Jul 172017
 

Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit bietet das Fernsehen nur noch wenige. Die Zeiten von Wetten, daß …? sind vorbei, in denen zuverlässig in den Sonntagszeitungen nachgelesen werden konnte, wie die Show, die wir alle am Samstagabend gesehen hatten, zu bewerten ist, um diese Debatte am Montagmorgen in der Schule oder auf der Arbeit fortzuführen. Selbst in schlechteren Zeiten kam die Sendung auf einen Marktanteil von ca. 30%, und mehr noch sind die privaten und zahlreichen öffentlichen Kritiken in Erinnerung geblieben.

Lassen wir politische Talkshows, Nachrichten und Wahlsendungen einmal außer Acht – bei denen die Quote weniger beeindruckt als das Wiederkäuen in anderen Medien – und schauen wir ausschließlich auf den Unterhaltungssektor, kann allenfalls noch der Tatort eine ähnliche Dynamik aufweisen. Der Tatort Münster hatte 2016 über 35% Marktanteil, und neben professionellen Kritiken gibt es ja bekanntlich Tatort-Abende als gemeinsames Rezeptionsritual, die eine kollektive Bewertungskultur oder Kommentierungspraxis begünstigen, die montags weitergeht.

Zuerst die Zunahme an Fernsehprogrammen, dann ausgefeiltere Vertriebsstrukturen der Videoverleiher und anschließend Netzanbieter haben zu einer Diversifizierung des Angebots geführt, sodass es unwahrscheinlich geworden ist, dass wir alle zu derselben Zeit dieselbe Sendung rezipieren. Zu einem großen Teil hat sich das, worüber wir sprechen und was wir teilen, auf Tweets, Facebook-Posts und YouTube-Videos verschoben, aber das damit verbundene vielmals beschworene Virale hat eine andere zeitliche Dimension.

Zum einen gibt es nicht mehr diejenigen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ein für alle Mal in- oder exkludiert sind, sondern stattdessen diejenigen, die bestimmte Inhalte früher, und diejenigen, die sie später rezipieren. Zum anderen wird beim Fernsehen seitens der RezipientInnen erst kollektiv geteilt und dann bewertet, während in den netzförmigen Prozessen eine erste Bewertung vor dem Teilen stattfindet.

Kristallisationspunkt oder Urszene gemeinsamer Aufmerksamkeit kann natürlich nach wie vor auch eine Fernsehsendung sein, aber es ist eben unwahrscheinlicher geworden, dass es solch eine Sendung gibt. Nun vergleiche ich Äpfel mit Bananen, indem ich nicht nur unterschiedliche Medien betrachte, sondern auch ganz unterschiedliche Formate, aber unabhängig von den Formaten besteht die wesentliche Umstellung unserer Rezeptionsgewohnheiten darin, dass sich früher alles, was uns gemeinsam interessiert hat, sofort in den unendlichen Weiten des Alls zerstreut hat – wenn es nicht vereinzelt auf Datenträgern aufgezeichnet wurde, die allerdings nicht allen immer zugänglich waren –, während heute fast alle mit Hilfe diverser digitaler Archive über fast alles verfügen können.

Im Fall der britischen Kult-Serie Doctor Who besitzt noch nicht einmal die BBC alle Folgen aus den 60er Jahren, weil man einige der Magnetbänder, auf denen die Sendungen ursprünglich aufgezeichnet wurden, überspielt hat, um Lager- und Materialkosten zu sparen. – Während im Übrigen Metropolis einer Entdeckung in Buenos Aires weitere 25 Minuten verdankt, wurden einige verschollene Datenträger der britischen Serie vor wenigen Jahren gut erhalten in Nigeria gefunden. – So viel zur Archivierung und Kanonisierung von Pop.

Es geht mir nun aber nicht um Archivierungspraktiken, die es auf die eine oder andere Weise mehr oder weniger zuverlässig immer gegeben hat, sondern um das pop- oder auch populärkulturelle Ritual der geteilten Aufmerksamkeit, auf deren Basis sich der common ground für unsere Kommunikationen ausbildet, der wesentlich nicht nur mit massenmedialen Inhalten, sondern auch mit deren Distributionswegen verbunden ist. Und da war – und natürlich ist es auch noch – Ausstrahlung eine besondere Sache. Man beachte allein das schöne Wort.

Wenn wir früher oder später dasselbe rezipieren, stellt sich zwar eine geteilte intertextuelle Kompetenz ein, aber es ist eben ein anderer Vorgang, wenn wir etwas gleichzeitig anschauen. Wenn wir die Aufmerksamkeit in demselben Augenblick auf ein und dieselbe Sache richten, bilden wir ein kollektives deiktisches Zentrum – eine Wir-jetzt-nicht-hier-Origo, wenn man so will.

Wir orientieren uns fast instantan hinsichtlich der Relevanz, Bedeutsamkeit und Qualität des Gesehenen aneinander, und wir tätigen auf dessen Basis gemeinsame Folgehandlungen. Gleichzeitig entsteht aufgrund der gemeinsamen Bewertungskultur und Folgehandlungen eine Orientierung übereinander, und wir konstituieren pop- oder populärkulturelle Distinktionskriterien. Das passiert natürlich auch aktuell, aber früher stellte sich das eben sehr schnell ein oder gar nicht, aber nun, da die ephemere Ausstrahlung der fixierten Datenspeicherung gewichen ist, ist auch die Rezeptionslage eine andere.

Um nun Äpfel mit Birnen zu vergleichen, also unterschiedliche Medien, aber ähnliche Formate: Zunächst einmal die Möglichkeit, ganze Staffeln einer Fernsehserie auf DVD zu kaufen, dann die Möglichkeiten des legalen wie illegalen Streamens – und im legalen Bereich sei hier insbesondere Netflix hervorgehoben – werden häufig im Zusammenhang mit der komplexen narrativen Struktur der neuen Qualitätsserie in Verbindung gebracht, und ich kann wirklich aus frischer Erfahrung saggen, dass es schier unerträglich ist, beide Staffeln der episodischen Kult-Serie Die Zwei mit Roger Moore und Tony Curtis am Stück zu schauen, so witzig, unterhaltsam und poppig sie bei vereinzelter wöchentlicher Rezeption auch waren bzw. immer noch sind. Gleiches gilt übrigens auch für die ursprünglichen Staffeln der Gilmore Girls, die niemals auf eine Rezeption am Stück angelegt waren. Umgekehrt wäre es bei einer Staffel House of Cards unpassend, nach jeder Folge auf die nächste warten zu müssen, ist sie doch aus einem großen Bogen bzw. für die Rezeption in einem großen Happen gemacht.

Aber es geht ja um die Frage des Zeitpunkts der gemeinsamen Rezeption. Amy Sherman-Palladino, die Produzentin der Gilmore Girls, war sich des Wertes der gleichzeitig geteilten, häppchenweisen Rezeption bewusst. Sie hatte gehofft, dass Netflix nicht sofort alle der nachträglichen, 2016 erschienenen Folgen der Gilmore Girls zugänglich machen würde. Sie wollte den Raum der Erwartungen von Folge zu Folge wiedereröffnet wissen. Zum einen bildet sich dadurch eine Leerstelle aus als wunderbarer Diskussionsanlass, was der Sache eine zusätzliche Dynamik verleiht. Zum anderen kann so der Kenntnisstand der RezipientInnen synchronisiert werden. Sherman-Palladino wollte ausdrücklich verunmöglichen, dass jemand entscheidet, die letzte Folge zuerst zu sehen.

Natürlich sind auch bei einer sukzessiven Ausstrahlung verschiedene Rezeptionsweisen und -zeitpunkte möglich, aber es ist vielleicht wahrscheinlicher, dass man die Leute zur gleichen Zeit vor den Bildschirm bekommt, wenn man eine Serie seriell veröffentlicht. Gemeinsame, geteilte Aufmerksamkeit und Zwischenräume für Diskussionen, also pop-kulturelle Rezeptionsrituale, die bis in die 00er Jahre üblich waren, sollten interessanterweise wiederaufleben, wenn es nach dem Wunsch der Produzentin gegangen wäre.

Ging es aber nicht. Wir konnten alle Folgen Gilmore Girls. A Year in Life ab dem Start am Stück sehen; natürlich wie bei Netzangeboten üblich nicht unbedingt zeitlich synchron. Und in diesem Kontext fällt einmal mehr eine Praktik auf, die es früher in großem Maß einfach nicht gegeben hat. Das indiziert auch die Tatsache, dass das Wort erst seit den letzten Jahren Konjunktur hat, auch wenn Kinofilm und Filmverleih immer schon davon betroffen waren. Das Spoilern.

Laut „Google Trends“ hält sich die Verwendung des Verbs ‚Spoilern‘ relativ konstant, soweit die Statistik reicht, also zurück bis 2004, was angesichts des semantischen Spektrums nicht verwundert. Spoiler alert jedoch steigt ab 2010 massiv an; ebenso Spoileralarm. Im selben Jahr erwarb Netflix die Rechte am Onlinevertrieb diverser amerikanischer Filmstudios und steigerte sowohl sein Angebot als auch seinen Marktwert deutlich.

Der Begriff ‚Spoilern‘ hat Eingang in den Duden gefunden, und die aktuelle Definition lautet: „Zusammenfassung eines Films, Buchs oder Ähnlichem, die dem Leser oder Zuschauer das Interesse an der Geschichte verdirbt, indem für Spannung sorgende Informationen aus er Handlung verraten werden.“ Während wir früher schlicht verpasst haben, was wir verpasst hatten, und darum darauf angewiesen waren, dass uns jemand eine Brücke über die fehlende Folge baut, können wir dies nun jederzeit selbst nach-sehen, weshalb eine derartige Hilfestellung nicht mehr sehr erwünscht oder beliebt ist. Das sei an der Stelle ausdrücklich betont.

Es ist schon mühevoll, Spoilern aus dem Weg zu gehen, wenn man die erste Welle der Rezeption nach Veröffentlichung aus irgendeinem Grund verpasst hat, und genau das kann ja, wie gesagt, nun ziemlich leicht passieren. Es gibt sooo viele Serien, dass man nicht bei jeder synchron bleiben kann. So musste ich in der Siegener Mensa, bevor ich endlich mit der englischen oder amerikanischen Version von House of Cards anfangen konnte, von Mitessern, deren Namen hier nicht erwähnt werden sollen, die sich aber hoffentlich wiedererkennen und getadelt fühlen, hören, es sei ja ‚krass, dass er sie wirklich umbringt.‘ Das hätte man nicht gedacht. Ich leider nun schon. Wenige Minuten nach meinem eigenen Einstieg in die Serie war mir also das Ende des ersten wesentlichen Handlungsstrangs um Underwood und Zoe absolut klar. Glenn wird brutal von Negan ermordet. Das ist die späte Rache an allen Spoilern, die die siebte Staffel von The Walking Dead vielleicht noch nicht gesehen haben. Nun habe ich selbst aber auch noch nicht die siebte Staffel von The Walking Dead gesehen und war wieder einmal Opfer einer Spoiler-Attacke. Während ich mich nun mit der siebten Staffel von The Walking Dead bei den entsprechenden Spoilern für die ersten beiden Staffeln von House of Cards rächen kann, brauche ich vermutlich die sechste Staffel von Shameless (US), um mich bei den Walking Dead-Spoilern zu rächen. Wie Kartenquartett: Shameless 6 toppt The Walking Dead 7.

Sherman-Palladino hat ja letztlich dennoch ihre zeitlich geteilte Aufmerksamkeit erhalten. Vier Doppelfolgen sind schließlich nichts. Daher findet sich doch eher schnell eine Möglichkeit, Anschluss zu finden an der allgemeinen Bewertungskultur, bei der ich weiß, dass Du weißt, dass ich weiß, was Du weißt. Aber ganz so wie früher ist es eben trotzdem nicht, wenn Angebote als Konserven stets zugänglich sind und flexibel gehandhabt werden können.

Es gibt eine beobachtbare erste Welle an Anschlusskommunikation und Folgepraktiken in Foren und Tweeds, auf Facebook und in traditionellen Medien, aber nicht mehr den einen direkten Schub. Außerdem: Die erste Welle kann durch soziale Netzwerke sogar sehr direkt entstehen, aber nun stellt sich bei deren Partizipation die Frage, ob es sich bei gelungener Anschlusskommunikation um Zufallstreffer unter Spezialinteressierten handelt, oder ob sich ein (pop-)kulturell repräsentativer common ground ausbildet bzw. man sich auf einem solchen bewegt.

Den neuen Qualitätsserien, so auch den Eigenproduktionen von Netflix, wird im Großen und Ganzen nicht gerade mangelnder Erfolg nachgesagt. Wir haben also nach Jahren des eher düsteren Fernsehprogramms trotz der Diversifikation der Angebote unseren common ground wieder – und nur für das RTLplus der 80er oder das Sat 1 der 90er Jahre könnte ich auf Netflix noch verzichten, eventuell.

Aber: nachgesagterweise. Wir können nicht wirklich wissen, ob und auf welchem common ground wir uns bewegen, denn Netflix veröffentlicht keine Quoten. Es gäbe keinen wirtschaftlichen Grund, dies zu tun. So heißt es! Während wir also bei Wetten, daß…? und Tatort nicht nur hinsichtlich der absoluten und prozentualen Zahlen unserer MitseherInnen im Bilde waren bzw. sind, wussten wir auch in soziodemographischer Hinsicht ziemlich genau, in welcher Gesellschaft wir uns befanden.

Quantifizierung und Ranking, also Listenbildung wird zu Recht von Moritz Baßler bis Matthias Schaffrick als integraler Bestandteil der Pop- oder Populärkultur beschrieben. Zur Pop- oder Populärkultur gehören also nicht nur massenmediale Inhalte als Formen der kulturellen Selbstbeschreibung und darauf basierende kulturell formgebende Rezeptionspraktiken. Letztere bilden auch das Feedback für Ersteres, weil sie quantifizierbar Erfolg oder Misserfolg abbilden, der die weitere Produktion bestätigt, modifiziert oder stoppt. Aber nicht zuletzt werden die Zahlen wiederum an die RezipientInnen zurückgespielt, die sich daran reflexiv ihrer selbst vergewissern können. Wir hatten es also eigentlich immer mit einem transparenten vielfach reziproken Prozess zu tun. Das bleibt nun auf gespenstische Weise in gewisser Hinsicht aus.

Natürlich schaut Netflix auf den Erfolg, als dessen Indikator neben der Quote diverse Daten fungieren, die sich über netnographische Methoden erfassen lassen, also alle möglichen Effekte in sozialen Netzwerken. Sämtliche Daten liegen uns RezipientInnen aber nicht in verifizierter, autorisierter repräsentativer Form vor. Immer wieder gilt etwas als Netflixʼ neuer Erfolg, so z.B. Stranger Things und Dirk Gently’s Holistic Detective Agency, aber das lässt sich ja leicht behaupten. Nun finde ich diese Serien auf je unterschiedliche Weisen absolut grandios, aber es könnte sich bei deren Erfolg, falls der überhaupt quantitativ besteht, um sich selbst erfüllende Prophezeiungen handeln, dass also der Glaube an einen common ground diesen erst erschafft und somit auch den Gegenstand, um den sich das Ganze rankt, am Leben hält.

Vielleicht befinden wir uns im Status einer weltweiten Parallelaktion. Zum Glück, denn das trifft meinen Geschmack, aber nun haben wir immer noch keine Möglichkeit, uns dessen valide zu vergewissern, ob wir Mainstream oder Nerds sibd. In Bezug auf einige Netzanbieter und nicht nur auf Netflix fehlt uns also nicht nur die Synchronität mit den anderen RezipientInnen, sondern wir sind auch auf qualitativ-anekdotische, statt empirisch-statistischer Evidenz zurückgeworfen, wenn es um die Ausmessung des common grounds und die eigene (pop-)kulturelle Selbstvergewisserungen in Bezug auf diesen geht.

Letztlich unterwerfe ich mich aber freiwillig der Steuerung durch Netflix, denn all dies ist kein Grund auf öffentlich-rechtliches oder auch privates Fernsehen mit all seiner Transparenz und Langweiligkeit zurückzukehren, es sei denn, das ZDF traut sich noch mal an die Serie Lerchenberg mit dem sich selbst darstellenden Sascha Hehn ran oder Knight Rider erhält wie die Gilmore Girls ein Revival finanziert von RTL, in dem sich dann David Hasselhoff selbst spielen könnte. Ansonsten gilt: Während Fernsehen immer ein kollektives Ritual war und hin und wieder immer noch ist, haben wir eben alle so unsere vereinzelten Netflix-Gewohnheiten.

 

Maren Lickhardt ist Assistenzprofessorin am Institut für Germanistik der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Jul 032017
 

Wer von den sog. Digital Natives kennt sie heute nicht – Online-Pornografieportale wie Youporn, Pornhub, Redtube oder Xhamster? Von ihrer Existenz weiß fast jeder Internetnutzer, und auch die Rezeption dieser Seiten scheint weit verbreitet zu sein, wenn man sich etwa die Ergebnisse des Online-Dienstes Alexa anschaut, der Daten über Seitenabrufe von Websites sammelt und analysiert.[1]

Anders sieht es aus, wenn es um das öffentliche Eingeständnis geht, diese Portale aufzusuchen. Da sexuelle Handlungen zumeist als bedeutender Teil der Intimsphäre angesehen werden, verwundert das nicht – andererseits werden von vielen Menschen Details aus Privat- und Intimsphäre via Facebook und Twitter mittlerweile tagtäglich mitgeteilt. Der Pornografie und deren Konsum haftet offenkundig weiterhin ein besonderer Makel an, was viele Menschen daran hindert, über ihre dafür gehegte Vorliebe zu sprechen. Dennoch wird in der wissenschaftlichen und journalistischen Rede über Pornografie heutzutage nicht selten ihre ‚Normalität‘ betont. Dem soll in diesem Artikel nachgegangen werden.

Wie die einleitenden Sätze schon andeuten, wird in diesem Artikel hauptsächlich die Rede von der visuellen und audiovisuellen Internetpornografie sein, die das Erscheinungsbild der Pornografie derzeit stark prägt. Ebenso sei erwähnt, dass hier die Pornografie fernab von solchen Kategorien wie der ‚Kinderpornografie‘ oder strafbarer Gewaltpornografie als Untersuchungsgegenstand dient. Der Fokus der Untersuchung liegt auf den legalen pornografischen Internet-Darstellungen. Wie steht es um ihre ‚(Ab)Normalität‘ in der Gegenwart?

Pornografie in der Gegenwart

In Deutschland dürfte der Begriff der Pornografie, bzw. die Kurzform Porno oder das englische Wort porn, so gut wie niemandem unbekannt sein.[2] Pornografie polarisiert, schürt Ängste und Diskussionen und ist aus dem öffentlichen Diskurs somit nicht wegzudenken.

Was heute zumeist zu einer Ineinssetzung von Pornografie mit visueller und audiovisueller Pornografie führt, begann mit dem Siegeszug der Fotografie und Kinematografie, der sich durch die Distributionsausweitung in Form von Computer-, Internet- und Smartphone-Technologie immer weiter fortsetzte und fortsetzt.[3] Die beginnende Visualisierung erfreute sich bereits ab dem 19. Jahrhundert einer stetig steigenden Beliebtheit – dies geschah vor allem in Form einer häufigen Bebilderung pornografischer Schriften und Journale mit Zeichnungen sowie eines regen Handels mit pornografischen Photographien und Ansichtskarten.[4]

Mit dem Aufkommen des Kinos gingen rasch auch filmische Pornografieangebote einher.[5] Diese frühen pornografischen Filme, stag films, waren kaum länger als zehn Minuten und wiesen nur rudimentäre narrative Strukturen auf, wurden in den 1920er Jahren in Europa in Bordellen und in den USA in teilöffentlichen Kinos vorgeführt, was die Qualität der anderen Filmgenres sichern sollte, und wurden schließlich durch Verschärfungen der Zensurbestimmungen in den Bereich illegaler Medienangebote verbannt, wodurch die stag films bis in die 1960er Jahre die vorherrschende Form des pornografischen Films bildeten.[6]

Der Anschluss an die Entwicklung der Filmtechnik gelang erst wieder im Zuge der sexuellen Revolution und der einhergehenden Liberalisierung des Sexualstrafrechts sowie der Legalisierung der Pornografie.[7] Hinsichtlich seiner technischen Qualität konnte der nun für Erwachsene legal zugänglich Pornofilm in Spielfilmlänge an Filme anderer Genres anschließen und wurde „bis Ende der 1970-er Jahre primär in Pornokinos aufgeführt.“[8] Die Videotechnologie sorgte schließlich für die Domestizierung des pornografischen Films, welche mittels flächendeckender Distribution durch Sexshops und Videotheken erfolgte und eine Ausdifferenzierung in verschiedene Subgenres anfachte.[9]

Diese Domestizierung und Diversifikation nahm mit der Etablierung des Heimcomputers, der Digitaltechnik und der multimedialen Distribution weiter zu, wodurch es prinzipiell jedem möglich ist, professionelle oder Amateurpornografie zu konsumieren oder auch selbst zu produzieren und global zu distribuieren.[10] Grenzen scheinen seit dem Siegeszug des Internets nicht mehr zu existieren. Anne-Janine Müller konstatiert „einen aktiven Einbezug der Rezipient(inn)en als Produzent(inn)en und damit eine globale, noch weiter fortschreitende Diversifikation des Genres in Literatur, Film, Fotografie etc., die sich einer repressiven Zensurpolitik grundlegend widersetzt.“[11]

Es sind die durch das Internet frei zugänglichen Pornofilme, Pornoclips oder die pornografischen Bilderserien, welche die gegenwärtige Pornografie auszeichnen und die Debatten um sie prägen. Ihre Verbreitung hat sich in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt – vor allem durch die DSL-Revolution mit den damit entstandenen Filesharing-Plattformen und Videoportalen änderte sich ihr Erscheinungsbild sowohl quantitativ als auch qualitativ.[12]

Neben Bilderserien und kurzen Videoclips ist es seit der Verbreitung des Highspeed-Internets auch kein Problem mehr, längere, oftmals komplette Pornofilme in guter Bild- und Tonqualität herunterzuladen oder online per Streaming anzusehen – und dies (von kommerziellen Angeboten abgesehen) völlig kostenlos.[13] Niemand ist heutzutage mehr gezwungen, Pornografie käuflich zu erwerben oder für den Konsum das Haus zu verlassen. Der Pornografiekonsum wird dadurch enorm erleichtert, da die Gefahr, beobachtet zu werden, verschwindet (davon abgesehen, dass im Netz natürlich Datenspuren hinterlassen werden sowie auch die besuchten Webseiten zum Beispiel durch ‚Cookies‘ auf der Festplatte Spuren hinterlassen).[14]

Das Angebot ist mannigfaltig und kann durch spezielle Suchmaschinen, die auf pornografische Angebote spezialisiert sind[15], sortiert werden, wie beispielsweise durch die Suchplattform pornmd.com, welche aus allen Seiten des Pornhub-Network das Gewünschte heraussucht, seien es Szenen und Filme eines speziellen Darstellers oder Clips, die einer speziellen Variante, etwa ‚Oralsex‘, zugeordnet werden. Eins weiteres Angebot „bilden Seiten mit ‚categorized galleries‘. Es handelt sich gewissermaßen um ‚Überblicksseiten‘. [Sie] bieten vor allem Links, die nach bestimmten Kategorien sortiert sind.“[16]

Neben der grundlegenden Unterscheidung zwischen Soft- und Hardcore, worunter man in erster Linie Darstellungen von Nacktheit und/oder Striptease (Softcore) und die explizite Darstellung sexueller Handlungen mit Fokus auf die Geschlechtsteile (Hardcore) versteht, abgesehen, gibt es hochgradig spezielle Kategorien, wie äußere Merkmale im Bereich des Softcores (‚blondes‘, ‚matures‘) oder Sexualpraktiken im Bereich des Hardcores (‚blow job‘, ‚anal‘).[17] Es gibt für jede Vorliebe, jede sexuelle Orientierung und jeden Fetisch die entsprechende Kategorie und auch komplett auf einzelne dieser Kategorien spezialisierte Seiten.[18]

Kritische Untersuchungen zur heutigen Pornografie

Die moderne Alltäglichkeit des Pornografischen zeigt sich auf diverse Art und Weise. Es gab sie auch bereits, bevor die Internetpornografie ihren Siegeszug antrat. Seit der Liberalisierung des Sexualstrafrechts und der Legalisierung der Pornografie entwickelte sie sich durch Kommerzialisierung und stellte bald eine ökonomische Größe in der Unterhaltungsindustrie dar.[19]

Jörg Metelmann spricht in diesem Zusammenhang von „Porno-Pop“. Das Pornografische sei vollends aus den tabuisierten Räumen des tolerierten Verwerflichen an die Oberflächen der breiten Öffentlichkeit getreten; es pornoisiere den Mainstream, die Popkultur.[20] „Pornowerbung schmückt Fassaden und Museen, Popstars wollen mit eindeutig zweideutigen Clips den Pop retten, ‚explicit contents‘ füllen die CD-Regale und Buchläden.“[21] „Porno-Pop, verstanden als aktuelle kulturelle Konstellation, verstärkt die durch die Lust- und ‚Genieße!‘-Imperative spätestens seit Anfang der Neunziger angestoßene Überbetonung des Körpers.“[22]

In der popkulturellen Öffentlichkeit entsteht aus der pornografischen Fiktion, dass es Sex ‚einfach gibt‘, eine fixe Idee, ein Phantasma des Mainstream-Imaginären.[23] Vor allem ist diese Fiktion das ultimative Phantasma der Waren- und Konsumwelt.[24] Johannes Gernert fasst in „Generation Porno“ (2010) zusammen, dass Rap-Clips, Kunst, Photographie, Mode, Werbung und Literatur ein gesellschaftliches Klima geschaffen hätten, das vor allem Heranwachsenden den Eindruck vermittle, an Pornografie sei nichts Bedenkliches.

Wegen der ständigen Verfügbarkeit der Pornografie via Internet liegt es nahe, dass der Konsum gerade bei Jugendlichen häufig an Akzeptanz und Alltäglichkeit hinzugewonnen hat.[25] Für einige von ihnen ist der gemeinsame Pornokonsum zu einer Art Freizeitgestaltung geworden.[26] Besonders diese Entwicklungen im Bereich der jugendlichen Lebenswelten lösen Ängste und Sorgen aus. Die möglichen Negativeffekte einer Pornografisierung prägen häufig den Diskurs, zugespitzt und etwas stigmatisierend ist zum Beispiel von einer „Generation Porno“ die Rede, was die Sorge impliziert, junge Leute könnten womöglich Sexualität nicht mehr mit Liebe verbinden, Mädchen und Frauen mit den Frauen aus den Filmen vergleichen und sie als permanent willige Objekte betrachten – es würde eine sexuelle Verrohung und Verwahrlosung drohen oder auch eine Masturbationsgesellschaft, in der virtueller Sex wichtiger werden könnte als der reale.[27]

Der Einfluss der Pornografie auf Jugendliche wird wegen solcher Befürchtungen vermehrt untersucht. Erwiesen ist, dass der Konsum stattfindet und sich geschlechtsspezifische Unterschiede erkennen lassen: Es sind vor allem männliche Jugendliche, die sich Pornografieangeboten im Internet zuwenden und daher besonders im Fokus stehen, doch auch weibliche Jugendliche werden willentlich oder unwillentlich mit Pornografie konfrontiert.[28]

Wie sich dieser Konsum womöglich auswirkt, ist umstritten. Gunter Schmidt und Silja Matthiesen halten die Angst vor Verwahrlosung schlichtweg für ein Beispiel von „zyklisch auftretenden Diskussionen über jugendsexuelle Katastrophen[,] [die] eher Phantasmen der Erwachsenen als reale Verhältnisse bei den Jugendlichen wider[spiegeln].“[29] Die geläufige Annahme, dass Jugendliche in progredienter Weise der Pornografie verfallen, „dass die Reize ‚immer toller, immer härter, immer extremer, immer wilder‘ werden müssen, erweist sich […] als Fiktion.“[30] Dass Pornokonsum zu einem abschätzigen Frauenbild beiträgt, sei nicht auszuschließen, aber auch nicht zu beweisen.[31] Auch Wolfgang Reißmann und Iren Schulz warnen davor, „in sozialisationstheoretisch naive Positionen zu verfallen“[32]:

„Die öffentliche Problematisierungslogik, die von der einfachen Zugänglichkeit (Omnipräsenzthese) auf die negative Beeinflussung von Sexual-, Körper-, Identitäts- und Beziehungsvorstellungen bzw. entsprechender Handlungs- und Interaktionsskripte (Wirkungsthese) schließt, greift zu kurz. Über die Besorgnis wird hier vergessen, dass auch junge Menschen nicht Spielbälle ihrer medialen Umwelt sind, sondern sich mediale Inhalte, wie interaktionistische Medien-/Sozialisationstheorien seit Jahrzehnten betonen, vor dem Hintergrund ihrer biografischen Erfahrungen, sozialkognitiven Fähigkeiten, aktuellen Lebenslagen, handlungsorientierenden Themen und Interessen aneignen.“[33]

Es lassen sich keine monokausalen Wirkungen festhalten, befindet auch eine Studie aus dem Jahr 2010, die die Bedeutung von Pornografie im Web 2.0 für Jugendliche untersuchte.[34] Lediglich lasse sich von Wirkungshypothesen sprechen, wie zum Beispiel von der Entstehung eines Leistungsdrucks für Jungen und eines Perfektionsdrucks für Mädchen, angesichts der Standards, die in Pornofilmen bezüglich Potenz und Aussehen vermittelt werden.[35] Individuelle sexuelle Phantasien könnten womöglich auf der Strecke bleiben, da die typischen Handlungsmuster von Pornos sich zu sehr einprägen, sexuelle Präferenzen könnten in ihrer Entwicklungsphase beeinflusst, das Frauen- und Männerbild verfälscht werden sowie auch generell die Wertewelt der Jugendlichen.[36]

Einige Experten plädieren darum, „die Jugendlichen ‚bis zum Beweis des Gegenteils‘ vor möglichen Gefahren der Pornografie zu schützen.“[37] Dass dies auf direktem Wege in Anbetracht der leicht zugänglichen Internetseiten wie Youporn, Pornhub oder Redtube, bei denen nur ein Mausklick genügt, um das gebotene Mindestalter zu ‚verifizieren‘, nicht leicht ist, liegt auf der Hand. Daher sei in diesem Zusammenhang vor allem eine gute Aufklärung der Jugendlichen von Bedeutung, um somit einen weitgehend unproblematischen Konsum von Pornografie zu ermöglichen.[38] Wenn sie ohne eine solche Aufklärung konsumiert werde, sei ihr Einfluss auf Jugendliche prägend, konstatiert der Sexualmediziner Klaus Beier und belässt es damit nicht bloß bei Wirkungshypothesen:

„[Es] hat sich kulturgeschichtlich nun erstmalig die Reihenfolge umgedreht: Jetzt sehen die Kinder sexuelle Handlungen erst im Internet und danach machen sie eigene sozio-sexuelle Erfahrungen. Es wäre ziemlich naiv anzunehmen, dass in dem Zusammenhang die wirkmächtigen Bilder aus dem Netz keinerlei Einfluss auf das sexuelle Selbstkonzept und das Geschlechtsrollenempfinden haben sollen. Zumal wir wissen, dass beobachtete Handlungen durch die so genannten ‚Spiegelneuronen‘ im Gehirn neuronal verschaltet werden – und zwar genauso, als ob man die Handlung selbst durchgeführt hätte. Das geschieht automatisch.“[39]

Vor allem durch die neuronalen Verschaltungen im Gehirn ist nach Beier von einem Einfluss auf die Identitätsbildung auszugehen, auch wenn Jugendliche erklären, „dass sie schon wüssten, wie unrealistisch die Darstellungen in Pornofilmen seien […]. Das Lernen am Modell funktioniert anders. […] Man identifiziert sich mit dem Mann beziehungsweise mit der Frau und übernimmt die gezeigten Verhaltensmuster […].“[40] Damit widerspricht Beier Erkenntnissen anderer Studien, die sich zum Teil konkret auf Antworten von Jugendlichen stützen und dadurch zu Ergebnissen kommen wie dem, dass junge Menschen bezüglich der Pornografie Reflektiertheit erkennen ließen, wodurch Gefahren gemindert würden.[41]

Eine weitere Befürchtung, die nicht nur Jugendliche betrifft, ist das vermeintliche ‚Suchtpotenzial‘ des Pornografiekonsums. „Bis zu 500.000 Pornosüchtige gebe es in Deutschland, schreibt die ‚Welt‘. Pornosucht mache sogar impotent, wissen die Leser der ‚Stuttgarter Nachrichten‘.“[42] Diese Gefahren werden häufig beschworen, wie auch zum Beispiel von manch einem Arzt,[43] dass sie jedoch in derart drastischer Form auftreten können, ist nicht bewiesen: Es gebe Männer, die ihren Pornografiekonsum für problematisch halten und einen Therapeuten aufsuchen, doch oft spielten auch hier viele weitere Faktoren eine Rolle[44]

Wenn der Konsum so sehr ansteigt, dass dadurch andere Lebensbereiche vernachlässigt werden und reale zwischenmenschliche Beziehungen darunter leiden, liegt es anscheinend nahe, von einer Pornosucht zu sprechen, die jedoch als ein kleiner, extremer Teil eines Massenphänomens bezeichnet wird.[45] Experten seien sich „weitgehend einig, dass es zwar keine Sucht im Sinne einer stofflichen Sucht (wie z. B. bei Drogen- oder Nikotinsucht) gebe, dennoch aber bei exzessivem Konsum ein suchtähnliches Verhalten (vergleichbar mit der Spielsucht) entstehen könne.“[46] Auch eine habituelle Impotenz sei möglich, so Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter.[47] Grund dafür sei, dass beim Sex Sinne wie das Riechen und Fühlen wichtiger seien als der visuelle Aspekt – wer es gewohnt sei, zu Pornos zu masturbieren, brauche jedoch auch beim realen Verkehr gerade jene Visualität.[48] Um ein anerkanntes Krankheitsbild handelt es sich bei der ‚Pornosucht‘ bislang jedoch nicht.[49] So scheint es also, dass man gesundheitliche Beeinträchtigungen dieser Art derzeit weder vollends negieren noch als Folgen einer sog. Pornosucht verifizieren kann.

Wie ‚normal‘ ist Pornografie?

Vor allem aufgrund der Entwicklung der visuellen und audiovisuellen Techniken begann eine Popularisierung der Pornografie, die mit der Internetpornografie ihren derzeitigen Höhepunkt erreicht hat. Es wurde bereits die Alltäglichkeit des Pornografischen geschildert, doch bleibt die Frage: Handelt es sich bereits um eine im Sinne des ‚Normalismus‘ (nach Jürgen Link) systematisch normalisierte Alltäglichkeit?[50] Löst sie noch (wiederum mit den Begriffen Jürgen Links gefragt) ‚Denormalisierungsangst‘ unter ihren Konsumenten wie auch ihren Kritikern aus? Nach Jürgen Kaube zumindest gehört auch die Pornografie zu den Phänomenen, die mittlerweile als ‚normal‘ gelten.[51]

Tatsächlich lassen sich – vor allem bei den männlichen Jugendlichen – Entwicklungstendenzen erkennen, die in eine solche Richtung führen. Gehörte 1992 bereits bei vielen von ihnen die Rezeption eines Pornofilms (neben dem Horrorfilm) zu einem Gruppenritual,[52] so gaben 2010 bereits 89 % der Jungen zwischen 16 und 19 an, aktiv im Internet nach Pornografie gesucht zu haben.[53] Es ist also bloß eine Minderheit, die die Berührung mit Pornografie noch vermeidet.

Außerdem lässt sich die Entwicklung des gemeinsamen Pornografiekonsums zu einer Art Freizeitgestaltung bei manchen Jugendlichen beobachten.[54] Es liegt nicht fern zu konstatieren, dass die Gruppenrituale aus den 1990er Jahren, die wohl mehr einen ‚Mutproben-Charakter‘ besaßen, noch eine Dimension darstellten, die mit der heutigen nicht mehr allzu viel gemeinsam hat.

Heutige Studien kommen zu dem Ergebnis: „Alle männlichen Jugendlichen unserer Fokusgruppen rezipieren pornografische Inhalte im Web 2.0. Ihre Grundhaltung lautet: ‚Pornos sind normal und Bestandteil des alltäglichen Medienkonsums‘.“[56] In einer anderen Studie heißt es ebenfalls, dass der Gebrauch der Pornografie für adoleszente Jungen so alltäglich, normal und selbstverständlich sei wie das Masturbieren.[57] Auch bei weiblichen Jugendlichen bestehe ein diffuses Gefühl, „dass minimale Pornokenntnisse heute zum Erwachsenwerden dazugehören.“[58]

Der Pornografiekonsum unter Jugendlichen hat sich also – diesen spezialdiskursiven wissenschaftlichen Studien zufolge – mittlerweile normalisiert. Die Rede ist hier von allgemein als Mainstream-Porno bekannten Darbietungen und nicht von besonders ausgefallenen Praktiken oder Konstellationen. Von ihnen grenzen sich die Jugendlichen ausdrücklich ab – „[m]an kennt sich aus in der weiten Welt des Sexuellen und versichert sich zugleich seiner Normalität und des Im-Rahmen-Bleibens.“[59] Innerhalb des jugendlichen Normalfelds des Pornografiekonsums erfolgt also eine Binnendifferenzierung zwischen normaler und anormaler Pornografie.

Diese Beobachtungen scheinen nicht ungewöhnlich für junge Menschen, die in ‚flexibel-normalistischen‘ Zeiten aufwachsen.[60] Die Pornografie wird aufgrund ihrer ständigen digitalen Verfügbarkeit und des dadurch ansteigenden Konsums mehr und mehr von den Jugendlichen selbst in das Normalfeld der jugendlichen Sexualität eingegliedert, wobei man wohl von einer ‚elementardiskursiven Normalisierung‘ sprechen kann.

Doch wie sieht es die Presse in Form zweier ihrer Leitmedien, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und „Der Spiegel“? Deren ‚Interdiskurs‘ ist zwischen dem wissenschaftlichen Spezialdiskurs und dem Elementardiskurs angesiedelt. Er verbindet Elemente der beiden Diskursebenen „zu allgemein kulturellen Vorstellungen von Normalität, zu einer Art Querschnittskategorie des Normalen.“[61] Einer allgemeingebildeten Öffentlichkeit ist es dadurch möglich, „Wissenskomplexe verschiedener spezial- und elementardiskursiver Herkunft [zu verstehen].“[62]

Dies geschieht im Interdiskurs vor allem mit Mitteln der Kollektivsymbolik. Jürgen Link versteht unter diesem Begriff „die Gesamtheit der sogenannten ‚Bildlichkeit‘ einer Kultur, die Gesamtheit ihrer am weitesten verbreiteten Allegorien und Embleme, Metaphern, Exempelfälle, anschaulichen Modelle und orientierenden Topiken, Vergleiche und Analogien.“[63] Sie macht bestimmte Sachverhalte oder Entwicklungen innerhalb der normalistischen Diskurse in Form von sprachlich oder bildlich erzeugten Sinnbildern (‚Sprachbilder‘) für den Einzelnen plastisch begreifbar.[64] „Wenn man als idealtypische Aussage von Spezialdiskursen die mathematische Formel betrachten kann, so als idealtypische Aussage von Interdiskursen das Kollektivsymbol.“[65]

Somit ist die Bedeutung der Kollektivsymbolik für den Interdiskurs nicht zu unterschätzen. In unserer gegenwärtigen mediatisierten Gesellschaft nimmt durch die ständige Präsenz der Massenmedien vor allem der „mediounterhaltende Interdiskurs“[66] eine große Rolle ein.[67] Das interdiskursiv entstandene und rezipierte Wissen bedingt bei den Individuen eine ständige Prüfung und Adjustierung des eigenen Handelns und Verhaltens anhand dessen, was als normal vermittelt wird.[68]

Zunächst ein Blick in die Artikel der „FAZ“. Melanie Mühl entlarvt die Sorge um eine „Generation Porno“ als Alarmismus, der viele Eltern in womöglich misstrauische „Helikopter-Eltern“ verwandle, da das Spiel mit der Angst derer besonders gut funktioniere.[69] Eine berechtigte Denormalisierungsangst, die aus normalismustheoretischer Sicht in Begriffen wie dem der „Generation Porno“ impliziert ist, wird dadurch verneint. Die Pornografie wird ebenfalls nicht als etwas aus dem Bereich des Anormalen definiert.

Alexander Marguier spricht in seinem bereits vor knapp zehn Jahren erschienenen Artikel ebenfalls von einem Alarmismus in Bezug auf eine „Emma“-Offensive gegen die vermeintliche Pornografisierung der Gesellschaft und vor allem die dadurch bedingte sexuelle Verwahrlosung der Jugend.[70] Jedoch sieht er die Flut an Pornografie und ihre Folgen als ein potenzielles Problem und zieht den Vergleich, dass „es sich offenbar ein bisschen wie vor kurzem noch mit dem Klimawandel [verhält]: Man ahnt, dass da etwas Unangenehmes auf die Gesellschaft zukommen könnte, aber der Wissenschaft mangelt es vorläufig an Beweisen.“[71] Somit kann man sagen, dass sich die Pornografie bei Marguier in einer Randzone bewegt – es ist noch nicht absehbar, ob sie in einem Normalfeld bleibt oder in die Anormalität gleitet. In Bezug auf Gewaltpornografie fordert er eine strengere Anwendung der vorhandenen Gesetze[72], wodurch er diese klar in den Bereich des Anormalen einordnet, wie es auch der Gesetzgeber tut.[73]

Claudius Seidl bezeichnet seinen 2015 erschienenen Artikel selbst als ein „Plädoyer für die Pornografie.“[74] Den Konsum von Internetpornografie stellt er eindeutig als etwas Normales heraus, da es – soweit messbar – fast alle männlichen Teenager und junge Männer der westlichen Welt seien, „die über einen Computer und einen halbwegs schnellen Internetanschluss verfügen.“[75] In Anbetracht der strengen Sexualmoral in der Vergangenheit empfindet er die gegenwärtige Lage nicht als „allzu naturfeindlich.“[76] Auch wenn man Pornofilme nicht mit Lehrfilmen verwechseln, sie nicht verharmlosen oder idealisieren dürfe, sieht Seidl sie als weitaus unproblematischer an, als sie oft dargestellt werden.[77] So lässt sich die Pornografie bei Seidl durchaus in einem Normalfeld verorten – Bezüge zu einer Anormalität lassen sich nicht auffinden.

Dietmar Dath beschreibt in einem Beispiel, dass bereits vor einigen Jahren letzte Berührungsängste zwischen traditionellen Telekommunikationsanbietern und der Pornografiebranche gefallen seien, „als die Produktionsfirma Vivid ihren Kabelsender Hot Network mit dem Telekomriesen AT&T ins Geschäft brachte.“[78] Es ist ein Beispiel für einen Normalisierungsprozess der Pornografie innerhalb der Ökonomie. Seine Auffassung von Normalität der Pornografie in der heutigen Gesellschaft ist in seinem Artikel jedoch differenziert, da er einige der gleichzeitig existierenden Kontraste innerhalb der Internetpornografie herausstellt, wie den zwischen Edel-Dekadenz bei Kink.com und „Dauerbeschuss aller Ekelgrenzen“[79] bei Max Hardcore.[80] Dath stimmt einer Position zu, die es als wichtig erachtet, dass Schule und Kunst das Unterscheidungsvermögen zukünftiger Generationen ausbilden müssten.[81] Man kann sagen, dass er die gegenwärtige Pornografie zwischen Normalität und Anormalität verortet.

Der letzte Artikel, der aus den Reihen der „FAZ“ betrachtet werden soll, spricht einen kleinen Teil der Konsumenten des Massenphänomens Internetpornografie an, bei denen ein ‚Suchtverhalten‘ festgestellt wurde[82]. Philipp Woldin macht somit auf Pornografiekonsum im anormalen Bereich aufmerksam. Ein von ihm vorgestelltes betroffenes Individuum sucht schließlich einen Therapeuten auf,[83] wodurch es sich im Sinne des flexiblen Normalismus normalisieren möchte, da es sich mit seinem Verhalten im Bereich des Anormalen verortet sieht. Doch wird im Artikel immer wieder deutlich, dass der Konsum von Internetpornografie heute im Sinne eines Massenphänomens statistisch gesehen normalisiert ist:

„Denn Pornografie ist heute überall, mitten in der Gesellschaft […]. In der Rangliste des Webdienstes SimilarWeb, der den Datenverkehr misst, liegt die Pornoseite XHamster auf Platz 13 der meistaufgerufenen Angebote in Deutschland – und damit vor bahn.de und Autoscout24. Immerhin: Facebook und Ebay werden öfter geklickt. Pornografie kommt im digitalen Deutschland kurz nach sozialen Netzwerken und Shoppen, aber noch vor Nachrichten, Zugfahren und Autos. Jede achte Seite, die aus Deutschland aufgerufen wird, ist eine Pornoseite. Damit sind die Deutschen weltweite Spitzenreiter.“[84]

Demnach läge der Pornografiekonsum also in Deutschland wie in keinem anderen Land im Bereich eines statistischen Normalfeldes. Woldin konstatiert, dass Pornos Teil der Gesellschaft seien, ob man wolle oder nicht.[85] Er spricht ebenfalls eine Studie an, die besagt, dass Pornografie gerade bei Jugendlichen und Studenten wie selbstverständlich dazugehöre.[86] Eine Form der Normalisierung der Pornografie bestehe auch darin, dass das von ihr Vermittelte immer häufiger Einzug in den realen Sex halte: „,Intimrasur ist heute Standard, Analverkehr wird immer mehr von Frauen erwartet – das kommt primär aus der Pornografie‘“,[87] zitiert Woldin eine Psychologin mit dem Schwerpunkt Pornografie. Insgesamt vermittelt sein Artikel, dass es sich nicht leugnen lasse, dass der Pornografiekonsum gegenwärtig normalisiert werde, jedoch die Gefahr bestehe, dabei ins Anormale zu gleiten.

„Der Spiegel“ hat mit teils ausführlichen Reportagen die gegenwärtige Lage der Pornografie und deren Konsum beleuchtet, woraus sich ebenfalls normalismustheoretische Schlüsse ziehen lassen können. So ist in einer Reportage von Marco Evers von einem kanadischen Sexualforscher die Rede, welcher für eine Studie zwanzig junge Männer suchte, die noch nicht mit Pornografie in Berührung gekommen waren, jedoch niemanden fand.[88] Auch viele „Frauen […] sind inzwischen gleichermaßen pornohungrig wie Männer.“[89] Pornografiekonsum als Normalität der Gegenwart. Es wird jedoch auch erwähnt, dass sich nur wenige zu ihrem Konsum bekennen, „denn im seriösen öffentlichen Raum gilt unangefochten das Gebot der Porno-Ablehnung (‚niveaulos‘).“ Daran wird deutlich, wie sehr im Pornografie-Diskurs Normativität und Normalität zu divergieren scheinen.

Andererseits nennt Evers auch Beispiele von ehemaligen Pornodarstellerinnen wie Gina Wild alias Michaela Schaffrath, die nach ihrem Rückzug aus der Pornografiebranche eine Karriere in der Mainstream-Unterhaltung begannen,[90] was – ganz im Sinne des flexiblen Normalismus – aufzeigt, dass eine öffentliche protonormalistische oder auch normative Stigmatisierung und eine Ausgrenzung aus dem Normalfeld nicht erfolgt.

Doch existieren auch Beispiele wie das der amerikanischen Pornodarstellerin Miriam Weeks, die sich unter dem Pseudonym Belle Knox als Pornodarstellerin ihr Studium an einer elitären Universität finanziert und diese Tätigkeit genießt, was sie auch mitteilt.[91] Als ihre wahre Identität bekannt wurde, geriet sie dadurch ins Zentrum eines „Shitstorms [von] Feministinnen, Konservative[n] und sittenstrenge[n] Kommilitonen.“[92] Ein Fall einer protonormalistischen, normativ angelehnten Ausgrenzung – hier teilweise äußerst drastisch (wenn man dem Artikel eines Nachrichtenmagazins folgt) in Form der Stigmatisierung zu einer „,Hure‘, die vergewaltigt und abgestochen werden müsse.“[93]

Evers konstatiert, dass die Mainstream-Pornografie in der Mitte der Gesellschaft daheim und Teil des Lebens sei.[94] Als ein Beispiel für die Normalisierung der Pornografie als akademischen Untersuchungsgegenstand, wird die Gründung des Fachblattes „Porn Studies“ durch die englische Medienwissenschaftlerin Feona Attwood genannt, welches im „respektablen Wissenschaftsverlag Routledge [erscheint], der einst Heimat war für Autoren wie Einstein, Adorno, Popper, Marcuse und Sartre.“[95]

Aber auch hier gibt es Vorbehalte zu verzeichnen: Forschungsgelder würden häufig eher den Studien zugeteilt, die die Auswirkungen der Pornografie erforschen und sie nicht vor allem als Kulturleistung untersuchen wollen.[96] Evers fasst eines der Ergebnisse dieser Auswirkungs-Studien zusammen, und zwar, dass eine Pornosucht bisher nicht offiziell nachgewiesen werden kann.[97] Man kann der Nachrichtenmagazingeschichte entnehmen, dass die Pornografie im Grunde normalisiert ist, doch dies häufig und von vielen nicht normativ akzeptiert wird.

Eine weitere Nachrichtenmagazingeschichte (von Barbara Hardinghaus und Dialika Krahe) beschäftigt sich – wie viele andere Betrachtungen ebenfalls – mit dem Verhältnis von Jugend und Pornografie. Die Kurzform „Porno“ werde von der Jugend oft in Verbindung mit einem Kompliment gebracht: „,Baby du bist so PORNO [Hervorhebung von B.H./D.K.]‘“[98] Auch seien „Worte wie ‚Gangbang‘ und ‚Analverkehr‘ unter Teenagern so geläufig wie Tokio Hotel oder ‚DSDS‘.“[99] Also wurden diese ‚Termini‘ der Pornografiebranche von den Jugendlichen für ihre Alltagssprache normalisiert.

Interessant ist, wie hier (wie auch ähnlich bei Philipp Woldin von der „FAZ“) beschrieben wird, dass Pornografie sexuelle Handlungen so vermittelt, dass sie von den jugendlichen Rezipienten als normal erachtet werden und dadurch die Sorge auslöst, eventuell nicht normal zu sein, wenn einem zum Beispiel der Analsex nicht behagt.[100] Die Jugendlichen möchten sich als flexibel-normalistische Individuen an dem orientieren, was ihnen als (vermeintliche) Normalität suggeriert wird und können eine starke Denormalisierungsangst verspüren. Am Beispiel einer durch zu hohen Pornokonsum entstandenen ‚Sexsucht‘ schildert ein Psychotherapeut und Sexualforscher ein in seinen Augen gefährliches Normalisierungspotenzial der Pornografie: „[I]rgendwann denken sie, das sei Normalität und sie müssten es genauso machen.“[101] Ein Beispiel eines Mädchens aus schwierigen Verhältnissen, welches maßgeblich durch zu frühen und häufigen Pornografiekonsum in ihrer sexuellen Sozialisierung negativ beeinflusst wurde, zeigt auf, wie dies stattfinden kann.[102]

An einer anderen Stelle wird wiederum das empirische Ergebnis einer Studie vorgestellt, welches besagt, dass „[d]ie Mehrheit der Jugendlichen […] in ihrem Sexualverhalten so normal oder unnormal [ist], wie sie es schon immer war.“[103] Die Normalität des Pornografiekonsums wirkt sich also großflächig wiederum nicht im Sinne einer Denormalisierung des Sexualverhaltens aus, wenn man dieser Studie folgt. Das Fazit der Reportage fasst dann auch schließlich zusammen, dass sich der Pornografiekonsum nicht so fatal wie oft befürchtet auf die jugendliche Sexualität auswirke und diese weiterhin in ihrer Gesamtheit als normal zu erachten sei[104] – die Pornografie wird somit als etwas dargestellt, was Anormalitäten hervorrufen kann, jedoch dies in der Masse nicht bewirkt, wodurch sie nicht prinzipiell in einem anormalen Bereich angesiedelt wird.

Christoph Scheuermann bezeichnet in seinem Essay den Siegeszug der Internetpornografie „als späten Siegeszug des Voyeurs in die Mitte der Gesellschaft.“[105] Er beschäftigt sich mit dem Pornografiekonsum der jungen Erwachsenen, zu denen er selbst auch zählt, und nennt Beispiele aus seinem Bekanntenkreis: „Einige kennen sogar die Namen ihrer Lieblingsdarsteller, wie bei Kinofilmen. Freund S. erzählt, er habe sich Lesezeichen für die Seiten seiner Stars angelegt.“[106] Hier wird Pornografiekonsum als etwas völlig Normales dargestellt. „Ohne das Internet wäre er nie mit Hardcore-Material in Berührung gekommen, sagt Freund T. Bezeichnend ist, dass heute kaum noch jemand von ‚hardcore‘ spricht, auch das Wort ‚pervers‘ stirbt langsam aus.“[107] Es sind Beispiele für einen Normalisierungsprozess der vergangenen Jahre. Und auch Scheuermann nennt Phänomene, die einen Einfluss der Pornografie auf Sprachschatz und körperliche Ästhetik verdeutlichen. Neue Schlagwörter, wie beispielsweise „Milf“ verbreiten sich, und „mit dem Porno-Boom begannen einige Männer im Bekanntenkreis, sich die Schamhaare zu rasieren, nachdem auch die männlichen Darsteller in den Filmchen ihre Haare entfernt hatten, aus ästhetischen und betriebspraktischen Gründen. […] Auch das männliche Brusthaar stirbt aus.“[108]

Pornografie-Standards werden anscheinend auch in der Gesellschaft normal. Rein statistisch und somit (mit Link) normalistisch gesehen, scheint dies eine nachvollziehbare Folge, denn „[b]ei einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung 2009 kam heraus: 60 Prozent der Männer und circa zehn Prozent der Frauen konsumieren täglich oder zumindest wöchentlich Pornografie“[109], wie Jens Lubbadeh ebenfalls für den „Spiegel“ recherchierte.

Es lässt sich anhand der analysierten Beiträge von „FAZ und „Der Spiegel“ festhalten, dass Pornografie durch die angeführten Verweise auf Ergebnisse von Studien und Statistiken als ein normales Phänomen der Gegenwart betrachtet wird. Der Konsum hat sich in der Mitte der Gesellschaft etabliert. Durch diese statistischen Befunde befinden sich Pornografie und Pornografiekonsum aus Sicht des flexiblen Normalismus in unserer, durch diese Strategie geprägten, Gesellschaft im Normalbereich – nicht nur in der Jugend oder bei den jungen Erwachsenen, auch wenn sie sich in diesen Gesellschaftsbereichen besonders auffällig etabliert hat, wie auch vor allem die Analyse der spezialdiskursiven Studienergebnisse zeigt.

Doch wie sieht es jenseits der Statistik aus? Viele Autoren scheinen der gegenwärtigen Pornografie und ihrem massenhaften Konsum zum Teil etwas argwöhnisch gegenüberzustehen. Man denke zum Beispiel an Alexander Marguier oder Dietmar Dath, die ein gewisses Problempotenzial konstatieren. Auch Christoph Scheuermann, der zwar viele Normalisierungsbeispiele anbringt, scheint nicht genau zu wissen, ob er das Ganze selbst für normal oder anormal halten soll, wie schon der Titel seines Essays „Leider geil“ mitteilt. Vor allem bei Marco Evers und Claudius Seidl lassen sich wiederum Übereinstimmungen zwischen statistischer und gefühlter Normalität finden – bei letzterem sogar in Form eines „Plädoyers für die Pornografie“.

Dies macht eines deutlich: Dieser Interdiskurs ist nicht nur von einer statistisch begründeten Normalität geprägt, der voll und ganz zugestimmt wird, sondern ebenfalls von einer differenzierenden persönlichen Anschauung und Beurteilung, welche sich aus einer, speziell wohl für den Kasus der Pornografie, moralischen Normativität ergibt, von der sich die Berichterstattung nicht freisprechen kann. Es ist also ein divergentes Bild, welches diese Analyse eines Ausschnitts des Interdiskurses liefert.

Fazit

Die gegenwärtige Pornografie bildet ein gesellschaftliches Phänomen voller Ambivalenz. Porno-Chic und Porno-Pop prägen die Populärkultur unserer Zeit seit vielen Jahren. Gleichzeitig herrschen jedoch Sorgen vor einer „Generation Porno“ – die sexuelle Verwahrlosung einer ganzen Generation wird proklamiert. Der Gegensatz einer flexibel-normalistisch ‚rehabilitierten‘ Gina Wild/Michaela Schaffrath und einer protonormalistisch-normativ ‚stigmatisierten‘ Belle Knox/Miriam Weeks bildet auf der Ebene der Einzelfälle ein gutes Beispiel für diesen ambivalenten Charakter des gesellschaftlichen Umgangs mit Pornografie.

Pornografie ist in Form ihres Konsums statistisch gesehen gegenwärtig im Normalbereich angelangt. Dafür sorgt vor allem der rege Konsum in den jüngeren Generationen, aber auch altersunabhängig befindet sich der Pornografiekonsum weit entfernt von einer Randzone. Sehen wir die Normalität im Sinne Links als eine ‚ex post‘ festgelegte, statistisch verdatete an, können wir von einer Normalität der Pornografie in unserer flexibel-normalistischen Gegenwart sprechen.

Gerade Pornografie bildet aber einen teils hochemotional behafteten und weiterhin durch moralische Wert- und Normvorstellungen geprägten Diskursgegenstand. So normal sie statistisch mittlerweile sein mag, ist sie doch weiterhin ein Phänomen mit hohem ‚Reizpotenzial‘. Hier wirkt vor allem die ‚ex ante‘ festgelegte normative Moral. Es scheint, als könne sich auch gegenwärtig ein großer Teil der Gesellschaft nicht davon loslösen, Pornografie prinzipiell als etwas ‚Verwerfliches‘ und ‚Schmuddeliges‘ zu betrachten.

 

 Anmerkungen

[1] Vgl. http://www.alexa.com/topsites/countries/DE: Laut dieser Rangliste der in Deutschland meistaufgerufenen Webseiten befindet sich zum Beispiel xhamster.com auf Platz 24 von 500 und damit noch vor twitter.com auf Platz 26 (Stand: 28.01.2017).

[2] Vgl. Hecken (2016): Pornografie.

[3] Vgl. Müller (2012): Höhlenzeichnung, S. 29.

[4] Vgl. ebd.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Müller (2012): Höhlenzeichnung, S. 29. Interessant ist, dass viele heutige Internet-Pornoclips ebenfalls nur rudimentäre narrative Strukturen aufweisen, sodass die Form des stag films auch weiterhin in gewisser Hinsicht besteht oder gar eine Renaissance erlebt (hat).

[7] Vgl. ebd.

[8] Ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd., S. 30.

[11] Ebd.

[12] Vgl. Lewandowski (2012): Die Pornografie, S. 93.

[13] Vgl. ebd. sowie S. 98.

[14] Vgl. ebd. S. 95.

[15] Vgl. ebd., S. 98.

[16] Ebd.

[17] Vgl. ebd., S. 99.

[18] Vgl. Lewandowski (2012): Die Pornografie, S. 100f.

[19] Vgl. Müller (2012): Höhlenzeichnung, S. 30.

[20] Vgl. Metelmann (2005a): Porno-Pop, S. 7.

[21] Ebd.

[22] Metelmann (2005b): Flesh for Fantasy, S. 51.

[23] Vgl. ebd.

[24] Vgl. ebd.

[25] Vgl. Reißmann/Schulz (2012): Jugendliche, digitale Medien und der Umgang mit sexualisierten Inhalten, S. 173.

[26] Vgl. Kniep (2012): Jugend, Porno, Medien!, S. 275.

[27] Vgl. Gernert (2010): Generation, S. 10ff.

[28] Vgl. Reißmann/Schulz (2012): Jugendliche, S. 172f.

[29] Schmidt/Matthiesen (2012): Pornografiekonsum von Jugendlichen, S. 245.

[30] Ebd., S. 251.

[31] Vgl. ebd.

[32] Reißmann/Schulz (2012), S. 176.

[33] Ebd.

[34] Vgl. Grimm/Rhein/Müller (2010): Porno im Web 2.0, S. 263.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. ebd., S. 263f.

[37] Ebd., S. 264.

[38] Vgl. Kniep (2012): Jugend, S. 277 sowie Grimm/Rhein/Müller (2010), S. 265f.

[39] Beier (2011): „Es wäre naiv anzunehmen, dass die wirkmächtigen Bilder aus dem Netz keinerlei Einfluss haben sollen auf das sexuelle Selbstkonzept“, S. 172f.

[40] Ebd., S. 174.

[41] Vgl. Smith/Barker/Attwood (2014): Teenage Kicks: Die Auseinandersetzung junger Menschen mit Pornografie, S. 62.

[42] Evers (2014): Erregung.

[43] Vgl. Seidl (2015): Nichts als nackte Wahrheit.

[44] Evers (2014): Erregung.

[45] Vgl. Woldin (2014): Wieso schaust du anderen Frauen zu?

[46] Grimm/Rhein/Müller (2010): Porno, S. 264.

[47] Vgl. Woldin (2014).

[48] Vgl. Ebd.

[49] Vgl. Evers (2014).

[50] Vgl. Gerhard/Link/Schulte-Holtey (2001): Infografiken, S. 8.

[51] Vgl. Kaube (2007): Otto, S. 16.

[52] Vgl. Pastötter (2003): Erotic Home Entertainment, S. 48.

[53] Vgl. Reißmann/Schulz (2012): Jugendliche, S. 172.

[54] Vgl. Kniep (2012): Jugend, S. 275.

[55] Vgl. Grimm/Rhein/Müller (2010): Porno, S. 255.

[56] Vgl. Grimm/Rhein/Müller (2010): Porno, S. 255.

[57] Vgl. Schmidt/Matthiesen (2012): Pornografiekonsum, S. 248f.

[58] Ebd., S. 249.

[59] Vgl. ebd., S. 248.

[60] Vgl. Link (2013): Versuch, S. 55., 73ff. – Auf diesen Seiten analysiert Link die Kinsey-Reports als ein diskursives Ereignis, welches dem flexiblen Normalismus in den USA den Durchbruch verschaffte.

[61] Ebd., S. 20.

[62] Ebd., S. 19.

[63] Jäger (2012): Kritische Diskursanalyse, S. 55.

[64] Vgl. Link (2013), S. 42.

[65] Ebd.

[66] Ebd., S. 43.

[67] Vgl. ebd. sowie Link (1995): Grenzen, S. 29.

[68] Vgl. Link (2013), S. 20.

[69] Vgl. Mühl (2014): Zu wild.

[70] Vgl. Marguier (2007): Generation Hardcore.

[71] Ebd.

[72] Vgl. ebd.

[73] Vgl. ebd.

[74] Seidl (2015): Nichts als nackte Wahrheit.

[75] Ebd.

[76] Ebd.

[77] Vgl. Seidl (2015): Nichts als nackte Wahrheit.

[78] Dath (2014): Im Weltreich.

[79] Ebd.

[80] Vgl. ebd.

[81] Vgl. ebd.

[82] Vgl. Woldin (2014): Wieso schaust du anderen Frauen zu?

[83] Vgl. ebd.

[84] Ebd.

[85] Vgl. Woldin (2014): Wieso schaust du anderen Frauen zu?

[86] Vgl. ebd.

[87] Ebd.

[88] Vgl. Evers (2014): Erregung.

[89] Ebd.

[90] Vgl. ebd.

[91] Vgl. ebd.

[92] Evers (2014): Erregung.

[93] Ebd.

[94] Vgl. ebd.

[95] Ebd.

[96] Vgl. ebd.

[97] Vgl. ebd.

[98] Hardinghaus/Krahe (2010): Verlust.

[99] Ebd.

[100] Vgl. ebd.

[101] Hardinghaus/Krahe (2010): Verlust.

[102] Vgl. ebd.

[103] Ebd.

[104] Vgl. ebd.

[105] Scheuermann (2014): Leider geil.

[106] Ebd.

[107] Ebd.

[108] Scheuermann (2014): Leider geil.

[109] Lubbadeh (2015): Lust an der Enthaltsamkeit.

 

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