Jul 172017
 

Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit bietet das Fernsehen nur noch wenige. Die Zeiten von Wetten, daß …? sind vorbei, in denen zuverlässig in den Sonntagszeitungen nachgelesen werden konnte, wie die Show, die wir alle am Samstagabend gesehen hatten, zu bewerten ist, um diese Debatte am Montagmorgen in der Schule oder auf der Arbeit fortzuführen. Selbst in schlechteren Zeiten kam die Sendung auf einen Marktanteil von ca. 30%, und mehr noch sind die privaten und zahlreichen öffentlichen Kritiken in Erinnerung geblieben.

Lassen wir politische Talkshows, Nachrichten und Wahlsendungen einmal außer Acht – bei denen die Quote weniger beeindruckt als das Wiederkäuen in anderen Medien – und schauen wir ausschließlich auf den Unterhaltungssektor, kann allenfalls noch der Tatort eine ähnliche Dynamik aufweisen. Der Tatort Münster hatte 2016 über 35% Marktanteil, und neben professionellen Kritiken gibt es ja bekanntlich Tatort-Abende als gemeinsames Rezeptionsritual, die eine kollektive Bewertungskultur oder Kommentierungspraxis begünstigen, die montags weitergeht.

Zuerst die Zunahme an Fernsehprogrammen, dann ausgefeiltere Vertriebsstrukturen der Videoverleiher und anschließend Netzanbieter haben zu einer Diversifizierung des Angebots geführt, sodass es unwahrscheinlich geworden ist, dass wir alle zu derselben Zeit dieselbe Sendung rezipieren. Zu einem großen Teil hat sich das, worüber wir sprechen und was wir teilen, auf Tweets, Facebook-Posts und YouTube-Videos verschoben, aber das damit verbundene vielmals beschworene Virale hat eine andere zeitliche Dimension.

Zum einen gibt es nicht mehr diejenigen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ein für alle Mal in- oder exkludiert sind, sondern stattdessen diejenigen, die bestimmte Inhalte früher, und diejenigen, die sie später rezipieren. Zum anderen wird beim Fernsehen seitens der RezipientInnen erst kollektiv geteilt und dann bewertet, während in den netzförmigen Prozessen eine erste Bewertung vor dem Teilen stattfindet.

Kristallisationspunkt oder Urszene gemeinsamer Aufmerksamkeit kann natürlich nach wie vor auch eine Fernsehsendung sein, aber es ist eben unwahrscheinlicher geworden, dass es solch eine Sendung gibt. Nun vergleiche ich Äpfel mit Bananen, indem ich nicht nur unterschiedliche Medien betrachte, sondern auch ganz unterschiedliche Formate, aber unabhängig von den Formaten besteht die wesentliche Umstellung unserer Rezeptionsgewohnheiten darin, dass sich früher alles, was uns gemeinsam interessiert hat, sofort in den unendlichen Weiten des Alls zerstreut hat – wenn es nicht vereinzelt auf Datenträgern aufgezeichnet wurde, die allerdings nicht allen immer zugänglich waren –, während heute fast alle mit Hilfe diverser digitaler Archive über fast alles verfügen können.

Im Fall der britischen Kult-Serie Doctor Who besitzt noch nicht einmal die BBC alle Folgen aus den 60er Jahren, weil man einige der Magnetbänder, auf denen die Sendungen ursprünglich aufgezeichnet wurden, überspielt hat, um Lager- und Materialkosten zu sparen. – Während im Übrigen Metropolis einer Entdeckung in Buenos Aires weitere 25 Minuten verdankt, wurden einige verschollene Datenträger der britischen Serie vor wenigen Jahren gut erhalten in Nigeria gefunden. – So viel zur Archivierung und Kanonisierung von Pop.

Es geht mir nun aber nicht um Archivierungspraktiken, die es auf die eine oder andere Weise mehr oder weniger zuverlässig immer gegeben hat, sondern um das pop- oder auch populärkulturelle Ritual der geteilten Aufmerksamkeit, auf deren Basis sich der common ground für unsere Kommunikationen ausbildet, der wesentlich nicht nur mit massenmedialen Inhalten, sondern auch mit deren Distributionswegen verbunden ist. Und da war – und natürlich ist es auch noch – Ausstrahlung eine besondere Sache. Man beachte allein das schöne Wort.

Wenn wir früher oder später dasselbe rezipieren, stellt sich zwar eine geteilte intertextuelle Kompetenz ein, aber es ist eben ein anderer Vorgang, wenn wir etwas gleichzeitig anschauen. Wenn wir die Aufmerksamkeit in demselben Augenblick auf ein und dieselbe Sache richten, bilden wir ein kollektives deiktisches Zentrum – eine Wir-jetzt-nicht-hier-Origo, wenn man so will.

Wir orientieren uns fast instantan hinsichtlich der Relevanz, Bedeutsamkeit und Qualität des Gesehenen aneinander, und wir tätigen auf dessen Basis gemeinsame Folgehandlungen. Gleichzeitig entsteht aufgrund der gemeinsamen Bewertungskultur und Folgehandlungen eine Orientierung übereinander, und wir konstituieren pop- oder populärkulturelle Distinktionskriterien. Das passiert natürlich auch aktuell, aber früher stellte sich das eben sehr schnell ein oder gar nicht, aber nun, da die ephemere Ausstrahlung der fixierten Datenspeicherung gewichen ist, ist auch die Rezeptionslage eine andere.

Um nun Äpfel mit Birnen zu vergleichen, also unterschiedliche Medien, aber ähnliche Formate: Zunächst einmal die Möglichkeit, ganze Staffeln einer Fernsehserie auf DVD zu kaufen, dann die Möglichkeiten des legalen wie illegalen Streamens – und im legalen Bereich sei hier insbesondere Netflix hervorgehoben – werden häufig im Zusammenhang mit der komplexen narrativen Struktur der neuen Qualitätsserie in Verbindung gebracht, und ich kann wirklich aus frischer Erfahrung saggen, dass es schier unerträglich ist, beide Staffeln der episodischen Kult-Serie Die Zwei mit Roger Moore und Tony Curtis am Stück zu schauen, so witzig, unterhaltsam und poppig sie bei vereinzelter wöchentlicher Rezeption auch waren bzw. immer noch sind. Gleiches gilt übrigens auch für die ursprünglichen Staffeln der Gilmore Girls, die niemals auf eine Rezeption am Stück angelegt waren. Umgekehrt wäre es bei einer Staffel House of Cards unpassend, nach jeder Folge auf die nächste warten zu müssen, ist sie doch aus einem großen Bogen bzw. für die Rezeption in einem großen Happen gemacht.

Aber es geht ja um die Frage des Zeitpunkts der gemeinsamen Rezeption. Amy Sherman-Palladino, die Produzentin der Gilmore Girls, war sich des Wertes der gleichzeitig geteilten, häppchenweisen Rezeption bewusst. Sie hatte gehofft, dass Netflix nicht sofort alle der nachträglichen, 2016 erschienenen Folgen der Gilmore Girls zugänglich machen würde. Sie wollte den Raum der Erwartungen von Folge zu Folge wiedereröffnet wissen. Zum einen bildet sich dadurch eine Leerstelle aus als wunderbarer Diskussionsanlass, was der Sache eine zusätzliche Dynamik verleiht. Zum anderen kann so der Kenntnisstand der RezipientInnen synchronisiert werden. Sherman-Palladino wollte ausdrücklich verunmöglichen, dass jemand entscheidet, die letzte Folge zuerst zu sehen.

Natürlich sind auch bei einer sukzessiven Ausstrahlung verschiedene Rezeptionsweisen und -zeitpunkte möglich, aber es ist vielleicht wahrscheinlicher, dass man die Leute zur gleichen Zeit vor den Bildschirm bekommt, wenn man eine Serie seriell veröffentlicht. Gemeinsame, geteilte Aufmerksamkeit und Zwischenräume für Diskussionen, also pop-kulturelle Rezeptionsrituale, die bis in die 00er Jahre üblich waren, sollten interessanterweise wiederaufleben, wenn es nach dem Wunsch der Produzentin gegangen wäre.

Ging es aber nicht. Wir konnten alle Folgen Gilmore Girls. A Year in Life ab dem Start am Stück sehen; natürlich wie bei Netzangeboten üblich nicht unbedingt zeitlich synchron. Und in diesem Kontext fällt einmal mehr eine Praktik auf, die es früher in großem Maß einfach nicht gegeben hat. Das indiziert auch die Tatsache, dass das Wort erst seit den letzten Jahren Konjunktur hat, auch wenn Kinofilm und Filmverleih immer schon davon betroffen waren. Das Spoilern.

Laut „Google Trends“ hält sich die Verwendung des Verbs ‚Spoilern‘ relativ konstant, soweit die Statistik reicht, also zurück bis 2004, was angesichts des semantischen Spektrums nicht verwundert. Spoiler alert jedoch steigt ab 2010 massiv an; ebenso Spoileralarm. Im selben Jahr erwarb Netflix die Rechte am Onlinevertrieb diverser amerikanischer Filmstudios und steigerte sowohl sein Angebot als auch seinen Marktwert deutlich.

Der Begriff ‚Spoilern‘ hat Eingang in den Duden gefunden, und die aktuelle Definition lautet: „Zusammenfassung eines Films, Buchs oder Ähnlichem, die dem Leser oder Zuschauer das Interesse an der Geschichte verdirbt, indem für Spannung sorgende Informationen aus er Handlung verraten werden.“ Während wir früher schlicht verpasst haben, was wir verpasst hatten, und darum darauf angewiesen waren, dass uns jemand eine Brücke über die fehlende Folge baut, können wir dies nun jederzeit selbst nach-sehen, weshalb eine derartige Hilfestellung nicht mehr sehr erwünscht oder beliebt ist. Das sei an der Stelle ausdrücklich betont.

Es ist schon mühevoll, Spoilern aus dem Weg zu gehen, wenn man die erste Welle der Rezeption nach Veröffentlichung aus irgendeinem Grund verpasst hat, und genau das kann ja, wie gesagt, nun ziemlich leicht passieren. Es gibt sooo viele Serien, dass man nicht bei jeder synchron bleiben kann. So musste ich in der Siegener Mensa, bevor ich endlich mit der englischen oder amerikanischen Version von House of Cards anfangen konnte, von Mitessern, deren Namen hier nicht erwähnt werden sollen, die sich aber hoffentlich wiedererkennen und getadelt fühlen, hören, es sei ja ‚krass, dass er sie wirklich umbringt.‘ Das hätte man nicht gedacht. Ich leider nun schon. Wenige Minuten nach meinem eigenen Einstieg in die Serie war mir also das Ende des ersten wesentlichen Handlungsstrangs um Underwood und Zoe absolut klar. Glenn wird brutal von Negan ermordet. Das ist die späte Rache an allen Spoilern, die die siebte Staffel von The Walking Dead vielleicht noch nicht gesehen haben. Nun habe ich selbst aber auch noch nicht die siebte Staffel von The Walking Dead gesehen und war wieder einmal Opfer einer Spoiler-Attacke. Während ich mich nun mit der siebten Staffel von The Walking Dead bei den entsprechenden Spoilern für die ersten beiden Staffeln von House of Cards rächen kann, brauche ich vermutlich die sechste Staffel von Shameless (US), um mich bei den Walking Dead-Spoilern zu rächen. Wie Kartenquartett: Shameless 6 toppt The Walking Dead 7.

Sherman-Palladino hat ja letztlich dennoch ihre zeitlich geteilte Aufmerksamkeit erhalten. Vier Doppelfolgen sind schließlich nichts. Daher findet sich doch eher schnell eine Möglichkeit, Anschluss zu finden an der allgemeinen Bewertungskultur, bei der ich weiß, dass Du weißt, dass ich weiß, was Du weißt. Aber ganz so wie früher ist es eben trotzdem nicht, wenn Angebote als Konserven stets zugänglich sind und flexibel gehandhabt werden können.

Es gibt eine beobachtbare erste Welle an Anschlusskommunikation und Folgepraktiken in Foren und Tweeds, auf Facebook und in traditionellen Medien, aber nicht mehr den einen direkten Schub. Außerdem: Die erste Welle kann durch soziale Netzwerke sogar sehr direkt entstehen, aber nun stellt sich bei deren Partizipation die Frage, ob es sich bei gelungener Anschlusskommunikation um Zufallstreffer unter Spezialinteressierten handelt, oder ob sich ein (pop-)kulturell repräsentativer common ground ausbildet bzw. man sich auf einem solchen bewegt.

Den neuen Qualitätsserien, so auch den Eigenproduktionen von Netflix, wird im Großen und Ganzen nicht gerade mangelnder Erfolg nachgesagt. Wir haben also nach Jahren des eher düsteren Fernsehprogramms trotz der Diversifikation der Angebote unseren common ground wieder – und nur für das RTLplus der 80er oder das Sat 1 der 90er Jahre könnte ich auf Netflix noch verzichten, eventuell.

Aber: nachgesagterweise. Wir können nicht wirklich wissen, ob und auf welchem common ground wir uns bewegen, denn Netflix veröffentlicht keine Quoten. Es gäbe keinen wirtschaftlichen Grund, dies zu tun. So heißt es! Während wir also bei Wetten, daß…? und Tatort nicht nur hinsichtlich der absoluten und prozentualen Zahlen unserer MitseherInnen im Bilde waren bzw. sind, wussten wir auch in soziodemographischer Hinsicht ziemlich genau, in welcher Gesellschaft wir uns befanden.

Quantifizierung und Ranking, also Listenbildung wird zu Recht von Moritz Baßler bis Matthias Schaffrick als integraler Bestandteil der Pop- oder Populärkultur beschrieben. Zur Pop- oder Populärkultur gehören also nicht nur massenmediale Inhalte als Formen der kulturellen Selbstbeschreibung und darauf basierende kulturell formgebende Rezeptionspraktiken. Letztere bilden auch das Feedback für Ersteres, weil sie quantifizierbar Erfolg oder Misserfolg abbilden, der die weitere Produktion bestätigt, modifiziert oder stoppt. Aber nicht zuletzt werden die Zahlen wiederum an die RezipientInnen zurückgespielt, die sich daran reflexiv ihrer selbst vergewissern können. Wir hatten es also eigentlich immer mit einem transparenten vielfach reziproken Prozess zu tun. Das bleibt nun auf gespenstische Weise in gewisser Hinsicht aus.

Natürlich schaut Netflix auf den Erfolg, als dessen Indikator neben der Quote diverse Daten fungieren, die sich über netnographische Methoden erfassen lassen, also alle möglichen Effekte in sozialen Netzwerken. Sämtliche Daten liegen uns RezipientInnen aber nicht in verifizierter, autorisierter repräsentativer Form vor. Immer wieder gilt etwas als Netflixʼ neuer Erfolg, so z.B. Stranger Things und Dirk Gently’s Holistic Detective Agency, aber das lässt sich ja leicht behaupten. Nun finde ich diese Serien auf je unterschiedliche Weisen absolut grandios, aber es könnte sich bei deren Erfolg, falls der überhaupt quantitativ besteht, um sich selbst erfüllende Prophezeiungen handeln, dass also der Glaube an einen common ground diesen erst erschafft und somit auch den Gegenstand, um den sich das Ganze rankt, am Leben hält.

Vielleicht befinden wir uns im Status einer weltweiten Parallelaktion. Zum Glück, denn das trifft meinen Geschmack, aber nun haben wir immer noch keine Möglichkeit, uns dessen valide zu vergewissern, ob wir Mainstream oder Nerds sibd. In Bezug auf einige Netzanbieter und nicht nur auf Netflix fehlt uns also nicht nur die Synchronität mit den anderen RezipientInnen, sondern wir sind auch auf qualitativ-anekdotische, statt empirisch-statistischer Evidenz zurückgeworfen, wenn es um die Ausmessung des common grounds und die eigene (pop-)kulturelle Selbstvergewisserungen in Bezug auf diesen geht.

Letztlich unterwerfe ich mich aber freiwillig der Steuerung durch Netflix, denn all dies ist kein Grund auf öffentlich-rechtliches oder auch privates Fernsehen mit all seiner Transparenz und Langweiligkeit zurückzukehren, es sei denn, das ZDF traut sich noch mal an die Serie Lerchenberg mit dem sich selbst darstellenden Sascha Hehn ran oder Knight Rider erhält wie die Gilmore Girls ein Revival finanziert von RTL, in dem sich dann David Hasselhoff selbst spielen könnte. Ansonsten gilt: Während Fernsehen immer ein kollektives Ritual war und hin und wieder immer noch ist, haben wir eben alle so unsere vereinzelten Netflix-Gewohnheiten.

 

Maren Lickhardt ist Assistenzprofessorin am Institut für Germanistik der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

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