Mrz 012016
 

Dass Rap und HipHop einerseits als Ausdrucksformen und andererseits als Gegenstand öffentlicher Diskussionen politische Angelegenheiten darstellen, haben seit einigen Jahren auch Vertreter der deutschsprachigen Kulturwissenschaft erkannt (und in eine entsprechende Forschungspraxis überführt). Was eine solche Perspektive zum Verständnis von Rap beitragen kann, versuchen Philipp Hannes Marquardt und Ayla Güler Saied in ihren (jeweils als Dissertationen angefertigten) Untersuchungen darzustellen.

In seinem Buch ‚Raplightenment‘ vergleicht Marquardt Texte aus dem Spektrum Aufklärungsliteratur des 18. Jahrhunderts mit Rap-Lyrics aus den 1990er Jahren. Ziel dieses Vergleichs ist es, überzeitliche Konstanten im menschlichen Ausdruck als Muster aufklärerischer Kulturelemente zu identifizieren. Die wissenschaftliche und politische Absicht dahinter bringt der Autor in einem Interview auf der Verlagshomepage wie folgt auf den Punkt: Was nützt es, wenn man Immanuel Kants Aufklärungs-Definition auswendig kennt, aber nicht mehr darüber nachdenkt, was selbstverschuldete und feige Unmündigkeit eigentlich zur Folge hat?“[1]

Der aktuelle Stand der kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung, in die sich die komparatistische Untersuchung einfügt, referiert der Autor relativ knapp und unter besonderem Bezug auf die Studie von Friedrich und Klein (2003). Während diese Arbeit ohne Frage den wohl wichtigsten (und dies nicht nur, weil sie am häufigsten zitiert wurde) Beitrag darstellt, wirkt sich Marquardts ausbleibende Rezeption soziologischer Literatur (siehe etwa die Beiträge aus Dietrich/Seeliger 2012) irreführend auf den Argumentationsgang aus (mehr dazu weiter unten).

Im den Texten der HipHop-Kultur erkennt der Autor nun ein aufklärungsphilosophisches Grundmotiv mit den „Fixpunkten Emanzipation, Popularisierung, Herrschaft sowie Selbstkritik und -auflösung“, welches er anhand der untersuchten Rap-Lyrics Texte „von der Gegenwart her auszuloten“ (7) versucht. Die zentrale Gemeinsamkeit in den Genres von HipHop und Aufklärung erkennt er hierbei in der „argumentativen Synthese enzyklopädistischer Wissensproduktion und dialogischer (Selbst-)Reflexivität“.[2] Indem er systematisch aufklärerische Originaltexte von Schiller oder Diderot (kontrastiv wie vergleichend) in Beziehung zu Rap Lyrics von Musikern wie Freundeskreis, Torch oder Eminem setzt, weist Marquardt diese Ähnlichkeiten nach und gelangt zu dem Schluss „auf einen politisch aktiven, öffentlichkeitsorientierten sowie sendungsbewussten HipHop.“

Vor dem Hintergrund dieser Darstellung gelangt die Untersuchung zu dem Schluss, „dass Prozesse des Aufklärens nicht zum Erliegen gekommen sind und eine vernünftige Betrachtung der Gegenwart auch heute zu aufklärenden Denkmethoden zwingt“ (257). Rap stellt aus dieser Sicht eine progressive Kulturform dar, die das kritische Reflexionspotential der Gesellschaft erhöht.

Eine m.E. interessante Anschlussfrage formuliert der Autor, wenn ich ihn richtig verstehe, zum (insgesamt recht plötzlich und knapp ausfallenden) Schlusskapitel: Wenn es, ähnlich wie etwa Beck und Grande (2010) dies nahelegen, unterschiedliche Kulturräume in ihren jeweiligen Entwicklungen unterschiedlichen Modernisierungspfaden folgen, so ließe sich hier untersuchen, inwiefern dort verschiedene Formen von HipHop und Rap (oder anderen modernen Aufklärungsphänomenen) entstanden sind. So ließe sich der Einfluss von Globalisierung auf Rap (und möglicherweise auch andere Varianten aufklärungsspezifischer Kulturgüter) erkennen, „indem elementare Charakteristik international in Erscheinung tretender Aufklärungsphänomene auf der Folie jener interdependenten Austauschprozesse lokalisiert würden“ (267). Vor diesem Hintergrund benennt der Autor die HipHop-Kultur als ein „Forschungsfeld, dessen reichhaltige Erkenntnispotentiale es weiter auszuschöpfen gilt.“

Die systematische Suche nach Mustern aufklärerischer Wissensproduktion in unterschiedlicher Erscheinungsform erscheint mir als ein innovativer Ansatz, der Einblicke in grundlegende Kulturmuster verschaffen könnte. In Bezug auf den Gegenstand von Rapmusik erscheint mir der die Darstellung Marquardts allerdings als zu optimistisch. Zwar stützt das von ihm ausgewählte Textmaterial seine Thesen zum politisch-progressiven Charakter rap-spezifischer Äußerungen, das Panorama zeitgenössischer Rapmusik bildet der Autor damit allerdings nicht ab. Dieser Umstand spiegelt sich auch in seiner Rezeption des Forschungsstandes zum Thema, der Arbeiten zu den potenziell regressiven, affirmativen Tendenzen zwar umfasst, in der Darstellung Marquardts allerdings nicht vollständig (d.h. unter Auslassung derselben) berücksichtig wird (siehe etwa Seeliger 2013).

Die Stilisierung von HipHop zu einer „Ästhetik des Widerstandes“ (59) erscheint angesichts der Beiträge von Rappern wie Bushido und anderen zwar nicht als falsch, jedoch als eindimensional. Denn offen bleibt hierbei die Frage, inwiefern Versuche von Befreiung und Empowerment nicht auch regressiv wirken können. Stellt eine Individualisierung des Klassenkampfes („Arm gegen Reich“) in Form einer ‚from Rags to Riches‘-Story nicht vielleicht eine ‚Dialektik der Aufklärung‘ dar, die vom optimistischen Blickpunkt der Cultural Studies nur schwer zu erkennen ist?[3] (Weiterhin bleibt zu sagen, dass die mitunter übermäßig blumige Sprache meinen Geschmack genau so wenig trifft wie die mitunter über sieben oder mehr Zeilen hinwegreichenden Sätze).

Der Gegenstand der zweiten hier besprochenen Monografie ist für mich nicht so spezifisch benennbar – es geht allgemein um die deutsche HipHop- und vor allem Rap-Szene und die Bedeutung verschiedener sozialer Kategorien (Hauptsächlich Ethnizität, ‚Rasse‘ und Migrationserfahrung, teilweise aber auch Geschlecht) für ihre soziale Konstitution. Was abstrakt schwer zu fassen erscheint (und dies sei gleich gesagt: mir konnte die Autorin nicht vermitteln, was genau sie mit der Untersuchung beabsichtigt), gewinnt seine Bedeutung in der konkreten Auseinandersetzung: Denn hier ist das als Dissertation im Fach Soziologie entstandene Buch äußerst informativ.

Anschließend an das Forschungsparadigma der Cultural Studies liefert Saied eine lebensweltlich fundierte Analyse der Biographien einer Reihe von RapperInnen mit Fokus auf „Wechselwirkung von Macht, Identität und Kultur“ (12). Der Großteil der empirischen Daten wurde hierbei in narrativen Interviews mit verschiedenen RapperInnen aus verschiedenen Genres (sowie einem Sozialarbeiter) aus dem Raum Köln erhoben und mit den Methoden der Grounded Theory in Bezug zum Forschungsstand gesetzt.

Ein längeres Kapitel über die Geschichte von HipHop als Kulturform mit subalternem Ursprung bildet eine solide Grundlage für die Spezifischeren Ausführungen für die Entwicklung des deutschen Kontextes. Beide Kapitel erfüllen die Anforderungen einer empirischen Fundierung mehr als nur ordentlich. Besonders hervorzuheben ist die kenntnisreiche Darstellung der deutschen Einwanderungsgeschichte seit dem Tweiten Weltkrieg aus einer rassismustheoretisch informierten Perspektive. So arbeitet sich die Autorin etwa an Ulrich Beck (1986) und der rezenten Sozialstrukturanalyse ab und kritisiert eine lang andauernde Indifferenz gegenüber Binnendifferenzierungen unter Migranten sowie deren Nachkommen.

Die Analyse von Ethnizität als sozialer Kategorie wird in der umfassenden Darstellung nicht nur auf vermeintliche Migranten und deren Nachkommen beschränkt, sondern auch auf Seiten der ‚Mehrheitsgesellschaft‘: Am Beispiel des Rappers Fler (100) zeigt die Autorin, wie die Konstruktion subjektiver Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen keineswegs nur zur Konstruktion von ‚Fremdheit‘ auf Seiten der Migranten, sondern auch zur Schaffung symbolischer Zugehörigkeit (und damit sozialer Kohäsion) in der Mehrheitsgesellschaft dient. Neben Ethnizität geht es im Buch auch immer wieder um Geschlecht als Strukturkategorie und Ressourcen (inter-)subjektiver Identitätskonstruktion unter Bezug auf HipHop-Images (einerseits in Form männlicher Dominanz, andererseits aber auch in Form weiblichen Empowerments durch den expliziten Fokus auf ‚Female Rap‘).[4]

Zwar thematisiert sie an verschiedenen Stellen die machistischen und misogynen Inhalte von zeitgenössicher Rap-Songs. Indem entsprechende Ausdrucksformen in einem gesellschaftlichen Krisendiskurs allerdings vor allem auf den migrantischen Hintergrund vieler Rapper zurückgeführt würden, verkenne man hier die gesellschaftlichen Ursachen derartiger Diskrimierungen. Einen Schwerpunkt der Darstellung legt Saied aber gleichzeitig, und dies ähnlich wie auch Marquardt, auf die emanzipatorischen Aspekte und Potenziale der HipHop-Kultur. Neben der reflexiven Thematisierung der eigenen Randständigkeitserfahrungen stellt die Autorin Rap als Kontinuum gesellschaftskritischer Äußerungen dar und gelangt so zu ihrer Schlusseinschätzung, dass Rapmusik „eine selbst kreierte Arena für Selbstermächtigung und konstruktive Veränderungsprozesse“(287) darstellt.

Im Text fallen mir kleinere sprachliche und editorische Mängel auf, die ich aus anderen Veröffentlichungen (außer meinen eigenen) nicht gewohnt bin. Auch erscheinen mir einige der Text-Transkriptionen als fraglich.[5] Mitunter erinnert auch die Ausdrucksweise an den nöligen Tonfall, den ich sonst vor allem von der Webseite de.indymedia.org kenne. Ähnlich hochtrabend wirkt mitunter die m.E. undifferenziert und global ausfallende Kritik, die die Autorin in Nebensätzen an den verschiedensten Dingen äußert. Der Text wirkt auf mich daher mitunter normativ überladen und dies auch in Bezug auf Themen, die mit dem Inhalt gar nicht direkt zu tun haben.[6]

Aber das sind eigentlich Kleinigkeiten, denn eigentlich gefällt mir das Buch sehr gut. Die Darstellung ist so umfangreich wie informativ. Eine ganz pointierte Message kann ich nicht erkennen, aber wenn man das Buch liest, wird man nicht nur gut unterhalten (vor allem durch die biografischen Darstellungen), sondern weiß hinterher auch eine Menge über deutschen Rap und seine Bedeutung für die Subjektivierung, Identitätsbildung sowie ihren Zusammenhang mit dem öffentlichen Diskurs über (vermeintliche) Migranten und deren Nachkommen. Gemeinsam mit den Arbeiten von Szillus (2012) sowie Loh und Verlan (2015) stellt die Untersuchung den wohl wichtigsten deskriptiven Beitrag zu den deutschen HipHop-Studies dar.

Eine Gemeinsamkeit der beiden Bücher ist, dass mir in beiden Fällen nicht klar geworden ist, worin genau das Anliegen der Autoren besteht. Zwar fällt die thematische Ausrichtung recht deutlich aus, eine nachvollziehbare Fokussierung der Forschungsfrage, die sich aus einem mehr oder weniger klar dargestellten Forschungsstand ableitet, finde ich in den zwei Büchern nicht. Das ist – wie gesagt – nicht sehr schlimm, denn informativ sind sie trotzdem. Aber erhellend wäre es schon gewesen.[7] Hiermit zusammenhängend fällt mir auf, dass Ausblick und Resümee in beiden Texten relativ kurz ausfallen. Vielleicht würde man besser verstehen, worin die Forschungsabsicht besteht und wie genau sie sich die Befunde zum state of the art verhalten, wenn Autoren versuchen würden, diese klarer herauszuarbeiten (gern auch in Bezug zu sich hieraus ableitenden, zukünftigen Forschungsfragen).

Beiden Titeln ist darüber hinaus eine optimistische Sicht auf das Kulturphänomen Rap zu eigen. Vom Blickpunkt der Cultural Studies betonen sie vor allem die emanzipatorischen Potenziale (ohne die affirmativ- und/oder regressiv-diskriminierenden Elemente ganz zu verschweigen). Indem etwa Saied immer wieder betont, diskriminierende Klischees im HipHop würden dort nur reproduziert und wären originär in den gesellschaftlichen Institutionen insgesamt verwurzelt, relativiert sie implizit die verstärkende Wirkung einiger der semantischen Filter aus dem Bereich der HipHop-Kultur (und hier vor allem des Gangstarap). Innerhalb dieses Spektrums zu einer realistischeren Sicht zwischen Kulturpessimismus und optimistischer Relativierung zu gelangen (wie dies etwa Verlan und Loh 2015) gelingt), wäre eine Aufgabe zukünftiger Forschungsarbeiten aus diesem Bereich.

 

Anmerkungen

[1] Autoreninterview

[2] In einfacheren Worten könnte man eventuell auch sagen, die kritische Auseinandersetzung mit der Welt und sich selbst.“

[3] Einen ähnlichen Gedanken versuche ich in einer kurzen Besprechung der Biografie des Rappers Xatar auszuarbeiten (siehe Seeliger 2015).

[4] Die Kategorie ‚Klasse‘ als Dimension sozialer Ungleichheit berücksichtigt die Autorin lediglich am Rande (d.h. vor allem unter dem Aspekt der räumlichen Segregation innerhalb der Stadt sowie deren Thematisierung im Rap).

[5] Die alternative Benennung des Kölner Stadtteil lautet „Grembranx“, nicht „Grembrand“, und Rapper payen m.E. „Dues“ und nicht „Duce“. Außerdem weicht das B-Tight-Zitat auf Seite 101vom Originaltext ab.

[6] Siehe hierzu das folgende Zitat: „Während nationale Konzepte in einer globalisierten, transnationalen Welt eigentlich der Vergangenheit angehören müssten, werden diese meines Erachtens jedoch immer wieder aktiviert, um bestehende Machtverhältnisse und die damit verbundene Handlungsmacht aufrechterhalten zu können“ (125). Wieso sollte man auf methodologischer Ebene nicht mehr national vergleichen? Und sind Konzepte nationaler Steuerung nicht mehr wirkmächtig (und dies auch im Sinne einer, so vermute ich, von der Autorin favorisierten linken Politiklinie? Man mag es mir als Krittelei auslegen, aber der prinzipielle Kosmopolitismus linker Wissenschaftler erscheint mir nicht als zielführend.

[7] Vielleicht hat das ja auch mit Unterschieden im fachspezifischen Wissenschaftsverständnis oder der jeweils individuellen Art Forschung zu betreiben zu tun. Es würde mich interessieren, ob die Autoren im persönlichen Gespräch den Forschungsstand, die Forschungslücke, die Forschungsfrage und die Antwort auf diese Frage in Bezug zum Forschungsstand klar benennen könnten. Vielleicht habe ich es ja einfach nicht verstanden? Oder die Absicht war von vornherein eine andere?

 

Literatur

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Beck, Ulrich; Grande, Edgar (2010): Jenseits des methodologischen Nationalismus. Außereuropäische und europäische Variationen der Zweiten Moderne. In: Soziale Welt 61 (2), 187-216

Dietrich, Marc; Seeliger, Martin (Hg.) (2012): Deutscher Gangstarap. Sozial- und kulturwissenchaftliche Beiträge zu einem Pop-Phänomen. Bielefeld: Transcript

Klein, Gabriele; Friedrich, Gabriele (2003): Is this real? Die Kultur der HipHop. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Seeliger, Martin (2015): “Zähl so viele Scheine Du kannst, bevor Du sitzt.” Die Geschichte des Rappers Xatar aus klassenpolitischer Sicht. In: Lower Class Magazine.

Seeliger, Martin (2012): Deutscher Gangstarap. Zwischen Affirmation und Empowerment. Berlin: Posth

Szillus, Stephan (2012): Unser Leben – Gangstarap in Deutschland. Ein popkulturell-historischer Abriss. In: Dietrich, Marc; Seeliger, Martin (Hg.): Deutscher Gangstarap. Sozial- und kulturwissenchaftliche Beiträge zu einem Pop-Phänomen. Bielefeld: Transcript, 41-65

Verlan, Sascha; Loh, Hannes (2015): 35 Jahre HipHop in Deutschland. Höfen: Hannibal

 

Bibliografischer Nachweis:

Ayla Güler Saied
Rap in Deutschland. Musik als Interaktionsmedium zwischen Partykultur und urbanen Anerkennungskämpfen
Bielefeld 2013
Transcript Verlag
ISBN 978-3-8376-2251-5
310 Seiten

Philipp Hannes Marquardt
Raplightenment. Aufklärung und HipHop im Dialog
Bielefeld 2015
Transcript Verlag
ISBN 978-3-8376-3253-8
314 Seiten

 

Martin Seeliger ist Post-Doktorand am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und zurzeit Junior Fellow am Jenaer Kolleg Postwachstumsgesellschaften.

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