Nov 222017
 

Vermutlich gehört es in den großen Pool kultureller Grundphänomene, womöglich auch milieu- und standesübergreifender humaner Basisäußerungen, dass Menschen ein gewisses Interesse für die (Lebens-) Geschichtchen anderer Menschen aufbringen: sei es, dass diesen als Person ein gewisser Popularitätsstatus anhaftet, sei es, dass ihnen als Figur ein exemplarisch-prototypischer Wert eingeschrieben scheint. Die eigentümliche Hinwendung zu so genannten viri illustres – eine dem höchsten senatorischen Rangtitel im spätantiken Römischen Reich entlehnte Bezeichnung für heldische Figuren erzählter und wirklicher Welten – und die im Renaissance-Bildtypus der uomine famosi bzw. der donne famose stilistisch verdichtete Hochschätzung von zyklischen Lebensbeschreibungen bedeutender Personen korrespondieren derzeit auf sehr spezielle Weise mit dem dominanten Projekt der Gegenwartskultur, sich an den trivialen Lippenbekenntnissen und schicksalsübersättigten Lebensepisoden jener buchstabenklassifizierten A-E-Prominenz abzuarbeiten, die sich in trashigen TV-Formaten und schillernden Hochglanzmagazinen zur Schau stellen lassen.

Zunehmend häufen sich Argumente für die Mutmaßung, dass es am Ende auch zu einer Teilsignatur der Popkultur geworden ist, wenn eine eigentümliche, aus Anteilnahme, Voyeurismus und Lebensgestaltungswut vermischte Sehnsuchtshaltung bedient wird von Gattungen, deren Wesenskern assoziativ charakterisiert werden kann als Amalgam von Exhibitionismus und Nabelschau, Geldnot und Publikumsgeilheit: Mit kuriosen Memoiren, mit semiseriösen Rekonstruktionen der bewegenden Entwicklungsetappen eines bewegt schreibenden Subjekts, mit grenzgängerischen Autobiografien, mit retrospektiv angelegten Lebenslauffiktionen voller dramatischer Höhe- und Wendepunkte, schließlich auch mit Romanen, deren Einbandklappentexte bereits die Identität zwischen AutorIn, ErzählerIn und ProtagonistIn verraten wollen, kurz: mit Beschreibungen erinnerter, mitunter auch phantasievoll ersponnener Lebensanekdoten lassen sich eben nicht nur verstaubte Bibliotheksabteilungen befüllen, sondern auch ewige Bestsellerlisten komplettieren. Einmal ganz abgesehen davon, was alle Jahre wieder auf Buchmessen geschieht, wenn Autorenlesungen unter Autobiografieverdacht gestellt und entsprechend inszeniert werden.

Damit wäre vielleicht schon ein erster Übergang zu Konstantin Sachers Debüt „Und erlöse mich“ gefunden, ein Roman, dessen autobiografische Aura aus weiter Ferne mit der Dynamis der Confessiones von Augustin kokettiert, explizit dort, wo sich der erzählende Held, ein Theologiestudent, zu diesem lateinischen Kirchenvater – bzw. zu dessen literarischer Mutter aller Autobiografien – als Kinde verhält: „Augustin schreibt in seinen Confessiones, dass er ein unglaublich ausschweifendes Sexleben und Saufleben hatte, bevor er fromm geworden ist. Er ist mein Vorbild. Irgendwann werde ich auch mal fromm, aber vorher, vorher will ich saufen und, na ja, Frauen kennenlernen.“, erklärt Sachers Protagonist einer Kommilitonin, und er erhält von der Theologin exakt jene pointierte Rückmeldung, auf die er sein Lebensmotto ohnehin abzustimmen geneigt war: „Du meinst, du willst Frauen ficken.“ Ja. Das will er, der Protagonist, und Sacher beschreibt dies auf eine Art und Weise, die seinen Roman letztendlich mit den (dr)eckigen Klammern des [camp] versieht und ihn de facto – und zwar im Sinne der Susan Sontag’schen Anführungszeichen – als „Autobiografie“ von den ernsten kategorialen Sammelbegriffen Autobiographie bzw. autobiographischer Roman abgrenzt.

Mit Goethes Schilderungen seiner geistigen und seelischen Entwicklungslinien in Dichtung und Wahrheit, einem Highlight in der Geschichte der Autobiographieschreibung, oder mit Rousseaus geistesgeschichtlich ungemein wirkungsvollen Confessions hat diese Lebensbeichte also nichts gemein, aber eben auch nicht mit all den Erinnerungen, die in den letzten Jahren etwa von popkulturellen Prägegestalten wie Morissey, Bud Spencer, Hape Kerkeling, Boris Becker oder Christian Dior mit Hilfe geistreicher Ghostwriter unecht zu Papier gebracht wurden.

Indes, die Menge verbleibender Referenztexte ist noch groß genug; immerhin werden ja auch Thomas de Quinceys Bekenntnisse eines englischen Opiumessers als autobiographische Arbeit qualifiziert, ebenso die Erinnerungen des Giacomo Casanova, die Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling namens Joseph M. Hägele und die grafisch umspielten Notizen, die Wilhelm Busch unter dem Titel Von mir über mich addiert hat. Derlei Werke, in denen groteske Erlebnisse notiert und zu jener skurrilen Passage verwoben werden, die dann als (v)erlebtes Leben erlesen werden könnte, haben je einen gewissen Kultstatus erreicht, insbesondere dann, wenn sie sich eignen, den schmalen Grat zwischen Sexbeichte und Bußritual zu illustrieren, die Nahtstellen von Credo und Selbsterschaffung mit melancholischem Glamour zu verkleben oder auf jene moralischen Turbulenzen aufmerksam zu machen, die so mancher intellektuellen Flugreise in postmodernen Jetstreams eine Zwischenlandung abnötigen wird.

Der erweitere Katalog solcher Arbeiten enthält – selbstverständlich unter dem Vorbehalt einer kalkulierten Verletzung traditionell eingepflegter Autobiografie-Definitionen und Gattungsbestimmungen – neben allerlei schriftlich abgelegten us-amerikanischen Erinnerungen etwa von Ernest Hemingway, Henry Miller, Jack Kerouac und William S. Burroughs natürlich auch all jene viskösen Alter Egos der hochkulturellen alten Welt, die sich zwischen Herrmann Hesses Steppenwolf Harry Haller und Thomas Manns Adrian Leverkühn vom Zauberberg verstrecken. Es ist nur ein blätternder Katzensprung in den Appendix dieser Sammlung, wo sich Heinz Sobotas Minus-Mann und Klaus Kinskis Erdbeermund Seite an Seite einfinden müssten mit Salingers Fänger im Roggen, Charles Bukowskis Mann mit der Ledertasche und Brett Easton Ellis‘ American Psycho, womöglich auch flankiert von einigen gonzojournalistischen Autoreportagen eines Hunter S. Thompson oder jenem kurzen Text, den F. Scott Fitzgerald 1929 für den New Yorker als seine Short Autobiography qualifizierte: Eine Auflistung der alkoholischen Getränke, die er in den Jahren 1913 bis 1929 (a) an näher bezifferten Orten (b) mit namentlich benannten Personen (c) unter konkret veranschaulichten Rahmenbedingungen und Stimmungen konsumiert hat!

Die postmoderne Neuauflage dieses besagten Katalogs nun macht freilich den berühmten Unterschied – und stellt z.B. vor die Aufgabe, jene Generation um Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und den jetzigen Netz-Autobiografen Joachim Bessing einzupflegen, Literaten, die zum Ende der 1980er Jahre als Kohorte »parfümierter Popschnösel« mit »Weltwulst-Lamento« und »angestrengtem Insider-Jargon« auf sich aufmerksam gemacht hatten, um am Ende als »entfesselte Mittelstandsmucker gestriger Chipspartys« ihrer eigenen popkulturellen Konsumbeschwörung zu erlegen: Christian Kracht etwa, der 1995 in seinem Erstlingswerk Faserland eine teilnahmslose Ich-Perspektive wählt, um die sinnarm-machtlosen Deutschlanddurchquerungen seines Protagonisten, eines anonymen Champagnerparty-Endzwanzigers zu beschreiben, bei dem der Hass aufkommt, als sich ein Passant über seinem türkisfarbenen Porsche erbricht, und dessen Vorletztes auf einem Ruderboot auf dem Zürichsee in der Leere endet, wäre so ein Kandidat, aber gewiss auch Benjamin Stuckrad-Barre, der recht unlängst (2016) mit seinem sehr selbstbezogenen Roman Panikherz ein (Zwischen-)Resümee des kurzen Lebens zog, um dessen Summe in einem Interview zu präsentieren: „Ein Aschenbecher mit weißen Filtern, an denen Lippenstift klebt – das sieht nach gelungenem Leben aus.“

Dass Stuckrad-Barre übrigens auf Fitzgerald (s.o.) schwört und sich dessen Votum „There are no second acts in American lives“ zu eigen gemacht hat, soll hier ebenso wenig unerwähnt bleiben wie der Verdacht, dass mit Faserland und Panikherz nicht einfach nur eine Epoche umschlossen, sondern ziemlich genau jenes Lebensgefühl abgerundet wird, von dem auch jüngere Autobiografiediskurse Kenntnis genommen haben: Der Fragmentcharakter moderner Lebensbilder steht zur Debatte, das Gefühl einer permanenten Diskontinuität des Lebens, die Befürchtung, dass das Ich aus mehreren Ichs besteht, die postmoderne Vergewisserung sämtlicher Grenzen und offenen Stellen einer kohärenten Identitätskonstruktion – all dies kommuniziert in den jüngsten Romanen, die unter Autobiografieverdacht stehen, mit der praktizierten assoziativen Reihung disparater Erinnerungsstücke und Wunschbilder, die letztlich nur auf die ergebnislose Suche nach Identität verweisen, die Unabschließbarkeit eines Selbstentwurfs thematisieren und als Spiegelung eines neuen Ich- und Selbstgefühls gelten müssten. Und so verflüchtigt sich die alte Leitfrage, ob denn die Autorin ihr Leben als Entwicklung in einem historischen Kontext gebührend reflektiert, zugunsten der Besinnung darüber, welche Bedeutung dem Prozess des Schreibens zukommt, so er sich würdigen lässt als Versuch einer Annäherung an das eigene Selbst, auch auf dem Wege, es über mehrere Versionen zu probieren.

Nun gut. Mit dieser Generation, deren (autobiografisches) Schreiben zur Not noch als der kreative Akt von Selbstverzauberung und –erschaffung gedeutet werden könnte, in dem Fiktion und Wirklichkeitsdarstellung gleichberechtigte Teile des Ganzen sind, könnte man tatsächlich den spezielleren Flügel der genealogischen Halle autobiografischer Arbeiten versiegeln. Gern auch, ohne über den Stellenwert von Charlotte Roches Feuchtgebieten und Stoßgebeten sinnieren zu müssen – bzw. über die Frage, was es mit der experimentell-schöpferischen, geistreich-originellen Annäherung an die Fragmentarizität des eigenen Selbst auf sich hat, wenn sich im finalen Zenit dieses erspielten Selbst zwar ein großer Abgrund auftut, aber eben bloß der eigene, meist vaginale, gelegentlich anale. Die Antwort könnte dahin gehen, wo es weh tut, und sie mag lauten, dass der Sinnhorizont des Lebens und die Grenzen des Sagbaren nicht zwingend erweitert werden, wenn man nur oft genug das F-Wort benutzt oder auf Körperöffnungen zeigt. Ansonsten, ja ansonsten ist es nämlich eine ganz biedere Schreibe, die sich schlichtweg an einer trivialen Lesart – bzw. an einer als autobiografisch schattierte Lebenserzählung verschmückten Populärtransmutation – des Freud’schen Diagnoseapparats versucht, indem sie sich daran begibt, von Todes- und Defiziterfahrungen zu erzählen, Schuldgefühle zu exhibitionieren, Zwangshandlungen zu erklären und religionsaffine Bußübungen mit einer sexuellen Dimension zu überladen.

Aus dieser Perspektive freilich ist nun endlich auch (wieder) von Konstantin Sacher zu reden, von „Und erlöse mich“ – und von einem Schriftsteller, der sich in den späten 1980er Jahren v.a. mit der zynischen Dauerkolumne 100 Zeilen Hass, veröffentlicht im Hamburger Magazin Tempo, einen gewissen Ruf als Provokateur und Zeitgeist-Literat in der Pop-Szene erworben hatte: Maxim Biller, immer wieder für eine (literarische) Kontroverse, eine überraschende Short Story oder eine Teilnahme beim Literarischen Quartett des ZDF gut geblieben, gibt auch dem Verlag Hoffmann & Campe seine Starthilfe, als die neue Reihe TEMPO-Bücher, quasi als Imprint, lanciert werden soll. Biller liefert für die Reihe, die laut Verlagsankündigung „neue, unkonventionelle literarische Stimmen aus Deutschland und der Welt, Sachbücher, die so gut geschrieben sind, dass die Grenze zur Literatur verschwimmt, literarische Reportagen sowie Bücher in den Bereichen Mode, Film, Kunst oder Musik“ präsentieren möchte, eine Anthologie seiner Hasszeilen, aber eben auch den Vorschlag, einen jungen Mann namens Sacher zu Wort kommen zu lassen.

Und so kommt es dazu, dass ein evangelischer Vikar der hessischen Kirche, derzeit bewegt von ernsten Promotionsabsichten an der Uni Leipzig, stammend aus dem Frankfurter Umland des Taunuskreises, wo der Wohlstand in guten Häusern wohnt, seine nach eigener Auskunft „in vier Wochen dahingeschriebene“ Fiktion einer Lebensbeichte auf gut 230 Seiten bringt, sie bereits mit dem zweiten Publikationsschub veröffentlicht – und das Cover der Verlagswerbebroschüre mit seinem Porträtfoto veredeln darf. Man scheint Hoffnungen auf ihn gesetzt zu haben, platziert ihn auf der Buchmesse und versendet großzügig Presseexemplare an diejenigen, die nicht schon vorab eine digitale Version haben studieren dürfen. Die Reaktionen, u.a. eine wohlwollend oberflächliche Rezension in der FAZ und glühend heiße Anerkennungsvoten aus der Phalanx der theologischen Grandseigneurs, die den jungen Literaten auf seine besonderen Qualitäten anzusprechen suchten, potenzieren die Aura, mit der er sich ohnehin zu umgeben scheint:

„Wir sind was besseres, schalalala, wir sind was besseres, schalalala, wir tragen Rolex und ihr nicht!“ singt Sachers Protagonist mit seinen Freunden auf einer Taxifahrt, nachdem sie den Taxifahrer aufs Übelste beschimpft – und zuvor auf einer Champagnerparty den Kleiderschrank des Gastgebers für die Verrichtung ihrer Notdurft kollektiv zweckentfremdet haben. „Ihr seht schon“, werden die Lesenden adressiert, „nett war ich damals nicht gerade.“ Daran besteht kein Zweifel, zumal der Ich-Erzähler alles daran setzt, dieses Selbstbild zu erhärten, indem er seinen vergleichsweise noch harmlosen sozialen Unverschämtheiten eine Reihe geschmackloser Episoden anfügt, die sich im Wesentlichen auf jene bereits von der Kommilitonin anerkennend kommentierte Neigung zur Genitalakrobatik bezieht. In epischer Zwanghaftigkeit werden Sequenzen ausgebreitet, in denen sich der Romanheld exzessiv sexuell und hochkonzentriert mit jener Körperöffnung beschäftigt, die dem Slang als „Brauner Salon“ geläufig ist; und womöglich ist sowohl der intensivsprachlichen Schilderung als auch der bevorzugten Region selbst geschuldet, dass die Romanfigur letztlich von den direkt adressierten Lesenden wissen will, ob er womöglich selbst „ein Arschloch“ sei.

Natürlich, mit dieser Erkundungsbitte ist nicht wirklich die Möglichkeit einer Verwechslungsgefahr angesprochen, wohl aber die moralische Wertigkeit der Hauptfigur, die sich selbst als Grenzgänger erfährt: ein psychopathischer Hypochonder auf der Gratwanderung zwischen Egoismus und Nihilismus, Leben und Tod, Liebe und Verzweiflung, Schnaps und Schambehaarung, Gott und Vagina. Mit einem roten Porsche – in Krachts Faserland war es ja dasselbe Fahrzeug in Grün – düst er durch die Buchseiten, manövriert sich vom Champagnerkater hin zur ersten großen Liebe, die von ihrer Borderline-Mutter abgefackelt wird, vom fast unfreiwilligen Sexualkontakt mit einer anorektischen Sektenführerin in Spanien hin zu drogenbeeinflussten Alpträumen, in denen er mit einer durch Masturbation herbeigeführten Spermaeruption die Milchstraße schafft, von verhaltenen Sozialengagements im Obdachlosencafe der Dominikaner hin zu der Augenzeugenschaft einer analintimen Szene zwischen Mönch und Schutzbefohlenen, von unterlassenen und unterbrochenen Hilfeleistungen hin zu alkoholisierten Besuchen bei einer Stripperin, die auf dem Oberschenkel die Golgathaszene tätowiert trägt, und zwar so, dass das Haupt des Gekreuzigten an die Schambehaarung grenzt, der Heiland eine dreidimensionale Dornenkrone erhält – und dem Romanhelden die Assoziation abzwingt, dass Gott doch einer Muschi sehr ähnlich sei, weil aus beiden Leben kommt.

Seine Odyssee ist nicht wirklich die eines Taugenichts, und doch ist er letzten Endes noch weniger als das, denn seine Identitätssuche bleibt ergebnislos, oder auch, mit einer Sacher’schen Basismetapher gefasst, „für den Arsch“. Selbst als der Protagonist eine neue Beziehung eingeht, betrügt er sie mit weitläufig Bekannten und einer Prostituierten. Er vermag keine Bindungsnähe aufzubauen, hält Liebe für eine Konstruktion, bleibt an der Oberfläche seiner großen Frage haften, was diese Existenz für einen Sinn hat, wenn es denn bloß nur eine Existenz ist. Dabei ist er doch Theologiestudent, will Pfarrer werden, quittiert seine Puffbesuche mit Gottesdiensten, möchte den Segen nicht verpassen, obschon es nicht Gott ist, der über ihn urteilen wird:

„Natürlich richtet Gott nicht über die Menschen. In dem Sinne, dass Gott sich auf einen Thron setzt und anfängt, die schlechten und die guten Taten aufzuzählen, und wer mehr gute als schlechte hat, der hat Glück gehabt und darf in den Himmel. Das ist natürlich Quatsch. Gott kann den Menschen nicht verurteilen, denn Gott ist selber schuld an allem, was der Mensch tut. Gott hat den Menschen gemacht, hat ihm alles gegeben, was er hat, das Gute und das Schlechte, wie könnte sie, Gott, also den Menschen für etwas verurteilen, das sie ihm selbst gegeben hat. Alles was ich habe, habe ich von Gott.“, resümiert Sachers Held zwischenzeitlich, um sich einmal mehr an die großen Lesenden zu wenden: Sagt mir schnell, was ihr von mir haltet. Was mein Leben wert ist und was nicht. Sagt ihr mir, wer ich bin, ich weiß es nicht. Ein Mailadresse, an die sich die Lesenden richten dürfen, wenn sie Antworten haben, wird in Sachers „Und erlöse mich“ mehrfach genannt. Eventuell mag ja jemand reagieren. Vielleicht gibt es ja auch welche, die sich tatsächlich kurz an Augustin erinnert fühlen. Womöglich registrieren aber auch die meisten, dass eine Rückmeldung der Lesenden nicht mehr relevant sein wird, weil Sachers Buch diese Möglichkeit gar nicht zulässt. „Ich möchte nicht einfach leben und sterben. Das machen ja alle.“ beschließt der scheidende Held seine Lebensbeichte. Und stellt sich einmal mehr in das Rampenlicht egoistischer Snobs, ohne wirklich gezeigt zu haben, warum es sich lohnt, die Oberfläche zu dekonstruieren oder theologisch zu untergraben.

Ein Fazit? Nun, vielleicht sollte man sich hüten, Sachers Werk – angeblich liegt der Zeitpunkt seiner Verfassung auch schon sieben Jahre zurück – allein über den Gehalt der Fragmente erschließen zu wollen, die zwischen den Sexeskapaden aufscheinen; auch der Versuch, seine Erzählung zur Erlösungsbitte als Zitat vom Zitat zu identifizieren und folgerichtig irgendwo zwischen Augustin und Kracht zu positionieren, ergibt nur begrenzt Sinn. Die Funktion dieser Arbeit freilich verdient ein Augenmerk, denn gewisslich wird dieses Büchlein eine Differenzierung der Lesendenschar mit sich bringen. Den einen wird es zuviel sein, dass sich sogar das leise tictactictac der Zimmeruhr im Deutungsfokus des Protagonisten zum lauten fickfackfickfack (Zitat!) einer weiblichen Vulva tranformiert, und sie werden sich den Vorwurf anhören müssen, unverständige Spießer zu sein.

Die anderen könnten der ausgelegten Spur der Veröffenlichungsinszenierung folgen und der hingerotzten Schreibe – augenscheinlich auch ein Stil! – das Potential attestieren, die legitime Nachfolge jener Literatur anzutreten, die das fragile Selbst- und Lebensgefühl einer ganzen Generation veranschaulichen konnte. So oder so, Sacher wäre, obschon erst zur Mitte der 1980er auf die Welt gekommen, ein würdiger Zeitgenosse jener Autoren gewesen, denen er mit deutlichem Zeitverzug nahe steht. Bleibt allein die Frage, welchen Gefallen er sich selbst mit dieser Veröffentlichung getan hat. Es wäre ja durchaus möglich, dass man ihm sein Buch vor die Nase hält, wenn er sich auf eine Pfarrstelle bewirbt oder auf eine Professur; ob es dann genügt, kleinlaut zu erklären, dass ihm weiland doch reichlich viel Mut gemacht worden ist, seiner unabgeschlossenen Sinnsuche diesen speziellen Ausdruck zu geben und zu schweinigeln auf Augustins Spuren, bleibt offen. Am Horizont wetterleuchten sie nämlich, die Auswüchse der Wucht, die er selbst literarisch beschworen hat auf seiner Tour de Force durch die braunen Salons. Er könnte verloren sein, es sei denn, er ergreift die Flucht nach vorn und hält sich an die Empfehlung von Hunter S. Thompson: Literarisch weiterficken, was das Zeug hält!

 

Prof. Dr. Frank Thomas Brinkmann ist Hochschulprofessor für Praktische Theologie am Institut für Evangelische Theologie der Justus-Liebig Universität Gießen.

 

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