Feb 022017
 

Anmerkungen und Leitfragen zum Kooperationsthema ‚hohe Kultur‘.

Der Merkur-Blog – die Internetseite der Zeitschrift „Merkur“ – und pop-zeitschrift.de – die Internetseite der Zeitschrift „Pop. Kultur und Kritik“ – werden 2017 kooperieren. Als Thema der Artikelserie, die von Autor*innen der beiden Websites und Zeitschriften bestritten wird, haben wir ‚hohe Kultur‘ ausgesucht.

Das Thema liegt insofern nahe, als es einerseits ein entscheidender Gegenbegriff zu ‚populärer Kultur‘ war (oder ist) und andererseits den Ort des „Merkur“, der im Untertitel „Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ trägt (bzw. trug: seit Januar 2017 heißt es „Gegründet 1947 als…“), gut zu bezeichnen scheint.

An dieser letzten vorsichtigen Angabe wird auch schnell die Eigentümlichkeit des Themas deutlich. ‚Hohe Kultur‘ zählt zu den Begriffen, die sich kaum jemand selbst mehr zuschreiben möchte, er wird von den meisten als peinlich und anmaßend eingestuft. Wird er noch gebraucht, dann in Anführungsstrichen, die große Distanz signalisieren.

Das steht in starkem Gegensatz zu ‚populäre Kultur‘. Dieser Begriff wird mittlerweile zumindest im Wissenschaftssektor gerne verwendet, auch ohne Anführungsstriche. Mehr noch, es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Begriffen um ihn herum, das Wortfeld umfasst ‚Massenkultur‘, ‚Pop‘, ‚Popkultur‘, ‚Alltagskultur‘, ‚Unterschichtenkultur‘, ‚Volkskultur‘. Oft wird all das bloß synonym gebraucht, es gibt aber auch eine Vielzahl an Sprechern, die auf Unterschieden beharren und die diese Unterschiede auch benennen. Dieselben Operationen vermisst man hingegen bei ‚hoher Kultur‘.

Weitgehend verschwunden ist allerdings die ‚niedere Kultur‘, dieser Begriff ist offenkundig zu stark negativ konnotiert, obwohl er ja beinhaltet, dass die mit ihm bezeichneten Dinge oder Menschen über Kultur verfügen, wenn auch in geringerem Maße. Zum Kontrast ein Auszug aus dem „Grünen Heinrich“ von Gottfried Keller. Dort berichtet Heinrich Lee über seine eigenen jugendlichen Lesegewohnheiten und die einer Reihe gewöhnlicher Zürcher Bürger, die eine „Unzahl schlechter Romane“ lesen. „Aristokraten“, heißt es kurz darauf, würden von „Plebejertum“ sprechen; eine Verbindung zwischen beiden Schichten existiert nur in der Form, dass Letztere empfänglich für das aus Sicht Heinrich Lees längst entwertete und abgesunkene Kulturgut Ersterer sind:

„Verlorengegangene Bände aus Leihbibliotheken, niedriger Abfall aus vornehmen Häusern oder von Trödlern um wenige Pfennige erstanden, lagen in der Wohnung dieser Leute auf Gesimsen, Bänken und Tischen umher, und an Sonntagen konnte man nicht nur die Geschwister und ihre Liebhaber, sondern Vater und Mutter und wer sonst noch da war, in die Lektüre dieser schmutzig aussehenden Bücher vertieft finden. Die Alten waren törichte Leute, welche in dieser Unterhaltung Stoff zu törichten Gesprächen suchten; die Jungen hingegen erhitzten ihre gemeine Phantasie an den gemeinen unpoetischen Machwerken oder vielmehr, sie suchten hier die bessere Welt, welche die Wirklichkeit ihnen nicht zeigte. Die Romane zerfielen hauptsächlich in zwei Arten. Die eine enthielt den Ausdruck der üblen Sitten des vorigen Jahrhunderts in jämmerlichen Briefwechseln und Verführungsgeschichten, die andere bestand aus derben Ritterromanen.“

„Jämmerlich“, „töricht“, „schmutzig“, „niedrig“, „Abfall“ – das sind Worte aus einer vergangenen Zeit, die heute kaum ein Feuilletonist und schon gar kein Kulturpolitiker mehr in den Mund nimmt. Für die ‚hohe Kultur‘ gilt das aber auch, obwohl nach wie vor jeder versteht, dass mit der Metapher des ‚Hohen‘ nur das größte Lob gezollt wird – und das auch noch im Bereich der ‚Kultur‘, die bereits ohne positive Adjektive heutzutage einen sehr guten Klang besitzt. Man könnte doch zumindest bei festlichen Anlässen ‚hohe Kultur‘ sagen, ohne etwas als ‚niedrig‘ zu entwürdigen. Alles andere verschwände dann im Ungenannten. Selbst wenn auf das, was nicht ausgezeichnet wird, hingedeutet würde, könnte man auf das weniger Hohe, das ‚Umstrittene‘ oder ‚noch nicht Durchgesetzte‘ verweisen, ohne jemandem die Schmach des Niedrigen anzutun. Dass selbst diese Lösung nicht ergriffen wird, zeigt den Bedeutungsverlust der ‚hohen Kultur‘ für die öffentliche Rede deutlich an. Oder zeigt es vielmehr die enorme, sorgsam verdrängte Bedeutung der ‚hohen Kultur‘ an?

Oder signalisiert der Aufstieg von ‚Pop‘ und ‚populärer Kultur‘, dass es tatsächlich keine ‚hohe Kultur‘ mehr gibt, dass sie mit dem ‚Bildungsbürgertum‘ verschwunden ist – oder Teile von ihr in ein nun allgegenwärtiges Mischmasch und Mittelmaß eingegangen sind? Wenn dies aber die allgemeine Überzeugung wäre, läge es nahe, dass nicht wenige gerade die ‚hohe Kultur‘ beschwörten, an sie erinnerten und die Rückkehr zu ihr forderten. Davon hört man aber nichts.

Andererseits herrscht an Urteilen kein Mangel, auch nicht an Kultur- und Kunstorganisationen. Es wäre doch erstaunlich, wenn in all den Theatern, Akademien und Museen nicht versucht würde, das Beste auszuloten und zu präsentieren. Auch wenn sich manches oder vielerlei darunter befände, was früher als ‚niedrig‘ bewertet wurde, könnte dies nun doch auch oder gerade als Teil der hohen Kultur ausgegeben werden.

Läuft der Verzicht, über ‚hohe Kunst und Kultur‘ zu sprechen, deshalb nicht bloß darauf hinaus, die ständig stattfindenden Auswahlprozesse unsichtbar zu machen und der öffentlichen Diskussion zu entziehen? Oder versteckt sich das ‚Niedere‘ als Gegenbegriff zum Hohen in pejorativen Bezeichnungen wie ‚Trivialliteratur‘, ‚Kitsch‘ oder im U der an vielen Orten – vom Feuilleton bis zu Förderinstitutionen – implizit oder explizit nach wie vor mit einiger Selbstverständlichkeit getroffenen Unterscheidungen zwischen U (als bloßer Unterhaltung) und E als dem ‚Hohen‘? Werden also durch die Auswahl, die täglich in Universitäten, den Kulturabteilungen der öffentlich-rechtlichen Sender, in Ausstellungsstätten stattfindet und die durch die Kulturpolitik der Städte, der Länder und des Bundes vorbereitet wird, die alten Kriterien des ‚Hohen‘ und ‚Niedrigen‘ dann doch stillschweigend verlängert?

Mit der Unterscheidung von ‚hoher‘ und ‚niederer‘ Kultur waren immerhin beide Seiten scharf exponiert. Auch auf das ‚Niedrige‘ musste mitunter hingewiesen werden, um es auszuschließen. Solche unmissverständlichen Unterscheidungen und Bewertungen führen erfahrungsgemäß immer wieder zu Widersprüchen, dem Verlangen nach Begründung und zu Revisionen.

Heutzutage ist diese Unterscheidung aber so weit in den Hintergrund gerückt, dass nicht einmal mehr zum historischen Wissen gehört, worin die Unterscheidung genau bestand, was ihre Kriterien waren und wie sie begründet wurden. Oder ist das nur eine historische Illusion – hat es das ‚Bildungsbürgertum‘ nie gegeben?

 

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