Jul 192015
 

Muss ein wahrer Musiker leiden, um sein Werk hervorzubringen, oder darf er stattdessen im Frohsinn komponieren? Beschränkt sich Humor in der Musik wirklich nur auf letzteren? Die Auseinandersetzung mit musikalischer Seriosität führt zu kontroversen ästhetischen Wertungen.

Zahlreiche Beispiele belegen die Möglichkeit anspruchsvollen musikalischen Humors, etwa bei Komponisten wie Joseph Haydn, Gioachino Rossini, Erwin Schulhoff oder Erik Satie. Europäischer Kunstmusik und Progressive Rock ist gemeinsam, dass den Interpreten und Rezipienten das Klischee humorloser Intellektueller einer elitären Musikrichtung anhaftet – statt in klangliche Ekstase zu tauchen, studieren sie die Partituren.

Tatsächlich erlebt progressive Rockmusik gegenwärtig aber einen ästhetischen und merkantilen Aufschwung, wie kürzlich die hohe Chartplatzierung[1] von Steven Wilsons Hand. Cannot. Erase (2015) beweist. Als Phänomen der neueren Musikgeschichte ist der Progressive Rock im deutschsprachigen Raum bisher kaum wissenschaftlich untersucht worden. Nachdem sich 2011 die Tagung „Progressive Rock zwischen Kunst und Kommerz“[2] in Köln dem Themengebiet widmete, legte Bernward Halbscheffel 2013 erstmals ein eigenes Lexikon[3] und eine Monographie[4] zum Progressive Rock (kurz: Prog Rock) vor.

  1. Terminologie des Progressive Rock

Progressive Rockmusik kann durch die in ihr angelegte Vielfältigkeit keinesfalls als stilistisch eingrenzendes Genre wie etwa Metal und Reggae[5] beschrieben werden.Statt einer hinreichenden Bestimmung oder der Frage, was Prog Rock endgültig meint, wird vorgeschlagen, ihn als kreativ-experimentelle Methode zu betrachten. Dadurch ermöglicht der Begriff die Betrachtung sehr unterschiedlicher Bands wie z. B. Rush, Sigur Rós und The Pineapple Thief.

Werden bekannte Interpreten des Prog Rock & Metal zum Genre-Begriff befragt[6], kommen bereits divergierende Positionen zum Vorschein: Für Steven Wilson bedeutet progressive Musik „etwas Verschwommenes und Episches, das den Hörer mit auf eine Reise nimmt, die seine Aufmerksamkeit für längere Zeit beansprucht.“ Mike Portnoy (Dream Theater) sieht im Prog Rock „die Betonung von Spieltechnik, langen Songs, unkonventionellen Arrangements, ausufernden Instrumentalpassagen und das Experimentieren mit unterschiedlichen Stilrichtungen.“ Demgegenüber meint „progressiv“ für Mikael Åkerfeldt (Opeth) nicht, möglichst viele Noten zu spielen, sondern „Dinge nach vorne zu bringen, eine Mischung frischer Stile und Einflüsse.“ Adam Jones (Tool) möchte dabei „weiter die eigenen Grenzen testen.“ Trotz völlig unterschiedlicher Musik, zeigt sich bei vielen dieser Bands die Überwindung eingängiger Songstrukturen und Schemata.

Prog Rock zu spielen galt lange Zeit als Beleidigung. Während Rockmusiker gerade gegen die konservative Elterngeneration rebellierten, widersprachen die artifiziellen Ansätze der 1970er Jahren scheinbar deren Attitüde. Der Begriff des „Progressive Rock“ beschreibt eigentlich bereits retrospektiv diverse musikalische Ansätze, unter die konsequent nicht nur der anfänglich bezeichnete Art Rock fällt. Tom Morello (Rage Against The Machine) ironisiert die Entwicklung wie folgt: „Ursprünglich ging es im Prog Rock mal darum, neue Songgerüste zu erschaffen. Aber irgendwann driftete es in eine Parallelwelt voller Elfen und Keyboard-Soli ab.“[7]

Als Kernaspekt zeigt sich bei Musikern von Genesis, Yes u. a. gegenüber der Banalität von Rock, Punk und puristischem Heavy Metal seit Jahrzehnten eine komplexe klanglich-kompositorische Inspiration, z. B. bei Igor Strawinsky und weltweiten Einflüssen. Das Bedürfnis dieser Rockmusiker nach künstlerischer Anerkennung mündet in einer Neukombination verschiedenster Klangquellen zu einer neuen Ästhetik. Gegenwärtig bezeichnet „Progressive Rock“ eine Vielzahl an Genres, die durch Bands wie Porcupine Tree, Gazpacho u. a. in den letzten Jahren eine ästhetische Wandlung erfahren und mit spezifisch modernen Mitteln eine neue Aktualität erlangt haben.

Wie Halbscheffel darstellt, ist ein rein lexikalischer Zugriff hier nicht zielführend. Autorinnen und Autoren wie Jerry Lucky, John Covach, Kevin Holm-Hudson, Katherine Charlton und Lilian Roxon stellen eigene Systematiken auf. Ebenso wie diese, verlaufen sich Internetportale wie Progarchives.com oder Babyblaue-seiten.de, aber auch Szenemagazine wie Eclipsed in immer umfangreichere Klassifizierungen des Prog. Selbsternannte Fachleute diskutieren über Nebenstile wie „Zeuhl“, „Baroque n Roll“ oder die „Canterbury-Scene“, stellen doppelte Unterkategorien auf, die zu absurden Konstruktionen wie „Symphonic Avantgarde Prog“, „Prog Fusion Cabaret“ oder „Classical Post Ambient Nocturnal Atmospheric Neo Progressive Folk World Rock“ führen. Bands entziehen sich dabei oft trotzdem einer eindeutigen Zuordnung dieser fragwürdig wachsenden Stil-Landkarte. In Annäherung der Frage, wie sich Humor im Progressive Rock zeigt, muss beleuchtet werden, warum diese Musik überhaupt als „ernst“ gilt.

  1. Aspekte des Ernsten im Prog Rock

Einige mit Ernsthaftigkeit verbundene Aspekte haben viele progressive Rockbands gemeinsam und lassen sich anhand von fünf Bereichen nachweisen:

a) Themen

Progressive Rockmusiker suchen ihre Inspiration oft in Themen fernab des Amüsements. Entgegen der beliebten Diskomusik der 1970er Jahre, verarbeitete die Band Jethro Tull auf etwa Heavy Horses (1978) soziologische und ökologische Themen. Steven Wilson, einer der derzeit erfolgreichsten Musiker und Produzenten des Prog Rock, sucht seine Inspiration ebenfalls in ernsten Thematiken. Mit seinem Projekt Porcupine Tree vertonte er auf The Incident (2009) Ereignisse wie Verkehrsunfälle und deren Einfluss auf persönliche Schicksale. Auf dem Album Fear of a blank Planet (2007) hingegen griff er das Konzept des Romans Lunar Park von Bret E. Ellis auf. Topos ist hier ein dystopischer Blick auf jugendliche Großstadtkultur zwischen Depression, medialer Omnipräsenz und Langeweile. Besonders in den 1980er Jahren prägten einige „Neo Prog“-Bands ähnliche düster-melancholische Tendenzen, die sich mittlerweile auch bei Lunatic Soul aus Polen oder No Sound aus Italien zeigen.

b) Konzeptalben vs. Unterhaltungsindustrie

Konzeptalben sind ein Ausdruck multimedialer Synthese von Musik mit Texten, Artwork, Booklets und die die Live-Performance ergänzenden Videos. In der Frühzeit des Prog war zudem oft ein Album von einer einzigen Komposition bestimmt, die eine Seite der damals üblichen LPs einnahm. Besonders prominent in England bei Yes mit Close to the Edge (1972) als Reflexion auf die Erzählung „Siddharta“ von Hermann Hesse sowie Emerson, Lake & Palmer mit Tarkus (1971).

c) Virtuose Beherrschung der Instrumente

Die Musiker des Prog Rock haben oft Konservatorien besucht und stellen ihr Können offen zur Schau. Neben der Etablierung von Keyboards und Synthesizern, erweiterten Gruppen wie Jethro Tull und Gentle Giant das gängige Rockinstrumentarium von Querflöte, Saxofon und Violine bis hin zu Blockflöte und Xylophon. Prominente Vertreter virtuoser Solisten sind außerdem Dream Theater oder das Solo-Projekt Animals As Leaders des Gitarristen Tosin Abasi. In den Grenzbereichen des Prog Rock dient technische Überlegenheit auch als Abgrenzung, so etwa bei Blue Öyster Cult, die sich dadurch vom „ritualistischen Humbug und verquälten Kinderschreck-Theater“[8] anderer Hard Rock-Gruppen abgrenzten.

d) Rhythmische und klangliche Komplexität

Oftmals reizt progressive Musiker das Experimentieren mit rhythmischen Möglichkeiten. Während in „Metropolis, Pt. 1: The Miracle and The Sleeper“ auf dem Dream Theater-Album Images and Words (1992) perkussive Akzente variiert werden, besteht der Song „Schism“ auf dem Album Lateralus (2001) der US-amerikanischen Prog Metal-Band Tool aus zahlreichen Rhythmuswechseln und krummer Metrik. Deren Vorbilder von King Crimson experimentierten bereits zwei Jahrzehnte vorher z. B. im Song „Frame by Frame“ auf Discipline (1981) mit polyphonen 6/8- und 7/8-Verschiebungen.

[MUSIKBEISPIEL „King Crimson – Frame By Frame-Auszug.mp3“]

e) Vielfältige Einflüsse

Im Neoklassizismus schufen Komponisten wie Igor Strawinsky, Darius Milhaud und Erik Satie neue Verbindungen der Musiksprache des 18. Jahrhunderts mit Elementen des Jazz und der internationalen Folklore. Im Prog Rock wird dieses Denken weitergetragen und nicht nur an den Grenzen zur sogenannten „Weltmusik“, Fusion und dem Jazzrock verarbeitet.

Diese und weitere Aspekte diskutiert Halbscheffel ebenfalls in seinem Buch, dem er den Untertitel „Die Ernste Musik der Popmusik“ gibt, ohne diesen näher zu erläutern. Humor wird von ihm an einigen Stellen scheinbar auf ironische Tendenzen im Art Rock reduziert:

„Progressive Rock ist in aller Regel nicht ironisch; er stellt die ‚Ernste Musik‘ der Rockmusik dar. Dies findet seinen Ausdruck auch in den Themen der Texte, die sich von den bis dahin obligaten ‚Boy meets Girl‘-Themen der Rockmusik absetzen. Art Rock als Teil des Progressive Rocks dagegen wahrt ironische Distanz vor allem zur Rockmusik selbst.“[9]

Offen bleibt die begriffliche Ungenauigkeit, denn „ernste Musik“ meint eigentlich nicht das Gegenteil von humorvoller, sondern von unterhaltender Musik. Ein überholtes, aber latent bei Musikkritikern verbreitetes Vorurteil sieht hier eine vermeintliche Bedrohung kultureller Trivialität: „,Unterhaltungsmusik‘ ist alles das, was keine ‚richtige‘ Musik ist, ist bestimmt durch ihr Gegenteil, die ‚ernste‘ Musik.“[10] Es ist die bürgerliche Musikästhetik des 19. Jahrhunderts, die sich auf den antiken Philosophen Seneca gründete: „Nur eine ernste Sache – sprich: eine ernsthafte, feierliche Musik […] ist eine wahre Freude.“[11] Komponisten der Neuen Musik wie Pierre Boulez[12] heben diesen Graben zwischen E- und U-Musik bedauerlicherweise weiterhin aus.

Vielleicht zeigt sich im Untertitel des Buches aber auch der Gedanke, dass der Prog Rock entgegen der Popularmusik durchaus ernst zu nehmen sei? Zwar stellen sich progressive Rock-Bands in der Tat gegen eingängige Massenmusik, doch ist die Behauptung, dass Prog Rock nur am Rande zur Ironie neige, offensichtlich nicht haltbar. Wie gezeigt werden kann, existieren zahlreiche Beispiele für Humor im Prog Rock.

  1. Fallbeispiele

In neueren Publikationen untersucht Michael Custodis neben dem Symphonic Prog von The Nice und Steve Vai auch detailliert die Ironie im vielfältigen Schaffen von Devin Townsend.[13] Dessen Ironie zeige sich neben der inhaltlichen, handlungsbezogenen Ebene auch in der rein illustrativen Unterstreichung von Textpassagen. Zudem betont Custodis, dass die Konzepte des Prog Rock der 1970er Jahre von Disco und puristischem Heavy Metal abgedrängt wurden. Hier erklärt sich, dass Prog Rock lange Zeit neben dem Mainstream stattfand.

Humor funktioniert im Prog Rock auf vielen Ebenen, z. B. musikalisch, szenisch oder ironisch überzogen. Die Interpreten müssen dazu das Insiderwissen, die Konventionen und Denkweisen als Kernelemente verstehen und beherrschen, um diese dann humoristisch überzeichnen zu können. Dadurch kann Humor auch als Verbindung zwischen Band und Publikum funktionieren, wenn z. B. persifliert wird, dass bei Rockkonzerten überwiegend die Songs „Freebird“ (Lynyrd Skynyrd) und „Stairway to Heaven“(Led Zeppelin) gewünscht würden. Diesem regressiven Anhaften an überholten Ikonen begegnen Porcupine Tree mit ironischer Ankündigung eines siebzehnminütigen „Freebird”-Coversongs. Thick as a Brick (1972) von Jethro Tull hingegen gilt als zentrales Album des Prog Rock und spricht sich als Parodie auf Konzeptalben für Humor aus. Innermusikalischen Humor verdeutlichen folgende Beispiele:

a) Opeth: „Hessian Peel“

Die schwedische Prog Metal-Band Opeth veröffentlichte 2008 auf ihrem Album Watershed ein humoristisches Spiel mit der härteren Stilrichtung. Der Song „Hessian Peel“[14] beinhaltet eine Passage mit rückwärts gesungenem Gesang, der sich umgekehrt als die Textzeile „Wandering in the courtyard. My sweet Satan I see you.“ offenbart.

Musikgeschichtlich ist es eine direkte Referenz auf Led Zeppelin und die Debatten um angeblich versteckte Botschaften in „Stairway to Heaven“. Die Ankläger meinten damals, die konkrete Textzeile „Oh my sweet Satan“ zu hören, worauf sich Opeth ironisch beziehen, indem sie eben jenen unbegründeten Vorwurf selbst konkret nachweisbar ad absurdum führen. Weitere Fälle vom Spiel mit juristischen Grauzonen lassen sich vielfach aufzeigen, besonders erinnert es aber an Frank Zappa und dessen humoristische/ironische Anhörung zum Recht der freien Rede bzw. dem 1985 geplanten Verbot pornografischer Textbeiträge auf Schallplatten.

Folgender Zusammenschnitt von „Hessian Peel“ präsentiert zunächst die wesentliche Passage aus dem Original samt einem stilistischen Ausblick auf den späteren Growl-Gesang. Gerade durch diesen wird der Humor verstärkt: Eingeweihte Hörer sehen es lediglich als vokales Stilmittel und amüsieren sich über empörte Kritiker, die im Growling einen Verweis auf die „satanischen“ Botschaften ohne die ironische Brechung sehen. Anschließend wird der Ausschnitt rückwärts abgespielt, um die „versteckten“ Texte zu offenbaren – ein Verfahren, dass für Fans der Band durch kostenlose Audioprogramme mittlerweile keine Schwierigkeit mehr darstellt.

[Musikbeispiel „Opeth_Hessian Peel-Auszug_Bearbeitet.mp3“]

b) Gazpacho: „The Wizard of Altai Mountains“

Viele progressive Rockbands arbeiten nicht nur anspruchsvoll auf der klanglichen Ebene, sondern gestalten auch Texte und Konzepte in hochwertiger Absicht. Gazpacho aus Norwegen greifen dabei manchmal auf Romanvorlagen zurück[15] oder nutzen Humor direkt auf der musikalischen Ebene. Beispielsweise beginnt der Song „The Wizard of Altai Mountains“ auf Demon (2014) zunächst mit melancholischen Synthesizer-Sounds und getragenem Gesang in der etablierten Grundstimmung. Unverhofft setzt jedoch ein tänzerischer Klezmer-Part samt Akkordeon und Violine als stilistischer Bruch ein. Darf Prog Rock im ernsten Gestus unterhaltsam und fröhlich sein? Die Band spielt hier mit eben solchen Erwartungen an ein progressives Rockalbum.

Demon ist inspiriert von einer Unterhaltung, die Thomas Andersen (Keyboarder und Produzent von Gazpacho) vor einigen Jahren mit seinem Vater führte. Dieser berichtete von einer geheimnisvollen Dunkelheit, mit der er sich während einer Geschäftsreise nach Prag in den 1970er Jahren auseinandersetzen musste.[16] Auf die Frage, ob ihre musikalische Herangehensweise eine „ernste Angelegenheit“ sein muss oder dennoch Raum für humorvolle oder ironische Elemente lässt, reagiertAndersen im Interview gelassen:

„It’s a good question that you ask and one that we have discussed many times within the band as we do tend have a lot of fun together and share laughs. I would like to say that in prog in general I find lots of humour. There is no shortage of humour in the genre. As for when it is appropriate, that is a very different question. If you are making something you intend to be a serious work of art then humour can elevate the final result or break the mood.“[17]

Humor wird hier ästhetisch zwischen zwei Pole gesetzt: Einerseits funktioniert er als ergänzendes kreatives Mittel. Andererseits besteht die Gefahr, im Ausbruch aus der „Ernsthaftigkeit“ an künstlerischer Glaubwürdigkeit zu verlieren. Andersen fundiert seine Sicht mit Bezug auf die Bereiche Literatur und Theater:

„If you look at serious works of literature I would have no hesitation in claiming that there are many hysterically funny bits in Proust´s ‚In Search of Lost Time‘ or in the plays of Henrik Ibsen (some of the lines of Helmer spring to mind). The humour is used to great effect because it highlights a situation. When Helmer talks about his ‚little squirrel‘ it is funny because it is inappropriate and as such it shows us a lot about him and his relationship to Nora. The humour is a natural part of the story. In music, jokes are a different matter because music is seen as something elevated above regular life.“[18]

Daher können auch Texte des Alltags wie Bedienungsanleitungen o. ä. zum humoristischen Material für Musik werden. Der Klezmer-Teil am Ende von „Wizard of Altai“ erklärt sich letztlich als ein Hinweis auf die Atmosphäre im jüdischen Teil Prags während des Zweiten Weltkrieges. Der Song wurde besonders durch die Geschichte von Petr Ginz und seiner Auseinandersetzung mit den grauenhaften Umständen inspiriert.Die Musik intendiert daher einen Kontrast zur Ernsthaftigkeit und Hoffnungslosigkeit dieser Zeit. Trotz des ernsthaften Konzepts, nehmen sich die norwegischen Musiker selbst nicht zu ernst: „Of course there is a heavy dose of irony as well but irony is humour too right? Humour gone bad.“[19]

c) King Crimson: „The King Crimson Barber Shop“

Im abschließenden Beispiel schließt sich der Kreis zu King Crimson. Immer wieder als Referenz für den Ursprung des Prog Rock herangezogen, ist gerade in ihrem Oeuvre Humor ein spannendes Thema. Besonders im Bonus Track „The King Crimson Barber Shop“ auf dem im Jahr 2001 remasterten Album Three of a Perfect Pair (1984), wird mithilfe eines stilistischen Bruchs ein humoristisches Resümee der Bandgeschichte gezogen. Wie bei Gazpacho entsteht der Humor durch die perfekte Umsetzung der kontrastierenden Stile, d. h. hier konkret des Barber Shop-Gesangs. Wären die Stilzitate reine Parodie, würde der eigene und für den Prog Rock charakteristische Anspruch verlorengehen.

Im Song wird auf das mit der Band assoziierende Gitarrenspiel verzichtet und stattdessen im deutlichen acapella-Text auf weitere charakteristische Instrumente (Chapman Stick) und die elitären Seiten von Gründer Robert Fripp (keine Fotos und Zugaben) verwiesen. Ironisch kommt zudem ihr Song „21st Century Schizoid Man“ zur Sprache, mit dem die Band im Jahr 1969 kritisch Stellung zum Vietnamkrieg bezog. Noch mit Greg Lake (später bei Emerson, Lake & Palmer) geschrieben, wollten King Crimson jedoch nie auf diesen Song reduziert werden.

„Oh, we´re the King Crimson band/ don’t you know it?/We’re the best in all the land, all the land./ We play bass and the drums and guitar for you. And if you really want we´ll throw the stick in too/ […] And tap your foot in twenty-one […] The King Crimson band, we don´t do encores./ The King Crimson band, no photos please./ ´Cause we´re the King Crimson band./ We don´t do 21st Century Schizoid Man./ But we´re the King Crimson band.“

Ausblick (statt eines Fazits)

  1. Prog Rock ist eine weiterhin in Entwicklung begriffene Spielart der Rockmusik und somit als Ausdruck avantgardistischer Tendenzen im 20. und 21. Jahrhundert aufzuarbeiten bzw. zu verfolgen. Die terminologischen Schwierigkeiten in der Beschäftigung mit dem Thema erfordern dabei eine kritische Distanz von wissenschaftlichem Vokabular und musikjournalistischer Betrachtung. Zu untersuchen gilt es, wo sich Humor an Insider richtet und wo er eine breitere Zielgruppe erreicht. Abgewogen werden muss dabei immer, ob es sich um eine ästhetisch hochwertige Stilsynthese handelt oder ob stattdessen ein humorvolles Spiel mit Erwartungen bei den Rezipienten evoziert werden soll.
  2. Als weiteren Ausblick bleiben exemplarisch die je eigenen Strategien mit Humor, Ironie und Satire bei folgenden Interpreten des Prog Rock zu nennen: Komische Sounds und Wendungen bei Haken (z. B. in „Cockroach King“), die „silly tunes“ bei Yes (insbesondere durch deren Keyboarder Rick Wakeman), das Projekt Platypus (Mitglieder von Dream Theater und Kings X), Primus, Henry Cow, Dixie Dregs und die verschiedenen Experimente von Mike Patton. Zudem lohnt die durch virtuose Perfektion umgekehrte Ironie bei Panzerballet einer Betrachtung.
  3. Lohnenswert ist auch der Blick auf international wachsende Prog-Szenen wie in China, wo z. B. Cold Fairyland eigene Strategien im Umgang mit der musikalischen Kulturgeschichte verwirklichen.[20] Besonders der Post Rock von Mogwai und Merkmale des Symphonic Rock prägen hier Bands wie Rainbow Danger Club, Wang Wen und Hua Lun.

 

Anmerkungen

[1]     RockHard, 10. 03. 2015, online: http://www.rockhard.de/news/newsarchiv/newsansicht/40187-steven-wilson-erreicht-mit-hand-cannot-erase-platz-3-der-deutschen-albumcharts.html (zuletzt aufgerufen am 5. 5. 2015).

[2]     „Progressive Rock zwischen Kunst und Kommerz“, 23.–24. 11. 2011, Universität Köln.

[3]     Bernward Halbscheffel, Lexikon Progressive Rock, Leipzig 2013: Halbscheffel-Verlag.

[4]     Ders., Progressive Rock, Die Ernste Musik der Popmusik, 3. Nachdruck, Leipzig 2014: Halbscheffel-Verlag.

[5]     Selbst diese beiden Stile werden bereits seit Jahren von Bands wie P.O.D. und Skindred erfolgreich in ästhetische Synthesen geführt.

[6]     Zit. nach: Rock History, presented by Metal Hammer, Progressive Rock, Nr. 2/2014, S. 130 und Michael Rensen:„Die Geschichte des Progressive Metal& Rock“, S. 69, in: Rock Hard, Juni 2010, S. 67–81.

[7]     Rensen:„Die Geschichte des Progressive Metal& Rock“, S. 69, in: Rock Hard, Juni 2010, S. 67–81.

[8]     Andreas Hinners, Progressive Rock. Musik zwischen Kunstanspruch und Kommerz, Marburg 2005: Tectum-Verlag, S. 249.

[9]     Halbscheffel, Progressive Rock, Die Ernste Musik der Popmusik, Leipzig 2014, S. 615. Vgl. außerdem S. 586 f.

[10]    Klemens Hippel:„Von der Kunst, einen Fürsten zu unterhalten.“, S.16, in: Sabine Borris (Hg.): Das Lächeln der Euterpe. Musik ist Spaß auf Erden, Berlin 2000: Parthas Verlag, S. 16–21.

[11]    Wilhelm Seidel, zit. nach: Patrick Kast:„Res Servera – oder – Verum Gaudium“, S. 27, in: Borris (Hg.): Das Lächeln der Euterpe, Berlin 2000: Parthas Verlag, S. 24–29.

[12]    Zuletzt zog Boulez hierzu den Vergleich zum Fast-Food: „Popmusik ist auf ‚fast-listening‘ ausgerichtet und sucht den Effekt im Moment, ihre Mittel sind bemerkenswert simpel. Vergleichen Sie das Gedudel aus dem Radio mit Strawinskys Sacre du Printemps – dann sehen Sie sofort, dass der Pop meilenweit hinter den Erkenntnissen der Neuen Musik hinterherhinkt.“, in: Axel Brüggemann:„Pierre Boulez“, S. 13, in: crescendo, Jg. 18, 02/2015, hrsg. von Winfried Hanuschik, S. 12–13.

[13]    Siehe: Michael Custodis:„Ironie im Metal. Devin Townsends musikalisches Omniverse“, in: Musik aus zweiter Hand (Reihe »Spektrum der Musik«, Bd. 10), hrsg. von Albrecht Riethmüller und Frédéric Döhl, Laaber 2015: Laaber (im Druck).

[14]    Sänger Åkerfeldt erklärt den Titel des Stücks: „Peel is like in orange peel but it can also mean like peeling skin. And Hessian is a heavy type of texture of cloth. It also comes from record collectors. The word is describing a very rough texture on album sleeves.“ Siehe: Interview auf Metal-nose.org, April 2008 [online], http://www.metal-nose.org/news.php?item.345.9 [zuletzt aufgerufen am 7. 6. 2015].

[15]    Attila Kornel:„Das klanglich-literarische Konzept in Gazpachos Album ‚Tick Tock‘“, Radiobeitrag im Rahmen der Sendung Die Geschichte des Progressive-Rock, Radio Q, Münster, 8. 10. 2014.

[16]    Gazpachoworld.com: Demon, in: http://gazpachoworld.com/product/demon-cd/ (zuletzt aufgerufen am 29. 4. 2015).

[17]    Thomas Andersen im schriftlichen Interview mit dem Autor am 2. März 2015.

[18]    Thomas Andersen im schriftlichen Interview mit dem Autor am 2. März 2015.

[19]    Thomas Andersen im schriftlichen Interview mit dem Autor am 2. März 2015.

[20]    Vgl.: Kunal Sinha, China´s Creative Imperative. How Creativity is Transforming Society and Business in China, Singapore 2008: John Wiley & Sons, S. 69–72.

 

[Basierend auf dem gleichnamigen Vortrag im Rahmen des interdisziplinären Symposiums Musik und Humor am 15. März 2015 an der Hochschule für Musik und Tanz Leipzig]

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