Jul 082015
 

Apokalypse, (Nicht-)Ironie und trojanische Pferde

Mit „Hurra die Welt geht unter“ veröffentlichen K.I.Z. am 10.7.2015 ihr fünftes Studioalbum. Wir haben die Platte vorab gehört und uns auf einer Dachterrasse in Kreuzberg mit den Berlinern darüber unterhalten.

K.I.Z. – wahlweise Kanibalen in Zivil oder Klosterschüler im Zöllibat – sind seit 10 Jahren das kluge enfant terrible der deutschen Rap Szene. Ihre Releases tragen Titel wie „Böhse Enkelz“, „Sexismus gegen Rechts“ oder „Urlaub fürs Gehirn“. Die meisten ihrer Singles können kaum anders als trojanische Pferde beschrieben werden: Mitgröhl-Hooks und wuchtige Synthie-Beats – getreu dem Prinzip: „Alles, was live knallt“ – verbergen nur vordergründig, dass die Texte oftmals Hochbrisantes verhandeln: Ambivalente Kritik an gesellschaftlich fundiertem Sexismus, Homophobie und bundesdeutschem (Neo-)Nazitum. Überpointierend kann man sagen: K.I.Z. Songs kommen häufig als MDMA, sie gehen als bittere Pille.

Dabei war linker oder überhaupt politischer Rap in Deutschland für lange Zeit und nach der ersten Welle Anfang der 1990er Jahre (Advanced Chemistry, Anarchist Academy, das erste Beginner-Album) fast in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Die soundangebenden Platzhirsche waren fortan Hamburger, die Rap thematisch autoreferentiell oder humoristisch auslegten; und kurz darauf das Aggro-Berlin-Camp mit Straßenerzählungen und Blockästhetik.

Dazwischen kam im politischen Sinne und hinsichtlich kommerzieller Relevanz wenig. Seit etwa zwei Jahren nun feiert Links-Rap ein Comeback: das Berliner „Zecken-Rap“-Kollektiv Tick Tick Boom, die Antilopengang sowie Zugezogen Maskulin treiben unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen Themen wie Kapitalismuskritik und den Rechtsruck in der Mitte der Gesellschaft auf die Playlisten und Feuilletonseiten [dazu auch Martin Seeliger hier].

Mit K.I.Z. aber war bereits ab 2005 der Punk in den Rap eingekehrt: Ausgestattet mit Wurzeln im linken Milieu der Berliner Subkultur, Antifa-Affinität sowie Engagements für die Partei „Die Partei“ schob sich ein popularisierter Epi- und Peritext zwischen die ambivalenten Lyrics und Hörer: Die Texte waren vor dem Hintergrund des Hintergrunds der Sprecher zu lesen und die „Bret Easton Ellissche“ Überpointierung war immer schon eine, die dieses Inbezugsetzen einkalkulierte und einforderte. Missverständnisse in verschiedenen (politischen) Lagern wurden dabei auch schon mal in Kauf genommen. Ein rezipientenseitiges „Wie ist das gemeint?“ wurde zur Frage, die sich an der Konnotation der Bandprotagonisten im „Popkulturgedächtnis“ abzuarbeiten hatte. Die gesellschaftskritische Punchline, die bei K.I.Z. im Modus der Grenzüberschreitung und Tabuverletzung funktionierte, entfaltete sich eben jenseits plakativ-sozialpädagogischer Parolen und implizierte einen aktiven Hörer.

Der Lynchmob ist krank vor Neid / Auf das 5-Sterne-Hotel im Asylantenheim /Der Lynchmob hat keinen Cent im Portemonnaie /Egal ob Merkel nun ein’ Minirock oder Kopftuch trägt / Ihr könnt im Wahllokal ankreuzen, wer den Puff besitzt / Es bleiben immer die gleichen Freier, denen ihr ein’ lutschen müsst / Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen / Mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen? / Keine Nazis – ihr seid brave Deutsche / Die sich nicht infizieren lassen mit der Affenseuche / K.I.Z. Selbstmordattentäter / Ich sprenge eure Demo und es regnet Hackepeter (Tarek auf „Boom Boom Boom“)

„Hurra die Welt geht unter“ bleibt drastisch. Zielsicher werden prekäre Gesellschaftsdiskurse mit Reizwörtern aufgerufen, provoziert, dekonstruiert und ins Lächerliche gezogen. Das Album – fast ausschließlich von Bandmitglied Nico produziert – hat im Vergleich zu den Vorgängern aber an musikalischer und lyrischer Breite zugelegt. Die zuletzt eingesetzten Trap-Elemente bleiben zwar, sie werden jedoch auch von Boom Bap-Beats mit 90er-Jahre-Charme flankiert, die nach eigenen Angaben bei dem Produzenten Kev Beats gepickt und aus 10 Jahre alten Soundfiles neu gebaut wurden.

Textbezogen werden alte Qualitäten – etwa die Einnahme abseitiger Perspektiven, grandiose Überzeichnungen – ausgebaut und zu trippartigen Erzählungen von literarischer Qualität verdichtet: „Käfigbett“ etwa zeichnet ein albtraumhaftes Bild von der Kindheit, „Ehrenlos“ behandelt in Houllebecqscher Manier das Thema „Party & Ausgehen“. All dies in einer Form, die den Hörer zwischen lachend und nicht selten mit einem Lachen, das im Halse stecken bleibt, zurücklässt. „Was würde Manny Marc tun?“ mit den Atzen sowie Yassin bildet den Gipfel der Irritation, bevor mit dem Titeltrack als Höhepunkt die Apokalypse bejubelt wird.

Sieben Kernthemen von „Hurra die Welt geht unter“ mit K.I.Z.-Statements für Hermeneuten, Poptheoretiker und Fans:

  1. Ironie und ironische Zugänge

„Durch dieses Ironische kann man selbst die kritisierte Position einnehmen und sich mit dem Hörer auf eine Art und Weise auch vertragen.“ (Maxim)

„Das Wort Ironie kam jetzt ein paar Mal vor in Interviews, ich finde das eigentlich etwas entwertend. Genauso ein roter Faden war es ja in unserem Werk, das wir irgendwelche Regeln, die anderen Rappern immer sehr wichtig waren, extra gebrochen haben. Und uns selbst immer als die größten Vollidioten und Opfer stilisiert haben. Das ist ja auch schon eine Einstellung, die viel über uns aussagt. Zwischen den Zeilen haben wir immer Aussagen gehabt, deshalb stört mich das eigentlich, wenn Leute sagen, dass sei megaironisch oder megalustig.“ (Tarek)

  1. Martktorientierung und Homophobie im Pop

„Man hat den Eindruck, dass bei vielen Rappern, die sagen, sie machen jetzt erwachsene Musik, vor allem das Finanzielle eine Rolle spielt. Weil es weniger profitabel ist, andauernd „Arschficksongs“ zu machen.“ (Tarek)

„Viele lassen eben diesen sexistischen und homophoben Scheiß nicht weg, weil sie es uncool finden, sondern weil es marktwirtschaftlich einfach unpassend ist. Als wir 2007 bei Rock am Ring nicht auftreten durften, war das ja nicht, weil Toyota als Sponsor des Zeltes darauf bedacht war, den Menschen bessere Werte zu vermitteln, sondern weil das für die Marke eventuell einen finanziellen Schaden bedeuten könnte. Das ist die moderne Form von Toleranz. Wenn du Rassist bist, dann verzichtest du auf einen gewissen Teil des Marktes.“ (Maxim)

  1. Linkssein und Position beziehen im Pop

„Ich finde es megalangweilig, wenn Leute einem die ganze Zeit erzählen, sie seien politischer Rapper.“ (Tarek)

„Man muss sich halt die Aussage eines Künstlers ansehen. Ich finde es zum Beispiel echt anstrengend, wenn Leute sagen: „Hey, schreibt doch mal ‘Nazis raus’ auf Facebook!“ Wem soll das denn etwas bringen? Ich könnte also die ganze Zeit rassistischen Scheiß reden, und dann reicht es dir, wenn ich einmal „Nazis raus“ auf Facebook schreibe? Dieses extreme Verlangen nach Positionierung finde ich so unsachlich und es langweilt mich auch total. Bei der Politisierung von Gruppen wird immer erst geschaut, ob da irgendwo eine Antifa-Flagge ist. Oder bei Freiwild zum Beispiel recherchieren die Leute eifrig, ob der Sänger in seiner Vergangenheit richtig organisierter Nazi war, anstatt sich einfach mal einen Song von denen anzuhören. Man müsste sich das Gesicht von diesem Typen gar nicht anschauen, wenn man einen Song hört, weiß man sofort, was Sache ist.“ (Maxim)

  1. Flüchtlingsthematik und Drogenhandel im Görlitzer Park

„Erstmal gibt es diese Leute, die behaupten, man muss alle Leute wegknasten, die Drogen verkaufen, man muss sie schon an der Grenze abfangen. Dann gibt es die noch netteren, die sagen, man muss Entwicklungshilfe in Afrika leisten – aber nicht weil man nett zu den Menschen sein will, sondern weil man verhindern will, dass sie bei uns im Park Drogen dealen. Es geht immer darum, was der deutsche Staat damit für ein Problem hat, erst deshalb ist plötzlich wieder einmal das Elend in den Herkunftsländern ein Thema. Und dann auch meistens auf die Mitleidsschiene – als wäre das Problem vom Himmel gefallen und Europa hätte keinen Anteil an dem Elend in diesen Regionen. Und wir sind dann die guten Deutschen, die noch mal ein Zelt am Oranienplatz erlauben.“ (Maxim)

  1. Applaus von der falschen Seite

„Ich fände es natürlich schöner, wenn alle Menschen auf der Welt nur Linksradikale wären, aber ich muss mich jetzt nicht dafür schämen, dass ein Rechter sich meine Musik anhört. Wenn es nun nur solche Leute wären, dann müsste man darüber nachdenken, ob die Inhalte vielleicht zu kompatibel sind. Es ist ja sehr, sehr vielen Künstlern passiert, dass sie sehr allgemein gültige Lieder gemacht haben, die dann auf irgendwelchen CDU-Parteitagen gespielt wurden. Ich kann schon verstehen, dass man sich darüber ärgert, aber man sollte vielleicht mal überlegen, ob es eigentlich stimmt, dass man Musik für nicht-alle macht.“ (Maxim)

„Es gibt ja auch Bands wie Rammstein oder Laibach, die mit dieser rechten Ästhetik spielen, bei denen gehört das ja zum ganzen Konzept. Also ich persönlich fand es immer sehr witzig, wenn uns Leute für Nazis gehalten haben. Ich habe gar nicht das Bedürfnis, dem zu widersprechen. Okay, dann bin ich eben Nazi.“ (Maxim)

  1. Gesellschaftlicher Zusammenhang von Arbeit und Eskapismus

Maxim: „Natürlich ist es (Anm.: die Darstellung von Dauerparty am Wochenende auf „Ariane“) übertrieben und dadurch hat es etwas Kritisches. Ansonsten ist es eine Feststellung und bedeutet nicht unbedingt, dass es ein Ausbrechen ist. Es hat auch mit dem Verhältnis von Arbeit und Freizeit zu tun. Das ist kein Unfall. Das gehört genau zu dieser Art von Gesellschaft.“ (Maxim)

„Die Kritik ist, dass so viele Menschen das über sich ergehen lassen und nicht hinterfragen, dass sie die ganze Zeit missbraucht und ausgebeutet werden für wenig Geld.“ (Craft)

„Und wenn es nicht nötig wäre, dann gäbe es ja auch nicht sowas wie Urlaub. Es ist halt ein nötiges Übel, dass mal die Arbeit eingestellt werden muss, damit die Leute wieder fresh am Start sind.“ (Nico)

  1. Weltuntergang in „Boom Boom Boom“ als positive Utopie

„Warum der Weltuntergang toll ist? Na, wenn man die Welt gerade so richtig prima findet, dann ist das natürlich scheiße. Für die Leute haben wir natürlich kein gutes Angebot auf Lager. Blatter, dem VW-Vorstand und Merkel können wir keine guten Argumente liefern. Aber für alle anderen, die wissen, warum sie die Welt scheiße finden, werden diese Frage gar nicht stellen. Dann sei fit für den Wettbewerb und das Fitnessstudio. Trainier deine Ellbogen und los geht’s.“ (Maxim)

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