Dez 042016
 

Nennen wir beispielhaft die Finanzkrise 2008f, die eklatanten Fehlfunktionen des Euroregimes oder politische Apathie oder zunehmende Hinwendung zum Autoritarismus in den unteren Schichten – nicht erst kurz nach der Veröffentlichung von Thomas Pikettys (2014) verteilungspolitischer Mythenjagd ist amtlich geworden, was der Großteil politisch informierter Beobachter ohnehin schon seit Langem geahnt hatte: Das kapitalistische Glücksversprechen, allgemeinen Wohlstand, soziale Mobilität sowie demokratische Beteiligung mündiger Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ein für alle Mal zu gewährleisten, kann möglicherweise (zumindest in absehbarer Zukunft) nicht eingehalten werden. Aus Sicht einer zeitdiagnostisch orientierten Soziologie stellt somit die Frage: Was kommt nach dem Neoliberalismus?

Dieser (im weiteren Sinne gefassten) Frage gehen die Beiträge des neuen Bandes von Heinz Bude und Philipp Staab mit dem Ziel nach, „die Entwicklung sozialer Ungleichheit in Relation zu strukturbestimmenden Transformationen des Kapitalismus zu erschließen“ (18).

In ihrer Einleitung bestimmen die Herausgeber die Aufgabe einer Soziologie mit dem thematischen Schwerpunkt sozialer Ungleichheit unter verschiedenen Aspekten (Globalisierung, sozioökonomischer Wandel und Zuspitzung sozialer Konflikte, aber auch der Unterscheidung subjektiver wie struktureller Ungleichheitsrelationen). Die folgenden Beiträge thematisieren den Zusammenhang sozialer Ungleichheit mit einer Reihe empirischer Phänomene und Bezugsrahmen.

Ein erster Teil des Buches behandelt „Transformationen des Kapitalismus in der Gegenwart“. Aaron Sahr beleuchtet in seinem Text die Bedeutung von Banken für den Zusammenhang von Finanzialisierung und sozialer Ungleichheit. Indem er die Akkumulationsmuster finanzialisierter Wertschöpfung rekonstruiert, gelingt es ihm, „klare Gewinner und klare Verlierer“ (39) der neuen Dynamiken zu identifizieren.

Mit Blick auf die Volkswirtschaften von China und Indien als bevölkerungsreichste Länder des Planeten stellt Tobias ten Brink konzeptionelle Überlegungen zur makrosoziologischen Analyse nicht-liberaler Kapitalismen im globalen Süden an und erkennt dabei „einige Argumente für die mittelfristige Aufrechterhaltung nicht-liberaler kapitalistischer Dynamiken“ (57).

In ihrem Aufsatz zur „Avantgarde des digitalen Kapitalismus“ eruieren Philipp Staab und Oliver Nachtwey mögliche Folgen der Digitalisierung für Arbeit und Beschäftigung in der Wirtschaft der Zukunft. Angesichts der neuen Produktions- und Koordinationstechnologien erkennen sie in der Zukunft große potentielle Probleme für die arbeitnehmerseitige Interessenvertretung.

Ein zweiter Teil des Buches mit dem Obertitel „Ungleichheiten im Weltmaßstab“ problematisiert den räumlichen Bezugsrahmen soziologischer Reflexion. In einem ersten Beitrag referiert Anja Weiß (zumeist bereits von Vertretern wie Ulrich Beck, Ludger Pries, Saskia Sassen und einer Reihe anderer üblicher Verdächtiger geäußerte) Einwände gegen eine (allein) methodologisch-nationalistisch verfahrende Ungleichheitssoziologie. Heinz Budes Text zu globalen Klassenverhältnissen behandelt die Ungleichzeitigkeiten im Verhältnis von Konvergenz- und Divergenzentwicklungen zwischen und innerhalb von Ländern im Zuge der Globalisierung. In ihrem Text zur globalen Strukturierung des Nationalen betont Manuela Boatca die Bedeutung von Staatsbürgerschaft als statuszuweisende Kategorie.

Der folgende Abschnitt des Buches widmet sich dem Zusammenhang von Arbeitsmärkten und Ungleichheit. Anschließend an die Arbeiten von Jürgen Habermas analysiert Sighard Neckel in seinem Text Prozesse der Refeudalisierung von Erwerbs- und Lebensverhältnissen im Finanzmarktkapitalismus als partiellen Rückschritt in vormoderne Gesellschaftsformen. Die Auswirkungen von transnationaler Wertschöpfung auf Arbeit und Beschäftigung thematisiert anschließend Nicole Mayer-Ahuja als ungleichmäßigen Prozess, der Sozialstandards weder einheitlich nach oben noch nach unten beeinflusst.

Weitere Auseinandersetzungen, diesmal eher theoretischer Natur, mit dem Digitalisierungsthema stellt im anschließenden Beitrag erneut Philipp Staat an. Rationalisierungsschübe in der Dienstleistungswirtschaft gingen, so die These, perspektivisch eher zu Lasten der abhängig Beschäftigten.

Dem Zusammenhang von Migration und Ungleichheit mit Blick auf Arbeit und Erwerb widmet sich Florian Butollo. Indem er das Marxsche Konzept des  Reservearmeemechanismus auf aktuelle Entwicklungen technologischen Wandels und Arbeitskräftemobilität bezieht, gelingt es ihm, neue wohlfahrtsstaatliche Herausforderungen arbeitsmarkttheoretisch „im nationalen wie im transnationalen Rahmen“ (233) erfassbar werden zu lassen.

Die Beziehung zwischen sozialen Konflikten und politischer Herrschaft stellt das Oberthema des folgenden Abschnitts dar. Am Beispiel der Occupy-Proteste stellt Oliver Nachtwey einige sozialtheoretische Überlegungen zum Zusammenhang von Kapitalismus und Demokratie an. In Forderungen nach einem umfassenden Konzept von Citizenship erkennt er einen gemeinsamen Bezugspunkt der Proteste gegen Entdemokratisierung und soziale Ungleichheit.

„Vergesellschaftung durch Konsum“ (268) stellt den empirischen Bezugspunkt Wolfgang Streecks dar. Anhand der sich wandelnden Konsummuster im Übergang zum Postfordismus („Vom Stadtbad zum Spaßbad“) erkennt Streeck auch neue Muster politischer Beteiligung. Der folgenden Beitrag von Göran Therborn zu ‚Klasse im 21. Jahrhundert‘, in dem die Zukunft der Arbeiterklasse als Auseinandersetzung zwischen Mittelschichten und Plebejern um den legitimen Vertretungsanspruch beschrieben wird, stellt ebenfalls einen Wiederabdruck aus der Zeitschrift „New Left Review“ dar.

Den letzten Teil des Bandes machen unter dem Titel „Die Zukunft der Kritik“ zwei theoretische Beiträge aus. In ihrem Text zu De(kon)struktion und politische Ökonomie“ eruiert Silke van Dyk die Perspektiven poststrukturalistischer Kapitalismuskritik aus konzeptionellem Blickwinkel. Mit der Wiederkehr der sozialen Frage auf die forschungspolitische Agenda könnten solche Ansätze als Korrektiv der Kategorienbildung fungieren.

Als Thema des abschließenden Beitrags rück Klaus Dörre mit Karl Polanyi einen Autor ins Zentrum des Interesses, dem – gemessen an seiner aktuellen Popularität – im Band insgesamt wenig Platz eingeräumt worden ist. Am Beispiel eines süddeutschen Industriebetriebs erkennt Dörre im Bewusstsein der Beschäftigten Elemente einer Polanyischen Marktkritik, die ihm zum Ausgangspunkt einer progressiven Klassenidentität geeignet erscheinen. Dass, so Dörre, eine solche Identität „letztendlich nur aus gemeinsamen Erfahrungen und Kämpfen der Subalternen entstehen“ (364) könne, begründet abschließend einmal mehr den Fokus des Bandes auf den produktiven Zusammenhang Kapitalismus und Ungleichheit.

Die Vielfalt der (zum Großteil interessanten) Beiträge ermöglicht es, den Themenkomplex von unterschiedlichen Seiten zu behandeln. Als besonders erhellend erscheint mir die Verbindung kapitalismus- und ungleichheitstheoretischer Konzepte und Fragestellungen mit dem Gegenstand der Digitalisierung. Gleichzeitig finden sich im Teil zu ‚Ungleichheiten im Weltmaßstab‘ nicht unbedingt neue Einsichten (vgl. hierzu den Band von Berger und Weiß 2008).

Während die Beiträge selbst allesamt als kohärent erscheinen, ist der rote Faden im Buch zwar insgesamt erkennbar. Was genau aber der Leser insgesamt über den Zusammenhang von sozialen Konflikten, Kapitalismus und sozialer Ungleichheit gelernt haben sollte, hätte man m.E. – gemeinsam mit den perspektivischen Fragen, die sich vor diesem Hintergrund ergeben – in einem abschließenden Beitrag zusammenfassen sollen.

Das theoretische Anliegen, die Gegenstandsbereiche sozialer Ungleichheit, politischer Mobilisierung und kapitalistischer Dynamik zusammen zu denken, erscheint vor allem vor dem Hintergrund rezenter forschungspolitischer Entwicklungen im Bereich der Sozialwissenschaft bedeutsam. Wurden im Verlauf der letzten Jahrzehnte vor (wohl nicht zuletzt vor dem Hintergrund standortwettbewerbsgetriebener Restrukturierungen) wesentliche Teile der politischen Arbeitssoziologie in Bezug auf Mittelvergabe (und damit auch fachöffentliche Aufmerksamkeit) zugunsten einer (humankapitalinteressierten) Bildungssoziologie eingeschränkt, erscheint die im Band angestrebte Neuorientierung genauso wegweisend wie erstrebenswert. Soziale Disparitäten und politische Mobilisierung sind, das zeigen nicht zuletzt AfD und PEGIDA, zwei Seiten einer Medaille und sollten nicht getrennt betrachtet werden.

 

Literatur

Berger, Peter A.; Weiß, Anja (2008): Transnationalisierung sozialer Ungleichheit. Wiesbaden: Springer

Piketty, Thomas (2014): Das Kapital im 21. Jahrhundert. München: Beck

 

Bibliografischer Nachweis:
Heinz Bude, Philipp Staab (Hg.)
Kapitalismus und Ungleichheit. Die neuen Verwerfungen
Franfurt/New York: Campus
ISBN: 9783593506395
370 Seiten

 

Martin Seeliger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie.

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