Apr 042016
 

„Lange Zeit bedeutete Sozialist sein, alles in die Sprache der ’Strukturen‘ übersetzen zu können. Aber das Problem ist nicht nur die Sprache. Teilweise liegt das Problem darin begründet, dass es selbst innerhalb der Linken meist Männer sind, die die Kategorien liefern, in denen alle die Dinge erfahren“ (Hall 2004: 83)

Eine Prognose: Wenn übernächstes Jahr zum 50. Jubiläum des Kulturereignisses ‚1968‘ eine ähnliche Welle an autobiografischer (Schneider 2008), populärer (2008) und wissenschaftlicher (Frei 2008) Literatur über den deutschsprachigen Buchmarkt schwappt, wie dies schon 2008 der Fall war, ist Stefanie Pilzweger mit ihrer Untersuchung zu ‚Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution‘ den Autoren nicht nur im Hinblick auf das Veröffentlichungsdatum voraus. Denn mit ihrer (als Dissertation im Fach der Geschichtswissenschaft angefertigten) Studie der Bedeutung von Geschlechterverhältnissen (genauer: Männlichkeit) rund um die zivilgesellschaftlichen Entwicklungen des Jahres, in dem sich die deutsche Studentenbewegung als wesentlicher politischer Akteur im Nachkriegsdeutschland etablieren konnte, leistet die Autorin einen außerordentlich gut fundierten und originellen Beitrag zum Verständnis dieser politischen Mobilisierungsprozesse.

Der These, „dass es sich bei der bundesdeutschen Oppositionsbewegung rund um das Jahr 1968 um eine maskulin codierte Protestbewegung gehandelt hat“ (12), geht Pilzweger auf Grundlage der Analyse von Gefühlswelten politischer Aktivistinnen und Aktivisten nach. Männliche Dominanz, so gelingt es ihr zu zeigen, prägte die Aktivitäten der ‚68er‘-Bewegung nicht nur im Wege einer quantitativen Überrepräsentation von Männern, sondern auch über die Durchsetzung ihrer Wissensbestände und Symbolsysteme. Insofern damit nicht nur die Bewegung als solche, sondern auch ihre Selbstbeschreibung (z.B. in Form autobiografischer Beiträge) „stark männlichen Einflüssen“ (66) unterliegt, stellt der Analysegegenstand männlicher Dominanz auch den epistemologischen und forschungspolitischen Ausgangspunkt der Studie dar.

Die dicht geschriebene Einleitung benennt als Anliegen der Untersuchung die Rekonstruktion „relevanter emotionaler Dispositionen“ (14), die Frage nach „Emotionalen Mechanismen der In- und Exklusion“ und schließlich das Ziel, zu „ermitteln, welche Aussagekraft der sprachlich Ausdruck der Protagonisten von ‚1968‘ über deren kollektive Gefühlshaushalt besitzt.“

Der Untersuchungszeitraum reicht von der Konstituierungsphase der Studentenbewegung im Jahr 1965 bis zur Auflösung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im Jahr 1970. Als theoretische Rahmenelemente benennt die Autorin zum einen Raewyn Connells (2014) Konzept hegemonialer Männlichkeit und zum anderen einen an Bourdieu (2012) angelehnten Fokus auf die Wirkmächtigkeit eines männlichen Habitus unter den und auf die Protagonisten der Bewegung. Als Datenbasis dient hierbei eine Menge von Quellen, „die von den Akteuren der Protestbewegung selbst produziert“ (14) worden sind (u.a. Diskussionsbeiträge, Positionspapiere und Flugblätter, aber auch autobiografische Zeugnisse von Bewegungsvertretern).

Anders als sich vermuten ließe, wählt die Autorin allerdings keinen diskursanalytischen Zugang. Der Fokus auf die interne Auseinandersetzung der Mitglieder des SDS sowie der Kommune I und der Kommune II sowie deren Programmatik und Positionierung zum tagespolitischen Geschehen lässt sich wohl am ehesten als handlungstheoretischer Rahmen beschreiben. Emotionssoziologischer Schwerpunkt des praxis- und hegemonietheoretischen Interesses liegt so auf der „handlungsleitende[n] Funktion von Gefühlen in der Geschichte des politischen Protests“ (12). Die Darstellung des empirischen Teils zielt demnach auf „emotionale Strukturen in der maskulin codierten Protestkultur in der 68er-Bewegung“ unter Bezug auf neun Sphären.

Unter dem Oberbegriff der Utopie erklärt Pilzweger den Mobilisierungserfolg der ‚68‘er über eine durch die Aktivisten erzeugte „revolutionäre Ungeduld“. In der Auffassung, dass man sich (subjektiv) an einem historischen Scheideweg befand, wurden die Aktivisten durch theoretische Versatzstücke aus dem Repertoire des Historischen Materialismus bestärkt (110). Die Verquickung rationalistischer Wissenschaftlichkeit und utopischen Potenzials übte hier eine besondere Faszination auf die Aktivisten aus. Psychoanalytisch inspiriert erklärt Pilzweger die „Allmachts- und Größenfantasien der Revolteure“ (114) durch „die Unvereinbarkeit der enorm hohen Erwartungen an sich selbst und die verschwindend geringen Chancen zur Umsetzung der revolutionären Ambitionen.“ Ihre Solidarität untereinander schöpfen die Vertreter der Bewegung nicht nur aus solchen ideellen Bezugsrahmen, sondern auch aus einer lebensweltlichen Praxis, welche sich durch „Geselligkeit, Freigiebigkeit und eine Abkehr von individualistischem Besitzdenken“ (129) auszeichnet.

Eine besondere Bedeutung für die politische Mobilisierung erkennt Pilzweger in der „Sprache des Protestes“. Ein „spezieller Politwortschatz“ (140) dient nicht nur als Grundlage eines „ausgeprägte[n] Elitebewusstsein[s]“ (152), sondern auch als Mittel der „Einschüchterung“ (150) und „(un-)bewussten Unterordnung des weiblichen Geschlechts“ (152f). Doch auch in der homosozialen Dimension verwendeten männliche Rädelsführer ihre rhetorischen Fähigkeiten zur Auseinandersetzung mit den (fast ausschließlich männlichen) Professoren als Vertreter der älteren Generation.

Ähnlich wie etwa bei Mitscherlich und Mitscherlich (2007: Kap. IV) aufgearbeitet, stellen solche Generationenkonflikte ein weiteres zentrales Vergemeinschaftungsmoment der ‚68‘er-Generation dar.[1] Ein „besonderes Augenmerk“ (198) der Studie auf der Darstellung von Konflikten zwischen Vätern und Söhnen in der Selbstbeschreibung der Bewegung zeigt hier eine „Kollision zweier soziokulturell und historisch unterschiedlich sozialisierter Modelle von Männlichkeit“.[2]

Eine weitere Schlüsselbedeutung für das Selbstverständnis der Bewegung kommt der provokativen Selbstbehauptung in Abgrenzung zu einer konservativen Alltagskultur zu. Eine solche generieren ihre Vertreter durch zur Schau gestellte „Lässigkeit“ (165) und „oppositionelle Kleidungsstücke“ (167) und „Verstoß gegen Körperpflegestandards“ (349). Ein idealisiertes Image nach dem Vorbild des Revolutionsführers Che Guevara prägt hierbei die weithin geteilte Vorstellung hegemonialer Männlichkeit im Sinne Connells (2014).[3]

Mit Blick auf die Bedeutung psychoanalytischer Theorie für die Bewegung gelangt Pilzweger zu einem widersprüchlichen Befund (249). Einerseits legten die Mitglieder des SDS Wert auf die Geheimhaltung subjektiver Verletzbarkeiten als Zeichen „von unmännlicher Schwäche und Hilfsbedürftigkeit.“ Gleichzeitig, und dies deckt sich etwa mit den Ergebnissen der Studie von Reichhardt (2014), demzufolge sich die ‚68ʻer-Bewegung im Laufe ihrer Entwicklung (zumindest teilweise) dem Ideal „des sensiblen, empathischen Mannes“ zuwandte, dem man sich, etwa im Rahmen von Selbsterfahrungsgruppen, anzunähern versuchte (oder dies zumindest vorgab).

Weitere Ambivalenzen erkennt Pilzweger im Verhältnis der Aktivisten zu Gewalt als politischem Mittel. Einerseits gelten Ereignisse wie die Schlacht am Tegeler Weg und der Angriff auf das von 350 Polizisten geschützte Springer-Hochhaus als Kristallationspunkte der Bewegung (und man identifizierte sich auch mit den militärischen Kämpfen der Befreiungsbewegungen aus dem Trikont), während man sich andererseits von entsprechenden Tendenzen der Elterngeneration abzugrenzen bemühte.

Einen letzten Referenzpunkt der Analyse stellt für die Autorin der Umgang der Aktivisten mit dem Scheitern der Bewegung dar. Die Aktivisten „verdrängten krampfhaft die unweigerliche Tatsache, dass die politische Bewegung ihrem Ende nahe kam, bis sich schließlich eine Welle der schmerzhaften Ernüchterung ihren Weg in das Protestmilieu von ‚1968‘ bahnte“ (339). An Stelle der anfänglichen Hybris trat im Verlauf der Ereignisse zu Beginn der 1970er Jahre eine Haltung, welche „von Weltflucht und Innerlichkeit“ (341) geprägt war.

In einem abschließenden Teil fasst die Autorin die Befunde der Studie zusammen und leitet vor diesem Hintergrund einige Folgerungen und Vorschläge für die zukünftige Entwicklung des Forschungsfeldes ab. Kern ihrer programmatischen Forderung für die Rahmung zukünftiger Forschungsanliegen in diesem Bereich ist es, „den wissenschaftlichen Blickwinkel von der politischen Sachlichkeit hin auf die politische Qualität von Emotionen und Gefühlsmobilisierungen zu lenken“ (359).

In ihrer eigenen Arbeit zeigt Pilzweger eindrucksvoll, wie man einen solchen theoretischen Anspruch im Umgang mit empirischen Material einzulösen vermag. Dass die Argumentation schlüssig und nachvollziehbar erscheint, liegt an der sorgfältigen Auswahl der Quellen sowie der Anordnung ihrer Inhalte in einer kohärenten Darstellungsform.

Dass ich den Text gerne gelesen habe, liegt allerdings nicht nur an seiner Gliederung (sowie an der Tatsache, dass ich das Thema spannend finde). Er ist stilistisch sehr zugänglich, die empirischen Teile fallen anschaulich aus, auch die konzeptionellen Abschnitte sind über die Vermittlung theoretischer Inhalte hinaus informativ: Hier gefällt mir vor allem, dass Pilzweger AutorInnen zitierter Literatur oft in Nebensätzen vorstellt. Dies erscheint mir keineswegs redundant (oder gar anbiedernd), sondern hilft (wohl vor allem fachfremden LeserInnen), die Inhalte korrekt einzuordnen.

Angenehm erscheint es mir außerdem, seit längerer Zeit mal wieder einen Beitrag zur Neuen Kulturgeschichte zu lesen, der – allen möglichen rezenten turns (Bachmann-Medick 2006) zum Trotz – ohne Foucault-Referenzen auskommt. Der Fokus auf Akteure (oder meinetwegen auch „Praktiken“ oder „Praxen“) anstatt auf ‚Diskurse‘, ‚Institutionen‘ o.ä.[4] erleichtert das Verständnis sozialer Prozesse ungemein und trägt damit einer der m.E. wichtigsten epistemologischen Prämissen einer politischen Kultursoziologie (oder auch: kultursoziologisch informierten Politikwissenschaft) Rechnung: ihrer Akteurszentrierung.

Vor diesem Hintergrund erscheint es auch als vollkommen in Ordnung, dass das in der Arbeit verfolgte Forschungsanliegen mitunter etwas unspezifisch dargestellt wird.[5] Auch die Auswahl der neun Sphären erscheint sinnvoll, wird aber nicht genauer begründet. Wieso wird etwa die Bedeutung theoretischer Ideen nicht separat untersucht, sondern ist den Bereichen der Utopie und der Sprache untergeordnet? (Ich sage nicht, dass das schlecht ist, es erscheint mir allerdings formal unbegründet).

Ähnlich wie ich es in einer älteren Besprechung eines anderen zeithistorischen Werks (Seeliger 2015) bemerkte, ist hier für die szientistische Politikwissenschaft eine Menge zu lernen. Denn anstatt sich an der (zugegebenermaßen etwas beliebig anmutenden) Variablenwahl und der eher vagen Bestimmung des Explanandum (geschweige denn der Abwesenheit eines ‚Puzzles‘) aufzuhalten, erscheint es viel eher geboten, den inhaltlichen Sachverstand und die kluge theoretische Rahmung der Studie wertzuschätzen. Die Autorin stellt die Entwicklungsdynamiken der ‚68er‘-Bewegung unter Bezug auf die Bedeutung von Geschlecht für die emotionalen Grundlagen politischer Mobilisierung dar. Als konzeptionelle Rahmung genügt das vollkommen. Ihren eigentlichen Wert gewinnen solche Studien aber durch die Darstellung inhaltlicher Substanz. Und hier hat Pilzwegers Buch einiges zu bieten.

Entwicklungsbedarf erkenne ich einzig mit Blick auf ihren programmatischen Vorschlag, die Bedeutung von Emotionen stärker in die Analyse politischer Mobilisierung einzubeziehen. Denn während die Umsetzung dieser Idee Eingang in die eigene Untersuchung findet, fehlt ein systematischer Bezug zum diesbezüglichen Forschungsstand.[6] Vielleicht wäre eine sorgfältigere Sichtung der Literatur aus dem Bereich der Social Movement Studies auch dazu geeignet gewesen, eine systematischere Verbindung zwischen den internen Dynamiken und sozialer Bewegung in Bezug auf das Konzept hegemonialer Männlichkeit herzustellen. Überraschenderweise tauchen Bezüge zur theoretischen Rahmung im Anschluss an Connell und Bourdieu aber nicht auf.

 

Anmerkungen

[1] Die Bedeutung von Sprache in diesen Auseinandersetzungen illustriert das folgende Zitat: „Die Professoren, die Scheu zeigten, sich dem maskulin assoziierten dialogischen Meinungskampf ohne Vorbereitung zu stellen, erfüllten aus der Perspektive der überwiegend männlichen Studenten nicht das Männlichkeitsideal intellektueller Wortmacht.“ (148)

[2] Interessanterweise, so die Autorin, stehen fast nie die Mütter der ‚68er‘ im Zentrum der Anklage.

[3] Kennen wir auch heute noch von T-Shirts der Band rage against the machine oder Werbepostkarten der Jungen Union.

[4] Anstatt es zu verklären; denn diese Prozesse sind im Handeln fundiert und Diskurse und Institutionen handeln nicht.

[5] In der oben angeführten dicht geschriebenen Einleitung zähle ich auf nomineller Ebene vier bis fünf unterschiedliche teils komplementäre, teils auch untereinander redundante Anliegen.

[6] Tatsächlich gibt es ja auch schon eine ganze Reihe von Untersuchungen zur Bedeutung von Emotionen im Prozess politischer Mobilisierung (siehe überblickshalber z.B. den fast 15 Jahre alten Handbucheintrag von Goodwinn et al. 2004).

 

Literatur

Aly, Götz (2008): Unser Kampf: 1968 – ein irritierter Blick zurück. München: Fischer

Bachmann-Medick, Doris (2006): Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt

Bourdieu, Pierre (2012): Die männliche Herrschaft. Berlin: Suhrkamp

Connell, Raewynn (2014): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: Springer

Frei, Norbert (2008): 1968: Jugendrevolte und globaler Protest. München: Deutscher Taschenbuch Verlag

Goodwinn, Jeff et al. (2004): Emotional Dimensions of Social Movements. In: Snow, David A. (eds.): The Blackwell Companion to Social Movements. Oxford: Blackwell, 413-432

Hall, Stuart (2004): Cultural Studies. Ausgewählte Schriften 3. Berlin: Argument

Mitscherlich, Alexander; Mitscherlich, Margarete (2007): Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München: Piper

Reichhardt, Sven (2014): Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Berlin: Suhrkamp

Schneider, Peter (2008): Rbellion und Wahn. Mein ´68. Köln: Kiepenheuer & Witsch

Seeliger, Martin (2015): Linksalternative Geschichte, Höhepunkt bundesdeutscher Subkultur. Quelle: http://www.pop-zeitschrift.de/2014/10/10/linksalternative-geschichte-hohepunkt-bundesdeutscher-subkultur-rezension-zu-sven-reichardt-authentizitat-und-gemeinschaft-u-a-von-martin-seeliger10-10-2014/

 

Bibliographischer Nachweis:
Stefanie Pilzweger
Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution. Eine Emotionsgeschichte der Bundesdeutschen 68er-Bewegung
Bielefeld 2015
Transcript Verlag
ISBN: 987-3-8376-3378-8
410 Seiten

 

Martin Seeliger ist Post-Doktorand am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und zurzeit Junior Fellow am Jenaer Kolleg Postwachstumsgesellschaften.

MENU