Jun 272016
 

Eine Seife namens Elvis. Plädoyer für eine Olfaktorik des Pop

Wie roch Pop?

Das objet trouvé, von dem ausgehend ich dieser Frage nachgehen möchte, ist 8 cm lang, 5 cm breit, 3 cm hoch und wiegt 95 Gramm. Es handelt sich dabei um einen Quader, der in blau bedrucktes Papier gewickelt ist und den Aufdruck „Elvis Toilettenseife“ trägt. Er kam als Flohmarktfund in den Besitz des Autors und kann daher im Wortsinn als eines jener „Fundstücke“ bzw. Archivalien gelten, denen sich diese Rubrik widmet. Schließlich gelten private Sammlungen und Second Hand-Läden (mithin auch Flohmärkte) als „Archive zweiter Ordnung“.[1] Der rudimentäre Überlieferungszusammenhang und die fehlenden Kontextinformationen verleihen den folgenden Überlegungen allerdings einen hypothetischen, in weiten Zügen spekulativen Charakter. Da das Objekt ungewöhnliche sensorische Perspektiven erlaubt, soll es hier dennoch behandelt werden.

Dazu eine Vorbemerkung. Die „Wahrnehmungsanordnung Pop“ ist ein stark medial geprägter Referenzrahmen, in dem phonographische und visuelle Informationen eine vorherrschende Rolle spielen. Er wird, so Diederichsen, dominiert von „Bildern, Performances, (meist populärer) Musik, Texten und […] Erzählungen“, aber auch u.a. von „Kleidermode, Körperhaltung, Make-Up und urbanem Treffpunkt“.[2] Wenn mit Make-Up schon die Hygiene als eine Körperpraxis der Moderne angesprochen ist, die auf medizinischem, aber auch ästhetischem – nämlich kosmetischem – Wissen basiert, so lässt sich mit dem Olfaktorischen eine weitere Dimension hinzufügen, die zumeist ignoriert wird.[3]

Mit ihrer materiellen Wende haben die Kulturwissenschaften sich in den vergangenen Jahren vor allem für die Medialitäten ästhetischer Informationen interessiert. Aus Sicht einer historischen Popforschung geriet etwa die Vinylschallplatte als multimediale Quelle in den Blick, aber auch die Architektur von Klangräumen beschäftigt unter dem Paradigma des Sound die Musikforschung.[4]

Das Stichwort Intersensualität eröffnet auch der Erforschung der Wahrnehmungsanordnung Pop weitere Dimensionen: Gehört wird – wie die Sound Studies vielfach betont haben – nicht nur mit dem Ohr, sondern mit dem ganzen Körper, der Vibrationen auch als taktile Informationen aufnehmen kann. Pop-Räume sind daher immer multisensorisch. Neben dem Auditiven ist auch das Visuelle von Bühnenperformances entscheidend, hier kommen auch sinnesverändernde Technologien wie die Lichtorgel oder das Stroboskop zum Einsatz. Welche Rolle aber spielt der Geruch?

Der Frage ließe sich auf zwei Feldern nachgehen.

Erstens könnte man die Olfaktorik von Pop-Räumen erforschen, etwa die Rolle von Wohl- und Übelgerüchen auf Konzerten, bei Massenveranstaltungen, oder bestimmten Objekten. So hat Valerie Steele auf die spezifischen Geruchseigenschaften der Lederjacke hingewiesen, einer fetischisierten Ikone des Rock’n’Roll.[5] Oder die von der Stadt Hannover praktizierte osmotische Kriegsführung gegen jugendliche Gammler, die durch das Versprühen von scharfen Chemikalien von öffentlichen Plätzen fern gehalten werden sollten.

Man könnte zweitens aber auch Parfums selbst unter einem erweiterten Popbegriff subsumieren, da sie als Träger sensorisch wahrnehmbarer alltagsästhetischer Informationen – überspitzt gesagt – im gleichen Maße wie Tonträger Medien der Popkultur sind. In diesem Sinne hat Uta Poiger unlängst über die Funktion von Kosmetikprodukten bei der Konstruktion von Authentizität und Geschlecht gesprochen.

Zurück zum Objekt.

 Seife FotoDing-Quelle der Popkultur: die „Elvis Toilettenseife“. Foto: B. Mrozek

Die „Toilettenseife Elvis“ stellt aus dieser Perspektive einen Glücksfall dar, denn sie lässt sich beiden Sphären zuordnen und fungiert gewissermaßen als Bindeglied: Von der Funktion her ist sie ein massenkultureller Gebrauchsartikel, dem der Begriff „Toilettenseife“ im spatialen Sinn eine ganz spezifische Örtlichkeit zuweist. Durch die Namensgebung „Elvis“ verweist sie gleichzeitig auf Pop im Sinne eines musikalischen Genres, repräsentiert hier durch den Namen eines seiner prominentesten Vertreter im 20 Jahrhundert. Schon das Produktsignet oszilliert damit zwischen der Intimzone häuslicher Hygiene und der Maximalöffentlichkeit eines globalen Starkultes, zu dessen Ausweitung der benannte Künstler wesentlich beitrug.

Welche Informationen also bietet das Objekt?

Betrachten wir es aus der Nähe. Sein Erhaltungszustand lässt sich als gut bezeichnen, die Papierverpackung ist rundum erhalten. Auf das Öffnen wurde aus konservatorischen Erwägungen verzichtet, doch lässt sich unter dem Papier eine Prägung ertasten, die höchstwahrscheinlich mit dem auf der Packung aufgedruckten Signet identisch ist. Das Alter des Objektes lässt sich nur schätzen, doch kann man davon ausgehen, dass es in der Hochzeit der Popularität des namensgebenden Sängers datiert, und zwar mutmaßlich in der Frühphase der 50er oder 60er Jahre. Der – zweifellos schon verblasste  – Duft, den das Objekt noch immer verströmt, deutet auf eine starke Parfümierung des Artikels hin, der sich geschlechtsneutral verwenden ließ, da Seife – anders als Parfum – Mitte des 20. Jahrhunderts noch kaum mit Geschlechtszuschreibungen codiert war.

Von seiner Funktion her verweist das Objekt auf die kulturelle Praxis des Sich-Waschens, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgrund medizinischen und epidemologischen Wissens den Gesundheitsregimen der Körpererhaltung folgt, aber auch eine Regulierungsbewegung im Sinne Foucaults war.[6] Der Subjektkörper, den sie hervorbrachte, war ein sauberer, gewaschener oder auch reinlicher, wie er seit dem 17. Jahrhundert in Mitteleuropa wesentlich auch durch den Einsatz von Kunstdüften konstituiert wurde.[7] Diese Konkretisierung ist in unserem Zusammenhang nicht banal, denn im zeitgenössischen Diskurs wurde die Sphäre des Rock’n’Roll, als dessen prototypischer Vertreter Elvis Presley galt (wenngleich er auch Interpret von Duetten und Schnulzen war), im Zusammenhang von „Schund und Schmutz“ thematisiert.

Mit diesem älteren Diskurs wurden negative Sozialklischees aus dem 19. Jahrhundert wie der „Halbstarke“ oder der „Eckensteher“ aktualisiert.[8] Das Attribut „schmutzig“ diente in den fünfziger Jahren der Charakterisierung abweichender Typologien jugendlicher Körper, die damit in einem sozialen „Unten“ und gesellschaftlichen „Außen“ verortet wurden. Es wurde nicht nur metaphorisch verwendet, sondern in einen konkreten Kontext mit Praktiken der Hygiene gesetzt. Die Distanzformulierung „ungewaschen“ gehörte ebenso wie später „langhaarig“ zu den Phrasen, die sich in kulturpessimistischen Medienberichten über Rock’n’Roll und „Halbstarkentum“ ebenso fanden wie in der Rhetorik von Polizeiakten, in denen der Verweis auf Schmutz bzw. „mangelnde Hygiene“ der Klassifizierung und Verpolizeilichung normabweichender Jugendlicher diente.

Polizeibericht-Beat-Veranstaltung

„Verdreckte Pelzjacken“ und „nicht sauberer wirkende ‚Ische[n]‘“. Quelle: Polizeilicher „Erfahrungsbericht über den polizeilichen Einsatz anlässlich von Beat-Veranstaltungen in der ‚Neuen Welt‘ und im ‚Europa-Palast‘“, [West-]Berlin, 23.12.1966, Bl. 4; Polizeihistorische Sammlung (PhS) Berlin, 3.43.3. Repro: B. Mrozek.

Der Name Elvis auf einer Seife muss daher eher überraschen. Zwar prangte er in den USA schon in den Fünfzigern im Rahmen eines präzedenzlosen Lizenz-Marketings auf diversen Artikeln des täglichen Bedarfs wie Bekleidungsstücken und Accessoires. Dazu gehörten auch Kosmetika wie Lippenstifte in den nach Elvis-Songs benannten Farben „Tutti-frutti-red“ und „tender pink“ sowie ein ebenfalls nach einem Hit benanntes Parfum „Teddy-Bear“.[9] Solche Produkte richteten sich primär an die neue Konsumentengruppe der Teenager, die im Zuge des demographischen „Baby Boom“ auch mit wirtschaftlicher Handlungsmacht ausgestattet waren. Die meisten dieser Fanartikel waren daher billige Massenprodukte, die sich an dem engen ökonomischen Verfügungsrahmen der Zeitgenossen des temps de l’argent de poche (Jean François Sirinelli) orientierten.[10] Das Parfum „Rock’n’Roll“, das Salvador Dalí 1957 für Paco Rabanne gestaltete, sprach dagegen im Paratext der Anzeigenwerbung („une arme nouvelle / pour la femme actuelle“) eine weibliche Käuferschaft an, die über mehr als nur Taschengeld verfügte.

 Parfum RnR„Eine neue Waffe für die aktuelle Frau“: Das Parfum Rock’n’Roll, Foto: B. Mrozek

Ob es sich bei dem vorliegenden Fundstück um ein Mitglied der Produktfamilie lizensierter Markennamen des Elvis-Managements handelt, ist nicht bekannt, erscheint aber wenig wahrscheinlich. Die internationale Vermarktung von Star-Imagos als Konsummarken steckte noch in den Kinderschuhen, und der Aufschrift zufolge handelt es sich hier um ein deutsches Fabrikat. In den Sechzigern wurde der säkulare Devotionalienhandel mit lizensierten Fan-Artikeln maßgeblich vom Beatles-Management vorangetrieben. Das vorläufige Ende dieser Entwicklung sind die Abmahn-Regime, mit denen Künstler wie Prince oder Kraftwerk die Verwendung ihrer Künstlernamen selbst auf gänzlich musikfremden Produkten sanktionieren.

Diese markenstrategischen Bestrebungen der Gegenwart, die auch eine Ausweichreaktion auf Gewinneinbußen der Musikindustrie in Zeiten illegaler Downloads sind, mögen in der „Toilettenseife Elvis“ einen frühen Wegbereiter haben, auch wenn aufgrund mangelhafter Überlieferung offen bleiben muss, ob es sich bei ihr um den Überrest (im Sinne Droysens) einer globalisierten Starmarke oder gar den einer frühen Markenpiraterie handelt.[11] Festhalten lässt sich, dass popkulturelle Images in alltäglichen Produkten ebenso wie in Luxusartikeln präsent waren und somit auch eine Rolle bei der Etablierung der Popkultur (hier des Genres Rock’n’Roll) gegen zeitgenössische Schmutz-und Schundvorwürfe spielten — und umgekehrt auch aufmerksamkeitsökonomisch an ihnen partizipierten. Wenn die eingangs gestellte Frage nach dem Geruch von Pop damit auch nicht beantwortet ist, so illustriert das hier vorgestellte Fundstück doch ein Desiderat der gegenwärtigen Klang-, Bild- und Textfixierten Popforschung – um nicht zu sagen: ein Desodorat.

 

Anmerkungen

[1] Rolf Grossmann: „Die Geburt des Pop aus dem Geist der phonographischen Reproduktion“, in: Christian Bielefeld/Udo Dahmen/ders. (Hg.): PopMusicology. Perspektiven der Popmusikwissenschaft, Bielefeld: Transcript 2008, S. 119-134, hier: 127.

[2] Vgl. Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2014, S. XI.

[3] Zu Kosmetik als Normalisierung vgl. grundlegend Annelie Ramsbrock: Korrigierte Körper. Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne, Göttingen: Wallstein 2011, bes. S: 99-101.

[4] Zu Schallplatten als historischen Quellen vgl. Detlef Siegfried: „Sgt. Pepper & Co. Plattencover als Ikonen der Popkultur“, in: Gerhard Paul (Hg.): Bilder, die Geschichte schrieben. 1900 bis heute, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011, S. 189-195; Bodo Mrozek: „Geschichte in Scheiben. Schallplatten als zeithistorische Quellen“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 8 (2010), S. 295-304; Kalle Laar: „Vinyl Culture und Zeitgeschichte. Schallplattencover als Quellen der visual history“, in: Bodo Mrozek/Alexa Geisthövel/Jürgen Danyel: Popgeschichte. Bd. 2: Zeithistorische Fallstudien 1958-1988, Bielefeld: Transcript 2014, S. 361-370.

[5] Valerie Steele: Fetish. Mode, Sex und Macht, Berlin: Berlin Verlag 1996, S. 149.

[6] Vgl. Christiane König/Massimo Perimelli/Olaf Stieglitz: „Einleitung Praktiken“, in: Netzwerk Körper (Hg.): What Can A Body Do? Praktiken des Körpers in den Kulturwissenschaften, Frankfurt a.M./New York: Campus 2012, S. 11-15, hier: S. 12.

[7] Vgl. Kelvin E. Y. Low: „Olfactive frames of remembering. Theorizing self, senses, and society“, in: The Sociological Review 61 (2013), S. 688-708.

[8] Vgl. Kaspar Maase: Die Kinder der Massenkultur. Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich, Frankfurt a.M.: Campus 2012; Martina Krenn: Schmutz – Sex – Drogen. Jugend und das Populare 1955-1975, Wien: Löcker 2009.

[9] Vgl. Susan Doll: „Elvis Presley Collectibles”, http://entertainment.howstuffworks.com/elvis-presley-collectibles1.htm, (Abruf: 2.8.2013).

[10] Jean-François Sirinelli: Les Baby-Boomers. Une génération 1945-1969, Paris: Fayard 2003, S. 54ff.

[11] Vgl. Johann Gustav Droysen: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte, hrsg. v. Rudolf Hübner, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1977 [zuerst: 1857], § 22.

 

Bodo Mrozek ist Autor, Historiker sowie Redakteur des Blogs PopHistory.

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