Sep 112017
 

Der heterosexuelle Mann ist zu einem wichtigen und vielleicht sogar unumgänglichen Forschungsobjekt der Queer Studies geworden, wobei wir das ‘Queere’ dort finden, wo es ex negativo zum Vorschein kommt – abwesend und doch präsent, oder wie Andreas Kraß schreibt: „Einschluss und Ausschluss gehen Hand in Hand.“[1]

Kraß‘ jüngst erschienenes Buch “Ein Herz und eine Seele. Geschichte der Männerfreundschaft” ist ein exzellentes Beispiel einer solchen Heteronormativitätsforschung, die den Fokus auf die Freundschaft zwischen heterosexuellen Männern legt, um jedoch genau dort das lauernde, bedrohliche Queere aufzuzeigen. Das Buch präsentiert ein Thema, das durch und durch alltäglich und doch unbemerkt ist; ein Thema, das in Kraß’ Buch, à la Barthes‘ “Mythologies”, strukturiert entmythologisiert wird.

Kraß strebt „eine kritische Analyse der Strategien“[2] der heteronormativen Heiligsprechung dieser Art von Freundschaft an, die erst nach dem Tod ausdrücklich als Geschichte affektiver Intimität zelebriert werden kann, oder erst dann als solche zelebriert werden darf: nämlich in Form einer Passionsgeschichte. Kraß enthüllt eine implizite Maxime der Heteronormativität, die besagt: „Männer, die sich in dieser [passionierten] Weise lieben, müssen leiden. Männer, die in dieser Weise leiden, dürfen sich lieben.“[3]

Achilles und Patroklos (Innenseite eines attischen rotfigurigen Kylix, um 500 v. Chr. Aus Vulci.)

Achilles und Patroklos (Innenseite eines attischen rotfigurigen Kylix, um 500 v. Chr. Aus Vulci.)

Das Buch entwickelt eine Kulturgeschichte der Theatralik und Rhetorik der Freundschaft zwischen Männern, die sich an der unklaren Grenze zwischen nicht-sexuellem affektivem und erotischem Begehren befindet, und die im Laufe der europäischen Geschichte immer wieder anders kodiert wurde. Das Buch stellt die heterosexuelle Freundschaft ins Zentrum; die Thematik der Homosexualität bzw. des homoerotischen Begehrens bleibt jedoch als allgegenwärtiges Abwesendes, ja als Bedrohliches im ganzen Buch präsent. Die diskursive Kodierung der Homosexualität ist somit dem Motiv der Männerfreundschaft als dem eigentlichen Thema des Buches eingeschrieben.

Zwei wesentliche kulturhistorische bzw. diskursive Aspekte der Männerfreundschaft werden in der Analyse konturiert: die Annahme einer Brüderlichkeit – in manchen Fällen einer Wesensgleichheit – der männlichen Freunde sowie die Figur der passionierten Beziehung bzw. der Passionsgeschichte der Männerfreundschaft. Dabei geht es um die Kritik einer impliziten Kausalität, zwischen einer causa prima (Verwandtschaft, Schicksal, Natur, Wesen und alles, was die Freundschaft als determiniert sieht) und einer causa finalis (der Tod und die Trauer darüber als bestimmende Instanz bzw. Kulmination der Männerfreundschaft). Es geht um jene Kausalität, die sich aus einer bestimmten Diskursivierung der Männerfreundschaft in der Literaturgeschichte ergeben hat, die mitunter in ihrer von Kraß sogenannter ‚Heiligsprechung‘ kulminiert.

Kraß’ Buch zeichnet sich durch seine Zugänglichkeit aus. Die langen und hilfreichen Einführungen und Zusammenfassungen der behandelten Texte und der klare, deutliche und spannungsreiche Stil erwecken auch das Interesse nicht fachkundiger Leser. Das Buch ist aber nicht nur gut geschrieben, der Autor hat auch den Mut, neue Thesen aufzustellen; die Arbeit beschränkt sich nicht auf historische Darstellungen, vielmehr liefert sie innovative Lektüren, die auf eine Theoriebildung abzielen.

Niklas Luhmann dient hierbei als theoretischer Ausgangspunkt, wird aber nicht nur als Folie benutzt, sondern als Gesprächspartner herangezogen. Kraß führt Luhmanns Theorie weiter, kritisiert sie und präsentiert neue Anknüpfungspunkte und theoretische Überlegungen. Was man sich unter einer vorbildlichen literaturwissenschaftlichen Arbeit vorstellt, wird hier eingelöst: das Buch ist wissenschaftlich fundiert, spannend, nachvollziehbar und herausfordernd.

Im ersten Teil dieser “Geschichte der Männerfreundschaft” wird der theoretische und geschichtliche Horizont der literaturwissenschaftlichen Studie festgelegt: Andreas Kraß geht von Luhmanns systemtheoretischer Auffassung der Geschichte der Freundschaft aus, um eine strukturierte “Typologie der Freundschaft” vorzuschlagen, die für eine Querlektüre der Literaturgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart produktiv gemacht werden soll.

Eine große Leistung der vorgeschlagenen Typologie ist die gerechtfertigte Erweiterung von Luhmanns System: während letzterer eine dreistufige Diskursivierung der Freundschaft in der Geschichte skizziert, schlägt Kraß vier historische Paradigmen der Freundschaft vor; während Luhmann nur die Politik im Verhältnis zur Intimität als prägende Struktur der Freundschaftsdiskurse sieht, skizziert Kraß eine viel komplexere und nicht abgeschlossene Kartographie zwischen Intimität, Politik, Religion, Kunst und Wissenschaft. Nach einer theoretischen Einführung in das Thema dient die historische Aufteilung Kraß dazu, eine chronologische Strukturierung seiner Monographie zu fundieren: aus jeder der vier untersuchten Epochen werden literarische Primärtexte herangezogen, um diese parallel zu zeitgenössischen prominenten theoretischen Diskursen über die Freundschaft zu lesen. Dieser Zugang wird indessen nur bedingt eingelöst, begnügt sich der Vergleich oder die Kontrastierung der verschiedenen Texte doch gelegentlich auf bloße Hinweise.

Bezüglich Kraß’ vierfacher historischen Aufteilung (Antike, Mittelalter, Frühe Neuzeit und Moderne), lohnt es sich zu fragen, ob man tatsächlich von einem Diskurs der Freundschaft in jeder dieser Epochen sprechen kann. Dies gilt besonders für die Moderne und die Frühe Neuzeit, deren Epochengrenze bei Kraß nicht einmal näher bestimmt werden. Mit Blick auf die Moderne stellt sich die Frage, ob es sich nicht eher um eine Vervielfachung der Diskurse, um einen Bruch mit den institutionalisierten hegemonialen Auffassungen handelt: Kann man über einen modernen Freundschaftsbegriff sprechen und kann Maurice Blanchot (Kraß’ Beispiel der theoretischen Auseinandersetzung in der Moderne, das wohlbemerkt nur als Beispiel eines „Widerstandspunktes“ präsentiert wird) als paradigmatisch für eine ganze, nur diffus abgegrenzte Epoche gelten? Die Texte, die in diesem Kapitel zur Moderne herangezogen werden, zeugen davon, dass ein einheitlicher moderner Freundschaftsdiskurs nicht denkbar ist.

Besonders relevant in Kraß’ Monographie ist die Auseinandersetzung mit der ausgeschlossenen Homosexualität im Diskurs der Männerfreundschaft: mit einer Homosexualität, die vor dem Hintergrund einer Unterscheidung zwischen homosozialem und -sexuellem Begehren in der Männerfreundschaft latent enthalten ist: „Das Schreckgespenst, das hinter der passionierten Männerfreundschaft lauert ist […] die Sodomie.“[4]

Die Wichtigkeit des Ausgeschlossenen (die Homosexualität und, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, die sogenannte Sodomie), die Wichtigkeit dessen, was nicht manifest werden darf, entspricht einer Dialektik, die in Kraß’ Monographie wiederum historisch dargelegt wird. Kraß bezieht sich auf  Foucaults “Geschichte der Sexualität”, um diese durch Verbot abgesonderte Beziehung der zwei Begehrensarten zu erklären. In dieser Hinsicht wird deutlich, dass Kraß’ Heteronormativitätskritik sich durch und durch mit Kern-Thematiken der Queer Studies auseinandersetzt, und dies scheint die größte Leistung der Studie zu sein (obwohl dies, wie gezeigt wird, dem Forschungsobjekt nicht vollends gerecht wird): Die Männerfreundschaft erscheint in dieser Perspektive als jenes kulturelle Szenario, in dem sich der heterosexuelle Mann der geschlechtlichen Rollenwechsel und den verbotenen homosexuellen Affekten unter der Lizenz einer dem passionierten Tod entsprechenden Trauer hingeben darf.

Kraß geht aber noch weiter, wenn er behauptet, dass sich in der passionierten Freundschaftsgeschichte und im Bild des toten Freundes eine homophobe und misogyne Seite des patriarchalischen Diskurses äußert. Der Versuch heterosexueller Freunde, der Gefahr des homosexuellen Begehrens ein Ende zu setzen, indem es zum Tode und damit paradoxerweise zur Verewigung gebracht wird, und die zugehörige Trauer als ein Prozess der Verweiblichung entpuppen sich als eine Strategie der Heteronormativität, die die Männerfreundschaft und die Trennung zwischen Intimität und Sexualität und m. E. auch die Abgrenzungen zwischen den Geschlechtern strukturiert. Die Passionsgeschichten der Männerfreundschaft enthüllen die prekären Grenzen zwischen Homosoziabilität und Homosexualität, aber auch zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit.

Vor dieser Folie sind auch Kraß’ Bezüge auf Judith Butler zu verstehen: Im ganzen Verbot des homosexuellen Begehrens (‚Homosexualitätstabu‘) versteckt sich der Kern einer Genderindentifikation. D. h. zwischen heterosexuellen Männern werden heteronormative Strategien der Ausschließung ausagiert, wobei das Ausgeschlossene stets präsent bleibt: die Tunte, die Frau, das Perverse. Kraß bedient sich der Freud’schen Begriffe der ‘Trauer’ und der ‘Melancholie, um dieses misogyne und heteronormative Schema darzustellen, indem er die Trauer der passionierten Männerfreundschaft in diesem Rahmen zu verstehen versucht: „Der tote Freund verweist auf die »offene Wunde« des verleugneten Begehrens.“[5]

Dieser theoretische Zugriff auf das Thema (der zuvor ein rein historischer war) ist nicht ganz unproblematisch: die Argumente einer “Melancholie der Geschlechter” lassen sich nur unter Rückgriff auf einen psychoanalytischen Apparat aufrechterhalten, was zur Gefahr einer Verkürzung der Perspektive und einer Einschränkung des Zugangs führen kann. Das Freud’sche Unbewusste bzw. die gesamte Psychoanalyse bilden die Voraussetzung, um die ganze Konstellation der Männerfreundschaft in dieser Art und Weise erklären zu können. Die psychologisierenden Folgen, die sich daraus ergeben, können jedoch die Erkenntnisse der historischen Lektüren und Diskursanalyse gefährden. Diese psychoanalytisch geleitete Lektüre führt dann zu einem a-historischen Ansatz, der (positiv betrachtet) eine produktive Theoriebildung bedingen kann, die sich jedoch (negativ betrachtet) gleichzeitig von der vom Autor selbst intendierten philologisch-historischen Analyse entfernt. Es gilt hier jedoch anzumerken, dass diese psychoanalytische Sicht nur im theoretischen Teil zu finden ist, im restlichen Teil der Analyse hingegen keine wesentliche Rolle mehr spielt. Es stellt sich dennoch die grundsätzliche Frage, wofür die Psychoanalyse hier nun genau in Anschlag gebracht wird.

Im theoretischen Teil bleibt darüber hinaus die Frage offen, inwiefern sich von der Freundschaft auf das Begehren, oder von der Freundschaft auf die affektiven Äußerungen schließen lässt. Wie ist die Beziehung zwischen Freundschaft und erotischem Begehren zu denken? Obwohl Kraß sich darauf beschränkt, verschiedene historische Kodierungen der Freundschaft und ihre Beziehung zur Sexualität zu skizzieren, scheint bei ihm die affektive Eskalation der Freundschaft notwendigerweise in Erotik münden zu müssen. Indem Kraß den affektierten und übersteigerten Affekt des Freundes in der Trauer beschreibt, um zur narzisstischen “Melancholie der Geschlechter” zu kommen, unterläuft er nicht nur die Grenze zwischen Freundschaft und Sexualität, sondern auch die Grenze zwischen dem Homosozialen und dem Homosexuellen. Wie diese heikle Liminalität zwischen dem Sozialen und dem Sexuellen zu denken wäre, wird nicht weiter präzisiert.

Dieses Problem betrifft auch die historische Lektüre, die dezidiert das Thema der Homosexualität ausklammert und den Fokus auf die heterosexuelle Männerfreundschaft setzen möchte, für die aber immer wieder Erotisierungsprozesse ausgemacht werden. So werden etwa bei der Auswahl der literarischen Beispiele im Kapitel zur Moderne nur Texte herangezogen, in denen die Thematik der Homosexualität nicht sekundär ist, sondern, ganz im Gegenteil, eines der Hauptthemen darstellt (wie bei Annie Proulxs “Brokeback Mountain”, Patricia Highsmiths “The talented Mr. Ripley” oder Wolfgang Hermsdorfs “Tschick”).

Kraß argumentiert, dass es sich hier nicht um „»schwule« Geschichten“ handelt, weil „[d]ie Protagonisten […] sich nicht als Homosexuelle identifizieren.“[6] Es stellt sich jedoch die Frage, ob das ein ausschließendes Kriterium ist, um eine Geschichte (bzw. deren Protagonisten) als „schwul“ zu bezeichnen. In all diesen Geschichten geht es um eine Problematisierung der sexuellen Orientierung der Figuren; diese literarischen Beispiele lassen sich somit in den Bereich queerer Literaturgeschichte einordnen. Kraß behauptet hingegen, etwa in Bezug auf Highsmiths Roman, in dem „der Homosexualitätsverdacht nicht nur peripheres, sondern zentrales Thema des Romans ist“[7], oder auf Herrndorfs Erzähltext, in dem „[d]as Motiv der Homosexualität […] von langer Hand vorbereitet [wird], es ist das eigentliche Leitmotiv des Romans.“[8] Das Bestreiten des queeren Charakters dieser Texte würde zur problematischen Annahme führen, dass queere Literatur nur von homosexuellen oder transgeschlechtlichen AutorInnen stammen könne bzw. von Figuren, die sich selbst bewusst als homosexuell oder transgeschlechtlich bezeichnen. Um dem heterosexuellen Forschungsobjekt gerecht zu werden, wäre das Beispiel “Winnetou” von Karl May, dessen Bild das Cover des Buches ziert, und das kurz im letzten Unterkapitel genannt wird, viel passender gewesen.[9]

Inwiefern kann man hier von einem reinen heterosexuellen Diskurs sprechen?  Wo ist die Grenze zwischen Freundschaft und Erotik? Wann kann man wirklich über Homosexualität sprechen? Kraß behauptet in Bezug auf Brokeback Mountain, dass die Novelle relevant sei, weil „sie vom körperlichen Verkehr zweier Männer erzählt, die sich als Freunde, und zwar als heterosexuelle Freunde wahrnehmen. Die Geschichte handelt nicht von »schwulen Cowboys«, sondern von heterosexuellen Männerfreunden, die gelegentlich Sex miteinander haben. Dass sie sich nicht als Homosexuelle wahrnehmen, liegt in der Homophobie […].“[10]

Haben wir es hier also mit homosexuellen Männern zu tun, die sich nur der Selbstbezeichnung „homosexuell“ verweigern, aber homoaffektiv lieben und einander homosexuell begehren? Und worin läge das Bedrohliche der Homosexualität, wenn diese körperlichen Begegnungen als heterosexuell zu verstehen wären? Diese Fragen präsentieren trotzdem einige Schwierigkeiten: eine davon ist der zu undeutlich umrissene Begriff der ‘Intimität’, der genau diese zwei Bereiche der Homosexualität und -soziabilität ununterscheidbar macht. Wie intim ist die sexuelle und wie intim die freundschaftliche Beziehung? Diese Problematik erweist sich im Falle der Beispiele aus der Frühen Neuzeit (im Falle von Eduard II. und Gaveston oder Romeo und Mercutio) als besonders kompliziert.

Das Thema der als heterosexuell bezeichneten Männerfreundschaft scheint genau den Kern der Frage nach der Zulässigkeit von homosexuellen Affekten zwischen Männern und, darüber hinausgehend, der Erotik in jeder Art von freundschaftlicher Beziehung zu bestimmen. Kraß hebt in Bezug auf Aelred von Rievaulx hevor, dass solche Männerfreundschaften auch „den Eindruck gewinnen [lassen], dass es um mehr geht als das, was man heute Freundschaft nennt. […].“[11] Die Auseinandersetzung mit dem Thema der Freundschaft führt unvermeidbar zur Frage nach ihren Grenzen, die das markieren, was man als Homosexualität bezeichnet, die ausgeschlossen werden muss. Die Homosexualität kommt ex negativo in Spiel, auch bei jenen älteren Beispielen, in denen die Homoerotik nicht explizit, aber implizit vorkommt. Es wäre interessant an dieser Stelle auch Aspekte jener Freundschaft in Betracht zu ziehen, die zwischen den verschiedenen Geschlechtern zustande kommt.

Die historische Auseinandersetzung mit dem Topos der Männerfreundschaft fängt bei Kraß mit einer klassischen Konzeptualisierung in der Antike an. Wie bereits erwähnt, werden für jede Epoche ein theoretischer Text und literarisches Beispiel herangezogen; die Auswahlkriterien dafür werden jedoch nicht explizit erklärt. Trotz der scheinbar willkürlichen Zusammensetzung des Korpus entspricht dieses einem klaren Kanon, der dem theoretischen Rahmen und der Absicht der Monographie konsequent und gut entspricht. Ob Cicero (im Falle der Antike) als die exemplarischste theoretische Auseinandersetzung mit der Freundschaft gilt, muss allerdings fraglich bleiben, da das Denken Ciceros ja eher in einer platonischen und aristotelischen Tradition zu situieren ist. Andererseits repräsentiert gerade Cicero einen historischen Mittelpunkt in der großen Spannweite des antiken Denkens, das Kraß in seiner literarischen Auswahl gut darzustellen vermag: von der griechischen Antike und dem alten Judentum, über die Spätantike bis hin zum frühen Christentum. In dieser riesigen historischen Spanne werden von Kraß einige Unterscheidungen getroffen und aufgrund klarer Parameter ausgewählt.

Der sorgfältige Umgang mit Texten, der sich nicht in Referenzen auf Sekundärliteratur verliert, liefert eine erneuerte und frische Lektüre mit dem Kanon. Die genaue Zusammenfassung der Primärtexte erlaubt einen einfachen Einstieg in die Lektüre, die sogar durch das Nacherzählen jedes Primärtextes einen anthologischen Charakter bekommt. Kraß bezieht sich auf exemplarische Stellen, die jedoch immer wieder sehr klug und umsichtig in Beziehung zu anderen Texten gesetzt werden. Es handelt sich um eine Indiziensuche oder Akzentuierungslektüre, die sich produktiv zwischen Partikulärem und Allgemeinem situiert. Das Resultat ist sehr gelungen, da die Suche streng strukturiert bleibt und klare Resultate liefert.

Es bleibt dennoch zu fragen, wie die Horizontalität bzw. synchronische Darstellung sehr unterschiedlicher Textarten zu bewerten ist. Im Kapitel zur Antike werden Texte parallel gelesen, die extrem heterogenen Kulturen und Zeiträumen angehören: biblische (David und Jonathan oder Jesus und Johannes) neben griechischen oder lateinischen Figuren (Achilles und Patroklos oder Pallas und Aeneas). Die kulturprägende Wichtigkeit der verschiedenen Figuren ist sehr unterschiedlich, und dies führt zu der Frage, inwieweit es legitim ist, große Epochenunterschiede solcherart zu nivellieren. Kraß selbst betont etwa in Bezug auf Aeneas und Pallas, dass es hier um eine sehr große Verschiebung in der Darstellung der Freundschaft geht.[12]

Ein anderes Beispiel ist die Freundschaftsgeschichte zwischen Jesus und Johannes, die sich m. E. nur schwer unter den leitenden Begriff der ‚Waffenbrüder‘ subsumieren lässt, der das ganze Kapitel zur Antike und Spätantike vereinheitlichen soll. Zu diesem Problem der horizontalen Lektüre tritt das Problem der Wahl des jeweiligen theoretischen Textes: Wie müsste dieser Text beschaffen sein, um repräsentativ für eine ganze Epoche zu sein, die mehrere Jahrhunderte umfasst?

Kraß‘ detaillierte Lektüren der verschiedenen Männerfreundschaften können als eine Spurensuche verstanden werden. Kraß sucht dezidiert nach folgenden Spuren: (1) einem sterbenden/verstorbenen und einem überlebenden Freund, (2) einer Klage nach dem Tod des einen, (3) einer vom Affekt der Intimität dominierten Sprache über den Freund, (4) der Effeminierung eines Freundes, (5) einer komplexen, sozial kodierten Darstellung der Beziehung zwischen Freundschaft und Sexualität, (6) einem Waffentausch oder einer symbolischen Handlung mit Gewändern oder anderen Objekten, (7) der Triangulation einer meistens weiblichen Vermittlung der passionierten Freundschaft, (8) einer angedeuteten sowohl geistigen als auch körperlichen Einheit (»ein Herz und eine Seele«), (9) einer meistens narzisstischen Gleichheit der Freunde und (10) einer mütterlichen oder väterlichen Rolle. In den einzelnen Lektüren tauchen manche dieser Aspekte auf, andere spielen bisweilen keine Rolle; sie alle bilden jedoch ein Repertoire an Parametern für die Analyse, das konsequent beibehalten wird.

Bei jeder Epoche kommen aber einige Elemente vor, die allen literarischen Texten inhärent sind, und die jene diskursiven historischen Verschiebungen anschaulich werden lassen, wie sie Luhmann postuliert hat: so etwa in der Frühen Neuzeit, wenn der Freund als eine Trostinstanz des Liebesleids fungiert, im Mittelalter, wenn sich das Freundespaar in Gott vereinigt, oder in der Antike, in der Waffen eine wichtige symbolische Rolle in der Brüderlichkeit der Männerfreunde spielen. Diese Aspekte oder Spuren werden in jedem Primärtext hervorgehoben und in Bezug zu den anderen Texten gestellt, um mögliche Verschiebungen oder Erneuerungen in jedem neuen Zeitabschnitt markieren zu können. Die archäologische Arbeit Kraß‘ ist in der Tat akkurat und sehr überzeugend.

Die Beschränkung auf diese Suchparameter stellt gleichzeitig eine große interpretatorische Herausforderung dar, die von Kraß stets beeindruckend gemeistert wird: Ein bemerkenswerter Fall ist die Freundschaft zwischen Werther und Wilhelm aus Goethes Briefroman, in dem die Qualität der Beziehung der beiden Figuren nie explizit zum Thema wird. Kraß macht trotzdem sehr schlüssig Indizien im Werk aus, die die passionierte Männerfreundschaft dieser beiden Figuren vor Augen führen. Die sehr mutige Lektüre von Goethes Werk eröffnet eine Perspektive, die auch rezeptionsästhetische Folgen mit sich bringe: der Leser wird, so Kraß, in die passionierte Freundschaftsbeziehung einbezogen. Dies könnte meiner Meinung nach eine nachvollziehbare Erklärung für die Selbstmordfälle liefern, wie sie bei einigen zeitgenössischen Werther-LeserInnen auftraten. Besonders relevant (und das in Bezug auf das ganze Kapitel über die Frühe Neuzeit) sind auch die poetologischen Folgen dieser Thematik, d. h. die Bezüge zwischen der Männerfreundschaft und einer Schrift- und Briefästhetik: Die Schrift erscheint dann als Lizenz einer Passion, deren potentielle politische Folgen, die sich aus dem Sodomie-Verdacht ergeben, zu maskieren und zu verbergen sind.

Ferner ist die Frage des Kanons in Bezug auf Kraß’ Buch nicht unproblematisch: Es überrascht, dass die Auswahl nur europäische und zwei nordamerikanische Beispiele beinhaltet, obwohl die Hypothesen einen viel größeren Rahmen betreffen. Kraß bezieht sich trotzdem im einleitenden ersten Kapitel auf „Gilgameschs Erbe“, jegliche weitere Referenzen auf asiatische, arabische oder lateinamerikanische Beispiele bleiben jedoch ausgespart. Der europäische Fokus ist aber nicht das Auffälligste in der Auswahl, sondern die markante Wende im letzten Kapitel des Buches: während zunächst ausschließlich prominente, ja klassische Werke der Literaturgeschichte behandelt werden (die Bibel, “Ilias”, “Rolandslied”, “Die Leiden des jungen Werthers”, u. a.) geht es im letzten Kapitel um Texte, die nicht unbedingt zum Kanon der Weltliteratur zählen (Hermsdorfs “Tschick”, Roulx‘ “Brokeback Mountain” und alle anderen).

Diese Zusammensetzung des Korpus weist auf ein Problem hin, das den Kern der Kanon-Frage betrifft, und zwar mit Blick auf den diskursanalytischen Zugang. Was die Suche nach der Kodierung von Männerfreundschaft innerhalb der europäischen Diskursgeschichte betrifft, spielt die Frage der Kanonisierung mit Blick auf die Diskursprägung naturgemäß eine zentrale Rolle: Es wurden nämlich jene Figuren (Jesus, Achilles, usw.) ausgewählt, die durch und durch in unserem Denken und in unserer Gesellschaft prägend und präsent sind und daher nicht umsonst als kanonisch bezeichnet werden. Demgegenüber erscheint die Darstellung am Ende des Buches aber eher als eine ‚stichprobenartige‘ Auswahl, welche die relevante und nicht einfache Frage offen bleiben lässt, welche Beispiele wir in der Moderne als kanonische Männerfreundschaftsdarstellungen betrachten könnten.

Eine der größten Leistungen von Kraß’ Darstellung ist die sehr genaue philologische und manchmal etymologische Lektüre der Texte, die darauf zielt, die Maskierungen und Verschleierungen eines homosozialen Begehrens offenzulegen. Die schon besprochene heikle Grenze zwischen dem passionierten Affekt der Freundschaft und dem sexuellen Begehren bedarf einer sehr genauen Lektüre, die Kraß in seinem Buch durchaus leistet. Wünschenswert wäre allerdings gewesen, jeweils am Ende eines jeden Kapitels und auch am Ende des Buches eine Zusammenfassung zu liefern, in der das Analysierte in Beziehung zu den in der Einleitung präsentierten psychoanalytischen Hypothesen gebracht wird. Die einzelnen Textanalysen liefern zwar sehr gute Inhaltsangaben und stringente Lektüren des Motivs der Männerfreundschaft, sie werden aber nicht ausführlich mit den anderen verglichen. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass einige Teile der recht langen Monographie aus früheren Artikeln des Autors bestehen.

Zusammenfassend stellt Andreas Kraß’ “Geschichte der Männerfreundschaft” den erfolgreichen Versuch dar, ein als alltäglich und selbstverständlich betrachtetes Phänomen in Frage zu stellen und seine innere Struktur zu analysieren. Kraß zeigt in seiner Publikation, dass das Thema der Queerness nicht auf den Bereich der ‚schwulen‘ Belletristik reduziert werden kann, sondern dass dieses Thema vielmehr die ganze europäische Literaturgeschichte betrifft. Kraß’ Buch präsentiert somit eine sehr wichtige Studie, die dem Repertoire deutschsprachiger Queer Studies sehr bereichert. Die politischen Konsequenzen und der soziale Einfluss dieses alltäglichen Bildes zweier Freunde, die ‚ein Herz und eine Seele‘ teilen, kann nicht mehr übersehen werden.

 

Anmerkungen

[1] Kraß, Andreas (2016): Ein Herz und eine Seele. Geschichte der Männerfreundschaft. Frankfurt a. M.: Fischer, 16.

[2] Ebd.

[3] Ebd., 301.

[4] Ebd., 299.

[5] Ebd., 78.

[6] Ebd., 321.

[7] Ebd., 343.

[8] Ebd., 379.

[9] Es gibt zahlreiche kanonische Beispiele heterosexueller Freundschaftsbeziehungen in der modernen Literatur, die nicht im Kanon schwuler Literatur zu finden sind: wie etwa die Freundschaft zwischen Eugen Onegin und Wladimir Lensky in Puschkins Versroman, die Beziehung zwischen Hans Castorp und Joachim Ziemßen in Thomas Manns Der Zauberberg, die Beziehung zwischen Alberto Fernández und Ricardo Arana in Mario Vargas Llosas La ciudad y los perros oder die zwischen Sal Paradise und Dean Moriarty in Jack Kerouacs On the road, u. a..

[10] Ebd., 352.

[11] Ebd., 151.

[12] Ebd., 123.

 

Camilo Del Valle Lattanzio ist Universitätsassistent am Institut für Iberoamerikanische Kultur- und Literaturwissenschaft an der Universität Salzburg.

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