Jan 202017
 

Mediale Transgressionen von Genderrollen werden im Modus der Pose häufig begünstigt. Es gibt aber auch inszenierte Überschreitungen von Genderstereotypen, die insofern nicht ›echt‹ sind, als Leute sie nicht ›leben‹ können oder wollen. Wo die Pose eine freiwillige Wahl, eine Entscheidung fordert,[i] bleibt man vor diesem Bild erst einmal fragend allein zurück.

Schaut man sich etwa Szenen von instabiler Weiblichkeit und Männlichkeit in den Zeitgeistmagazinen ab Mitte der 1980er Jahre an, bekommt man nicht selten den Eindruck, dass das Verlassen der vorgegebenen Genderrollen eher unfreiwillig geschieht und durch das je nicht eigene Geschlecht (vermeintlich) forciert wird.

Dabei muss man zwei Faktoren bedenken. Zum einen erfährt die Sphäre der Weiblichkeit eine gewisse (visuelle) Dominanz in der Zeitgeistpresse, die mit dem Profil von Pop selbst zu erklären ist. So hat Thomas Hecken darauf hingewiesen, dass Popcharakteristika wie Oberflächlichkeit, Konsum, Passivität, verführerischer Reiz, Mode und Körperlichkeit, leichte Unterhaltung etc. zum großen Teil der Sphäre weiblicher Stereotype entstammen.[ii] ›Vermännlicht‹ werden konnten sie erst, so Hecken, im Zuge avantgardistischer, gegenkultureller und dissidenter Umdeutungen.

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»Tempo« Nr. 5, 1995 (© Jahreszeiten Verlag GmbH, Hamburg)

Zum anderen und damit zusammenhängend muss man sich vor Augen halten, dass es seinerzeit in erster Linie Männer sind, die nicht nur die Posten der Chefredaktion und der Artdirektion besetzen, sondern auch die Diskurse des Pop anleiten.

So wird von der Zeitgeistpresse Anspruch darauf erhoben, Pop für eine junge, urbane und wiederum männliche Zielgruppe publizistisch zu definieren. Für jene sich als (gegen)gegenkulturell und dissident verstehenden Popvertreter ist wiederum genau dieser Anspruch erster Stein des Anstoßes. Man beklagt die »grenzenlose Widerwertigkeit«, mit der die Zeitgeistvertreter sich in Dinge einmischten, die sie nichts angingen (Pop, Politik und dergleichen), und kritisiert, genau wie die Kulturredaktionen der etablierten Medien, die »pornografischen« Inhalte, die übertrieben hedonistische und unpolitische Art, sich selbst als Sprachrohr einer ganzen Generation auszugeben.[iii]

Das Nachdenken darüber, wie hier teilweise indirekt Gender ausgehandelt und umkämpft wird, muss dabei vor dem Hintergrund einer Phase des Feminismus stattfinden, die sich von den Einstellungen der politisch aktiven aber tendenziell popfeindlichen »Zweiten Welle« der 1970er Jahre entfernt hat. Was man in dieser Zeit vorfindet, ist landläufig als backlash bezeichnet worden.[iv]

Auf der anderen Seite findet man im sog. Postfeminismus des ausgehenden Jahrhunderts auch die Anerkennung von Errungenschaften der »Zweiten Welle« wieder. In den cultural studies wird deshalb die Annahme vertreten, dass sich die Lage nicht allein auf die backlash-These reduzieren lässt. Vielmehr gebe es ein Nebeneinander von neokonservativen Einstellungen bezüglich Gender, Körperpolitik, Familie etc. und einem Prozess der Liberalisierung von Sexualitäten und Identitäten.[v]

In Deutschland lässt dennoch eine wirkmächtige »Dritte Welle« des Feminismus lange auf sich warten. Während insbesondere in den USA die Aktivität der riot grrrls in den 1990er Jahre einen Kontrapunkt zum Mainstream-Phänomen der girl power international erfolgreicher Popstars wie den Spice Girls bildet, wird in Deutschland die Vorstellung einer größtenteils emanzipierten und ›unkomplizierten‹ Weiblichkeit hegemonial, die nicht mehr an feministischer Front angesiedelt ist, sondern vielmehr auf konsumistischer Ebene für gesellschaftliche Teilhabe durch wirtschaftlichen Erfolg und Lifestyle steht.

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»Tempo« Nr. 6, 1995 (© Jahreszeiten Verlag GmbH, Hamburg)

Symptomatisch für diese neue Auffassung ist der Typus des Girlies, der in den 1990er Jahren eine ganze Reihe von Titelseiten der Zeitgeistpresse ziert. Historisch vor dieser Figur lässt sich jedoch ein anderes Frauenbild ausmachen, das als exemplarisch für die Vermischung von backlash und Liberalisierung angesehen werden kann und das ich in Anlehnung an Angela McRobbie als »phallische Frau« bezeichnen möchte.

Das Zeitgeistmagazin Tempo (1986-1996) steht in mehreren Hinsichten, vor allem in den 1980er Jahren, den Ansichten der Partei Die Grünen und damit auch der Frauenrechtsbewegung nahe. Trotzdem wird weniger als ein Viertel der Redaktion von Frauen besetzt. Ein Anteil, der Feministinnen entschieden zu gering ist. Die Ausrichtung der Zeitschrift stößt gleich in mehreren Hinsichten auf Ablehnung. Das »Jungherrenmagazin«[vi] wird als sexistisch und effekthascherisch kritisiert, und Autorinnen von Emma fällt es »schwer zu entscheiden, was an der Zeitschrift das Schwachsinnigste ist. Sind es die Fotos oder sind es die Inhalte der Artikel? Ich fürchte, es ist der Stil der Artikel. Schlaffer Neo-Chauvie versucht sich in flotten Sprüchen.«[vii]

Die Kritik richtet sich dabei nicht nur gegen Tempo. Bereits die Zeitschrift Wiener hatte den Ärger von Alice Schwarzer auf sich gezogen, und Tempo stellt sich ihr nicht minder sexistisch dar: »Dieselbe Zielgruppe, die gleichen Macher und denselben eiskalten Sexismus hat das Konkurrenzblättchen ›Tempo‹, das in großer Hast und Rivalität mit dem ›Wiener‹ auf den Aufsteiger-Markt kam.«[viii] Deutlich wird, dass der gesamte Zeitgeistsektor den Vorstellungen der radikaleren Frauenbewegung zuwider läuft, geht es ihr doch nicht wenig um die mediale Darstellung von sexualisierter Weiblichkeit und der damit implizierten Entwürdigung der Frau.

Entwürdigung erfährt eine Frau nach dieser Auffassung auch, indem sie auf überzogene Art und Weise mit den Zeitgeistattributen ausgestattet wird, die Hecken als stereotyp »weibliche« Popmerkmale beschrieben hat. Das ephemere und oberflächliche Moment der Zeitgeistpresse, das im deutschen Feuilleton für kritische Kommentare sorgt, gilt auch Vertreterinnen der »Zweiten Welle« als absolut minderwertig. Immerhin finden sich allein auf den Titelbildern von Tempo zwischen 1986 und 1996 rund 60% Frauen, wobei etwa 67% davon stark sexualisiert werden, d. h. in eindeutig sexuellen Kontexten, nackt oder nahezu nackt bzw. mit auffällig exponierten Geschlechtsmerkmalen abgebildet werden.

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»Tempo« Nr. 6, 1986 (© Jahreszeiten Verlag GmbH, Hamburg)

Dass es in der Darstellung von Weiblichkeit im Zweifel tatsächlich eher um die Pflege des liberalen und popaffinen Images als um eine Form der weiblichen Ermächtigung geht, zeigt sich in der Ausgestaltung einer Reihe von Titelstorys, in denen etwa die Journalistin Susanne Schneider 1986 über ihren Besuch bei der deutschen Bundeswehr berichtet und ihren Artikel verfasst, als sei sie die erste Soldatin der Nation.[ix]

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»Tempo« Nr. 8, 1988 (© Jahreszeiten Verlag GmbH, Hamburg)

Monika Fischer schreibt eine Reportage über ihr Selbstexperiment, in welchem sie sich als Domina übt,[x] und die Titelstory »Statt Scheidung Mord«, in der es um tödliche Gewaltverbrechen innerhalb der Ehe geht, trägt entgegen jeder statistischen Wahrscheinlichkeit eine Frau mit einer Pistole auf dem Cover.

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»Tempo« Nr. 5, 1986 (© Jahreszeiten Verlag GmbH, Hamburg)

Was hier versucht wird, ist – mit einer vermeintlichen und in Szene gesetzten Abweichung von weiblichen Stereotypen, nämlich der phallischen Attribuierung von Frauen –, das Grenzüberschreitende zum journalistischen Skandalon zu erklären. Die Maskerade übt dabei jedoch keine dekonstruktivistische Kritik durch eine Art von cross-dressing, sondern vielmehr wird Weiblichkeit hier mit stereotypen Männlichkeitssymbolen zugunsten aufreizender Effekte ausstaffiert.

Auf den ersten Blick ließe sich das Eindringen weiblicher Subjekte in die »männliche« Sphäre als Aneignung interpretieren. Eine bewaffnete Frau würde in diesem Sinne für eine Art Selbstermächtigung stehen, da die Übernahme männlicher Attribute von Seiten weiblicher Subjekte im Gegensatz zur umgekehrten Adaption eine gesellschaftliche Nobilitierung bedeutet.

Die Art der Inszenierung spricht jedoch weniger für eine identifikatorische Lesart, als vielmehr für eine Rezeption als journalistischer Coup mit entsprechenden medienökonomischen Effekten. Damit wird freilich das Gegenteil einer Ermächtigung bewirkt, weil der Bruch im Stereotyp der Frau der Sphäre des Möglichen entrückt wird. Angela McRobbie hat deutlich gemacht, dass eine solche lizensierte Mimikry eine Neuordnung der Geschlechterordnung viel stärker verhindert als begünstigt und die Aneignung des Phallus keine Kritik der männlichen Hegemonie darstellt.[xi]

Offenbar wird schon an der Covergestaltung, dass die Signifikationsmacht weiblicher Identitäten zu einem großen Teil durch eine männliche Perspektive ausgeübt wird. Der Blick, mit dem Weiblichkeit gelesen werden soll, geht von der Frau als Begehrensobjekt aus. Die Szene des Ehegefechts auf dem Cover der Mai-Ausgabe 1986 zeigt in dieser Weise nicht nur ein geschminktes Frauenprofil mit angeschlagener Pistole, sondern gleichsam einen Mann im Hintergrund, der diese bewaffnete Frau beobachtet. Die Betrachtung des Titelbildes ist also nicht die eines bewaffneten Ehekonflikts, sondern die einer männlich begehrenden Beobachtung.

Die sexuelle Aufladung der phallischen Frau zeigt sich bei der vermeintlichen Soldatin in einer grellen Rotausleuchtung und im Tragen eines militärsymbolisch umgedeuteten BHs. Die Frau behält also ihre zugeschriebenen sexuellen Weiblichkeitsmerkmale, überpointiert diese geradezu und wird gleichzeitig von außen mit phallischen Attributen ausgestattet, die ihr aber nur spielerisch geliehen werden und weiterhin unter männlicher Kontrolle bleiben.

Von außen werden ihr diese Attribute auch insofern übergestülpt, als die Autorfunktion dieser Berichterstattung unabhängig vom Geschlecht der schreibenden Journalistin ist. So geht es trotz der Form des subjektivistischen Erlebnisberichts der 26-jährigen Autorin Monika Fischer nicht etwa um das Seelenleben einer Domina, sondern um die detailreiche Darstellung sadomasochistischer Praktiken aus der Warte des Mannes:

»Man schnüre den Lederriemen einmal um die Peniswurzel, einige Male um den Hodensack, dann wieder um die Peniswurzel und schließlich um den Schaft. Dann ziehe man das Band so fest, daß es das Blut in die Penisspitze preßt. Fertig ist der Sklave: Er kann gepeitscht, getreten und erniedrigt werden. Das war die erste Lektion in dem ungewöhnlichsten Fortbildungskurs, den ich je gemacht habe. ›Ausbildung zur Domina. Ein Einführungsseminar‹ – so stand es in einer Stadtzeitschrift unter ›Zwischenmenschliches‹. Eine kleine unscheinbare Anzeige, die Großes versprach: Du kannst die Lust am Quälen lernen. In der ›Cosmopolitan‹ zog eine Domina zum selben Thema vom Leder: ›Immer mehr Männer schicken ihre Ehefrauen in meine Einführungskurse. Und sie sind alle mit Feuereifer bei der Sache.‹«[xii]

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»Tempo« Nr. 4, 1986 (© Jahreszeiten Verlag GmbH, Hamburg)

Auch Männlichkeitsdarstellungen lassen sich auffinden, die dem Schema der ›unechten‹ Überschreitung folgen, auch wenn sie sich in der Requisite ›echter‹ Posen bedienen. Zwar sieht man auf den Titelbildern ebenfalls die hegemonial werdenden Ideale männlich konnotierter Machtmerkmale wie definierte Muskeln, ernster Blick, die Andeutung eines großen Penis etc., doch scheint auch dieses Bild einen Bruch geradezu zu provozieren. Aber auch hier kann die Grenzüberschreitung nicht als (homosexuelle) Ermächtigung gelesen werden, da die ›Verweiblichung‹ des Mannes als eine Forderung der Frau inszeniert wird.

Exemplarisch dafür kann die Titelstory der zweiten Ausgabe im April 1986 gelesen werden. Prominente Frauen »verraten« dort in ein bis zwei Sätzen ihre Idee von einem Traumtypen, der dann in einer Interpretation der Fotografin Sheila Rock monochrom und ganzseitig in Szene gesetzt wird. Als begehrenswert werden hier das Spiel mit Androgynität, Stars wie David Bowie, schlanke Männer mit Röcken und langen Haaren ausgezeichnet. Dies alles aber nur unter der Bedingung, dass sie ganz eigentlich selbstsicher, stark und erfolgreich sein sollten.

Der beispielhafte Traummann Elfride Jelineks ist danach schlaksig mit langen Haaren, trägt Jeans und T-Shirt und ist weder »Softie« noch »Macho«. Eine Münchener Schauspielerin begehrt »Transvestiten, Bisexuelle, sanfte Typen in einem Rock oder Cocktailkleid«. Die weibliche Weichheit und sexuelle Ambiguität wird jedoch nur deshalb als begehrenswert ausgewiesen, weil darin wiederum »männliche« Stärke vermutet werden soll: »Männer, die nach außen weich sind, sind in ihrem Inneren meist sehr stark.« Der Typus des »selbstbewussten Softies«, der weder »Macker« noch »Waschlappen« ist, weiß seine Identität selbstironisch ad absurdum zu führen. Dabei ist, was einer anhat, »völlig wurscht, solange er ein Mann bleibt«.

 

Anmerkungen

[i] Vgl. Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik. Köln 2014, 138 f.

[ii] Vgl. Thomas Hecken: »Pop-Literatur« oder »populäre Literaturen und Medien«? Eine Frage von Wissenschaft und Gender. In: Katja Kauer (Hg.): Pop und Männlichkeit: Zwei kulturelle Phänomene in prekärer Wechselwirkung? Berlin 2009, 19-35, 19. Thomas Hecken: Populäre Kultur. Mit einem Anhang »Girl und Popkultur«. Bochum 2006, 142.

[iii] Diedrich Diederichsen: Zeitschriften. In: Spex 7/86, 49.

[iv] Der von Susan Faludi geprägte Begriff weist auf die falsche Sicherheit hin, mit der in den späten 1980er Jahren öffentlich behauptet wird, dass alle Ziele des Feminismus so gut wie durchgesetzt wären. Faludi geht es vor allem darum, im Amerika der 1980er Jahre den impliziten Antifeminismus aufzudecken, der u. a. hinter der medialen Präsenz der Frau als Opfer des Feminismus steht. So wird auch Hollywood nicht müde, die Frau als von ihrer eigens erkämpften Freiheit versklavt darzustellen. Frauen müssten dort den geschlechtlichen Liberalismus häufig mit Krankheit, Einsamkeit, Armut und Kinderlosigkeit bezahlen. Susan Faludi: Die Männer schlagen zurück. Wie die Siege des Feminismus sich in Niederlagen verwandeln und was Frauen dagegen tun können. Reinbek bei Hamburg 1993, 171.

[v] Vgl. etwa Angela McRobbie: Postfeminism and Poplar Culture. Bridget Jones and the New Gender Regime. In: Yvonne Tasker, Diane Negra (Hg.): Interrogating Post-Feminism. Gender and the Politics of Popular Culture. London 2007, 27-39.

[vi] Alice Schwarzer: Der Kommentar. In: Emma. Nr. 12 1987, 18-19, 18.

[vii] Anonymus: Zeit-»Geist«? In: Emma. Nr. 3 1986, 9.

[viii] Alice Schwarzer: So antworten die neuen Männer den neuen Frauen. In: Emma. Nr. 9 1986, 4-5, 4.

[ix] Susanne Schneider: Zur Waffe, Schätzchen! In: Tempo. Juni 1986, 54-59.

[x] Monika Fischer: Ich war Domina. In: Tempo. August 1988, 48-54.

[xi] Angela McRobbie: Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Wiesbaden 2010, 122.

[xii] Monika Fischer: Ich war Domina. In: Tempo. August 1988, 48-54, 48.

 

Kristin Steenbock promoviert an der Universität Hamburg zum Popjournalismus in »Tempo«.

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