Nov 192015
 

Tieraccessoires

Der Legende nach konnte zum Tier werden, wer sich tierähnlich zu verkleiden verstand. Besonders eindrückliche Beispiele sind aus der nordischen Mythologie überliefert. Nachdem die frühen Menschen auf der Jagd nach Wölfen zur Tarnung deren Fell umgelegt hatten, wurden ihnen, je länger sie sich dieser Methode bedienten, die Eigenschaften des Wolfes zugesprochen. Nicht nur in Bewegung und Habitus, auch im Wesen erschienen sie als zunehmend identisch mit den Dargestellten. Aus Verkleidung wurde Verkörperung, sodass manch einem möglich war, als Teilzeit-Werwolf auf dem sagenhaften Markt der Urängste zu reüssieren.

Inzwischen haben die Menschen Abstand davon genommen, zum Wolf werden zu wollen. Ungleich größere Energien verwenden sie darauf, den sanften Ableger des Wolfes, den Haus-, Taschen- und Schoßhund, zum menschenähnlichen Wesen auszubauen. Dabei fällt auf, dass der Mensch auch hier zum Mittel der Verkleidung greift – um durch Angleichung der Merkmale eine Anpassung der Eigenschaften zu erwirken. Wer seinem Hund einen Pullover überstreift, hat die Integration des Tieres in die Familie sichtbar vollzogen. Machten sich Menschen einst mit Wölfen gemein, um an deren Fell und Fleisch zu kommen, hieven sie heute ihre Hunde auf Augenhöhe, um diese mit Fell und Fleisch versorgen zu können.

Doch anstatt kulturkritisch zu klagen – und ohne die Einwände vonseiten der Tierschutzorganisationen zu vergessen! –, lohnt es sich, dem Bedürfnis der Tiervermenschlichung nachzugehen. Schließlich existieren ganze Warensegmente, mit denen sich vorwiegend Klein- und Haustiere ausstatten, ausstaffieren, vielfältig schmücken und mit immer neuen Produkten umranken lassen. Das komplette Marktvolumen für den deutschen Heimtierbedarf umfasst rund 4 Milliarden Euro, wobei der Hund mit knapp 7 Millionen Vertretern deutlich hinter der Katze (knapp 12 Millionen) auf Rang zwei in der Beliebtheitsskala rangiert. Allein diese Zahlen machen ersichtlich, wie ökonomisch attraktiv die Sparte ist, sodass nicht verwundert, warum die Hersteller kaum einen Bereich auslassen, um das Tier mit den Vorzügen des Menschseins vertraut zu machen.

Abbildung 1

Abbildung 1

Besonders selbstgewiss tritt derzeit die »Neue Hundemode-Kollektion« von LuxuryDogs auf den Plan (Abb. 1). Präsentiert in schwulstigem Kitsch- und Neureichen-Prunk (es gibt eine »Harald Glööckler-Kollektion«!), präsentiert man den Hund als heteroanimalisches Macho-Gegenstück zur unschuldsblonden Schönheit. Sein treudoofer Blick in Kombination mit Schlappohren und bedauernswerter Körpergröße untergräbt das maskuline Gehabe allerdings unrettbar. Nachdem er den alleinigen Platz auf dem pseudoroyalen Kanapee eingenommen hat, versprüht die schwarzlederne Hundejacke allenfalls noch einen verzweifelten Rest sodomitischer Komik.

Abbildung 2

Abbildung 2

Umso mehr stellt sich die Frage, um was es hier eigentlich geht. Betrachtet man die Hundekollektion im Detail, fällt auf, wie hinlänglich bekannte Schematisierungen in demonstrierender Absicht dem Hund als Einkleidung umgelegt werden. Neben Opas karogemustertem Strickpullover finden sich ein rosa stereotypisiertes »Who is the Queen«-Sweatshirt, ein gelb-leuchtendes Rücken-Smiley und einen den Hund zum bissigen Kleinproll stilisierenden »Mops- und Bullymantel« mit schusswestenartiger Brust- und Nierenpanzerung (Abb. 2).

Offenbar werden billigste Schablonen und einfachste Zuschreibungen aufgerufen. Angebracht am Tier, ist seinem Besitzer möglich, ein mittrottendes Statement bei sich zu führen. Das Tier wird zur vierfüßigen Trägermasse eines flott angelegten Identitätspostulats, von dem freilich unklar bleibt, wie es im Einzelfall genau gemeint sein soll: Handelt es sich um den ungefilterten Ausdruck einer persönlichen Auffassung? Oder um eine ironische Koketterie? Oder eher um den Versuch, durch immer neue, grellere, abseitigere Verpackungen dem Tier im stadtalltäglichen Kampf um Aufmerksamkeit Vorsprung zu verschaffen?

Abbildung 3

Abbildung 3

Physiognomisch tragisch wird die Sache, wenn dem Hund allzu beschwingt Modellqualitäten zuerkannt werden. »Bayernbello« mag hierfür ein schlagendes Beispiel liefern (Abb. 3). Geht es gewöhnlichen Fashion-Models darum, ganzkörperliches Glück beim Tragen der Wäsche auszustrahlen, so haben wir es im vorliegenden Fall mit dem traurigen Ergebnis eines Tragen-Müssens zu tun.

Folglich kann der Hund nicht anders, denn als das hilflose Opfer eines übersteigerten Ausstattungstriebes aufzutreten. Die Werbung verkehrt sich in ihr Gegenteil, sie wird zur Anti-Werbung, ja mag, anders kontextualisiert, als Warnung zu lesen sein, keinesfalls in dieser Weise mit Tieren umzugehen. Wo das Human-Model somatische Identität mit den ihm umgelegten Stoffen suggeriert, wirkt das Tier lediglich halbvermenschlicht. Im Gegensatz zum Wolfsmenschen gleicht sich der Hund den Erfordernissen seiner Kostümierung nicht an. Im Gegenteil, er bleibt – es klingt banal – sichtbarer Hund, was dazu führt, dass die ihm aufgepfropften Accessoires umso mehr als Fremdkörper erscheinen.

Abbildung 4

Abbildung 4

Neben der Sparte Tierfashion tut sich besonders das Segment der tierdienenden Einrichtungsgegenstände hervor. HOME & DOGS etwa setzt darauf, das eine oder andere Inventar der Wohnung in Miniaturformat zu reproduzieren, um so – knapp über Puppenhausgröße – Hunde-Stühle, Hunde-Couches und Hunde-Reisebetten anzubieten (Abb. 4).

Offenkundig geht es hierbei weniger darum, das Tier in den Genuss menschlicher Wohngepflogenheiten kommen zu lassen; eher soll die Gesamtkomposition der Einrichtung davor bewahrt werden, durch störende Hundeutensilien verschandelt zu werden. Dem Wunsch nach ästhetisch-räumlicher Harmonie soll entsprochen werden. Umso mehr wird das Tier als Teil des Ganzen gesehen, das in die Choreografie der Lebensraumgestaltung einzupassen ist. Penibel wird in der Gestaltung der Minimöbel auf möglichst breite Anschlussfähigkeit geachtet: Kombinierbar sowohl mit dem Exklusiv- als auch dem IKEA-Segment, verspricht das Tiermobiliar ein Flair von gehobenem Mittelmaß.

Abbildung 5

Abbildung 5

Konsequent also, wenn das Unternehmen HOME & DOG seinem Titel insofern Rechnung trägt, als es die Hunde-Produkte auf eine Qualitätsstufe mit Produkten für dessen Besitzer hievt. Entsprechend finden sich neben Tier- auch etliche Menschenaccessoires, wie etwa Cashmere-Klamotten für den Entspannungssonntag, Kerzen, Seifen und – aktuell – Adventskalender. Vor allem das kulinarische Angebot sticht dabei ins Auge, fällt es doch schwer, die Zielgruppe von »Geflügel mit Buchweizen« oder »Rind mit Kartoffel« auf Anhieb eindeutig zu bestimmen (Abb. 5). Erst die Hypoallergen-Gerichte geben Aufschluss, dürften »Känguru mit Kürbis« oder »Pferd mit Karotte« unter Menschen nur bedingt absatzfähig sein – was der ambitionierten Produktinszenierung allerdings keinen Abbruch tut: Die Suggestion einer traditionellen, guten und frischen Küche hat mit der mageren Leckerli-Ästhetik früherer Tage nichts mehr zu gemein.

Im Ganzen besehen bietet die Produktwelt der Tieraccessoires ein schier endloses Feld, über dem sich grundlegende Fragen aufspannen lassen: Was verraten derartige Angebote über die Beziehung des modernen, in westlichen Wohlstandskulturen sozialisierten Menschen gegenüber seinen Haustieren? Welche Klischees und vorgestanzten Muster werden hier auf Tierkörper erst projiziert und dann tatsächlich auch transferiert? Wie ist der soziale Status zu beschreiben, der Tieren hierbei zugedacht wird?

Ob Tiere durch solche Angebote wirklich eine neue Anthropomorphisierung erfahren, bleibt jedenfalls fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass Haustiere durch das Ausstaffieren mit Accessoires zu sozialen Lebendmedien werden, über die sich – niedrigschwellig in jeglicher Hinsicht – Kommunikation lancieren, Status repräsentieren und Auffassungen ästhetisieren lassen. Das Tier wird, im Unterschied zum Menschenwolf, zwei mit sich selbst – und zum Träger jener Postulate, die sein Besitzer über ihn aussendet.

 

Daniel Hornuff ist akademischer Mitarbeiter am Institut für Kunstwissenschaft und Medientheorie, Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

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