die Bahn genommen, von Berlin fährt man eineinhalb Stunden nach Salzwedel und von dort muss man mit dem Auto weiter. In Salzwedel wurde der Baumkuchen erfunden, heißt es, und das macht Sinn, wo es hier kaum etwas anderes gibt als Sandböden und Bäume. 
Abgeschiedenheit und Höfe zum Spottpreis. In den 60er Jahren fingen die Hippies an, hierhin zu ziehen, Kommunen zu gründen. Das Endlager in Gorleben, an dem wir vorbeifahren, war noch gar kein Thema, da waren die Gegner schon da.

Die Wenden waren von Osten eingewandert, sie hatten ähnlich wie die Sorben in Ostsachsen  eine eigene Sprache und Kultur. Die Orte haben immer noch wendische Namen. B. meint, dass die Armut der Wenden auch ein Grund war, weshalb sich die Leute von hier und die Hippies so gut verstanden haben. Wer hier lebt, war immerschon auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Ob die Nachbarn Großstädter sind und ihre Kühe nicht um 6 sondern um 11 Uhr morgens melken, ist da Nebensache. 

Das Wendland: Das ist Norddeutschland, aber ohne Küste. Ich stelle mir vor, dass sich der Norden von Bayern ähnlich anfühlen muss, Bayern ohne Berge. Nur die Elbe ist hier. Träge und düster und breit liegt sie da. Auch sie war Grenze. Die gefährliche Strömung war schon Stacheldraht genug.

Auf der BRD-Seite gibt es einen Hügel, der steil zum Ufer hin abfällt. Auf dem Hügel steht ein rot-weißer Mast. Ein riesiger Mast, hoch wie ein Fernsehturm. Teil einer Abhöranlage, wie es sie entlang der Grenze einige gab. Andernorts wurden sie abgebaut. Aber hier macht dieser Mast auch irgendwie Sinn. Er steht da und horcht in die Landschaft hinein. Ich stelle mir vor, wie er nach unten ins Erdinnere genauso tief stößt wie in den Himmel; in den Sand, die Salzlagerstätten, die unter der Last von Gletschern komprimierten Schichten. Fahrt mal ins Wendland!

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10. Dezember – Schneefrei

Heute hat Birthe Mühlhoff schneefrei. Stattdessen ein Gruß aus der Redaktion mit Rejjie Snow:

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9. Dezember – Rainald Goetz: Insane

Die eigene Alma Mater beschimpft man nicht. Das ist eine dieser goldenen Regeln, die tatsächlich niemandem weiterhilft. Es hätte mir durchaus weitergeholfen, hätte mir damals, als ich 18 war und nur wusste, dass ich nicht in Berlin studieren wollte, jemand gesagt, dass das Philosophische Institut an der Universität Hamburg ein Witz ist. Stell dir vor, du gehst an einem Büchertisch vorbei, in einem geisteswissenschaftlichen Institut, und da liegt Abfall für alle herum! Und du gehst drei Schritte darauf zu und es liegt immer noch da! Dann stimmt etwas nicht.

Ob man Goetz mag oder nicht, ist eine berechtigte, in diesem Fall aber unbedeutende Frage. Rainald Goetz beschimpft man nicht!

Und das alles: Aus Anlass. Endlich wurde Irre ins Englische übersetzt. Schenkt es euren international friends zu Weihnachten. Der größte lebende deutsche Schriftsteller braucht den Fame, den er verdient.

Rainald Goetz: Insane (Translated by Adrian Nathan West, Fitzcarraldo Editions 2017)

PS: Aus seriöser Quelle weiß ich, dass ein Interview mit Rainald Goetz im Tank“-Magazine erscheinen wird, freut euch auch darauf.

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8. Dezember – Gyokuro

Erleuchtungen sind zumeist keine materiellen Gegenstände. Außer es handelt sich um welche aus der Gattung der Lampen. Lampen und andere Lichtquellen. Ansonsten leuchtet es nur, wo es schön vergeistigt zugeht. Ideen können zum Beispiel einleuchtend sein – oder man erlebt gleich eine ganze Erleuchtung, eine spirituelle Erfahrung, in der einem ganz wörtlich ein Licht aufgeht.

Und dann gibt es noch Gyokuro.

Gyokuro ist eine japanische Teesorte, genauer: die hochwertigste, teuerste, beste. Kurz vor der Ernte werden die Teepflanzen beschattet, wodurch die Blätter einen starken und zugleich sanften Geschmack entwickeln. Mit seiner satten klargrünen Farbe leuchtet der Tee, und er leuchtet wirklich, und alles fängt an zu leuchten und anders kann ich es nicht beschreiben.

Wenn ich so frei sein darf, empfehle ich an dieser Stelle zum Beispiel diesen Saemidori aus dem Bohea-Teeladen in Berlin-Friedrichshain: https://www.bohea.de/teesortiment/gruener-tee/japan/item/307-gyokuro-saemidori.html

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7. Dezember – Jeune Femme (2017)

Der beste Filmtitel des Jahres geht an Jeune Femme von Léonor Serraille. Ja, ich weiß, das heißt einfach nur „Junge Frau“ und sieht auf den ersten Blick nach nichts Besonderem aus. Er klingt wie der jährliche französische Spielfilm des Frühherbsts, in dem, wie eine Freundin letztens ganz trefflich formulierte, „eine junge Frau aus irgendwelchen Gründen freiwillig gegen Geld mit alten Männern schläft“. So geschehen beispielsweise in dem auch aus anderen Gründen grässlichen Film Jeune et Jolie (2013).

Jeune Femme ist anders. Erzählt werden ungefähr vierzehn Tage im Leben der 31-jährigen Paula (Lætitia Dosch). Sie verliert ihre Wohnung, irrt ziellos durch Paris, versucht ihr Leben im Griff zu behalten oder in den Griff zu bekommen – sie fängt an, in einem Dessous-Laden in einer Shopping Mall zu arbeiten. Das prekäre Leben in der Großstadt, in der man viel, sehr viel Geld bräuchte, um ihre Vorzüge ganz genießen zu können.

Und hier offenbart der Titel seine ganze, ja, Brillanz. Eine „junge Frau“ ist man mit 31 Jahren nämlich nur in zwei Fällen: Wenn alle anderen Anwesenden älter sind (noch besser: ältere Männer) oder wenn man eine Karriere hat. Wenn man keine Karriere hat, so wie Paula, dann ist man mit 31 Jahren nicht mehr ganz so jung. Dann ist es komisch, wenn Paula bei einer Familie als Kindermädchen anfängt zu arbeiten, in der die (als Tanzlehrerin arbeitende) Mutter das gleiche Alter hat.

Dieser Film ist eine Gesellschaftskritik, die unglaublich viel Spaß an sich selbst hat. Das ist die bessere Beschreibung als zu sagen, es wäre „humorvolle Kritik“. Das Genre des politischen Films wird hier selbst gefeiert. Er ist damit dem Film Toni Erdmann (2016) von Maren Ade gar nicht unähnlich (den wir hoffentlich inzwischen alle gesehen haben).

PS: Die Regisseurin Léonor Serraille ist übrigens auch erst 31 Jahre alt.

Jeune Femme (2017) Trailer:

6. Dezember – Das geheime Leben der Bäume

In Tegel steht der älteste Baum Berlins. Er soll 900 Jahre alt sein, aber vielleicht ist er auch nur halb so alt. Macht nichts, denn damit wäre er immer noch der älteste Baum Berlins. (Er hat sogar einen Wikipedia-Eintrag und heißt Dicke Marie). Den würde ich gern mal besuchen gehen, wenn es in Berlin wieder wärmer wird.

Ich muss gestehen, ich habe eine Schwäche für Bäume. Ich bin sehr viel in Bäumen unterwegs gewesen als Kind (und nur einmal heruntergefallen). Manchmal war das Aufbäumeklettern mit einem Rollenspiel verbunden: Jemand spielte die Mutter, meine Schwestern spielten die Kinder und ich war – das kommt jetzt wahrscheinlich überraschend – Osama bin Laden. Schätzungsweise klang der Name einfach schön und geheimnisvoll und gab eine gute Erklärung dafür ab, dass ich mich im Baum versteckt halten musste.

Und was wäre mein Adventskalender in der Pop-Zeitschrift ohne ein Buch, das auf der Spiegel-Bestsellerliste steht! Kunst kommt nicht von können, aber Pop kommt von populär.

Peter Wohllebens Buch über Bäume ist aber wirklich hochinteressant. Und super niedlich. Es wird hemmungslos anthropomorphisch drauflos erklärt. Die Blätter einer Eiche „schnappen verzweifelt nach Licht“, junge Bäumchen werden über die unterirdischen Wurzeln „von ihren Müttern gestillt“ – mit Nährstoffen versorgt – und Bäume, die in den Städten wachsen, haben es besonders schwer, wo sie doch „Straßenkinder“ sind. Aber warum eigentlich nicht? Warum haben wir als Leser das Gefühl, geistig hinzufügen zu müssen: Na, aber natürlich nicht wirklich. Bäume denken und kommunizieren „nicht wirklich“. Auch das ist doch Wirklichkeit. Und dass man, wenn man über ein Gehirn in einem Schädel verfügt, anders denkt und Dinge anders tut als wenn man ein mehrere Kubikmeter großes, weit verzweigtes Wurzelsystem besitzt, ist doch klar. Es kann unter Umständen trotzdem gerechtfertigt sein, das gleiche Wort zu verwenden.

Das Buch ist eine Liebeserkärung an den Wald, an die Bäume und den Kreisläufen, denen alles Leben unterliegt. Alle naslang „stirbt ein Ast ab und wird wieder zu Humus“. I love it.

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume (2015)
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Ludwig/e478046.rhd

Das geheime Leben der Baeume von Peter Wohlleben

Wer solche Bücher mag, wird solche mögen:

  • Cord Riechelmann: Krähen (2013 erschienen in der Reihe „Naturkunden“ von Matthes&Seitz (https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/kraehen.html))
  • Anna Lowenhaupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus (Das Buch erscheint im März 2018 auf Deutsch (ebenfalls Matthes&Seitz)

5. Dezember – Mein Teebaumöl-Shampoo

Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, schenkten sich die Mädchen in meiner Klasse gegenseitig zum Geburtstag Schächtelchen, in die sie sämtliche Kosmetikartikel in Kleinformat hinein getan hatten. In Drogeriemärkten gibt es ganze Regalreihen dieser kleinen Tuben und Döschen, Cremes, Shampoo, Sonnencreme mit Erdbeerduft – alles in winzig. Es wird gesagt, diese albernen Größen seien zum Reisen da, man könne sie im Flieger im Handgepäck mitführen. Wie gesagt, das stimmt nicht.

Aber warum nicht mal zurück zu den Wurzeln, warum nicht mal zum Nikolaus einem lieben Menschen aus deinem Umfeld ein Shampoo schenken? Ich hätte da eine Empfehlung.

Das Schöne ist: Er oder sie wird es mit 50%iger Wahrscheinlichkeit entweder hassen oder lieben. Eine einmalige Chance, mit der betreffenden Person eine kleine Wette abzuschließen. Wenn ihr um 1,99 € wettet, hast Du den Einkaufspreis auch gleich wieder drin. Was auch immer Teebaumöl eigentlich ist oder was auch immer die da sonst noch reingetan haben, es ist wirklich toll. Es riecht verwegen und heimelich zugleich, aufregend kraftvoll energetisch und gemütlich. Es riecht nach Hexenhaaren, wilden sehnsuchtsvollen Strähnen, nach Fangarmen, die ihrer Beute nachjagen und sich um nichtsahnende Passanten schlingen.

Swiss O-Par: Kur-Shampoo mit australischem Teebaumöl. („Beruhigt die Kopfhaut. Gegen Kopfhautreizungen, Schuppen und fettiges Haar“)

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4. Dezember – Taboo

Der Geschichtsunterricht in der Schule ließ mich, was die Kolonialzeit anbelangt, mit einem bemerkenswert diffusen Wissen zurück. Und mit einer genauso diffusen Entrüstung: Wie die Europäer damals überhaupt auf die Idee gekommen sind, in andere Kontinente zu fahren, Menschen zu versklaven und gegebenenfalls über Ozeane zu transportieren, um sie auf anderen Kontinenten Baumwolle pflücken zu lassen! Reichlich absurd. Und spätestens dann, wenn man erfährt, dass der Rassismus manchmal erst nachgeliefert wurde, sich – sozusagen als Legitimation – erst entwickelte nachdem ganze Völker unterworfen worden waren, wird die Sache kompliziert. Dann kann Rassismus nicht der Grund sein. Mir war natürlich klar, dass es auch wirtschaftliche und politische Interessen gab. Nur hat das für mich die Sache nicht klarer gemacht. Wirtschaftliches Interesse hört doch auch irgendwo auf, macht irgendwo Halt? Und was genau war an Baumwolle denn bloß so wichtig?

In der Serie Taboo geht es um diese Zusammenhänge. Um Zusammenhänge generell: Welche, die man versteht, die man verstehen will, und um welche, die vielleicht immer unverständlich bleiben. Mögliche und unmögliche Zusammenhänge.

London, 1814: Der Brite James Delaney (Tom Hardy) kehrt von einer Seereise zurück. Man erfährt, dass er mit Sklaven gehandelt hat, selbst aber auch auf einem Sklavenschiff aufgewachsen ist. Er will das Erbe seines Vaters antreten, der ihm ein Stück Land in Amerika vermacht hat. Aber ausgerechnet für diesen Landstrich interessiert sich die East India Company, weil er im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg von entscheidender strategischer Bedeutung ist. (Die Serie ist nicht ohne Grund eine Ko-Produktion der britischen BBC und des amerikanischen Senders FX). Und James Delaney, von dem man nicht recht weiß, ob er „gut“ oder „böse“ ist oder ob diese Kategorien in seiner Welt überhaupt von Bedeutung sind, fängt an, sich an dem Krieg zu beteiligen. Die Szenen, in denen die Männer von der East India Company, über ihre grün belegten Tische und Landkarten gebeugt, über das Geschick der Welt verhandeln, gehören zu den besten dieses Jahres – Drehbuch und Schauspiel sind umwerfend.

So muss die Geschichte des Kolonialismus (auch) erzählt werden. Es ist eine Geschichte von Interessenskonflikten zwischen den neu entstandenen Nationalstaaten, es ist eine Geschichte von innereuropäischen Querelen und Machtkämpfen. Und die Geschichte des Kapitalismus: Die East India Company verfügte zeitweise über mehr Waffen als alle anderen Nationen (!) zusammen. (Habe ich mal gelesen. Ich weiß nicht, ob es stimmt. Ich weiß, ich sollte es nachschlagen, bevor ich es aufschreibe. Aber es klingt so unglaublich krass!)

Formal betrachtet müsste man sagen, dass es sich um eine Serie handelt, die im Genre Gothic und Mystery ihren Ausgang nimmt. Genres, mit denen ich eigentlich sehr wenig anfangen kann. Aber alles, was in dieser Serie gothic und mystery ist, gehört ganz selbstverständlich zum Alltag in den Hafendocks des versifften London dazu. Mit welcher souveränen Leichtigkeit noch das Komplexeste und das Durchgenudelste der Welt erzählt wird, zeigt sich auch daran, dass im Zentrum der Handlung ein Geschwisterpaar steht, das eine inzestuöse Beziehung unterhält. Ein weiterer möglich-unmöglicher Zusammenhang. Doch es ist von Anfang an klar und tatsächlich: nichts weiter als das. (Seit Ödipus müssen solche Familiengeschichten als Metaphern für verworrene politische Verhältnisse herhalten – wie zum Beispiel in dem eher behäbigen Film Incendies von Denis Villeneuve (2010), ein Film über den Libanon-Konflikt. Am Ende kommt dann immer dabei heraus, dass wir alle Schwestern und Brüder sind. In Taboo ist es anders. Da ist diese Inzestgeschichte der Ausgangspunkt, nicht das Häschen, das am Ende aus dem Hut gezogen wird.)

Und nebenbei empfehle ich diese beiden Bücher. Bei Wolfgang Reinhard kann man das Vorwort getrost überspringen, das wirkt stellenweise ganz leicht senil. Sondern einfach mal mittendrin aufschlagen und loslesen. Sven Beckert ist eher akademisch, viele Zahlen und Handelsbilanzen. Aber unheimlich interessant – wie zum Beispiel süddeutsche Städte wie Augsburg den norditalienischen Städten in der Textilproduktion durch Lohndumping den Rang abgelaufen haben, weil die Süddeutschen die Garnherstellung an Bauersfrauen ausgelagert haben – und sich durch die Kapitalakkumulation dort schließlich das moderne Bankenwesen entwickelte. Und: das Interesse der europäischen Kaufleute, das Monopol auf Rohbaumwolle des Osmanischen Reiches zu brechen…

Wolfgang Reinhard, Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015. (C.H.Beck 2015)
http://www.chbeck.de/reinhard-unterwerfung-welt/product/15879886

Sven Beckert, Empire of Cotton. A Global History. (Penguin 2014)
https://www.penguinrandomhouse.com/books/10461/empire-of-cotton-by-sven-beckert/9780375713965/ Deutsche Übersetzung: King Cotton. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus. (C.H.Beck, München 2014).

Taboo, BBC / FX (2017)

3. Dezember – Joan Didion

Wenn jemand nach einem endgültigen Argument gesucht hat, warum Spiritualität und Körperlichkeit eigentlich ein und dasselbe sind: Hier sind sie, die Handbewegungen der Joan Didion beim Sprechen.

Ihre Hände verharren in der Luft, als wollte sie einen Gedanken oder eine Erinnerung vor ihrem inneren Auge entstehen lassen und zugleich auf Abstand halten. Oder mit einem Ruck, den man von der zierlichen Überachtzigjährigen nicht erwartet hätte, beiseite schieben – wenn sie erzählt, wie sie Ende der 60er Jahre eine Reportage über die Hippies in San Francisco schrieb und da auf einmal dieses fünfjährige Mädchen sah, dem jemand LSD gegeben hatte. Wie das für sie war? Sie zögert lange, ihre Arme greifen nach etwas, das sich nicht greifen lässt, und sagt dann, it was gold.

Es ist offensichtlich, dass sie mit Hippies und Aussteigern nie besonders viel anfangen konnte, obwohl das Thema sie als Journalistin und Schriftstellerin nie losgelassen hat. Sie selbst war alles andere als ein Hippie, sie hatte beim Modemagazin Vogue angefangen, später schrieb sie Drehbücher für Hollywood. Aber vielleicht ist gerade das wesentlich für ihren Stil, mit dem sie die amerikanische Literatur prägte und ohne den Magazine wie N+1 gar nicht denkbar wären: Mit etwas, mit dem man nicht so viel anfangen kann, etwas anfangen.

Sie hat etwas von einem vogelartigen Wesen. Ein Küken, das nicht flügge werden wollte und stattdessen sagt: Es muss doch einen Grund haben, warum mein Nest aussieht wie ein Ufo. Must be the reason why I’m king in my castle. Ich seh zu, dass ich es zum Fliegen kriege, und fahre damit durch die Welt, und überall, wo ich lande, wird die Welt meine Welt sein. Der Herausgeber einer Zeitschrift, von der sie Aufträge bekam (war es der New Yorker?), sagt in der Doku dann auch: Egal ob sie sich schon einmal mit einer Sache beschäftigt hatte oder nicht, man wollte einfach wissen, was Joan Didion dazu sagt.

Doku auf Netflix: The Center Will Not Hold (2017).

2. Dezember – Orecchiette with peas

Orecchiette sind meine Lieblingsnudeln. Sie sehen aus wie kleine, harte Ufos: Kreisrund und zu einer kleinen Schale gewölbt, und so groß wie die Fingernägel an einer kräftigen, aber nicht allzu riesigen Männerhand. Was mich auch gleich zu der zweiten, häufig halt auch ersteren Assoziation bringt: Kondomkuppen. Wenn man mit der Zunge geschickt ist, kann man sie im Mund umstülpen, auf links drehen.

Und nun zur Soße. Die stammt vom britischen Koch Nigel Slater, der jeden Mittwoch ein Rezept als “Midweek Dinner” im Guardian veröffentlicht. Es ist die einfachste Soße der Welt und Nigel Slater ist der beste Koch der Welt, zumindest tausendmal besser als Yotam Ottolenghi, den Meister der Komplexitätsexplosion. Nigel Slater habe ich auch mal eine Fan-Mail geschrieben. Ich habe ihn darin darum gebeten, mir ein Rezept für Kaugummis zu schreiben. (Auf die Antwort warte ich noch.)

So geht’s:

  • 250g Orecchiette, die man im Salzwasser kocht
  • 300g tiefgefrorene Erbsen, die man mit wenig Gemüsebrühe aufkochen lässt und dann zur Hälfte püriert
  • 10 Scheiben Pancetta, die man in einer Pfanne grillt.

Dann muss man nur noch die Reihenfolge hinkriegen: Erst die Nudeln auf die Teller füllen, den Erbsenpüree darauf, und obendrauf die Pancetta-Scheiben.

Ihr habt keine Ausrede: Ich dachte auch mein Leben lang, dass ich Erbsen nicht mag.

1. Dezember – Doing It In Lagos

Habt ihr euch auch schon mal gefragt, warum es keine Geschenke im Internet gibt? Und jetzt sage bloß niemand, es gibt doch Online-Handel und Gutscheine. Online-Handel ist der Otto-Versandhaus-Katalog des 21. Jahrhunderts, nicht mehr und nicht weniger. Und Gutscheine waren immer schon eine schlechte Ausrede. Man kann Geschenke im Internet bestellen, aber wie soll man jemandem im Internet ein Geschenk machen? Ich meine: Ein Geschenk überreichen? Ich meine: Ein digitales Geschenk? Einen Link verschickt man, man verschenkt ihn nicht. Außer vielleicht, und jetzt wird’s interessant: man macht es im absolut richtigen Augenblick.

Zum Beispiel hiermit: „Only You“ von Steve Monite: 


Noch viel mehr von diesem großartigen Zeug aus Nigeria gibt’s auf einer Schallplatte, die letztes Jahr neu aufgelegt wurde. Ich gebe zu, ich habe sie im Internet für einen Freund bestellt, von dem ich wusste, dass er einen Plattenspieler hat. Und ich habe gehofft, es wäre ein Downloadlink dabei (ist nicht).

Doing It In Lagos: Boogie, Pop & Disco in 1980s Nigeria, Soundway Music 2016. 

Birthe Mühlhoff, geb. 1991, studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Paris und Hamburg. Sie schreibt für Zeit Online, Philosophie-Magazin, Polar, Epilog, Edit. Im Merve-Verlag erschien 2016 der Sammelband „Euro Trash“.

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