Mai 282017
 

[zuerst erschienen in: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 10, Frühling 2017, S. 100-107]

Wer Pop konsumiert, setzt sich mit Personen auseinander – mit Stars, Performer*innen, Figuren und Produzenten. Deren Identitäten sind häufig ebenso faszinierend, unterhaltsam, schillernd, verstörend, cool, bizarr und mit vielfältigen Referenzen und Querverweisen versehen wie ihre ästhetischen Produkte. Aus den zahlreichen Neuerscheinungen der angloamerikanischen Popular Music Studies bieten drei Monografien innovative Zugänge zum Zusammenhang von Identitäten und Popmusik: wie wir in und durch Popmusik andere wahrnehmen und wie sich über musikalische Repräsentationen und Performances Vorstellungen von Identitäten vermitteln, verfestigen, entwickeln und vervielfältigen – oder auch: popularisieren.

Solche Fragen betreffen, wie Stan Hawkins deutlich macht, nichts Geringeres als das Verhältnis von Musik und Gesellschaft: »Experiencing music in listening, dancing, concert going, or viewing, establishes a basis for understanding our societies.« Gender spielt in den drei Büchern eine zentrale Rolle, wird aber durchweg als intersektionale Kategorie diskutiert, d.h. in engem Bezug vor allem zu dem für die (angloamerikanische) populäre Musikkultur so zentralen Aspekt ›race‹, aber auch im Verhältnis zu Alter und ›class‹. Gemeinsam ist den Studien außerdem, dass sie sich schwerpunktmäßig eng an den Pop-›Texten‹ orientieren, ihre Schlussfolgerungen also wesentlich aus Close Readings von Musikproduktionen und Videoclips bzw. Filmen heraus entwickeln.

Angesichts der hohen Bedeutung von Stars in der Popkultur und der umfangreichen Star-Forschungen – von der schier unfassbaren Menge an Biografien ganz zu schweigen – mag es zunächst erstaunen, dass der Aspekt Autorschaft in der Popmusikforschung bisher wenig Beachtung gefunden hat. Ron Moy, der an der Liverpool John Moores University lehrt und bisher mehrere Studienbücher und Monografien zu populärer Musik veröffentlicht hat, verweist mit seinem aktuellen Buch »Authorship Roles in Popular Music« auf eine Reihe von »Issues and Debates« zum Thema. Moy geht es also weniger darum, eine kohärente Theorie zur Popmusikautorschaft zu entwickeln, als um Diskussionsimpulse, die auf Erörterungen vorhandener theoretischer Modelle und Analysen musikalischer Beispiele basieren.

Grundsätzlich ist es keine neue Beobachtung, dass Popmusik in der Regel arbeitsteilig entsteht: aus dem Zusammenwirken von Produzentinnen, Songwritern, Sängern, Instrumental*istinnen, Technikern usw. Wie Moy zeigen kann, bestehen »mythologies of the single, named creator« dennoch im Popdiskurs fort, vor allem in Form romantisierender Tendenzen des Rock-Journalismus. Moy widmet sich in seinem Gender-Kapitel u.a. der Frage nach der Autorschaft der Bassistin Carol Kaye, die zahlreiche Aufnahmen einspielte, aber, wie bei Motown-Session-Musiker*innen üblich, selten Credits in Liner Notes erhielt. Mithilfe komplexer Analysen von historischen Quellen und Aufnahmen macht Moy plausibel, dass ohne Credits eine Klärung von Autorschaft nahezu unmöglich ist, selbst wenn man sich intensiv mit dem Sound der infrage kommenden Instrumentalist*innen auseinandersetzt, hier dem Vergleich von Kaye mit ihrem Detroiter ›Kollegen‹ James Jamerson. Am Beispiel der aktuell aufstrebenden Musikerin Janelle Monáe zeigt Moy auf, wie es der Afroamerikanern gelingt, sich als Popmusikautorin zu etablieren, indem sie sich multipler Strategien bedient: Sie kombiniert das Band-Konzept des Rock einerseits mit dem eher Soul- und R&B-typischen Auftreten als Sängerin-Produzentin andererseits. Moys knüpft mit seinen letztlich kritischen Schlussfolgerungen zum Geschlechterverhältnis im Popdiskurs an die Tradition feministischer Diskurs- und Kulturkritik an, kann dabei aber mit exemplarischen Close Readings überzeugend die Relevanz solcher Kritik für die Frage der Popmusikautorschaft herausarbeiten.

In einem historischen Rückblick weist er nach, wie das Konzept vom schreibenden Autor überhaupt erst mit Stars wie Buddy Holly oder den Beatles auf ausführende Popmusiker übertragen wurde. Von der Rock-Kritik aufgegriffen, führte diese Überblendung dazu, dass komponierende Musiker (z.B. Jimmy Page) eher für ihre Leistungen gewürdigt werden als ›lediglich‹ spielende Session-Musiker (z.B. Big Jim Sullivan). Weitere komplexe Fälle von Autorschaft findet Moy u.a. bei Produzenten, wie z.B. Liam Howlett, dessen Rollen als Songwriter, Instrumentalist und Produzent der Band The Prodigy eine ebenso individuelle Erscheinung wie ein exemplarisches Bild für die relativ geringe Bedeutung von explizit benannter Autorschaft im Feld der elektronischen Musik ist.

Kritisch wäre zu bemerken, dass die Auswahl der Beispiele häufig vor allem den subjektiven Interessen des Autors zu entspringen scheint. Auch wäre eine stärker systematische Durchdringung des Themas wünschenswert, obwohl man die Leistung nicht übersehen sollte, zunächst einmal zentrale »Probleme und Debatten« zum Thema Popmusikautorschaft aufzuzeigen. Moys Beispiele bieten dabei einen vielfältigen Streifzug durch diverse Genres von Rock bis zu elektronischer Tanzmusik, von den 1950er Jahren bis heute – und seine Höranalysen, die den »Phonologisten« als Autor explizit mit einbeziehen, decken etliche spannende Details und Diskussionspunkte unmittelbar anhand der Sounds auf.

Aus der breiten Palette an Pop-Autoren-Rollen interessiert sich Stan Hawkins in seinem Buch »Queerness in Pop Music. Aesthetics, Gender Norms, and Temporality« in erster Linie für die Performer*innen. Hawkins, Professor für Popular Musicology an der Universität Oslo, zählt mit etlichen einschlägigen Publikationen und Forschungsprojekten zu den etablierten Vertretern seines Fachs, nicht zuletzt im Bereich Musik und Gender. Auf der Suche nach Queerness durchstreift er angloamerikanische Popmusik seit den 1970er Jahren bis heute, wobei er seine Beispiele immer wieder durch präzise historische Überblickspassagen rahmt und dadurch im Verlauf des Buchs ein breites Gesamtbild erstellt. In manchen Teilen widmet sich Hawkins eher subkulturellen Beispielen aus dem Queercore (z. B. Pansy Division) oder aus queerem Hip-Hop (z. B. Le1f oder Zebra Katz). Insgesamt geht es ihm aber weniger darum, möglichst entlegene oder extreme Fälle vorzustellen; in erster Linie diskutiert er die bekannten Stars, von David Bowie über die Pet Shop Boys, Madonna, Anthony Hegarty bis zu Lady Gaga und Nicki Minaj – mit jeweils frischen analytischen Zugängen zu ihrer Musik und ihren Live- oder Videoclip-Performances. Dabei kombiniert Hawkins zwei Methoden: Zum einen geht er vom Hören aus (»temporal-specific listening«), wobei es für ihn selbstverständlich ist, Klang und Bild aufeinander zu beziehen, zumal die Performance, insbesondere der Videoclip im Zentrum seiner Analysen steht. Der zweite methodische Zugang ist ein biografisch orientierter, der auf die Selbstbeschreibungen der untersuchten Pop-Künstler*innen abzielt.

Im Unterschied zu anderen Autor*innen auf dem jungen Forschungsfeld Queer Studies (z.B. J. Jack Halberstam mit dem Buch »Gaga Feminism«) gönnt sich Hawkins auffällig wenig Raum zur Selbstpositionierung. Es mag dennoch auch mit seiner männlichen Identität zusammenhängen, dass er sich weniger mit feministischen Aspekten auseinandersetzt, aber ein komplettes Kapitel der Frage nach »Masculinity« widmet. Nicht nur hier zeigt Hawkins allerdings seinen differenzierten und breiten Blick auf ›Diversity‹, indem er auch Männlichkeitsperformances weiblicher Stars wie Beyoncé oder Janelle Monáe unter die Lupe nimmt sowie – mit bewusst einkalkuliertem Überraschungseffekt – bei so vermeintlich eindeutig ›straighten‹ Männern wie Bruce Springsteen und Kurt Cobain queere Züge identifiziert.

In anderen Kapiteln widmet sich Hawkins Liebe als »a very queer construct«, geht der für den LGBT-Bereich so wichtigen Frage nach der Bedeutung von Bekenntnissen nach, hebt sodann die artifiziellen Strategien der Performance, das Spiel mit Verweisen und (Selbst-)Referenzen hervor und setzt sich mit Camp auseinander. Dass er den Titel des Schlusskapitels mit dem Wort »Futurity« beginnt, spiegelt eine in seinem Buch häufig anzutreffende Beobachtung: Queerness stelle sich in Popmusik gerade dann dar, wenn die Musik vom »here and now« auf eine oft durchaus utopisch empfundene/gedachte/konstruierte oder performierte Zukunft verweist jenseits der Begrenzungen heteronormativer Gegenwart.

Hawkins kombiniert detaillierte Analysen von Performances, Studioproduktionen, Stimmen, Gesangslinien, Spielweisen, harmonischen Elementen und Songstrukturen mit biografischen Informationen, medial vermittelten Positionierungen von Künstler*innen und Aspekten zu Chartplatzierungen, Medienechos etc. Grundsätzlich lesen sich seine Interpretationen als sorgfältige, anregende Zugänge zur musikalischen Darstellung von Queerness, entwickelt anhand theoretischer Grundlagen von Michel Foucault über Judith Butler bis zu Halberstam und Nicholas de Villiers. Manche Interpretationen glänzen durch ebenso bildhafte wie präzise sprachliche Beschreibungen, die mithin deutlich subjektive Färbungen zulassen, sich aber vielleicht gerade dadurch eignen, um queere Bezüge aufzudecken. Auf der anderen Seite wird bei einzelnen Auflistungen analytischer Details nicht immer klar, inwiefern sie für die Argumentation notwendig sind.

Insgesamt vermittelt Hawkins’ neuestes Buch ein faszinierendes Bild von der Vielfalt der Queerness in der Popmusik. Ob es an der eher distanzierten Beobachterperspektive liegt oder dem für die Thematik eher geringen Raum für Kritik: Neben der Faszination und vielen neuen Einsichten bleibt der Eindruck zurück, dass Queerness und Pop in Hawkins’ Deutung fast ein wenig zu leicht zusammenkommen. Obwohl er die Wirkungsmacht der Heteronormativität und die Anti-Bewegungen zu queerer Kultur stets mit im Blick hat, impliziert Hawkins’ mitreißende Begeisterung für Pop-Queerness einen gewissen Zug von utopischem Eskapismus.

Amanda Howells Buch »Popular Film Music and Masculinity in Action« ist in diesem Zusammenhang so interessant, weil es aufzeigt, wie stark die Popularisierung von Geschlechteridentitäten sich im medialen und kulturellen Zusammenwirken von Musik und Film verzahnt. Zugleich erweitert es den Horizont, indem hier weniger die queeren, innovativen, modernen oder transgressiven Aspekte von Männlichkeit im Vordergrund stehen als deren eher antimoderne, traditionalistische Seiten. Howell, die an der Griffith University, Brisbane and Gold Coast, lehrt, beschreibt ihren Hintergrund als den einer feministischen Filmwissenschaftlerin. Dennoch tritt sie deutlich für eine gründlichere Auseinandersetzung der Filmwissenschaft mit der Musik ein, wobei sie sich auf einschlägige Ansätze zur musikwissenschaftlichen Analyse von populärer Musik beruft (z.B. von David Brackett oder Richard Middleton). Ausgehend von der Beobachtung, dass die so zentrale Inszenierung und Faszination männlicher Körper im Film bisher wenig akademische Beachtung gefunden hat, widmet sich Howell Filmen mit »pop scores«, also popmusikalischen Soundtracks, die – in einem gewissen Unterschied zur üblichen Hollywood-Orchester-Musik – bewusst gehört werden wollen und sollen.

In aufschlussreichen, kontextbezogenen Film- und Musik-Lektüren widmet sich Howell u.a. der Erneuerung des Gangster-Genres durch die Filme des Musikliebhabers Martin Scorsese, der Immigrationserfahrungen mit Musik als Erinnerungsmedium illustriert (einschließlich des Knisterns häufig abgespielter Schallplatten in »Mean Streets«). Auch die Musik zu Mainstream-›Militainment‹-Streifen wie »Top Gun«, »Armageddon« oder »Black Hawk Down« mit ihren heroischen Gitarrensounds wird im Hinblick auf Männlichkeitsinszenierungen unter die Lupe genommen. Queere Aspekte entdeckt Howell interessanterweise auch und gerade im Genre des Road Movies, z.B. in »The Living End«.

Ihr erstes Kapitel, das der Etablierung von Rock ’n’ Roll im Hollywoodfilm gewidmet ist, wäre allen als Lektüre zu empfehlen, die sich für die Entwicklung von Popmusik als Jugendkultur in den 1950er und 60er Jahren interessieren. Howell zeichnet nach, wie der Film »Blackboard Jungle« (1955) mit Bill Haleys Hit »Rock Around the Clock«, von Franz Zappa als »Teenage National Anthem« tituliert, zunächst die Konnotation von Rock ’n’ Roll mit juveniler Männlichkeit, Sexualität und Gewalt etablierte. Was in der neuen Teenagerkultur bereits affirmativ aufgegriffen wurde, erhielt dann mit dem Stardom Elvis Presleys und seinen filmischen Backstage-Musicals (»Loving You«, »Jailhouse Rock« und »King Creole«) ein positives, neues Ideal des männlichen Outsiders, der feminine Stilelemente und delinquente Züge von marginalisierter afroamerikanischer Kultur sowie weißer Arbeiterklasse in sich vereint. Vor diesem Hintergrund beobachtet Howell, wie sich das durch Elvis eingeführte neue delinquente Männlichkeitsmodell in Filmen wie »Bonnie and Clyde«, »The Graduate« und »Easy Rider« fortsetzt, in denen Rockmusik ebenfalls eine prominente Rolle spielt.

Als von nicht geringerer historischer Auswirkung auf popmusikalische Männlichkeitsinszenierungen lassen sich mit Howell die Blaxploitation-Filme der frühen 1970er Jahre betrachten. In ihnen lösten gewalttätige Helden und Antihelden die integrativen afroamerikanischen Figuren der 1960er ab. Katalysator dieser Strömung war der erstmals mit großem finanziellen Erfolg bedachte Film »Sweet Sweetback’s Baadasssss Song« über einen afroamerikanischen Sexarbeiter, der stereotype Züge des virilen Schwarzen und Tricksters in sich vereint. Howell macht plausibel, wie der in den 1960ern zum »sound of black pride« gewordene Funk, hier eingespielt durch Earth, Wind & Fire, zum bewegenden und befreienden Motiv des Films wird, der dadurch große Bedeutung in der Black-Panther-Bewegung erfährt. In einer kritischen Wendung zeigt Howell auch, dass die maskulinistische Inszenierung der Musik im Film ihr weiterhin als Konnotation anhaftet. Alles in allem hat Howell eine sowohl für Musik- als auch für Film-Interessierte lesenswerte Studie vorgelegt, die wichtige intermediale Perspektiven für das noch junge Feld der Masculinity Studies bereithält.

 

 Literatur

Stan Hawkins: Queerness in Pop Music. Aesthetics, Gender Norms, and Temporality, New York 2016 (Routledge Studies in Popular Music 10).

Amanda Howell: Popular Film Music and Masculinity in Action. A Different Tune, New York und London 2015 (Routledge Advances in Film Studies 38).

Ron Moy: Authorship Roles in Popular Music. Issues and Debates, New York und London 2015.

 

Florian Heesch ist Professor für Populäre Musik und Gender Studies an der Universität Siegen.

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