Jul 032017
 

Wer von den sog. Digital Natives kennt sie heute nicht – Online-Pornografieportale wie Youporn, Pornhub, Redtube oder Xhamster? Von ihrer Existenz weiß fast jeder Internetnutzer, und auch die Rezeption dieser Seiten scheint weit verbreitet zu sein, wenn man sich etwa die Ergebnisse des Online-Dienstes Alexa anschaut, der Daten über Seitenabrufe von Websites sammelt und analysiert.[1]

Anders sieht es aus, wenn es um das öffentliche Eingeständnis geht, diese Portale aufzusuchen. Da sexuelle Handlungen zumeist als bedeutender Teil der Intimsphäre angesehen werden, verwundert das nicht – andererseits werden von vielen Menschen Details aus Privat- und Intimsphäre via Facebook und Twitter mittlerweile tagtäglich mitgeteilt. Der Pornografie und deren Konsum haftet offenkundig weiterhin ein besonderer Makel an, was viele Menschen daran hindert, über ihre dafür gehegte Vorliebe zu sprechen. Dennoch wird in der wissenschaftlichen und journalistischen Rede über Pornografie heutzutage nicht selten ihre ‚Normalität‘ betont. Dem soll in diesem Artikel nachgegangen werden.

Wie die einleitenden Sätze schon andeuten, wird in diesem Artikel hauptsächlich die Rede von der visuellen und audiovisuellen Internetpornografie sein, die das Erscheinungsbild der Pornografie derzeit stark prägt. Ebenso sei erwähnt, dass hier die Pornografie fernab von solchen Kategorien wie der ‚Kinderpornografie‘ oder strafbarer Gewaltpornografie als Untersuchungsgegenstand dient. Der Fokus der Untersuchung liegt auf den legalen pornografischen Internet-Darstellungen. Wie steht es um ihre ‚(Ab)Normalität‘ in der Gegenwart?

Pornografie in der Gegenwart

In Deutschland dürfte der Begriff der Pornografie, bzw. die Kurzform Porno oder das englische Wort porn, so gut wie niemandem unbekannt sein.[2] Pornografie polarisiert, schürt Ängste und Diskussionen und ist aus dem öffentlichen Diskurs somit nicht wegzudenken.

Was heute zumeist zu einer Ineinssetzung von Pornografie mit visueller und audiovisueller Pornografie führt, begann mit dem Siegeszug der Fotografie und Kinematografie, der sich durch die Distributionsausweitung in Form von Computer-, Internet- und Smartphone-Technologie immer weiter fortsetzte und fortsetzt.[3] Die beginnende Visualisierung erfreute sich bereits ab dem 19. Jahrhundert einer stetig steigenden Beliebtheit – dies geschah vor allem in Form einer häufigen Bebilderung pornografischer Schriften und Journale mit Zeichnungen sowie eines regen Handels mit pornografischen Photographien und Ansichtskarten.[4]

Mit dem Aufkommen des Kinos gingen rasch auch filmische Pornografieangebote einher.[5] Diese frühen pornografischen Filme, stag films, waren kaum länger als zehn Minuten und wiesen nur rudimentäre narrative Strukturen auf, wurden in den 1920er Jahren in Europa in Bordellen und in den USA in teilöffentlichen Kinos vorgeführt, was die Qualität der anderen Filmgenres sichern sollte, und wurden schließlich durch Verschärfungen der Zensurbestimmungen in den Bereich illegaler Medienangebote verbannt, wodurch die stag films bis in die 1960er Jahre die vorherrschende Form des pornografischen Films bildeten.[6]

Der Anschluss an die Entwicklung der Filmtechnik gelang erst wieder im Zuge der sexuellen Revolution und der einhergehenden Liberalisierung des Sexualstrafrechts sowie der Legalisierung der Pornografie.[7] Hinsichtlich seiner technischen Qualität konnte der nun für Erwachsene legal zugänglich Pornofilm in Spielfilmlänge an Filme anderer Genres anschließen und wurde „bis Ende der 1970-er Jahre primär in Pornokinos aufgeführt.“[8] Die Videotechnologie sorgte schließlich für die Domestizierung des pornografischen Films, welche mittels flächendeckender Distribution durch Sexshops und Videotheken erfolgte und eine Ausdifferenzierung in verschiedene Subgenres anfachte.[9]

Diese Domestizierung und Diversifikation nahm mit der Etablierung des Heimcomputers, der Digitaltechnik und der multimedialen Distribution weiter zu, wodurch es prinzipiell jedem möglich ist, professionelle oder Amateurpornografie zu konsumieren oder auch selbst zu produzieren und global zu distribuieren.[10] Grenzen scheinen seit dem Siegeszug des Internets nicht mehr zu existieren. Anne-Janine Müller konstatiert „einen aktiven Einbezug der Rezipient(inn)en als Produzent(inn)en und damit eine globale, noch weiter fortschreitende Diversifikation des Genres in Literatur, Film, Fotografie etc., die sich einer repressiven Zensurpolitik grundlegend widersetzt.“[11]

Es sind die durch das Internet frei zugänglichen Pornofilme, Pornoclips oder die pornografischen Bilderserien, welche die gegenwärtige Pornografie auszeichnen und die Debatten um sie prägen. Ihre Verbreitung hat sich in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt – vor allem durch die DSL-Revolution mit den damit entstandenen Filesharing-Plattformen und Videoportalen änderte sich ihr Erscheinungsbild sowohl quantitativ als auch qualitativ.[12]

Neben Bilderserien und kurzen Videoclips ist es seit der Verbreitung des Highspeed-Internets auch kein Problem mehr, längere, oftmals komplette Pornofilme in guter Bild- und Tonqualität herunterzuladen oder online per Streaming anzusehen – und dies (von kommerziellen Angeboten abgesehen) völlig kostenlos.[13] Niemand ist heutzutage mehr gezwungen, Pornografie käuflich zu erwerben oder für den Konsum das Haus zu verlassen. Der Pornografiekonsum wird dadurch enorm erleichtert, da die Gefahr, beobachtet zu werden, verschwindet (davon abgesehen, dass im Netz natürlich Datenspuren hinterlassen werden sowie auch die besuchten Webseiten zum Beispiel durch ‚Cookies‘ auf der Festplatte Spuren hinterlassen).[14]

Das Angebot ist mannigfaltig und kann durch spezielle Suchmaschinen, die auf pornografische Angebote spezialisiert sind[15], sortiert werden, wie beispielsweise durch die Suchplattform pornmd.com, welche aus allen Seiten des Pornhub-Network das Gewünschte heraussucht, seien es Szenen und Filme eines speziellen Darstellers oder Clips, die einer speziellen Variante, etwa ‚Oralsex‘, zugeordnet werden. Eins weiteres Angebot „bilden Seiten mit ‚categorized galleries‘. Es handelt sich gewissermaßen um ‚Überblicksseiten‘. [Sie] bieten vor allem Links, die nach bestimmten Kategorien sortiert sind.“[16]

Neben der grundlegenden Unterscheidung zwischen Soft- und Hardcore, worunter man in erster Linie Darstellungen von Nacktheit und/oder Striptease (Softcore) und die explizite Darstellung sexueller Handlungen mit Fokus auf die Geschlechtsteile (Hardcore) versteht, abgesehen, gibt es hochgradig spezielle Kategorien, wie äußere Merkmale im Bereich des Softcores (‚blondes‘, ‚matures‘) oder Sexualpraktiken im Bereich des Hardcores (‚blow job‘, ‚anal‘).[17] Es gibt für jede Vorliebe, jede sexuelle Orientierung und jeden Fetisch die entsprechende Kategorie und auch komplett auf einzelne dieser Kategorien spezialisierte Seiten.[18]

Kritische Untersuchungen zur heutigen Pornografie

Die moderne Alltäglichkeit des Pornografischen zeigt sich auf diverse Art und Weise. Es gab sie auch bereits, bevor die Internetpornografie ihren Siegeszug antrat. Seit der Liberalisierung des Sexualstrafrechts und der Legalisierung der Pornografie entwickelte sie sich durch Kommerzialisierung und stellte bald eine ökonomische Größe in der Unterhaltungsindustrie dar.[19]

Jörg Metelmann spricht in diesem Zusammenhang von „Porno-Pop“. Das Pornografische sei vollends aus den tabuisierten Räumen des tolerierten Verwerflichen an die Oberflächen der breiten Öffentlichkeit getreten; es pornoisiere den Mainstream, die Popkultur.[20] „Pornowerbung schmückt Fassaden und Museen, Popstars wollen mit eindeutig zweideutigen Clips den Pop retten, ‚explicit contents‘ füllen die CD-Regale und Buchläden.“[21] „Porno-Pop, verstanden als aktuelle kulturelle Konstellation, verstärkt die durch die Lust- und ‚Genieße!‘-Imperative spätestens seit Anfang der Neunziger angestoßene Überbetonung des Körpers.“[22]

In der popkulturellen Öffentlichkeit entsteht aus der pornografischen Fiktion, dass es Sex ‚einfach gibt‘, eine fixe Idee, ein Phantasma des Mainstream-Imaginären.[23] Vor allem ist diese Fiktion das ultimative Phantasma der Waren- und Konsumwelt.[24] Johannes Gernert fasst in „Generation Porno“ (2010) zusammen, dass Rap-Clips, Kunst, Photographie, Mode, Werbung und Literatur ein gesellschaftliches Klima geschaffen hätten, das vor allem Heranwachsenden den Eindruck vermittle, an Pornografie sei nichts Bedenkliches.

Wegen der ständigen Verfügbarkeit der Pornografie via Internet liegt es nahe, dass der Konsum gerade bei Jugendlichen häufig an Akzeptanz und Alltäglichkeit hinzugewonnen hat.[25] Für einige von ihnen ist der gemeinsame Pornokonsum zu einer Art Freizeitgestaltung geworden.[26] Besonders diese Entwicklungen im Bereich der jugendlichen Lebenswelten lösen Ängste und Sorgen aus. Die möglichen Negativeffekte einer Pornografisierung prägen häufig den Diskurs, zugespitzt und etwas stigmatisierend ist zum Beispiel von einer „Generation Porno“ die Rede, was die Sorge impliziert, junge Leute könnten womöglich Sexualität nicht mehr mit Liebe verbinden, Mädchen und Frauen mit den Frauen aus den Filmen vergleichen und sie als permanent willige Objekte betrachten – es würde eine sexuelle Verrohung und Verwahrlosung drohen oder auch eine Masturbationsgesellschaft, in der virtueller Sex wichtiger werden könnte als der reale.[27]

Der Einfluss der Pornografie auf Jugendliche wird wegen solcher Befürchtungen vermehrt untersucht. Erwiesen ist, dass der Konsum stattfindet und sich geschlechtsspezifische Unterschiede erkennen lassen: Es sind vor allem männliche Jugendliche, die sich Pornografieangeboten im Internet zuwenden und daher besonders im Fokus stehen, doch auch weibliche Jugendliche werden willentlich oder unwillentlich mit Pornografie konfrontiert.[28]

Wie sich dieser Konsum womöglich auswirkt, ist umstritten. Gunter Schmidt und Silja Matthiesen halten die Angst vor Verwahrlosung schlichtweg für ein Beispiel von „zyklisch auftretenden Diskussionen über jugendsexuelle Katastrophen[,] [die] eher Phantasmen der Erwachsenen als reale Verhältnisse bei den Jugendlichen wider[spiegeln].“[29] Die geläufige Annahme, dass Jugendliche in progredienter Weise der Pornografie verfallen, „dass die Reize ‚immer toller, immer härter, immer extremer, immer wilder‘ werden müssen, erweist sich […] als Fiktion.“[30] Dass Pornokonsum zu einem abschätzigen Frauenbild beiträgt, sei nicht auszuschließen, aber auch nicht zu beweisen.[31] Auch Wolfgang Reißmann und Iren Schulz warnen davor, „in sozialisationstheoretisch naive Positionen zu verfallen“[32]:

„Die öffentliche Problematisierungslogik, die von der einfachen Zugänglichkeit (Omnipräsenzthese) auf die negative Beeinflussung von Sexual-, Körper-, Identitäts- und Beziehungsvorstellungen bzw. entsprechender Handlungs- und Interaktionsskripte (Wirkungsthese) schließt, greift zu kurz. Über die Besorgnis wird hier vergessen, dass auch junge Menschen nicht Spielbälle ihrer medialen Umwelt sind, sondern sich mediale Inhalte, wie interaktionistische Medien-/Sozialisationstheorien seit Jahrzehnten betonen, vor dem Hintergrund ihrer biografischen Erfahrungen, sozialkognitiven Fähigkeiten, aktuellen Lebenslagen, handlungsorientierenden Themen und Interessen aneignen.“[33]

Es lassen sich keine monokausalen Wirkungen festhalten, befindet auch eine Studie aus dem Jahr 2010, die die Bedeutung von Pornografie im Web 2.0 für Jugendliche untersuchte.[34] Lediglich lasse sich von Wirkungshypothesen sprechen, wie zum Beispiel von der Entstehung eines Leistungsdrucks für Jungen und eines Perfektionsdrucks für Mädchen, angesichts der Standards, die in Pornofilmen bezüglich Potenz und Aussehen vermittelt werden.[35] Individuelle sexuelle Phantasien könnten womöglich auf der Strecke bleiben, da die typischen Handlungsmuster von Pornos sich zu sehr einprägen, sexuelle Präferenzen könnten in ihrer Entwicklungsphase beeinflusst, das Frauen- und Männerbild verfälscht werden sowie auch generell die Wertewelt der Jugendlichen.[36]

Einige Experten plädieren darum, „die Jugendlichen ‚bis zum Beweis des Gegenteils‘ vor möglichen Gefahren der Pornografie zu schützen.“[37] Dass dies auf direktem Wege in Anbetracht der leicht zugänglichen Internetseiten wie Youporn, Pornhub oder Redtube, bei denen nur ein Mausklick genügt, um das gebotene Mindestalter zu ‚verifizieren‘, nicht leicht ist, liegt auf der Hand. Daher sei in diesem Zusammenhang vor allem eine gute Aufklärung der Jugendlichen von Bedeutung, um somit einen weitgehend unproblematischen Konsum von Pornografie zu ermöglichen.[38] Wenn sie ohne eine solche Aufklärung konsumiert werde, sei ihr Einfluss auf Jugendliche prägend, konstatiert der Sexualmediziner Klaus Beier und belässt es damit nicht bloß bei Wirkungshypothesen:

„[Es] hat sich kulturgeschichtlich nun erstmalig die Reihenfolge umgedreht: Jetzt sehen die Kinder sexuelle Handlungen erst im Internet und danach machen sie eigene sozio-sexuelle Erfahrungen. Es wäre ziemlich naiv anzunehmen, dass in dem Zusammenhang die wirkmächtigen Bilder aus dem Netz keinerlei Einfluss auf das sexuelle Selbstkonzept und das Geschlechtsrollenempfinden haben sollen. Zumal wir wissen, dass beobachtete Handlungen durch die so genannten ‚Spiegelneuronen‘ im Gehirn neuronal verschaltet werden – und zwar genauso, als ob man die Handlung selbst durchgeführt hätte. Das geschieht automatisch.“[39]

Vor allem durch die neuronalen Verschaltungen im Gehirn ist nach Beier von einem Einfluss auf die Identitätsbildung auszugehen, auch wenn Jugendliche erklären, „dass sie schon wüssten, wie unrealistisch die Darstellungen in Pornofilmen seien […]. Das Lernen am Modell funktioniert anders. […] Man identifiziert sich mit dem Mann beziehungsweise mit der Frau und übernimmt die gezeigten Verhaltensmuster […].“[40] Damit widerspricht Beier Erkenntnissen anderer Studien, die sich zum Teil konkret auf Antworten von Jugendlichen stützen und dadurch zu Ergebnissen kommen wie dem, dass junge Menschen bezüglich der Pornografie Reflektiertheit erkennen ließen, wodurch Gefahren gemindert würden.[41]

Eine weitere Befürchtung, die nicht nur Jugendliche betrifft, ist das vermeintliche ‚Suchtpotenzial‘ des Pornografiekonsums. „Bis zu 500.000 Pornosüchtige gebe es in Deutschland, schreibt die ‚Welt‘. Pornosucht mache sogar impotent, wissen die Leser der ‚Stuttgarter Nachrichten‘.“[42] Diese Gefahren werden häufig beschworen, wie auch zum Beispiel von manch einem Arzt,[43] dass sie jedoch in derart drastischer Form auftreten können, ist nicht bewiesen: Es gebe Männer, die ihren Pornografiekonsum für problematisch halten und einen Therapeuten aufsuchen, doch oft spielten auch hier viele weitere Faktoren eine Rolle[44]

Wenn der Konsum so sehr ansteigt, dass dadurch andere Lebensbereiche vernachlässigt werden und reale zwischenmenschliche Beziehungen darunter leiden, liegt es anscheinend nahe, von einer Pornosucht zu sprechen, die jedoch als ein kleiner, extremer Teil eines Massenphänomens bezeichnet wird.[45] Experten seien sich „weitgehend einig, dass es zwar keine Sucht im Sinne einer stofflichen Sucht (wie z. B. bei Drogen- oder Nikotinsucht) gebe, dennoch aber bei exzessivem Konsum ein suchtähnliches Verhalten (vergleichbar mit der Spielsucht) entstehen könne.“[46] Auch eine habituelle Impotenz sei möglich, so Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter.[47] Grund dafür sei, dass beim Sex Sinne wie das Riechen und Fühlen wichtiger seien als der visuelle Aspekt – wer es gewohnt sei, zu Pornos zu masturbieren, brauche jedoch auch beim realen Verkehr gerade jene Visualität.[48] Um ein anerkanntes Krankheitsbild handelt es sich bei der ‚Pornosucht‘ bislang jedoch nicht.[49] So scheint es also, dass man gesundheitliche Beeinträchtigungen dieser Art derzeit weder vollends negieren noch als Folgen einer sog. Pornosucht verifizieren kann.

Wie ‚normal‘ ist Pornografie?

Vor allem aufgrund der Entwicklung der visuellen und audiovisuellen Techniken begann eine Popularisierung der Pornografie, die mit der Internetpornografie ihren derzeitigen Höhepunkt erreicht hat. Es wurde bereits die Alltäglichkeit des Pornografischen geschildert, doch bleibt die Frage: Handelt es sich bereits um eine im Sinne des ‚Normalismus‘ (nach Jürgen Link) systematisch normalisierte Alltäglichkeit?[50] Löst sie noch (wiederum mit den Begriffen Jürgen Links gefragt) ‚Denormalisierungsangst‘ unter ihren Konsumenten wie auch ihren Kritikern aus? Nach Jürgen Kaube zumindest gehört auch die Pornografie zu den Phänomenen, die mittlerweile als ‚normal‘ gelten.[51]

Tatsächlich lassen sich – vor allem bei den männlichen Jugendlichen – Entwicklungstendenzen erkennen, die in eine solche Richtung führen. Gehörte 1992 bereits bei vielen von ihnen die Rezeption eines Pornofilms (neben dem Horrorfilm) zu einem Gruppenritual,[52] so gaben 2010 bereits 89 % der Jungen zwischen 16 und 19 an, aktiv im Internet nach Pornografie gesucht zu haben.[53] Es ist also bloß eine Minderheit, die die Berührung mit Pornografie noch vermeidet.

Außerdem lässt sich die Entwicklung des gemeinsamen Pornografiekonsums zu einer Art Freizeitgestaltung bei manchen Jugendlichen beobachten.[54] Es liegt nicht fern zu konstatieren, dass die Gruppenrituale aus den 1990er Jahren, die wohl mehr einen ‚Mutproben-Charakter‘ besaßen, noch eine Dimension darstellten, die mit der heutigen nicht mehr allzu viel gemeinsam hat.

Heutige Studien kommen zu dem Ergebnis: „Alle männlichen Jugendlichen unserer Fokusgruppen rezipieren pornografische Inhalte im Web 2.0. Ihre Grundhaltung lautet: ‚Pornos sind normal und Bestandteil des alltäglichen Medienkonsums‘.“[56] In einer anderen Studie heißt es ebenfalls, dass der Gebrauch der Pornografie für adoleszente Jungen so alltäglich, normal und selbstverständlich sei wie das Masturbieren.[57] Auch bei weiblichen Jugendlichen bestehe ein diffuses Gefühl, „dass minimale Pornokenntnisse heute zum Erwachsenwerden dazugehören.“[58]

Der Pornografiekonsum unter Jugendlichen hat sich also – diesen spezialdiskursiven wissenschaftlichen Studien zufolge – mittlerweile normalisiert. Die Rede ist hier von allgemein als Mainstream-Porno bekannten Darbietungen und nicht von besonders ausgefallenen Praktiken oder Konstellationen. Von ihnen grenzen sich die Jugendlichen ausdrücklich ab – „[m]an kennt sich aus in der weiten Welt des Sexuellen und versichert sich zugleich seiner Normalität und des Im-Rahmen-Bleibens.“[59] Innerhalb des jugendlichen Normalfelds des Pornografiekonsums erfolgt also eine Binnendifferenzierung zwischen normaler und anormaler Pornografie.

Diese Beobachtungen scheinen nicht ungewöhnlich für junge Menschen, die in ‚flexibel-normalistischen‘ Zeiten aufwachsen.[60] Die Pornografie wird aufgrund ihrer ständigen digitalen Verfügbarkeit und des dadurch ansteigenden Konsums mehr und mehr von den Jugendlichen selbst in das Normalfeld der jugendlichen Sexualität eingegliedert, wobei man wohl von einer ‚elementardiskursiven Normalisierung‘ sprechen kann.

Doch wie sieht es die Presse in Form zweier ihrer Leitmedien, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und „Der Spiegel“? Deren ‚Interdiskurs‘ ist zwischen dem wissenschaftlichen Spezialdiskurs und dem Elementardiskurs angesiedelt. Er verbindet Elemente der beiden Diskursebenen „zu allgemein kulturellen Vorstellungen von Normalität, zu einer Art Querschnittskategorie des Normalen.“[61] Einer allgemeingebildeten Öffentlichkeit ist es dadurch möglich, „Wissenskomplexe verschiedener spezial- und elementardiskursiver Herkunft [zu verstehen].“[62]

Dies geschieht im Interdiskurs vor allem mit Mitteln der Kollektivsymbolik. Jürgen Link versteht unter diesem Begriff „die Gesamtheit der sogenannten ‚Bildlichkeit‘ einer Kultur, die Gesamtheit ihrer am weitesten verbreiteten Allegorien und Embleme, Metaphern, Exempelfälle, anschaulichen Modelle und orientierenden Topiken, Vergleiche und Analogien.“[63] Sie macht bestimmte Sachverhalte oder Entwicklungen innerhalb der normalistischen Diskurse in Form von sprachlich oder bildlich erzeugten Sinnbildern (‚Sprachbilder‘) für den Einzelnen plastisch begreifbar.[64] „Wenn man als idealtypische Aussage von Spezialdiskursen die mathematische Formel betrachten kann, so als idealtypische Aussage von Interdiskursen das Kollektivsymbol.“[65]

Somit ist die Bedeutung der Kollektivsymbolik für den Interdiskurs nicht zu unterschätzen. In unserer gegenwärtigen mediatisierten Gesellschaft nimmt durch die ständige Präsenz der Massenmedien vor allem der „mediounterhaltende Interdiskurs“[66] eine große Rolle ein.[67] Das interdiskursiv entstandene und rezipierte Wissen bedingt bei den Individuen eine ständige Prüfung und Adjustierung des eigenen Handelns und Verhaltens anhand dessen, was als normal vermittelt wird.[68]

Zunächst ein Blick in die Artikel der „FAZ“. Melanie Mühl entlarvt die Sorge um eine „Generation Porno“ als Alarmismus, der viele Eltern in womöglich misstrauische „Helikopter-Eltern“ verwandle, da das Spiel mit der Angst derer besonders gut funktioniere.[69] Eine berechtigte Denormalisierungsangst, die aus normalismustheoretischer Sicht in Begriffen wie dem der „Generation Porno“ impliziert ist, wird dadurch verneint. Die Pornografie wird ebenfalls nicht als etwas aus dem Bereich des Anormalen definiert.

Alexander Marguier spricht in seinem bereits vor knapp zehn Jahren erschienenen Artikel ebenfalls von einem Alarmismus in Bezug auf eine „Emma“-Offensive gegen die vermeintliche Pornografisierung der Gesellschaft und vor allem die dadurch bedingte sexuelle Verwahrlosung der Jugend.[70] Jedoch sieht er die Flut an Pornografie und ihre Folgen als ein potenzielles Problem und zieht den Vergleich, dass „es sich offenbar ein bisschen wie vor kurzem noch mit dem Klimawandel [verhält]: Man ahnt, dass da etwas Unangenehmes auf die Gesellschaft zukommen könnte, aber der Wissenschaft mangelt es vorläufig an Beweisen.“[71] Somit kann man sagen, dass sich die Pornografie bei Marguier in einer Randzone bewegt – es ist noch nicht absehbar, ob sie in einem Normalfeld bleibt oder in die Anormalität gleitet. In Bezug auf Gewaltpornografie fordert er eine strengere Anwendung der vorhandenen Gesetze[72], wodurch er diese klar in den Bereich des Anormalen einordnet, wie es auch der Gesetzgeber tut.[73]

Claudius Seidl bezeichnet seinen 2015 erschienenen Artikel selbst als ein „Plädoyer für die Pornografie.“[74] Den Konsum von Internetpornografie stellt er eindeutig als etwas Normales heraus, da es – soweit messbar – fast alle männlichen Teenager und junge Männer der westlichen Welt seien, „die über einen Computer und einen halbwegs schnellen Internetanschluss verfügen.“[75] In Anbetracht der strengen Sexualmoral in der Vergangenheit empfindet er die gegenwärtige Lage nicht als „allzu naturfeindlich.“[76] Auch wenn man Pornofilme nicht mit Lehrfilmen verwechseln, sie nicht verharmlosen oder idealisieren dürfe, sieht Seidl sie als weitaus unproblematischer an, als sie oft dargestellt werden.[77] So lässt sich die Pornografie bei Seidl durchaus in einem Normalfeld verorten – Bezüge zu einer Anormalität lassen sich nicht auffinden.

Dietmar Dath beschreibt in einem Beispiel, dass bereits vor einigen Jahren letzte Berührungsängste zwischen traditionellen Telekommunikationsanbietern und der Pornografiebranche gefallen seien, „als die Produktionsfirma Vivid ihren Kabelsender Hot Network mit dem Telekomriesen AT&T ins Geschäft brachte.“[78] Es ist ein Beispiel für einen Normalisierungsprozess der Pornografie innerhalb der Ökonomie. Seine Auffassung von Normalität der Pornografie in der heutigen Gesellschaft ist in seinem Artikel jedoch differenziert, da er einige der gleichzeitig existierenden Kontraste innerhalb der Internetpornografie herausstellt, wie den zwischen Edel-Dekadenz bei Kink.com und „Dauerbeschuss aller Ekelgrenzen“[79] bei Max Hardcore.[80] Dath stimmt einer Position zu, die es als wichtig erachtet, dass Schule und Kunst das Unterscheidungsvermögen zukünftiger Generationen ausbilden müssten.[81] Man kann sagen, dass er die gegenwärtige Pornografie zwischen Normalität und Anormalität verortet.

Der letzte Artikel, der aus den Reihen der „FAZ“ betrachtet werden soll, spricht einen kleinen Teil der Konsumenten des Massenphänomens Internetpornografie an, bei denen ein ‚Suchtverhalten‘ festgestellt wurde[82]. Philipp Woldin macht somit auf Pornografiekonsum im anormalen Bereich aufmerksam. Ein von ihm vorgestelltes betroffenes Individuum sucht schließlich einen Therapeuten auf,[83] wodurch es sich im Sinne des flexiblen Normalismus normalisieren möchte, da es sich mit seinem Verhalten im Bereich des Anormalen verortet sieht. Doch wird im Artikel immer wieder deutlich, dass der Konsum von Internetpornografie heute im Sinne eines Massenphänomens statistisch gesehen normalisiert ist:

„Denn Pornografie ist heute überall, mitten in der Gesellschaft […]. In der Rangliste des Webdienstes SimilarWeb, der den Datenverkehr misst, liegt die Pornoseite XHamster auf Platz 13 der meistaufgerufenen Angebote in Deutschland – und damit vor bahn.de und Autoscout24. Immerhin: Facebook und Ebay werden öfter geklickt. Pornografie kommt im digitalen Deutschland kurz nach sozialen Netzwerken und Shoppen, aber noch vor Nachrichten, Zugfahren und Autos. Jede achte Seite, die aus Deutschland aufgerufen wird, ist eine Pornoseite. Damit sind die Deutschen weltweite Spitzenreiter.“[84]

Demnach läge der Pornografiekonsum also in Deutschland wie in keinem anderen Land im Bereich eines statistischen Normalfeldes. Woldin konstatiert, dass Pornos Teil der Gesellschaft seien, ob man wolle oder nicht.[85] Er spricht ebenfalls eine Studie an, die besagt, dass Pornografie gerade bei Jugendlichen und Studenten wie selbstverständlich dazugehöre.[86] Eine Form der Normalisierung der Pornografie bestehe auch darin, dass das von ihr Vermittelte immer häufiger Einzug in den realen Sex halte: „,Intimrasur ist heute Standard, Analverkehr wird immer mehr von Frauen erwartet – das kommt primär aus der Pornografie‘“,[87] zitiert Woldin eine Psychologin mit dem Schwerpunkt Pornografie. Insgesamt vermittelt sein Artikel, dass es sich nicht leugnen lasse, dass der Pornografiekonsum gegenwärtig normalisiert werde, jedoch die Gefahr bestehe, dabei ins Anormale zu gleiten.

„Der Spiegel“ hat mit teils ausführlichen Reportagen die gegenwärtige Lage der Pornografie und deren Konsum beleuchtet, woraus sich ebenfalls normalismustheoretische Schlüsse ziehen lassen können. So ist in einer Reportage von Marco Evers von einem kanadischen Sexualforscher die Rede, welcher für eine Studie zwanzig junge Männer suchte, die noch nicht mit Pornografie in Berührung gekommen waren, jedoch niemanden fand.[88] Auch viele „Frauen […] sind inzwischen gleichermaßen pornohungrig wie Männer.“[89] Pornografiekonsum als Normalität der Gegenwart. Es wird jedoch auch erwähnt, dass sich nur wenige zu ihrem Konsum bekennen, „denn im seriösen öffentlichen Raum gilt unangefochten das Gebot der Porno-Ablehnung (‚niveaulos‘).“ Daran wird deutlich, wie sehr im Pornografie-Diskurs Normativität und Normalität zu divergieren scheinen.

Andererseits nennt Evers auch Beispiele von ehemaligen Pornodarstellerinnen wie Gina Wild alias Michaela Schaffrath, die nach ihrem Rückzug aus der Pornografiebranche eine Karriere in der Mainstream-Unterhaltung begannen,[90] was – ganz im Sinne des flexiblen Normalismus – aufzeigt, dass eine öffentliche protonormalistische oder auch normative Stigmatisierung und eine Ausgrenzung aus dem Normalfeld nicht erfolgt.

Doch existieren auch Beispiele wie das der amerikanischen Pornodarstellerin Miriam Weeks, die sich unter dem Pseudonym Belle Knox als Pornodarstellerin ihr Studium an einer elitären Universität finanziert und diese Tätigkeit genießt, was sie auch mitteilt.[91] Als ihre wahre Identität bekannt wurde, geriet sie dadurch ins Zentrum eines „Shitstorms [von] Feministinnen, Konservative[n] und sittenstrenge[n] Kommilitonen.“[92] Ein Fall einer protonormalistischen, normativ angelehnten Ausgrenzung – hier teilweise äußerst drastisch (wenn man dem Artikel eines Nachrichtenmagazins folgt) in Form der Stigmatisierung zu einer „,Hure‘, die vergewaltigt und abgestochen werden müsse.“[93]

Evers konstatiert, dass die Mainstream-Pornografie in der Mitte der Gesellschaft daheim und Teil des Lebens sei.[94] Als ein Beispiel für die Normalisierung der Pornografie als akademischen Untersuchungsgegenstand, wird die Gründung des Fachblattes „Porn Studies“ durch die englische Medienwissenschaftlerin Feona Attwood genannt, welches im „respektablen Wissenschaftsverlag Routledge [erscheint], der einst Heimat war für Autoren wie Einstein, Adorno, Popper, Marcuse und Sartre.“[95]

Aber auch hier gibt es Vorbehalte zu verzeichnen: Forschungsgelder würden häufig eher den Studien zugeteilt, die die Auswirkungen der Pornografie erforschen und sie nicht vor allem als Kulturleistung untersuchen wollen.[96] Evers fasst eines der Ergebnisse dieser Auswirkungs-Studien zusammen, und zwar, dass eine Pornosucht bisher nicht offiziell nachgewiesen werden kann.[97] Man kann der Nachrichtenmagazingeschichte entnehmen, dass die Pornografie im Grunde normalisiert ist, doch dies häufig und von vielen nicht normativ akzeptiert wird.

Eine weitere Nachrichtenmagazingeschichte (von Barbara Hardinghaus und Dialika Krahe) beschäftigt sich – wie viele andere Betrachtungen ebenfalls – mit dem Verhältnis von Jugend und Pornografie. Die Kurzform „Porno“ werde von der Jugend oft in Verbindung mit einem Kompliment gebracht: „,Baby du bist so PORNO [Hervorhebung von B.H./D.K.]‘“[98] Auch seien „Worte wie ‚Gangbang‘ und ‚Analverkehr‘ unter Teenagern so geläufig wie Tokio Hotel oder ‚DSDS‘.“[99] Also wurden diese ‚Termini‘ der Pornografiebranche von den Jugendlichen für ihre Alltagssprache normalisiert.

Interessant ist, wie hier (wie auch ähnlich bei Philipp Woldin von der „FAZ“) beschrieben wird, dass Pornografie sexuelle Handlungen so vermittelt, dass sie von den jugendlichen Rezipienten als normal erachtet werden und dadurch die Sorge auslöst, eventuell nicht normal zu sein, wenn einem zum Beispiel der Analsex nicht behagt.[100] Die Jugendlichen möchten sich als flexibel-normalistische Individuen an dem orientieren, was ihnen als (vermeintliche) Normalität suggeriert wird und können eine starke Denormalisierungsangst verspüren. Am Beispiel einer durch zu hohen Pornokonsum entstandenen ‚Sexsucht‘ schildert ein Psychotherapeut und Sexualforscher ein in seinen Augen gefährliches Normalisierungspotenzial der Pornografie: „[I]rgendwann denken sie, das sei Normalität und sie müssten es genauso machen.“[101] Ein Beispiel eines Mädchens aus schwierigen Verhältnissen, welches maßgeblich durch zu frühen und häufigen Pornografiekonsum in ihrer sexuellen Sozialisierung negativ beeinflusst wurde, zeigt auf, wie dies stattfinden kann.[102]

An einer anderen Stelle wird wiederum das empirische Ergebnis einer Studie vorgestellt, welches besagt, dass „[d]ie Mehrheit der Jugendlichen […] in ihrem Sexualverhalten so normal oder unnormal [ist], wie sie es schon immer war.“[103] Die Normalität des Pornografiekonsums wirkt sich also großflächig wiederum nicht im Sinne einer Denormalisierung des Sexualverhaltens aus, wenn man dieser Studie folgt. Das Fazit der Reportage fasst dann auch schließlich zusammen, dass sich der Pornografiekonsum nicht so fatal wie oft befürchtet auf die jugendliche Sexualität auswirke und diese weiterhin in ihrer Gesamtheit als normal zu erachten sei[104] – die Pornografie wird somit als etwas dargestellt, was Anormalitäten hervorrufen kann, jedoch dies in der Masse nicht bewirkt, wodurch sie nicht prinzipiell in einem anormalen Bereich angesiedelt wird.

Christoph Scheuermann bezeichnet in seinem Essay den Siegeszug der Internetpornografie „als späten Siegeszug des Voyeurs in die Mitte der Gesellschaft.“[105] Er beschäftigt sich mit dem Pornografiekonsum der jungen Erwachsenen, zu denen er selbst auch zählt, und nennt Beispiele aus seinem Bekanntenkreis: „Einige kennen sogar die Namen ihrer Lieblingsdarsteller, wie bei Kinofilmen. Freund S. erzählt, er habe sich Lesezeichen für die Seiten seiner Stars angelegt.“[106] Hier wird Pornografiekonsum als etwas völlig Normales dargestellt. „Ohne das Internet wäre er nie mit Hardcore-Material in Berührung gekommen, sagt Freund T. Bezeichnend ist, dass heute kaum noch jemand von ‚hardcore‘ spricht, auch das Wort ‚pervers‘ stirbt langsam aus.“[107] Es sind Beispiele für einen Normalisierungsprozess der vergangenen Jahre. Und auch Scheuermann nennt Phänomene, die einen Einfluss der Pornografie auf Sprachschatz und körperliche Ästhetik verdeutlichen. Neue Schlagwörter, wie beispielsweise „Milf“ verbreiten sich, und „mit dem Porno-Boom begannen einige Männer im Bekanntenkreis, sich die Schamhaare zu rasieren, nachdem auch die männlichen Darsteller in den Filmchen ihre Haare entfernt hatten, aus ästhetischen und betriebspraktischen Gründen. […] Auch das männliche Brusthaar stirbt aus.“[108]

Pornografie-Standards werden anscheinend auch in der Gesellschaft normal. Rein statistisch und somit (mit Link) normalistisch gesehen, scheint dies eine nachvollziehbare Folge, denn „[b]ei einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung 2009 kam heraus: 60 Prozent der Männer und circa zehn Prozent der Frauen konsumieren täglich oder zumindest wöchentlich Pornografie“[109], wie Jens Lubbadeh ebenfalls für den „Spiegel“ recherchierte.

Es lässt sich anhand der analysierten Beiträge von „FAZ und „Der Spiegel“ festhalten, dass Pornografie durch die angeführten Verweise auf Ergebnisse von Studien und Statistiken als ein normales Phänomen der Gegenwart betrachtet wird. Der Konsum hat sich in der Mitte der Gesellschaft etabliert. Durch diese statistischen Befunde befinden sich Pornografie und Pornografiekonsum aus Sicht des flexiblen Normalismus in unserer, durch diese Strategie geprägten, Gesellschaft im Normalbereich – nicht nur in der Jugend oder bei den jungen Erwachsenen, auch wenn sie sich in diesen Gesellschaftsbereichen besonders auffällig etabliert hat, wie auch vor allem die Analyse der spezialdiskursiven Studienergebnisse zeigt.

Doch wie sieht es jenseits der Statistik aus? Viele Autoren scheinen der gegenwärtigen Pornografie und ihrem massenhaften Konsum zum Teil etwas argwöhnisch gegenüberzustehen. Man denke zum Beispiel an Alexander Marguier oder Dietmar Dath, die ein gewisses Problempotenzial konstatieren. Auch Christoph Scheuermann, der zwar viele Normalisierungsbeispiele anbringt, scheint nicht genau zu wissen, ob er das Ganze selbst für normal oder anormal halten soll, wie schon der Titel seines Essays „Leider geil“ mitteilt. Vor allem bei Marco Evers und Claudius Seidl lassen sich wiederum Übereinstimmungen zwischen statistischer und gefühlter Normalität finden – bei letzterem sogar in Form eines „Plädoyers für die Pornografie“.

Dies macht eines deutlich: Dieser Interdiskurs ist nicht nur von einer statistisch begründeten Normalität geprägt, der voll und ganz zugestimmt wird, sondern ebenfalls von einer differenzierenden persönlichen Anschauung und Beurteilung, welche sich aus einer, speziell wohl für den Kasus der Pornografie, moralischen Normativität ergibt, von der sich die Berichterstattung nicht freisprechen kann. Es ist also ein divergentes Bild, welches diese Analyse eines Ausschnitts des Interdiskurses liefert.

Fazit

Die gegenwärtige Pornografie bildet ein gesellschaftliches Phänomen voller Ambivalenz. Porno-Chic und Porno-Pop prägen die Populärkultur unserer Zeit seit vielen Jahren. Gleichzeitig herrschen jedoch Sorgen vor einer „Generation Porno“ – die sexuelle Verwahrlosung einer ganzen Generation wird proklamiert. Der Gegensatz einer flexibel-normalistisch ‚rehabilitierten‘ Gina Wild/Michaela Schaffrath und einer protonormalistisch-normativ ‚stigmatisierten‘ Belle Knox/Miriam Weeks bildet auf der Ebene der Einzelfälle ein gutes Beispiel für diesen ambivalenten Charakter des gesellschaftlichen Umgangs mit Pornografie.

Pornografie ist in Form ihres Konsums statistisch gesehen gegenwärtig im Normalbereich angelangt. Dafür sorgt vor allem der rege Konsum in den jüngeren Generationen, aber auch altersunabhängig befindet sich der Pornografiekonsum weit entfernt von einer Randzone. Sehen wir die Normalität im Sinne Links als eine ‚ex post‘ festgelegte, statistisch verdatete an, können wir von einer Normalität der Pornografie in unserer flexibel-normalistischen Gegenwart sprechen.

Gerade Pornografie bildet aber einen teils hochemotional behafteten und weiterhin durch moralische Wert- und Normvorstellungen geprägten Diskursgegenstand. So normal sie statistisch mittlerweile sein mag, ist sie doch weiterhin ein Phänomen mit hohem ‚Reizpotenzial‘. Hier wirkt vor allem die ‚ex ante‘ festgelegte normative Moral. Es scheint, als könne sich auch gegenwärtig ein großer Teil der Gesellschaft nicht davon loslösen, Pornografie prinzipiell als etwas ‚Verwerfliches‘ und ‚Schmuddeliges‘ zu betrachten.

 

 Anmerkungen

[1] Vgl. http://www.alexa.com/topsites/countries/DE: Laut dieser Rangliste der in Deutschland meistaufgerufenen Webseiten befindet sich zum Beispiel xhamster.com auf Platz 24 von 500 und damit noch vor twitter.com auf Platz 26 (Stand: 28.01.2017).

[2] Vgl. Hecken (2016): Pornografie.

[3] Vgl. Müller (2012): Höhlenzeichnung, S. 29.

[4] Vgl. ebd.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Müller (2012): Höhlenzeichnung, S. 29. Interessant ist, dass viele heutige Internet-Pornoclips ebenfalls nur rudimentäre narrative Strukturen aufweisen, sodass die Form des stag films auch weiterhin in gewisser Hinsicht besteht oder gar eine Renaissance erlebt (hat).

[7] Vgl. ebd.

[8] Ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd., S. 30.

[11] Ebd.

[12] Vgl. Lewandowski (2012): Die Pornografie, S. 93.

[13] Vgl. ebd. sowie S. 98.

[14] Vgl. ebd. S. 95.

[15] Vgl. ebd., S. 98.

[16] Ebd.

[17] Vgl. ebd., S. 99.

[18] Vgl. Lewandowski (2012): Die Pornografie, S. 100f.

[19] Vgl. Müller (2012): Höhlenzeichnung, S. 30.

[20] Vgl. Metelmann (2005a): Porno-Pop, S. 7.

[21] Ebd.

[22] Metelmann (2005b): Flesh for Fantasy, S. 51.

[23] Vgl. ebd.

[24] Vgl. ebd.

[25] Vgl. Reißmann/Schulz (2012): Jugendliche, digitale Medien und der Umgang mit sexualisierten Inhalten, S. 173.

[26] Vgl. Kniep (2012): Jugend, Porno, Medien!, S. 275.

[27] Vgl. Gernert (2010): Generation, S. 10ff.

[28] Vgl. Reißmann/Schulz (2012): Jugendliche, S. 172f.

[29] Schmidt/Matthiesen (2012): Pornografiekonsum von Jugendlichen, S. 245.

[30] Ebd., S. 251.

[31] Vgl. ebd.

[32] Reißmann/Schulz (2012), S. 176.

[33] Ebd.

[34] Vgl. Grimm/Rhein/Müller (2010): Porno im Web 2.0, S. 263.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. ebd., S. 263f.

[37] Ebd., S. 264.

[38] Vgl. Kniep (2012): Jugend, S. 277 sowie Grimm/Rhein/Müller (2010), S. 265f.

[39] Beier (2011): „Es wäre naiv anzunehmen, dass die wirkmächtigen Bilder aus dem Netz keinerlei Einfluss haben sollen auf das sexuelle Selbstkonzept“, S. 172f.

[40] Ebd., S. 174.

[41] Vgl. Smith/Barker/Attwood (2014): Teenage Kicks: Die Auseinandersetzung junger Menschen mit Pornografie, S. 62.

[42] Evers (2014): Erregung.

[43] Vgl. Seidl (2015): Nichts als nackte Wahrheit.

[44] Evers (2014): Erregung.

[45] Vgl. Woldin (2014): Wieso schaust du anderen Frauen zu?

[46] Grimm/Rhein/Müller (2010): Porno, S. 264.

[47] Vgl. Woldin (2014).

[48] Vgl. Ebd.

[49] Vgl. Evers (2014).

[50] Vgl. Gerhard/Link/Schulte-Holtey (2001): Infografiken, S. 8.

[51] Vgl. Kaube (2007): Otto, S. 16.

[52] Vgl. Pastötter (2003): Erotic Home Entertainment, S. 48.

[53] Vgl. Reißmann/Schulz (2012): Jugendliche, S. 172.

[54] Vgl. Kniep (2012): Jugend, S. 275.

[55] Vgl. Grimm/Rhein/Müller (2010): Porno, S. 255.

[56] Vgl. Grimm/Rhein/Müller (2010): Porno, S. 255.

[57] Vgl. Schmidt/Matthiesen (2012): Pornografiekonsum, S. 248f.

[58] Ebd., S. 249.

[59] Vgl. ebd., S. 248.

[60] Vgl. Link (2013): Versuch, S. 55., 73ff. – Auf diesen Seiten analysiert Link die Kinsey-Reports als ein diskursives Ereignis, welches dem flexiblen Normalismus in den USA den Durchbruch verschaffte.

[61] Ebd., S. 20.

[62] Ebd., S. 19.

[63] Jäger (2012): Kritische Diskursanalyse, S. 55.

[64] Vgl. Link (2013), S. 42.

[65] Ebd.

[66] Ebd., S. 43.

[67] Vgl. ebd. sowie Link (1995): Grenzen, S. 29.

[68] Vgl. Link (2013), S. 20.

[69] Vgl. Mühl (2014): Zu wild.

[70] Vgl. Marguier (2007): Generation Hardcore.

[71] Ebd.

[72] Vgl. ebd.

[73] Vgl. ebd.

[74] Seidl (2015): Nichts als nackte Wahrheit.

[75] Ebd.

[76] Ebd.

[77] Vgl. Seidl (2015): Nichts als nackte Wahrheit.

[78] Dath (2014): Im Weltreich.

[79] Ebd.

[80] Vgl. ebd.

[81] Vgl. ebd.

[82] Vgl. Woldin (2014): Wieso schaust du anderen Frauen zu?

[83] Vgl. ebd.

[84] Ebd.

[85] Vgl. Woldin (2014): Wieso schaust du anderen Frauen zu?

[86] Vgl. ebd.

[87] Ebd.

[88] Vgl. Evers (2014): Erregung.

[89] Ebd.

[90] Vgl. ebd.

[91] Vgl. ebd.

[92] Evers (2014): Erregung.

[93] Ebd.

[94] Vgl. ebd.

[95] Ebd.

[96] Vgl. ebd.

[97] Vgl. ebd.

[98] Hardinghaus/Krahe (2010): Verlust.

[99] Ebd.

[100] Vgl. ebd.

[101] Hardinghaus/Krahe (2010): Verlust.

[102] Vgl. ebd.

[103] Ebd.

[104] Vgl. ebd.

[105] Scheuermann (2014): Leider geil.

[106] Ebd.

[107] Ebd.

[108] Scheuermann (2014): Leider geil.

[109] Lubbadeh (2015): Lust an der Enthaltsamkeit.

 

Literatur

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