Jan 102016
 

Peinliche Jugendfotos

YouTube-Nachmittage statt Dia-Abende. Die Reaktion von YouTuber/innen auf ihre alten Bilder.

Der YouTube Kanal „BibisBeautyPalace“ hat derzeit ungefähr 2.7 Millionen Abonnenten. Jeden Donnerstag und Sonntag werden dort neue Clips veröffentlicht. Bibi ist der Star unter den Beauty-Blogger/innen und für viele Formate, die sich in Deutschland etabliert haben, Impulsgeber gewesen. Solche Formate sind neben Schmink- und Frisier-Tutorials beispielsweise die „Room-Tour“ (Blogger/innen führen durch ihre Wohnung), „Jungs und Mädels“ (etwa „Das turnt Jungs bei Mädels ab“), „Comedy“ (etwa „Mein Freund schminkt mich“), „10 Arten …“ (etwa „10 Arten ein Date zu versauen“) oder „Challenges“ (etwa „Extreme Smoothie Challenge“). Vor etwas über einem Jahr haben sich auch die „Peinlichen Jugendfotos“ als Format durchgesetzt.

Im Januar 2015 hat Bibi einen Clip mit dem Titel „Meine PEINLICHSTEN TEENIE – FOTOS“ veröffentlicht, woraufhin es ihr zahlreiche Blogger/innen gleich taten. Sie folgen damit einem Trend der Kollegen aus England, welcher ein Jahr zuvor insbesondere von „Thatcher Joe“ ausgelöst wurde und sich „Reacting to old profile pictures“ nennt.

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Für diese Clips werden vermeintlich peinliche Fotos vorbereitet, die dann vor der Kamera besprochen werden. Während in einem freigehaltenen Bereich des Bildes die entsprechenden Kinder und Jugendfotos eingeblendet werden, schaut sich der/die YouTuber/in die Fotos parallel dazu auf einem Tablet oder Smartphone an: „Damit wir uns gemeinsam kaputt lachen können“, grinst Bibi der Kamera entgegen. Dabei entstehen Diptychen, die das Vergangene und Gegenwärtige, das unbewegte und das bewegte Bild nebeneinander stellen.

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Ein bisschen erinnert das ganze an Diapräsentationen längst vergangener Tage. Im abgedunkelten Zimmer wurde von den Geschichten hinter den Bildern berichtet: von Reisen oder Feierlichkeiten. Doch in Bibis Zimmer ist es nicht dunkel, sondern alles strahlt: die gut ausgeleuchtete Haut der Beauty-Bloggerin, das weiße Tablet auf ihrem Schoß, die helle Wand im Hintergrund.

Oft werden Bilder gezeigt, die sich noch nie im Dunkeln eines Schuhkartons oder unter dem Deckel des Fotoalbums befunden haben, die immer strahlten, ob auf dem Display früher Digitalkameras, dem Smartphone oder einem Computer. Bilder, die immer digital geblieben sind, oder zumindest nur noch digital auffindbar.

In nur wenigen Jahren haben die Digital Natives so große technische Entwicklungen miterlebt, dass sie sich schon heute als historische Figuren verstehen dürften. Das „Gefühl des Unechten“ oder die Angst, mit dem Fotografiertwerden einen Tod zu erfahren – wie sie Roland Barthes noch hatte -, ist den YouTuber/innen mehr als nur fremd. Auch, weil sich die Frage nach Authentizität an die Bilder nicht stellt. Selfies zeigen, dass sie ihr Inszenieren nicht verbergen, karikieren es regelrecht. Das kommt besonders deutlich zum Vorschein, wenn der/die YouTuber/in die Posen im Video nachstellen. Spätestens dann wird zu einer Grimasse, was einst in seinem ursprünglichen Kontext sinnvoll erschien.

„Ich dachte, ich hätt’s gelöscht!“, ruft Bibi empört ihrem Tablet entgegen, das Bild wird nun auch für die Zuschauer eingeblendet. Das ist natürlich rhetorisch gemeint, macht aber dennoch deutlich, um welche Bilder es sich hierbei handelt: Bilder, die nicht der Erinnerung dienen. Bilder, die auf nichts verweisen. Bilder, die nichts repräsentieren. Bilder, die auch hätten gelöscht werden können. Bilder, die einst versendet wurden, danach aber in Vergessenheit geraten sind.

Die meisten von ihnen sind Selfies: ein irres Spiegelblitz-Selfie, ein steinzeitliches Mobiltelefon, frühe Gesichtsverzerrungen, Duckfaces. Die Bilder haben Farbstiche und die Perspektiven sind schwindelerregend. Dennoch: „Jetzt haben meine alten peinlichen Selfies wenigstens einen Sinn, haha“, freut sich Bibi. Ihr Video ist Recycling. Als Zuschauer erschaudert man im Angesicht der gerade einmal wenige Jahre alten Bilder, die zum Teil historischer anmuten als ein Henry Cartier-Bresson.

Überhaupt lassen sich die Bilder – das wird plötzlich in der medialen Verarbeitung durch das YouTube-Video deutlich – nur schwer in eine Beziehung zum Fotografischen stellen. Sondern eher noch (dazu mehr hier) zu steinzeitlichen Höhlenmalereien.

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Wolfgang Ullrich hat im Katalog zur Karlsruher Ausstellung „Ich bin hier“ die These aufgestellt, dass Selfies nicht vergleichbar sind mit Selbstportraits, sondern mit Emoticons, deren Kanon wiederum als moderne und vor allem globale Bildsprache gelten kann. Das wird auch in den YouTube-Clips deutlich, wenn Bibi und Co. beim Anblick der Selfies berichten, welche Profilbilder in den frühen 2000er Jahren up to date gewesen sind und mit welchen Plattformen man damals vernetzt war: knuddels.de; uboot.com und schuelervz.net.

Sie versuchen damit einen Kontext zu rekonstruieren, der im Bild nicht sichtbar ist und die Ursache dafür zu sein scheint, dass sich die Blogger/innen auch nicht mit den Bildern identifizieren können. Deshalb ist ihnen auch keines der Fotos ersthaft peinlich. Das „Es-ist-so-gewesen“ von Roland Barthes verlegt sich gänzlich auf den Kontext, wohnt den Fotografien selbst nicht mehr inne.

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Daher versuchen die Youtuber/innen auch nicht die Lücke zwischen der damaligen und ihrer jetzigen Existenz zu schließen. Sondern sie erzählen von ihrer persönlichen Social-Media-Sozialisation, weil von Fotos selbst höchstens Rückschlüsse auf technikgeschichtliche Momente gezogen werden können oder auf ein selfie-spezifisches Posing: „Das ist so eines meiner ersten Duckface-Möchtegern-Bearbeitungs-Fotos“, erklärt die Beauty-YouTuberin Dagi Bee nüchtern.

Den Selfies wird immer noch vorgeworfen, sie seien einzig Ausdruck von Selbstdarstellung und Narzissmus. Damit liegt man jedoch auch dann falsch, wenn man den Narziss-Mythos von Ovid richtig versteht. Nicht die Selbstliebe hat Narziss um sein Leben gebracht, denn er wusste gar nicht, wie ein Spiegel funktioniert. Narziss erblickte im Spiegelbild der Quelle, an die er verbannt wurde, deshalb nicht sich selbst, sondern einen anderen, der ihm unerreichbar bleiben sollte. An einer nicht erwiderten Zuneigung ist Narziss zu Grunde gegangen, die seiner Medienunkenntnis geschuldet war. Ein solches Schicksal wird den YouTuber/innen sicher nicht widerfahren.

In den YouTube-Videos ist das Verständnis darüber, wie unsere gegenwärtigen Medien funktionieren, ausgeprägter, als oft vermutet wird. Die Blogger/innen sind sich offensichtlich sehr bewusst darüber, in welchen Kontexten die verschiedenen Bilder wirksam waren und welche Funktionen sie dabei erfüllt haben. So auch in Bibis YouTube-Clip über ihre alten Jugendfotos, der nämlich vor allem zum Mitmachen inspirieren soll: „Wie sieht’s bei euch aus? Habt ihr auch peinliche Selfies und Co. in den Tiefen eurer Festplatte vergraben?“

 

Annekathrin Kohout ist freie Autorin und Fotografin. Der Beitrag ist eine leicht bearbeitete Version eines Artikels, der auf ihrem Blog zu finden ist.

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