Dez 012015
 

Häufig wird die Oberfläche in der Popularmusik vor allen anderen Schichten beachtet, weil das Cover-Artwork und auch die Logogestaltung der Band erste Orientierungspunkte für eine musikalische Zuordnung gibt. Doch nicht nur für die Insider sind diese gestalterischen Merkmale von Bedeutung. In Bezug auf einen Randbereich der Popmusik, der Black-Metal-Szene, erfolgt die Wahrnehmung dieser Musik und ihrer Bilder- und Sprachcodes für Außenstehende ebenfalls an der Oberfläche: Unleserliche Logos, explizite Graphiken auf den Titelbildern der Tonträger, ein Hang zu Extremismus und Misanthropie in den Interviewaussagen und eine Archaik, die in der Gegenwart deplatziert scheint.

Ein Ausdruck davon ist die Verwendung der Runenschrift in Logos, Cover-Artworks, im Seitenlayout von Fanzines oder sogar im handschriftlichen Briefverkehr. Tauchen Runen in der Popularmusik auf, so verweisen diese nicht ausschließlich auf historische Kulturen, die diese Schriftzeichen benutzt haben, sondern es wird ein Diskurs aus verschiedenen Feldern mit der Verwendung von Runen gespeist.

Florian Busch untersucht den Runengebrauch als skripturale Praktik. Er führt vier Teildiskurse an, die die Runenschrift in der Black-Metal-Szene definieren: den spirituell-magischen, den politischen, den laienlinguistischen und den Authentizitäts-Diskurs. Die Diskurse sind nicht immer scharf zu trennen, sie bedingen sich stellenweise wechselseitig. Auch kann ein Diskurs nur stichprobenhaft rekonstruiert werden.

Das vorliegende Buch geht detailliert vor; analysiert anhand von Artefakten, aber auch geführten Interviews die Hintergründe der einzelnen Musikgruppen, Runen zu verwenden. Busch beschränkt sich auf Metalmusik, was dem Erkenntnisinteresse seiner soziolinguistischen Arbeit geschuldet ist, andererseits wäre es aber spannend gewesen, auch in anderen Popmusiksegmenten nach Verwendungspraktiken von Runen zu suchen. Er geht noch auf Computerspiele ein, die sich genau wie Teile des Black Metals aus der Fantasyliteratur oder historisierenden Rollenspielen bedienen. Die Überschneidung dieser Teilmengen dürfte also kaum verwunderlich sein.

»Dieses Buch über die skripturalen Praktiken mit moderner Runenschrift versteht sich in dem hier skizzierten Sinne also als ein Beitrag zu einer kulturwissenschaftlichen Linguistik: Sein Ziel ist, neben der linguistisch-ethnographischen Darstellung des Phänomens, anhand der modernen Funktionalisierung von Runenschrift auf die omnipräsente kommunikative Relevanz skripturaler Mittel abzuheben, die niemals nur ›Zeichenbehältnis‹ sind, sondern selbst kommunikative und soziale Bedeutung tragen.« (S. 13)

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Ein Beispiel wäre das Shirt der norwegischen Band Taake. Die Runen, die auf dem Textil erscheinen, liest Busch »als Mittel der skripturalen Identitätsarbeit«. (S. 75) Durch das Tragen eines Bandshirts positioniere sich der Fan sozial und zeige der Umwelt einen »vielfältigen Informationsgehalt«, wie Julia Eckel in dem von Busch zitierten Aufsatz zu textuellen Textilien ausführt. »Bemerkenswert ist hierbei die Bedeutung typographischer Elemente. Während bei ›herkömmlicher Modekleidung‹ Text häufig in wenig zentraler Stellung festzustellen ist, sind bei Bandshirts gerade die sprachlich-visuellen Zeichen, wie Bandlogos oder markante Auszüge aus Songtexten zentral und individualisierend.« (Ebd.)

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Ein weiteres Beispiel wäre die Band Arstiðir Lifsins. Sie stellt in ihren Lyrics Bezüge zu Island her, was bereits im Namen, der isländisch ist, deutlich wird. Die Verbindung zur altwestnordischen Mythologie inkludiert die Schriftkultur der Runen, was eine Verwendung dieses Alphabets nahelegt.

Dass ein nicht mehr gebräuchliches Alphabet typographisch in einer musikalischen Subkultur benutzt wird, lässt mehrere Schlüsse zu: eine Tendenz zur Exklusivität, stark historisierende Interessen der Musiker oder aber eine kulturpolitische Zielsetzung. Letzteres untersucht der Autor unter anderem anhand von NSBM-Gruppen, die mit der Runenschrift einen Rückgriff auf das NS-Regime leisten und zugleich eine germanische Frühgeschichte imaginieren. Der Autor untersucht die verschiedenen ›Black-Metal-Identitäten‹. In manchen Kontexten scheinen Runen als alltagsschriftliche Ressource in der Szene benutzt zu werden, um dadurch die Mondanität des Alltags auszuschalten.

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Was die linguistische Fachliteratur angeht, so bietet sie für eine solchgestaltige Untersuchung eine Vielzahl an methodischen Tools an; bei der Metal Studies-Literatur fällt auf, dass Busch in manchen Kapiteln Aufsätze aus lediglich einem Sammelband zitiert. Philologische Diligenz fordert die Zitierbarkeit von Erkenntnissen, es sei denn, es wird empirische Feldforschung betrieben. Wenn es nun aber zum Black Metal noch nicht ausreichend ›zitierbare‹ Literatur gibt, was tun? Eigene empirische Forschung betreiben. Klar stellt sich auch immer die Frage nach den Adressaten. Für Musikinteressierte könnte die linguistische Terminologie etwas sperrig wirken, für Linguisten der Untersuchungsgegenstand eher irrelevant erscheinen. Solche Studien bewegen sich auf dem Grat der Wissenschaftlich- und Verständlichkeit.

Der methodische Vorteil der Arbeit ist die Diskursivierung des Gegenstands, ohne jedoch die Urheber der Runen-Artefakte auszuschließen. Dabei fällt auf, dass die Musiker eine historisch wahrheitsgemäße Auseinandersetzung mit den Runen eher für Spekulationen ›opfern‹. Da ließe sich für weitere diskurskritische Studien ansetzen.

 

Bibliografischer Hinweis
Florian Busch
Runenschrift in der Black-Metal-Szene. Skripturale Praktiken aus soziolinguistischer Perspektive
Frankfurt am Main et al. 2015
Peter Lang Edition
ISBN 978-3-631-66358-5
179 Seiten

 

Dominik Irtenkauf M.A. ist freischaffender Journalist und Autor (u.a. fürs Legacy-Magazin und Telepolis), zudem arbeitet er an einer Dissertation in den Sound Studies zur Soundscape der Schwärze.

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