Jul 142016
 

Musikmedium – Musikreliquie: Eine Goldene Musikkassette aus dem Jahr 1971

Campus_Goldene_Kassette_1(Thomas Kunz)Abb. 1: Goldene Musikkassette der Firma Teldec (Zentrum für Populäre Kultur  und Musik, Freiburg, Sammlung Klaus Wunderlich;  Foto: Thomas Kunz)

Fast wie ein Reliquienkästchen sieht das Exponat aus: Auf einem kleinen Sockel, unter Glas gut geschützt, befindet sich ein vergoldeter Gegenstand. Es handelt sich um eine Goldene Musikkassette, eine Auszeichnung für den künstlerischen und kommerziellen Erfolg des Musikers Klaus Wunderlich, die analog zur Goldenen Schallplatte verliehen wurde. Überreicht wurde ihm diese besondere Trophäe im September 1971 von der Firma Teldec anlässlich 150.000 verkaufter Kompaktkassetten.

Ein-Mann-Orchester: Die Heimorgel

Der 1931 in Chemnitz geborene, 1997 verstorbene Wunderlich verweist auf eine Richtung populärer Musik, die mittlerweile fast wieder aus dem Bewusstsein verschwunden ist, aber eine zeitlang musikalische und ökonomische Erfolge erzielen konnte: Musik für die elektronische Orgel. In den 1970er und 1980er Jahren waren diese Instrumente populär, insbesondere in der Form der „Heimorgel“, welche das bürgerliche und eher altmodisch empfundene Klavier ablöste. In Form des Keyboards eroberte das Instrument schließlich Kinder- und Jugendzimmer[1] und wurde von Alleinunterhaltern und Bands geschätzt. Die elektronischen Instrumente waren zudem leichter zu spielen als das herkömmliche Klavier;[2] durch Begleitautomatiken und Rhythmusgeräte waren elektronische Orgelinstrumente potenziell in der Lage, eine kleine Combo zu imitieren. Die Werbung ging noch einen Schritt weiter, wenn sie behauptete: „Zwei Hände zaubern ein Orchester.“[3] Für den nicht profes­sionellen Bereich wurden auch Bausätze angeboten, um die Kosten des Instruments zu minimieren.

Diese Form der Unterhaltungsmusik, die viele Menschen privat ausübten, wurde von Profis auf sogenannten „Konzertorgeln“ – besonders aufwendig gestalteten Instrumenten mit zwei oder drei Manualen – vorgetragen, zuweilen mit zur Schau gestellter musikalischer und technischer Virtuosität. Zu Berühmtheit brachte es neben Klaus Wunderlich der 1948 geborene Franz Lambert, der auch als Komponist einer FIFA-Hymne hervorgetreten ist.[4]

Wunderlich spielte zunächst auf einer Hammondorgel, später arbeitete er mit einem Moog-Synthesizer und (wie Lambert) mit WERSI-Instrumenten.[5] Die Wahl für ein bestimmtes Instrument war dabei nicht nur von künstlerischen Erwägungen bestimmt, sondern die Musiker gingen auch Werbe-Partnerschaften mit den Instrumentenherstellern zum beider­seitigen Vorteil ein. Im Rahmen dieses Endorsements kooperierte Klaus Wunderlich mit der Firma WERSI, wie eine englischsprachige Broschüre aus dem Nachlass des Künstlers belegt.[6] Ebenso dienten Schallplatten mit Notenbeilagen zum Selbstunterricht und gleichzeitig zur Werbung für ein bestimmtes Instrument (Abb. 2).

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Abb. 2: „Orgel spielen mit Klaus“ – Schallplatte mit Notenbeilage für den Selbstunterricht (EMI 1982; Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Freiburg: Sammlung Klaus Wunderlich)

Wunderlichs Repertoire war breit gefächert: Unter seinen Einspielungen finden sich Rock’n’Roll-Titel, Filmmusik, Evergreens, der Beatles-Song „Yellow Submarine“ oder die Amboss-Polka. Insgesamt veröffentlichte er mehr als 130 Alben[7] und verkaufte weltweit mehr als 20 Millionen Tonträger, was ihm 13 Goldene Schallplatten – und eine Goldene Musikkassette – einbrachte. Sein musikalischer Nachlass befindet sich heute im Zentrum für Populäre Kultur und Musik (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg). Dieser umfasst unter anderem 133 Tonbänder, 136 Langspielplatten, zehn Musikkassetten, 45 Compact Discs, daneben drei Goldene Schallplatten sowie die Goldene Musikkassette.[8]

Bespielt, unbespielt, vergoldet: Die Kassette als Medium

Die vergoldete Musikkassette, die sich seit 2013 im Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg befindet, erzählt allerdings noch eine andere Geschichte: nämlich die des Aufstiegs und Niedergangs eines Mediums. Zwischen den 1970ern und 1990ern Jahren zählte die Kompaktkassette zu den beliebtesten Audiomedien, auch wenn sie heute fast keine Rolle mehr spielt.[9] Erfunden wurde sie von dem niederländischen Philips-Konzern, der das Medium 1963 unter dem Markennamen „Compact Casette“ auf den Markt brachte.[10] Beliebt war sie, weil sie klein und praktisch war; zudem waren die Abspielgeräte vergleichsweise billig, und mit dem Walkman konnte man sogar mobil Musik hören.[11] Auch im Auto musste man nicht auf ein Kassettengerät verzichten. Aufgrund der Nachfrage begannen die Plattenfirmen ab 1976 „ihre Produktionen parallel zur Schallplatte auch auf Kassette anzubieten“; weltweit stieg der Absatz bespielter Audiokassetten von 510 Millionen im Jahr 1981 auf über 1,4 Milliarden im Jahr 1990.[12] Parallel zur Zahl der Kassetten stieg die Geräteausstattung: 1992 berichtete das „Handbuch der Musikwirtschaft“, jeder deutsche Haushalt besitze statistisch gesehen drei Kassettenrekorder.[13]

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Abb. 3: „Hammond für Millionen“ – Kassetten von Klaus Wunderlich (Teldec 1977, 1989, 1987: Zentrum für Populäre Kultur und Musik, Freiburg: Sammlung Klaus Wunderlich)

Noch wichtiger als der Kauf bespielter Kassetten war allerdings die Möglichkeit, sogenannte „Leerkassetten“ mit eigener Musik zu bespielen – für die Musikindustrie damals ein ähnlich schwerwiegendes Problem wie später illegale Tauschbörsen oder Musikdownloads. Mit etwas bemühten Aktionen wie „Home Taping Is Killing Music“[14] versuchte die Tonträgerindustrie vergeblich, die Freude am Aufnehmen zu mindern und das Erstellen von mixtapes einzudämmen. Erfolgreicher war hingegen die Preispolitik: Glaubt man den Angaben der Musikindustrie, wurden die Preise für bespielte Kassetten bewusst gesenkt, um den Absatz dieser Tonträger zu steigern.[15] Freilich war damals – im Jahr 1992 – der Kassettenmarkt bereits rückläufig; in „letzter Zeit“ habe „im preiswerten CD-Bereich ein überaus starkes Käuferinteresse eingesetzt“; die Entwicklung des zuletzt genannten Mediums seit mit „der einstigen MC-Explosion“ vergleichbar.[16]

Eine Musikreliquie?

Die Goldene Kassette, mit der Wunderlich geehrt wurde, belegt aus kulturwissenschaftlicher Perspektive auch, wie sich künstlerischer und kommerzieller Erfolg materialisiert. Die Kassette ist nicht zufällig golden, das schützende und zugleich transparente Glas wie der hölzerne und getreppte Sockel unterstreichen das Außergewöhnliche und Bedeutende dieser Auszeichnung. In gewisser Weise ist die Assoziation „Reliquie“ (lat. das Zurückgelassene, Überbleibsel) vielleicht gar nicht so weit hergeholt: Die Goldene Kassette zeugt dauerhaft vom Ruhm des Künstlers, auch wenn sein Glanz mittlerweile etwas verblasst ist und Klaus Wunderlich nur noch seinen treuen Fans oder den Liebhabern der E-Orgel-Musik vertraut ist.[17] Dass solche Reliquien nicht nur im engeren religiösen Kontext eine Rolle spiel(t)en,[18] sondern auch im Starkult der Gegenwart – insbesondere Berührreliquien aus dem persönlichen Besitz der Stars – ist allerdings ein anderes Kapitel der Popkultur-Geschichte.

 

Anmerkungen

[1] Im Niedrigpreissegment (für Einsteiger und Amateure) war die italienische Firma Bontempi führend, diese wurde aber später durch andere Marken abgelöst. Vgl. den Webauftritt der Firma: http://www.bontempigroup.com/index.php?lang=de [11.07.2016].

[2] Unterstützt wurde dies durch Spielhilfen und didaktisch angelegtes Notenmaterial, etwa die Reihe „Melodie & Rhythmus. Reihe für leichtes Spiel auf elektronischen Orgeln und Keyboards mit Einfinger-Begleit­automatik“ des Verlages Sikorski (Hamburg).

[3] http://www.klauswunderlich.de/index2.html [11.07.2016].

[4] Vgl. seine Website: http://www.franzlambert.de/index.php [11.07.2016].

[5] Zu seiner Biographie vgl. die Angaben auf der Website http://www.klauswunderlich.de/index2.html [11.07.2016].

[6] Zentrum für Populäre Kultur und Musik, S 0306.

[7] Vgl. die Discographie bei https://www.discogs.com/de/artist/281517-Klaus-Wunderlich [11.07.2016].

[8] Vgl. den Bestandsnachweis in der Datenbank Kalliope: http://kalliope-verbund.info/DE-611-BF-36981 [11.07.2016].

[9] Freilich hofft die Musikindustrie – ähnlich wie bei der Vinyl-Schallplatte – auf ein Revival. Vgl. hierzu: „Interessanterweise wird ‚dem Tape‘ aber hier und da ein ähnliches Comeback prophezeit wie jetzt der Schallplatte, und das nicht ausschließlich in den Feuilletons“ (Bundesverband Musikindustrie [Hg.]: Musikindustrie in Zahlen 2015, Berlin 2016, 11). Allerdings seien die Verkaufszahlen noch rückläufig.

[10] Peter Wicke: Der Tonträger als Medium der Musik. In: Holger Schramm (Hg.): Handbuch Musik und Medien. Konstanz 2009, 73.

[11] Vgl. Heike Weber: Das Versprechen mobiler Freiheit. Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy. Bielefeld 2008, 161–223.

[12] Wicke 2009, 73.

[13] Rolf Moser; Andreas Scheuermann (Hrsg.): Handbuch der Musikwirtschaft. Starnberg 1992, 130.

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Home_Taping_Is_Killing_Music [11.07.2016].

[15] Moser / Scheuermann 1992, 130.

[16] Ebd., 134.

[17] Vgl. hierzu im Web: https://www.facebook.com/Klaus.fanpage/ [24.06.2016]; http://klauswunderlich.com/ [24.06.2016].

[18] Vgl. Arnold Angenendt: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart. München 21997.

 

Michael Fischer ist Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

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