Jul 292017
 

Hitler als Mädchen, Trump als Präsident: Politische Sticker in der Messenger-App Telegram 

Im vorherigen Artikel dieser Serie ging es um Telegrams Sticker, die als „Medien der produktiven Unbestimmtheit“ charakterisiert worden sind: Zentral ist nicht deren Möglichkeit, Emotionen zu vermitteln, sondern vielmehr die Fähigkeit, eine Unbestimmtheit zu provozieren, die man kommunikativ auf viele verschiedene Weisen produktiv machen kann.

Dies gilt aber nicht nur für konkrete Interaktionssituationen, in die ein solcher Sticker semantische Instabilität bringen und so gewissermaßen die Karten des Gesprächs mitunter neu mischen kann, sondern auch die Sticker-Produktion ist weitgehend unbestimmt: Userinnen und User können jedem per Unicode standardisierten Emoji ein Bild zuordnen und so ein Stickerset erstellen. Das Ergebnis sind ganz unterschiedliche Praktiken, von denen einige vorgestellt wurden: Mal fungiert ein Stickerset als Museum netzkultureller Ereignisse, mal als Inszenierungsform verschiedener Stereotype männlicher Homosexualität, mal als Fremdbeschreibung deutscher „Kartoffelkinder“ aus migrantischer Sicht.

Populäre Psychographien

Zudem, und darum geht es in diesem Text, gibt es eine ganze Reihe von Stickersets, die Emojis mit Fotos von Politikern belegen. Relativ verbreitet sind etwa die Sets (oder Packs) von Trump, hier das aus dem Wahlkampf stammende „Donald Trump’d“…

trump

…oder ebenfalls aus dieser Zeit „Clinton vs. Trump“.

trump_clinton

 

Sehr häufig findet man auch ein Set von Wladimir Putin mit dem Namen „Putin (@malyshev)“ (benannt nach dem Produzenten des Sets)…

Putin

…ein Set von Berlusconi mit dem Namen „Berluska“…

Berlusconi

…das „Merkel Pack“…

merkel

…weniger verbreitet ist das Schulz-Pack „the_schulz“…

Bildschirmfoto 2017-07-29 um 09.57.30

…oder ein Erdogan-Set namens „tayyip“.

tyyip

Außerdem gibt es natürlich Stickersets von Hitler, die allerdings deutlicher satirisch gebrochen sind (man beachte etwa den Sticker „Saturday Night Führer“). Googelt man „Telegram Stickerset“, kommt „Hitler“ sogar in der Regel als erster Vorschlag; als erstes Ergebnis kommt dann „derFührer“.

hitler

Auch von Stalin gibt es ein populäres Set.

stalin

Dabei werden mehr oder weniger ikonische Bilder einzelner Personen zu einer Palette von Ausdrücken eines Images ausbuchstabiert. Im Emoji-Kontext erhalten sie eine neue Bedeutung. Hitler und Stalin als Ikonen des Bösen werden mal verniedlicht, etwa wenn Hitler scheinbar sexualisiert-beschämt „oh, stop it you“ sagt (im Sinne von „Du Schlingel, hörst Du wohl auf!“), mal erscheinen sie als Modelle gegenwärtiger Coolness, wie etwa wenn Stalins Jugendbild mit dem Krawatten-Emoji gepaart wird, mal als lässige Typen, mit denen man Insider-Humor teilen kann.

stop_it_you

Bei Hitler erscheinen aber ganz andere Charakteristika als bei Stalin. Hitler ist nicht der durchgängig coole Typ, und er ist auch nicht der lächerliche Hanswurst aus Charlie Chaplins Der große Diktator, sondern er zeigt eine unterdrückte, homosexuelle Sensibilität: „Oh, stop it you“ sagt hier eben nicht ein (stalinistischer) Macho, sondern ein Führer, der selbst Ziel sexueller Übergriffigkeit wird. Etwas Ähnliches gilt für die beiden Tanz-Sticker oder den mit dem Hunde-Emoji belegten Sticker, auf dem er mit Playboybunny-Ohren im Liegestuhl sitzt.

Hitler wird also nicht bloß als lächerliche Figur gebrochen. Vielmehr laden die Sticker auch dazu ein, sich in die Psyche dieses Menschen einzufühlen und sich etwa die Frage zu stellen, welche Rolle eine unterdrückte Homosexualität für seine Psychopathologie gespielt haben mag. Man kann nun fragen, welche Rolle dabei der Sticker neben dem Bunnyohren-Bild spielt, das Hitlers Gesicht in ein Mädchenbild einmontiert. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass Hitler die Frisur und Kleidung Anne Franks trägt, von einem Bild aus dem Mai 1942. Die Ikone des Opfers verschmilzt mit der Ikone des Täters zu einem Sticker. Die Schuld schaut uns aus dem Körper der Unschuld an. Hitler ist das Mädchen, das durch ihn ermordet worden ist.

Die Ausdrucksvielfalt der hinter den Stickern codierten Emojis motiviert also auch dazu, sich eine emotionale Vielfalt der Dargestellten auszumalen, mitunter auch psychogenetische Erklärungsmodelle anzubieten – von der drolligen Merkel bis zum Homo-Hitler.

Diese Logik finden wir zumindest in Ansätzen auch bei den Politikern der Gegenwart. Auch die Putin-Sticker beschreiben die Figur des Machos, der schießt, Sport treibt und uns lässig zuzwinkert – eine auffällige Parallele zur Stalin-Faszination: Papi hat alles im Griff, Papi ist mein bester Freund. Andererseits zeigt er in Tony-Soprano-Manier Gefühle (nur?) gegenüber Tieren oder in seiner Bromance mit seinem Premier Medwedew. Symbolisiert dies eine in unterdrückter Homosexualität begründete Homophobie? Es lässt sich nicht eindeutig entscheiden; in jedem Fall denken wir über das emotionale Alphabet des Staatenführers nach.

Und das gilt dann auch für die anderen Stickersets: Bei Merkel denken wir über die Gefühlsausbrüche in ihrem System der emotionalen Hemmung nach, bei Berlusconi vielleicht über die jungenhafte Begeisterung hinter seiner Bunga-Bunga-Kriminalität und bei Erdogan über die ins Karnevaleske kippende Großmannssucht oder über eine islamistische Bromance mit Mahmud Ahmadinedschad. Gerade da, wo Homo- und Heterosexualität besonders streng auseinandergehalten werden, scheinen die Stickersets sie wieder vermischen zu wollen…

Populäre Historiographien

Von dieser Form der Sticker als emotionale Alphabete einzelner politischer Figuren kann man ein zweites Politiker-Sticker-Genre unterscheiden: Die historische Reihe, wie etwa das Pack „Communist Leaders“.

communists

Die im vorherigen Artikel dargestellte Hall of Fame – dort ging es noch um Meme-Tierchen – bekommt hier eine andere Bedeutung: Marx und Engels werden nicht nur als kommunistische „Führer“ rubriziert, sondern bilden Anfang und Ende einer Reihe, in der Stalin, Honecker oder Che Guevara stehen. Teil desselben Packs ist auch Hugo Chavez – eine politische Positionierung, die in aktuellste politische Konflikte hineinragt. So harmlos wie die Emoji-Gesichter dreinblicken, sind die Stickersets nicht. Vielmehr handelt es sich um veritable geschichtspolitische Instrumente.

Sticker bieten sich also für eine bestimmte Form populärer Historiographie an: Sie ordnen Personen in scheinbar konsistente Reihen ein. Durch ihre vordergründige Witzigkeit – Honecker und Lenin als Kussmünder, Trotzki und Engels als mürrische Grübler, Chavez als Grinsegesicht – gibt es keinerlei Notwendigkeit zur Rechtfertigung. In der Welt sind diese Geschichtsschreibungen trotzdem.

Es erscheint daher relevant, nachzusehen, in welchen Reihen Figuren der politischen Gegenwart auftauchen. Hier ist vor allem ein Stickerset hervorzuheben, es trägt den Namen „U.S.Presidents“ und beinhaltet 45 Sticker – einen von jedem Präsidenten.

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Dies erscheint zunächst einmal als Normalisierung Trumps: Er reiht sich ein in eine Linie mit allen anderen Präsidenten, die auf ihre Weise alle als absonderlich dargestellt werden. George W. Bush ist das infantile Fratzengesicht, Bill Clinton und auch Jimmy Carter sind Schwerenöter, Reagan ist geltungssüchtig und Lyndon B. Johnson ist der weinerliche Typ, der auf eine zweite Amtszeit verzichtet. Auf ihre Weise verrückt erscheinen daher alle bisherigen Präsidenten mehr oder weniger; in jedem Fall ist Trump keine besondere Ausnahme. So wie sich Hugo Chavez in die Reihe kommunistischer Führer und Vordenker einfügt, ist Trump im ornithologischen Tafelwerk amerikanischer Präsidenten nur ein schräger Vogel unter anderen. Bei näherer Betrachtung hat der Sticker aber doch eine Sonderstellung.

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Er zeigt ein Dekret vor, auf dem „FUCK YOU“ steht, während das U durch die US-amerikanische Flagge ersetzt wird. Im Hintergrund sieht man das Twitter-Symbol, darunter Trumps Unterschrift. Dieser Sticker ist mit dem Unicode-Symbol U+1F595 namens „middle finger“ belegt. In dieser Offensivität ist Trump eine Ausnahme. Aber gegen wen richtet sich dieser Mittelfinger? Gegen das amerikanische Volk? Gegen die anderen 44 Präsidenten? Gegen die Regeln der präsidentiellen Form? Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, es hängt in jedem Fall auch vom Kontext ab.

Dieses Stickerstes findet man im „Stickers Channel“, ein Telegram-Kanal, in dem neue Stickersets gepostet werden und den derzeit knapp 68.000 User abonniert haben. Dort wurde das Set am 11. April 2017 gepostet und ca. 54.300 Mal angesehen.

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In einem solchen Kanal können die Postenden zudem ihre selbst erstellten Sets per Emoji bewerten lassen. Als Bewertungskriterien wurden hier eine Flamme, eine zuschlagende Faust und der Mittelfinger gewählt – die meisten User entschieden sich für den Mittelfinger, was man als Ablehnung Trumps interpretieren kann oder als Ablehnung seiner Rubrizierung als Präsident unter anderen. Die Faust kann man als zustimmende Bro-Fist oder als Schlag ins (Sticker-)Gesicht interpretieren, die Flamme möglicherweise eher als begeistertes „hot!“ (ein eindeutiger erhobener Daumen ist es allerdings nicht). Aber auch wenn man die Bewertungen als eindeutig erachtet, bleibt unklar, was als positiv oder negativ bewertet wird. Insofern ist auch in diesem Kontext die Bedeutung gerade deshalb sozial produktiv, weil sie unbestimmt bleibt.

Gleichzeitig demonstrieren sie aber auch, dass die Kategorisierung Trumps eine virulente, klärungsbedürftige Frage ist; unabhängig davon, ob man ihn positiv oder negativ bewertet. Ein Stickerset aller deutschen BundeskanzlerInnen, russischen, türkischen oder italienischen Staats- und Regierungschefs haben wir jedenfalls nicht gefunden.

Anmerkung:

Ich danke Lena Teigeler für die Unterstützung bei der Recherche

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