Mai 312016
 

Neue Linke 1968, Essener Songtage, Frank Zappa

Aus Sicht der an Herbert Marcuse geschulten Neuen Linken bilden Ende der 1960er Jahre viele antiautoritäre und vor allem gegenkulturelle Bestrebungen keinen Gegensatz zur zeitgenössischen Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft. Die moderne, an der Konsumsteigerung ausgerichtete Ökonomie benötige nun hedonistischere und zugleich flexiblere, auf wechselnde Reize reagierende, immer wieder neu manipulierbare Charaktere, nicht mehr den puritanischen Menschen, der an den väterlich-autoritär eingepflanzten Pflicht- und Tugendidealen um ihrer selbst willen festhält (Böckelmann 1987: 34ff.).

Die Pop-Linke jener Tage teilt diese Argumentation durchaus, bezieht sie jedoch keineswegs ganz auf sich selbst. Ihre Lösung besteht darin, den vermeintlich guten, resistenten von einem vereinnahmbaren Teil abzuspalten; dies soll durch eine stetige Kritik an sog. „kommerziellen“ Verfehlungen garantiert werden, wie etwa in Deutschland von Rolf-Ulrich Kaiser[1] und Henryk M. Broder[2] vorgemacht; hier ein Auszug aus einem Artikel Broders aus dem Jahr 1969, in dem der Kommerzialismus am Ende noch stärker an der Erfüllung von Konventionen als am tatsächlichen Erfolg festgemacht wird:

„Denn der kommerziell verwertete Underground – das sind Schnulzen, das ist Beat, das ist Rock, das ist aber auch viel neuer Blues, das ist häufig Musik, die frisch und originell und vor allem einige Runden besser ist als die fade Konfektionsware von der Art der Bee Gees und der Beach Boys – nur halt nicht Untergrund.“ – „Frank Zappa zum Beispiel und seine Mothers of Invention, die erfolgreichste Avantgarde-Pop-Band der USA, sind eine Untergrundband. […] Sie sind trotz oder gerade wegen ihres kommerziellen Erfolges untergründig geblieben und haben keine Konzessionen gemacht, im Gegenteil. […] Zur inhaltlichen Relevanz kommen formale Experimente. Zappa arbeitet mit Ton-Collagen, Elektronik, Geräuschen, zerstört ›richtig schöne‹ Klänge, macht eine Musik, auf die man sich konzentrieren muß“ (Broder 1969: 38, 37).

Kaiser und Broder sind nicht nur an einer Kölner sog. Underground-Zeitschrift mit dem Titel popopo beteiligt – die drei pos stehen für Pop, Politik und Pornographie –, sondern auch maßgeblich an den vom Jugendamt der Stadt Essen veranstalteten Song-Tagen im September 1968. Ihr Anspruch ist es, bei den Internationalen Essener Song-Tagen 1968 Gruppen zu versammeln, deren „populäre Musik“ kein „Narkotikum“, sondern ganz im Gegenteil ein „Politikum“ darstelle, wie Kaiser programmatisch schreibt (1968b: 102). „Wenn die Form der Musik sich ändert / Wackeln die Wände der Stadt“, ist die Antwort von Tuli Kupferberg (1968: 16), Mitglied von Kaisers Lieblingsgruppe The Fugs, auf Kaisers Frage (1968c), welchen Beitrag „Lieder bei der Veränderung der Gesellschaft“ leisten könnten.

Kaiser selbst stellt im Magazin zu den Song-Tagen mit recht muffiger Rhetorik seinen anderen Favoriten Frank Zappa als „bissigste Beat-Laus, die sich die Great-Society bisher in den Pelz gesetzt“ habe, vor; unter Verwendung eines Zitats von Uwe Nettelbeck hält er die „Untergrund-Oratorien“ der Mothers of Invention für den bislang „genialsten und bösartigsten Kommentar zum american way of life und american way of politics“ (1968d: 194).

Neben den Fugs und den Mothers of Invention treten bei den Essener Song-Tagen, dem bis dato größten Musik-Festival in Deutschland außerhalb des Jazz und der klassischen Musik, noch verschiedene andere Gruppen aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Folklore und dem Kabarett auf. Seinen historischen Status erlangt das Festival aber als zentraler Treffpunkt der deutschen Gegenkultur, von der Kommune I bis Amon Düül und ihren vielen unbekannteren Nachfolgern aus anderen Städten und Provinzen.

„Tausende waren zu diesem Festival gekommen, in klapprigen, geblümten Autos, in indischen Flatterstoffen, in alten, vom Trödler geholten Felljacken und Pelzmänteln, die jungen Frauen mit Talmi geschmückt, die Männer mit ein, zwei Jahre lang ungeschnittenen Haaren, alle zusammen eher Akteure als Publikum“ – erinnert sich der Erzähler in einem Roman Bernd Cailloux’ (2005: 66) affirmativ, möchte dann aber doch im Rückblick die vorgebliche damalige Stimmung teilweise enttäuschen –: „eine gleichgesinnte, euphorisch gestimmte Menge, die von ihrem unaufhaltsamen Zug zur Selbstauflösung noch nichts ahnte. Sie glaubte an eine ewig währende Epoche, sie traute den Zeichen dieser Nacht – brothers and sisters, rief eine Stimme aus Verstärkern, freak out!“

Auf sie zugeschnitten ist der Festivalabend unter dem Titel „Let’s take a trip to Hashnidi“, bei dem die Musik div. Underground-Gruppen durch Filmprojektionen und Lichtinstallationen begleitet wird. Im Begleitbuch zum Festival ist dem Spektakel programmatisch vorgearbeitet worden: Die wirkungsvolle Änderung von ›Leben‹ und damit (nach kulturrevolutionärer Logik) auch ›Politik‹ sieht Kaiser nicht allein durch ›Kommentare‹, durch Liedtexte ins Werk gesetzt. Der „neue Sound“ ist für ihn „doppel-klingend“: „Als direkte Aktion wie bei den ›Fugs‹ und in den letzten Liedern Degenhardts. Aber auch als Musikhappening, das bewußtseinserweiternd und bewußtseinserweitert, psychedelisch, andere Erlebnisweisen erschließt“ (1968b: 103).

Das alles kann man mit Hilfe von Büchern und Aufsätzen gut dokumentieren, einen sinnvollen Einstieg bietet das Buch von Detlev Mahnert und Harry Stürmer (unter dem freilich recht abschreckenden Deutschlehrer-Titel „Zappa, Zoff und Zwischentöne. Die Essener Songtage 1968“, Essen 2008). Damit kommen wir aber zum Problem dieser Pop-Archiv-Ausgabe: Nur die öffentlich-rechtlichen deutschen Sender halten alles schön unter Archiv-Verschluss. Andererseits steht dann auch einiges im Netz, allerdings in schlechter Qualität und – ja, wie soll ich sagen – irgendwie illegal, schätzungsweise … Ich will dem nicht näher auf den Grund gehen, es lediglich sehr bedauern und nun übergangslos auf ein 45-minütiges Feature vom Bayerischen Rundfunk aus dem Jahr 1968 zum Festival verweisen, das in zwei Teilen im Netz steht. Höhepunkt hier das Ende mit Julie Driscoll und dem SPD-OB, der direkt aus der Weimarer Zeit zu kommen scheint und mehr oder minder dazu rät, nicht Musikfestivals zu machen, sondern zu den Waffen zu greifen:

Teil 2 dann mit viel Zappa und ›Bürger‹-Meinungen. Das Anschauen dieser zwanzig Minuten erübrigt die Lektüre hunderter Feuilletonartikel, die in den nächsten Jahren zum großen Jubiläum der antiautoritären Revolte erscheinen werden:

Anmerkungen

[1] Kaiser beginnt mit Artikeln und Büchern zum Folk-Song, bevor er dann seine Version des „Underground“ publizistisch ausbreitet und später auch als Label-Manager produziert; s. etwa Kaiser 1968a; 1969; 1972.

[2] Über Broder heißt es im Buch zu den Song-Tagen (wahrscheinlich von ihm selbst geschrieben): „22 Jahre alt, seit 1958 in Köln, davor mal hier, mal dort, im Herbst 1966 Abitur, seitdem Studium der Soziologie und Arbeit als freier Journalist (Pop, Politik, Pornographie) für nach und nach vier Handvoll Rundfunkanstalten und Zeitungen. Keine Vorbilder, keine Hobbies, keine Leidenschaften, Nichtraucher, Cola- und Milchtrinker, voller Sympathie für Rasputin, das Telefon, Kurt Tucholsky, Dänemark, Fritz Teufel und BMTR“ (Anonymus 1968; Hervorhebung von mir).

Literatur

Anonymus (1968): „Henryk M. Broder“. In: Henryk M. Broder/Martin Degenhardt/Rolf-U. Kaiser in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 für IEST 68, Essen, S. 106.

Böckelmann, Frank (1987): Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit [1966], Freiburg.

Broder, Henryk M. (1969): „Underground und Untergrund. Das Geschäft mit dem Etikett“. In: Spontan, H. 3, S. 37-39.

Cailloux, Bernd (2005): Das Geschäftsjahr 1968/69, Frankfurt am Main.

Kaiser, Rolf-U. (Hg.) (1968a): Protestfibel. Formen einer neuen Kultur, Bern u.a.

Kaiser, Rolf-U. (1968b): o.T. In: Henryk M. Broder/Martin Degenhardt/Ders. in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 für IEST 68, Essen, S. 102-104.

Kaiser, Rolf-U. (1968c): „Der IEST-Meinungspool. Die Lieder und die Revolution“. In: Henryk M. Broder/Martin Degenhardt/Ders. in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 für IEST 68, Essen, S. 12.

Kaiser, Rolf-U. (1968d): „Mothers of Invention“. In: Henryk M. Broder/Martin Degenhardt/Ders. in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 für IEST 68, Essen, S. 194.

Kaiser, Rolf-U. (1969): Underground? Pop? Nein! Gegenkultur! Eine Buchcollage, Köln.

Kaiser, Rolf-U. (1972): Rock-Zeit. Stars, Geschäft und Geschichte der neuen Pop-Musik, Düsseldorf und Wien.

Kupferberg, Tuli (1968): „Song – Lied“. In: Henryk M. Broder/Martin Degenhardt/Rolf-U. Kaiser in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Essen (Hg.): Song-Magazin 1968 für IEST 68, Essen, S. 16-17.

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