Aug 212015
 

Als ich vor einigen Jahren einkaufen ging, stieß ich auf ein neueröffnetes Fitnessstudio. Es lag im Erdgeschoss, in einem Haus nahe des Supermarkts. Wenn man den Bürgersteig passierte, konnte man durch die großen Fenster, kaum zwei Meter entfernt, menschliche Körper auf Crosstrainern und Spinbikes beobachten. Die fast vollkommen verglaste Fassade und die helle Beleuchtung im Innern zeigten die Absicht, Menschen, aber vor allem deren Körper und Bewegungen, auszustellen. In regelmäßigen Abständen waren Geräte positioniert, deren dominante Ordnung den Raum strukturierte.

Sie erinnerte mich an Fabrikdarstellungen aus dem 19. Jahrhundert, an deren strenge Geometrie, die durch die kantigen Körper einer Vielzahl von Maschinen verursacht wird. In seiner Raum- und Zeitorganisation schien das Fitnessstudio von den gleichen Prinzipien durchdrungen und damit das gleiche Ziel einer Disziplin- und Effizienzsteigerung zu verfolgen. Michel Foucault beschrieb diese Form der Arbeitsorganisation als eine Manifestation der Disziplinargesellschaft, in der Prinzipien wie Parzellierung, genaue Platzzuweisung, Übersichtlichkeit und Takt zum Tragen kommen.[1]

Die harmonische Innenraumgestaltung und ihre sanft abgestimmten Farbtöne mildern jedoch die mechanische Härte. Das Fitnessstudio wandelt sich in eine sinnlich-ästhetisch aufbereitete Fabrik, deren Arbeiter offenbar nicht mit, sondern, unter hoher Anstrengung, gegen eine Maschine, die man auch einfach abstellen oder ignorieren könnte, arbeiten.

Beeindruckend dabei ist vor allem ihre ernsthafte Haltung: Ehrgeizig und konzentriert widmen sie sich ihrer Tätigkeit, als würden sie ein direkt vor Augen liegendes Ziel verfolgen. Dieses Ziel muss jedoch im Verborgenen liegen, da sich – sichtbar – ihre Mühen in endlosen Wiederholungen auflösen oder durch das Drehen des Laufbandes abgefangen werden. Es wird kein offensichtlicher Zweck erfüllt. Das Treiben erhält den Anschein einer meditativen Übung, der sich nur einem Blick von außen (fern jeglichen Pragmatismus eines Trainierenden) angemessen erschließt und ihm einen anderen Aspekt körperlichen Trainings andeutet.

Fitnesstraining als rituelles Handeln

Die Theologische Realenzyklopädie enthält eine Begriffserklärung des Ritus, die den Kontext der Religion zu seiner Definition nicht erfordert. Sie legt vier konstitutive Elemente fest, die ermöglichen sollen, den religiösen Ritus vom repetitiven Alltagsverhalten (einer „Ritualisierung“) abzugrenzen:

Der erste Punkt bezieht sich auf die körperliche Ausführung, die, obwohl der Ritus „Leib, Seele und Geist“ des Gläubigen involviert, nicht durch das Wort oder die Intention ersetzt werden kann.

Des Weiteren wird sein repetitiver Charakter, der immer wieder auf ein ursprüngliches Ereignis verweist, als entscheidendes Merkmal genannt: „Der Ritus wieder-holt. Er macht das Urgeschehen, z. B. das Hervortreten der Gottheit oder allgemein eine Offenbarung, präsent und lässt als gegenwärtiges Geschehen wirksam werden, was im Ursprung war.“

Drittens wird die Bedeutung des Wortes als Teil des Rituals hervorgehoben. „Der Mythos konstituiert nicht den Ritus, aber er begleitet, verdeutlicht, interpretiert ihn. Er legt seinen Sinn fest.“

Das vierte Element zeichnet den Ritus als einen Symbolträger aus, in dem jeder Teil von einem Verweis durchdrungen wird. „Der Ritus wird durch eine Fülle von Einzelsymbolen konstituiert und muss als eine mehrdimensionale Symbolhandlung verstanden werden.“[2] Neben einer körperlichen Ausführung und der regelmäßigen Wiederholung wird also zunächst ein Urgeschehen oder eine Offenbarung vorausgesetzt, auf welche die Handlung immer wieder Bezug nimmt, um beständig daran zu erinnern.

Parallel hierzu möchte ich auf eine Angabe des Brockhaus verweisen, die das Fitnessstudio als Ergebnis einer Wandlung, während der eine ursprünglich sportwissenschaftliche Teststation zu einer permanenten Trainingseinrichtung umfunktioniert wurde, beschreibt. Infolgedessen entsteht eine Situation, in der der Körper des Trainierenden ständig getestet und in Form von Zahlen erfasst wird.

Die Zahlen sagen dabei selbst nichts aus, sondern verweisen lediglich auf andere Zahlen: Zum einen auf Idealwerte, die für Fitness und Gesundheit stehen, und zum anderen auf die eigenen Werte, die zu Trainingsbeginn dokumentiert wurden. Die erste Erfahrung nämlich eines dem Fitnessstudio neu beitretenden Mitglieds bildet ein Beratungsgespräch, in dessen Verlauf auch sein Körper analysiert wird. In gewisser Weise wird ihm hier die Wahrheit über seinen Körper offenbart.

Die beständigen Messungen während des Trainings (Puls, Kalorienverbrauch, Schwierigkeitsstufen/ Gewichte, Geschwindigkeit, Wiederholungen etc.) nehmen immer zugleich Bezug auf Vergangenheit und Zukunft. Sie zeigen an, von wo das Individuum kommt und wie weit es vom Ziel entfernt ist. Das Training wird somit um einen Akt des Erinnerns – vielleicht an den traumatischen Moment der Offenbarung – ergänzt und unterscheidet sich dadurch beispielsweise von anderen körperlich und rituell vollzogenen Alltagshandlungen, wie etwa dem Zähneputzen.

Die Fitnesszeitschrift Shape liefert ein anschauliches Beispiel für Ereignisse mit bewusstseinsändernder Wirkung. Im Rahmen einer Kolumne unter dem Titel „Applaus: Abnehmererfolge“ veröffentlichte sie 16 Artikel über Frauen, die an einem gewissen Punkt beschlossen haben, mit ihrem bisherigen Lebensstil Schluss zu machen. Alle Autorinnen haben ca. 30kg in kurzer Zeit abgenommen und schildern, wie ihr neues Leben, das „fitte“ Leben begonnen hat und wie es sich im Vergleich zu dem „alten Leben“ anfühlt.[3]

Was in nahezu allen Darstellungen übereinstimmt, ist die Kategorie des „ausschlaggebenden Ereignisses“, einer Art Erweckungserlebnis. Einmal ist das z. B. der Moment, in dem man nach dem Mittagessen im Korbstuhl einer Restaurantterrasse stecken bleibt, dann jener, in dem man auf dem Urlaubsfoto sich selbst im Bikini erkennt. In diesen augenscheinlichen Momenten wird immer klar, dass es so nicht weitergehen kann. Ernährungsumstellung, Fitnessprogramm und Sport folgen. Weiter, verbindet das Wort „Belohnung“ alle Berichte. Jeder Erfolg (-10kg-15kg-20kg) wird belohnt, meist mit einem aktiveren Leben – mit Shopping, Urlaub, Kurztrips etc. Die Gefühle, die mit dieser Änderung assoziiert werden, ähneln sich ebenfalls. Es handelt sich oft um ein „neues“ Selbstvertrauen, Stolz auf die eigene Leistung, Ausgeglichenheit, höhere Lebensqualität usw.

Diesen Ereignissen die Offenbarung einer göttlichen Wahrheit zu unterstellen, ginge vielleicht etwas zu weit. Dennoch bilden sie einen Augenblick, in dem ein neues Lebensgefühl erschlossen wird. Die Erinnerungsfunktion der Zahlen richtet sich so immer wieder an den Übertritt in einen neuen Lebensstil und bestätigt, wie das Individuum zu einem besseren Menschen wird.

Das Beispiel der Shape-Erfolgsgeschichten eröffnet nicht nur Einblicke in persönliche Lebensausschnitte und bekehrende Ereignisse, sondern in der generellen Tatsache der Veröffentlichung ist bereits eine Aussage enthalten. Diese Geschichten funktionieren in Bezug auf das Training wie der Mythos auf den Gottesdienst: Es werden Inhalte vermittelt, die die körperliche Ausführung begleiten und Sinn stiften. Zeitschriften, Fernsehsendungen und Ratgeber konstruieren eine große Erzählung vom vollendeten Leben, vollkommener Gesundheit, Lebensfreude, gesunder Sexualität, beruflichem Erfolg etc. Die Autorinnen der Shape-Berichte erzählen alle von einer tiefgreifenden Änderung und einem besseren Leben.

In den traditionellen Religionen, die sich auf das Jenseits oder die Zeit nach dem Tod beziehen, verweist das Symbol auf etwas Nicht-Greifbares. Beispielsweise sind die symbolischen Elemente einer christlichen Messe – jede Geste, jedes Wort, jeder Gesang – von einem Verweis auf etwas Immaterielles, einen Sinnzusammenhang, durchdrungen. So steht das Kreuzzeichen u. a. als Symbol für die Dreifaltigkeit oder den christlichen Glauben insgesamt.

Doch worauf sollte das Rennen auf einem Laufband verweisen? Um das Fitnesstraining als einen religiösen Ritus begreifen zu können, muss man zugrunde legen, dass die Fitness sich auf das Diesseits statt dem Jenseits konzentriert. Der Fitnessgläubige sorgt sich um seinen Körper und nicht um seine Seele und alles Heil soll sich aus der physischen Veränderung entwickeln.

Bei einer adäquaten Symbolik müsste es sich daher um eine völlig andere Verweisstruktur handeln, denn sie wird in ihrer herkömmlichen Vorstellung dadurch, dass die Geste und der Referenzgegenstand (also das körperliche Ausführen einer Übung und die Optimierung der Zahlenwerte) identisch sind, aufgehoben. Hier schließt sich die Frage an, inwieweit die Handlung an sich symbolischen Wert hat.

Der menschliche Körper als Opfertier

Im Vergleich zu anderen Sportarten besitzt das Fitnessstudio eine besondere Zieldefinition und sich daraus ergebende Wertehierarchie. So spielen eine hohe Leistungsfähigkeit und ein ästhetisch geformter Körper eine bedeutende Rolle, doch erst in Anschluss an das persönliche Wohlbefinden.

Vergleicht man es beispielsweise mit dem Fußball, fällt auf, dass die Spieler während dem Betreiben bestimmten Regeln unterworfen sind, nämlich den Spielregeln, die sich von den Gesundheitsregeln des Fitnesstrainings unterscheiden. Das Ziel des Fußballers liegt darin, ein Tor zu schießen, und aus diesem endgültigen Vorhaben ergibt sich ein ganzes Regelwerk, das die eigentliche Idee erschwert und gestaltet. Man könnte sagen, dass das Ziel – hier das Torschießen – außerhalb seines Körpers liegt.

Der Fitnesssport dagegen bleibt auf den eigenen Körper reduziert, denn außerhalb wird nichts produziert – keine Torschüsse (Punkte), keine visuell ablesbaren Leistungsergebnisse (Leichtathletik) und keine Darstellung (Tanz) – die Kraft geht über in endliche und letzten Endes in unendliche Wiederholungen, die eher meditativen Übungen gleichen. Als einziges Ergebnis entstehen Zahlen, die die Gesundheit des Trainings gewährleisten. In dieser Hinsicht lässt sich das Fitnesstraining als reiner, nackter Sport bezeichnen, da es nur um die körperliche Betätigung, nicht um Spiel, Wettkampf oder Ästhetik geht.

Die anfangs wahrgenommene Ähnlichkeit zu einer Fabrik legt nahe, dass das Fitnesstraining weniger den Prinzipien von Spiel oder sportlichem Wettkampf folgt, als denen von Disziplin und Arbeit. Man könnte daher die Tätigkeit des Fitnesstrainings folgendermaßen beschreiben: Im Mittelpunkt steht in allen Hinsichten der eigene Körper. Die von Foucault in dem Kapitel Die gelehrigen Körper[4] untersuchten Prinzipien wie Verteilung, Kontrolle und Organisation der Entwicklung, bestimmen die Tätigkeit, die kontrolliert und effizient abläuft, wie die Arbeit in einer Fabrik und nicht wie eine Freizeitbeschäftigung.

Absurderweise ist es aber eine Arbeit, die kein Produkt herstellt. Damit wird das Fitnessstudio zu einem Ort, an dem Verschwendung produziert wird. Diese wird aber nicht exzessiv durchgeführt wie bei einem Potlatsch, sondern im gleichen Modus, in dem auch eine Fabrik produziert, mit Maß und auf Dauer ausgelegt, dafür umso effizienter. In gewisser Weise handelt es sich um einen rationalisierten Potlatsch.

Ein Training, in dem es darum geht, mit äußerster Disziplin zu trainieren, jedoch ohne direkt ersichtliches Ziel und ohne etwas zu produzieren – stellt das Training als eine unproduktive Arbeit dar. Als ein Akt der Verschwendung rückt es in die Nähe Georges Batailles Begriff der „unproduktiven Verausgabung“, der der normalen Produktivität und dem Nützlichkeitsprinzip der Ökonomie entgegensteht.

Aus diesen Überlegungen heraus möchte ich den Vorschlag machen, dass es sich bei der intensiven Verschwendung von in Fettzellen gespeicherter Energie um eine Gabe handelt, die man an ein höheres Prinzip richtet. Nach Bataille entstehen heilige Dinge durch eine Verlusthandlung.[5] Im Opfer sieht er eine Geste, in der man das profan gewordene Ding stellvertretend für die Welt der Dinge zerstört. Es entreißt das Opfertier der Mittel-zum-Zweck-Logik, dem Prinzip der Nützlichkeit und führt es zurück zu seinem eigentlichen Besitzer, der Immanenz, deren geistiger Teil vom Menschen nur noch in Form von Göttern oder Geistern empfunden werden kann. Das Opferprinzip hat für Bataille die Funktion, den Menschen mit dem Ganzen der Natur, von dem er sich entfremdet hat, auszusöhnen.[6]

In Zusammenhang mit Batailles These positioniert sich die Betrachtung des Fitnessstudios gegenüber dem Prinzip der Nützlichkeit. Die Arbeit, aus der nichts entsteht, lässt die komplette Handlung wie eine Geste erscheinen. Es wird nicht ein Tier und auch nicht rein symbolisch geopfert, sondern man zerstört einen Teil des eigenen Körpers. Der Körper, der sich während der Arbeit unterordnet und einem Zweck dient, wird im Fitness zum Eigentlichen. An ihm wird ein Opfer vollbracht; das heißt er wird als Ding – als Energielieferant für Arbeit – negiert. Seltsamerweise nutzt man dazu die gleichen Mittel und Rahmenbedingungen wie zur Arbeit und damit überhaupt zur Dingwerdung des Körpers.

Das göttliche Prinzip und die Seele des Körpers

Die Vorstellung einer körperlichen Verausgabung als Opferprozess führt weiter zu den abstrakten Begriffen der Religion, wie denen eines göttlichen Prinzips und einer Seele. An wen könnten sich die Riten richten und was für ein Gott wäre es, der ein solches Ritual – ein Opfer am eigenen Körper – von seinen Gläubigen fordert?

In dem Werk Die elementaren Formen des religiösen Lebens[7] analysiert Emile Durkheim den Totemismus stellvertretend für alle Religionen, um zu einer allgemeingültigen Religionsdefinition zu gelangen und zu zeigen, dass sich jede einzelne – unabhängig ihrer kulturellen Verwurzlung oder ihres Abstraktionsgrades – aus den gleichen Elementen zusammensetzt.[8] Anhand der begrifflichen Strukturen, die Durkheim in der Analyse des ethnografischen Materials bildet, ließe sich, etwas spekulativ, die Vorstellung einer möglichen Fitness-Gottheit entwerfen. Seine Betrachtung findet aus einer rein soziologischen Perspektive statt, allein hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Funktionen und erlaubt damit in bestimmter Weise, seine Ergebnisse auf andere Bereiche zu übertragen.

Dem Element der Gottheit (bzw. eines göttlichen Prinzips) nähert sich Durkheim anhand einer Analyse des Totemprinzips bzw. manas. Hierbei handelt es sich um eine religiöse Kraft, die alles – jedes Tier, jede Pflanze und jeden Stein – durchfließt und dem Menschen einen heiligen Kern, seine Seele, der durch die Rituale immer wieder mit neuen Kräften beflügelt wird, verleiht. Durkheim interpretiert die religiöse Kraft als eine verborgene, soziale Kraft. Sie entsteht während dem Ausführen der Riten; der Einzelne transzendiert sich im Erleben des Kollektivs.

Ihr spezifisches Wesen entsteht, so Durkheim, aus ihrer doppelten Natur, die einen moralischen und einen physischen Aspekt vereinigt.[9] Der moralische lässt den Clan zu einer Gemeinschaft, in der sich alle Individuen durch Pflichten verbunden sind, verschmelzen. Er zeigt, wie das „Kollektivbewusstsein auf das Individualbewusstsein wirkt“,[10] und regelt das gesellschaftliche Leben. Gleichzeitig existiert ein physischer Aspekt. So sind die religiösen Kräfte auch die „Vitalprinzipien“ aller Dinge, sie wirken auf die Vermehrung einer Gattung und auf den Regen. Sie revitalisieren den Menschen und können Verletzungen oder Krankheiten heilen.

Betrachtet man die Fitness unter Durkheims doppelten Begriff der Kraft, so ließe sich der physische Aspekt darin finden, dass körperliches Training die Körperkraft steigert. Diese zunächst banale Übertragung vertieft sich mit einem Blick auf die geläufigen Definitionen. Er zeigt, dass der Begriff der Fitness weit mehr umfasst als reine Muskelkraft. So lautet die Definition der Weltgesundheitsorganisation beispielsweise: „Wohlbefinden im psychischen, physischen, intellektuellen Bereich“, die noch Georgios F. Zarotis, Sportwissenschaftler und Autor, erweitert wird: „Er (der Fitnessbegriff) beinhaltet die körperliche Komponente, subjektive Aspekte, sowie psychische und soziale Dimensionen. Zugleich bedeutet er aber auch Gesundheit, Modernität, Erfolg und gesellschaftliche Akzeptanz.“

Faszinierend an diesem modernen Begriffsverständnis, das sich bereits in den Shape-Berichten spiegelte, ist, dass es nahezu alles, was man sich für ein leidloses Leben wünschen kann, integriert. Die Fitness beschreibt einen erstrebenswerten Zustand, der nicht mehr nur eine angenehme körperliche Verfassung verspricht, sondern umfassendes Heil.

Der moralische Aspekt der religiösen Kraft verhielte sich dagegen etwas komplizierter. Die Titelblätter der Shape von 2009 bis 2012[11] beispielsweise zeigen ein gängiges Schönheitsideal in beeindruckender Deutlichkeit: Auf allen befindet sich in lässiger, selbstbewusster Pose eine schlanke Frau, die ein Vergnügen am Sich-präsentieren und einen Stolz bezüglich des eigenen Körpers ausstrahlt. Die langen Haare flattern im Wind, umspielen ein hübsches Gesicht und ein strahlendes Lachen. Immer blickt die Dargestellte mit spontaner Freude den Betrachter an; ihrem Körper gehört eine Aura von Entspanntheit, Gelassenheit und Leichtigkeit. Über den Körperbau der Dargestellten lässt sich folgendes sagen: Sie ist relativ groß, schlank und besitzt sehr weibliche Proportionen. In der Regel beträgt ihre Körpchengröße B bis C, ihre Hüften sind rund. Zudem hat sie einen eher kleinen „Apfelpo“ und einen flachen Bauch. Ihre Gliedmaßen sind lang und schmal, die Arme werden meistens durch eine bestimmte Haltung hervorgehoben. Die Muskulatur ist überall leicht sichtbar, sie tritt an manchen Stellen hervor, doch nicht im Sinne von Masse, sondern von klaren Konturen.

Der Modelkörper verbindet so weibliche Attribute wie einen relativ üppigen Busen, eine schmale Taille und einen runden Po mit einer straffen, festen Physis, die für glatte, scharfe Konturen und ebenmäßige Oberflächen, ohne Cellulitis oder hängendem Gewebe sorgt. Die Haut ist immer glatt und gesund. Zwar gibt es hellere und dunklere Typen, aber niemals wirklich blasse oder dunkelhäutige – alle Abgebildeten bevorzugen den leicht gebräunten Teint. Die Darstellerinnen präsentieren ihren Körper in typischen Posen, die Hände auf die Hüften gelegt und leicht zur Seite gedreht oder in eine Richtung eingeknickt, um der Starrheit des immer Gleichen einen dynamischen Schwung zu verleihen.

Diese Bilder sind deshalb interessant, weil es sich bei ihnen nicht, wie man vielleicht zunächst annehmen könnte, um einfache Fotografien von Menschen handelt; es geht nicht um die Dokumentation und Darstellung eines einzelnen, individuellen Körpers. Die individuelle Seite, ob nun blond oder brünett, wird völlig irrelevant. Das wenige Besondere verschwimmt vor der immer gleichen Inszenierung und in der Überbetonung bestimmter einheitlicher Merkmale. Des Weiteren muss man im Zeitalter der Digitalität davon ausgehen, dass jede scheinbar authentische Fotografie möglicherweise nur noch eine vage Beziehung zu ihrem einstigen Referenten unterhält. Sie ist nicht physikalisch-chemisch determiniert, sondern beliebig veränderbar.

In dieser Hinsicht erfüllen die in der Shape abgebildeten Menschen nur noch die Funktion einer Vorlage, das Bild dagegen wird Resultat sorgfältiger Konstruktion. Die zahlreichen, aus der Ähnlichkeit hervortretenden Merkmale lassen vermuten, dass sich hinter allen einzelnen Körperdarstellungen ein allgemeines Konzept verbirgt, an dem sich Models wie auch Bildbearbeiter ausrichten. Die Allgegenwärtigkeit der Bildprodukte bezeugt dessen Erfolg und seine breite gesellschaftliche Berechtigung.

Damit scheint diese fiktive Figur als eine von einer Gemeinschaft geformte Vorstellung objektive Werte zu verkörpern. Die in den westlichen Gesellschaften hoch angesehenen, immateriellen Güter wie Gesundheit, Jugend und Unabhängigkeit finden sich in ihr zusammen. Sie existiert um uns herum, in allen Medien, und gleichzeitig in jedem einzelnen Bewusstsein. Ihre starke Attraktivität erhält sie dadurch, dass sie in der Gesellschaft, in der kollektiven Meinung als „richtig“ erkannt wird. Andersherum ließe sich annehmen, dass, hätte die Allgemeinheit beispielsweise entschieden, dass es besonders gut ist, klein, leichenblass und pummlig zu sein, eben Darstellungen dieser Merkmale besondere Attraktivität genießen würden.[12]

Unter diesem Blickwinkel ließe sich die Anziehungskraft der Figur als eine moralische, von der Gesellschaft ausgehende Kraft interpretieren und damit als Teil jener göttlichen Kraft, an die sich das Opfer des Fitnesstreibenden richtet. Konkret handelt es sich dann um eine soziale Kraft, die von etwas ausgeht, das von der Gesellschaft als „richtig“ oder „gut“ definiert wurde. Sie bettet die Lebensweise des Einzelnen, indem sie festsetzt, was erstrebenswert und gut ist, in eine moralische Kategorie. So schweißt sie zwar nicht eine Gemeinschaft durch gegenseitige Pflichten zusammen, aber sie legt dem Individuum Pflichten sich selbst gegenüber auf.

Am Ende möchte ich noch einmal an das anfängliche Bild der Fabrik erinnern. Zum einen könnte man nun sagen, dass das Opfer der Fitnesstreibenden sich an die Idealfigur richtet und die religiöse Kraft als das Produkt dieser unendlichen Arbeit, einer Fabrik der Verschwendung, verstehen.

Zum anderen ist das panoptische Modell, an dem Foucault die Überwachungs- und Ordnungsstruktur der Disziplinargesellschaft aufzeigte, für beide Orte (Fitnessstudio und Fabrik) grundlegend; folgt man ihm, so ist ihr Prinzip die säkularisierte Form einer christlich-religiösen Machttechnik. Als Postaralmacht beschreibt er die Beziehung zwischen Hirt und Herde, in der der Hirte über jedes seiner Schafe wacht. Er verliert keines aus dem Auge und sorgt sich um jedes Einzelne, denn die damit auferlegte Verpflichtung zur Wahrheit und beständigen Selbstüberprüfung soll jedes zu seinem Seelenheil führen. Permanent unter dem Blick Gottes, der alles und jeden sieht, separiert sich die Masse zu einer Ansammlung von Individuen. In Das Subjekt und die Macht schreibt Foucault: „Das Wort Subjekt hat einen zweifachen Sinn: vermittels Kontrolle und Abhängigkeit jemanden unterworfen sein und durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet sein.“[13]

Genau jene Identitätskonstruktion betrachtet Stefanie Duttweiler in dem Aufsatz Body-Consciousness – Fitness – Wellness – Körpertechnolgien als Technologien des Selbst[14] anhand einer Analyse von Ratgebern und Zeitschriften. Nach Duttweiler wird der Körper im Body-Consciousness als Quelle der Wahrheit, als das wahre Selbst, definiert. Im Fitness geht es vor allem um eine auf die Zukunft ausgerichtete Selbstoptimierung und Leistungssteigerung. Durch Disziplinierung und Kontrolle des Körpers wirkt man auf ihn ein und zwingt ihn zu dauerhafter Produktivität. Wellness dagegen fordert die Balance zwischen Körper, Geist und Seele. Gesundheit und Wohlbefinden werden zu einem herstellbaren Zustand, der Körper zu einem Ort der Harmonie.

In Duttweilers Text liest sich eine Tendenz im Umgang mit dem Körper, die man zugespitzt auch als den Versuch, sich durch vollständigen Zwang aus seiner Zwangslage der Körperlichkeit zu befreien, formulieren könnte. Die Verpflichtung, (im) Körper zu sein, wird durch eine Übererfüllung der Pflicht negiert. Der Körper wird also zum wahren Selbst; gleichzeitig erschafft man sich durch die Disziplinierung des Fitness einen Körper, der keine Beschränkungen mehr kennt, und wandelt ihn durch umfassendes Wohlbefinden von der Bedingung unserer Existenz zu einem frei gewählten Ort. Er ist nicht mehr ein vorübergehender Aufenthaltsort für die Seele, sondern das, was im irdischen Sein (durch harte Arbeit) eine Überhöhung hervorbringen kann.

Doch damit lässt sich Foucaults „zweifacher Sinn“ verdrehen. Wenn das Individuum diese Machttechnik auf sich selbst anwendet, Kontrolle und Unterwerfung am eigenen Körper praktiziert, bewegt man sich weg von einem foucaultschen Subjekt, das sich in der Unterwerfung konstituiert. Denn dieses neue Etwas bildet sich ohne eine Pastoralmacht, nicht in Abhängigkeit von etwas großem Übermächtigen, sondern es konstituiert sich aus sich selbst heraus, also aus dem eigenen Körper. In dieser Hinsicht nimmt dieses Etwas gegenüber dem Körper eine göttliche Position ein.[1]

Man könnte es als ein Gegenstück des Subjekts bezeichnen, das sich durch Unterwerfung und nicht in Unterwerfung konstituiert. Die „Seele“ des Fitnessarbeiters ist dann nicht der Körper, sondern der spiritualiserte Körper und ein Superjekt, das sich während dem Ritual und dem Opfer am eigenen Körper herausbildet.

 

Anmerkungen

[1] Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1977

[2] Theologische Realenzyklopädie Band XXIX, Artikel „Ritus“

[3]   Vgl. http://www.shape.de/bildergalerie/b-25091-14/applaus-abnehmerfolge-der-shape-leserinnen.html (abgerufen am 28.07.2012) Der Untertitel zu dieser Reihe lautet: „Tolle Erfolgsgeschichten, motivierende Inspiration und Vorbilder: In der Bildergalerie stellen wir Ihnen die Frauen hinter den „Applaus“-Geschichten vor und erzählen deren Weg in ein neues, schlankes und fittes Leben.“

[4] Vgl. Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, S. 173-209

[5] Vgl. Bataille, George: Der Begriff der Verausgabung in: Die Aufhebung der Ökonomie, S. 13: „Die Kulte verlangen eine blutige Vergeudung von Menschen und Tieren als Opfer. Das „Sakrifizium“ ist jedoch etymologisch nichts anderes als die Erzeugung heiliger Dinge. Damit ist klar, daß heilige Dinge durch eine Verlusthandlung entstehen. Besonders der Erfolg des Christentums muß durch den Wert der schimpflichen Kreuzigung des Gottessohns erklärt werden, die die menschliche Angst zu einer Vorstellung grenzenloser Verlorenheit und Erniedrigung erweitert.“

[6] Vgl. Bataille, Georges: Theorie der Religion

[7] Durkheim, Émile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Berlin 2007

[8] Vgl. ebd., S. 608

[9] Vgl. Ebd., S. 331: „Weil sie in sich die ganze Wirklichkeit umfaßten, das physische wie das moralische Universum, wurden die Kräfte, die den Körper, wie jene, die den Geist bewegen, in religiöser Form aufgefaßt.“

[10] Ebd., S. 330

[11] Vgl. http://www.zeitschriften-cover.de/shape-cover-archiv.html (abgerufen am 06.10.2012)

[12] Als Beispiel lässt sich hier die vornehme Blässe des 19. Jahrhunderts nennen. War sie damals ein Schönheitsideal und ein Verweis auf eine besonders edle Herkunft, so bedeutet sie heute ungefähr das Gegenteil und belegt einen besonders ungesunden Lebensstil aus Fertigessen und Fernsehen, den man vor allem den unteren Schichten zuordnet.

[13] Foucault, Michel: Das Subjekt und die Macht in: Dreyfus, Hubert L./ Rabinow, Paul: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, S. 246

[14] Duttweiler, Stefanie: Body-Consciousness – Fitness – Wellness – Körpertechnolgien als Technologien des Selbst, in: Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich. Selbsttechnolgien – Technologien des Selbst, S. 31-43 Heft 87, Kleine Verlag März 2003

[15] Die Bezeichnung dieses Etwas müsste statt aus „sub-iacere“ eher aus „super-iacere“ (darauf, darüber legen) gebildet werden.

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