Mrz 142015
 

[leicht erweiterte Version des Artikels »Whatsapp und Snapchat« aus: »Pop. Kultur und Kritik«, Heft 6, Frühling 2015, S. 42-46]

Seit Anfang November 2014 sehen die Nutzerinnen und Nutzer von Whatsapp statt einem oder zwei grauen nun auch zwei blaue Häkchen: Lesebestätigungen, die Sender wissen lassen, dass ihre Nachricht nicht nur verschickt wurde und angekommen ist, sondern von den Empfängern vermeintlich auch betrachtet wurde – und das unter genauer Angabe von Datum und Uhrzeit. Sobald die Häkchen sich blau färben, ist also mit einer Antwort zu rechnen – und sollte sie nicht eintreffen, muss dies bedeuten: Ich werde ignoriert.

Diese anders gefärbten Häkchen lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Gab man nur wenige Wochen nach Einführung in Suchmaschinen die Begriffe ›Whatsapp‹ und ›Lesebestätigung‹ ein, fanden sich ausschließlich Beitrage rund um die Frage, wie man die blauen Häkchen wieder deaktivieren kann, oder Memes, die auf die Folgen von Lesebestätigungen für Beziehungen oder Flirts aufmerksam machten.

Problematisch fand man außerdem, dass diese Funktion stillschweigend als Standardeinstellung eingeführt und die Zustimmung der Nutzer nicht eingeholt wurde. Whatsapp antwortete schnell auf die scharfen Reaktionen, bereits eine Woche nach Einführung verkündete das Unternehmen, das nächste Update ermögliche es, die Lesebestätigung abzustellen.

Lesebestätigungen wie Whatsapps blaue Häkchen sind nicht neu. Ursprünglich beim Briefverkehr als Empfangsbestätigung entstanden, fanden sie rasch Einzug in die E-Mail-Kommunikation. Fast alle E-Mail-Anbieter und Mail-Programme erlauben heute, eine solche Bestätigung einzufordern. Inzwischen haben Messenger Dienste wie Blackberry, iMessage oder Facebook Lesebestätigungen integriert.

Das Wissen um die Rezeption der eigenen Nachricht suggeriert Unmittelbarkeit und begünstigt Beschleunigung. Jede Minute, die nach Eintreffen der Nachricht verstreicht, kann sich wie die Stille in einer Unterhaltung anfühlen, welche ins Stocken gerät. Obwohl man sich nicht am gleichen Ort befindet, kann die Information ›Gelesen am 03.12.2014 um 11.35‹ als Mimikry eines persönlichen Gesprächs verstanden werden und damit die Raum-Zeit-Distanz digitaler Kommunikation in Frage stellen.

Indem die Wartezeit markiert und Kommunikation und Rezeption nicht mehr getrennt werden, scheint das Medium in den Hintergrund rücken zu wollen. Doch mit dieser Unmittelbarkeit drängt sich das Medium erneut auf, denn Nutzer sind es gewohnt, digitale Kommunikation zeitversetzt zu gestalten. Expliziertes Warten verursacht Beschleunigung.

Eine ähnliche Vermischung von Unmittelbarkeit und Beschleunigung findet auch Einzug in andere Bereiche des digitalen Lebens. Am meisten Beachtung erfahren sie unter dem Schlagwort ›ephemeral media‹, vergängliche Medien.

Als Vorreiter fungiert die Kommunikations-App Snapchat, die es Nutzern seit 2011 ermöglicht, Bilder, Videos oder Nachrichten zu schicken, die sich nach maximal 10 Sekunden wieder selbst löschen. Snapchat kann als Antithese zu Plattformen wie Facebook und Twitter verstanden werden, die auf die langfristige Dokumentation von Daten und die Maximierung von Sichtbarkeit angelegt sind.

Bei Snapchat ist Kommunikation vergänglich und nur so lange sichtbar, wie die Sender es erlauben – und die Empfänger in diesem kurzen Zeitfenster auch ihre Finger auf den Bildschirm gedrückt halten. Anstelle von inszenierten, für die eigene kuratierte Öffentlichkeit in Szene gesetzten Kommunikees will Snapchat laut Selbstaussage unmittelbare, ungefilterte, ungeschönte (nicht selten auch sexuelle) Kommunikation fördern.

Bilder, Videos und Nachrichten sind – anders als bei Facebook – nicht Gegenstand von Interaktion durch Likes, Shares oder Kommentare, sondern Kommunikation an sich: Interagieren durch Bilder, nicht über Bilder. Um auf einen Snap zu reagieren, muss man selbst einen Snap produzieren.

Bilder und Videos, so der Inhouse-Soziologe von Snapchat, Nathan Jurgenson, sollen nicht genutzt werden, um Erlebnisse für die soziale Retrospektion festzuhalten oder um sich selbst darzustellen, sondern um andere teilhaben zu lassen oder um einmal mehr die Grenzen zwischen digitaler und nicht-digitaler Welt zu befragen.

Unmittelbarkeit und Beschleunigung sind die zentralen Visionen der App, doch stellen sie, anders als bei Whatsapp, nicht eine Bedrohung, sondern das Versprechen von Intimität und Privatheit dar. Die zunehmende Beliebtheit von Snapchat hat in den letzten drei Jahren zahlreiche Konkurrenten auf den wachsenden und immer dichter besiedelten Markt von ›ephemeral media‹ gebracht.

Während Snapchat versucht, die Freiheit des Vergänglichen zu bedienen, stellen Apps wie Wickr oder Cyber Dust den Sicherheitsaspekt von vergänglichen Medien in den Vordergrund und bieten zusätzlich End-to-end-Verschlüsselungsstrategien an. Sozialität wird hier nicht als Sendefunktion, sondern als Intimität konzipiert, die durch selbstzerstörende Nachrichten und Kryptographie realisiert wird.

Erneut finden sich Analogien zum persönlichen Gespräch: Cyber Dust wirbt mit dem Slogan »Every spoken word isnʼt recorded. Why should your texts?«. Andere Anbieter wie Xpire bieten keine sozialen Dienste an, sondern verstehen sich als Zusatz-Applikation, die es erlaubt, Inhalte auf verschiedensten Plattformen automatisch wieder zu löschen. Und da wäre Leo, eine App, deren Nachrichten fünf Sekunden nach dem Anschauen verschwinden und die damit wirbt, dass ihre Gruppenchats wie Gespräche in der Bar seien – bestimmt für den Moment, nicht für die Ewigkeit.

»Vergiss den Browser, Echtzeit ist das neue Crack« schrieb der Internetkritiker Geert Lovink in »Das halbwegs Soziale« (2012) und propagierte Echtzeit als die aufstrebende zeitliche Ordnung sozialer Medien. Denkt man Echtzeitmedien im Kontext von Streams, Tickern und dynamischen Inhalten, so ergibt sich eine informations-orientierte Perspektive, in der es um Echtzeit-Zugang zu aktuellen, neuen Inhalten geht, ob im chronologischen Twitter oder algorithmischen Facebook Stream, in Nachrichtentickern, Updates oder personalisierten Inhalten.

Im Kontext von blauen Häkchen und selbst-löschenden Fotos eröffnet sich allerdings eine ganz besondere Spielart von Echtzeit, eine, in der Geschwindigkeit und Vergänglichkeit das neue Crack sind, welche NutzerInnen auf Antworten warten lässt oder die anregt, schnelle Inhalte unmittelbar zu tauschen. Während Lovink von Echtzeit-Inhalten spricht, die automatisiert zu den NutzerInnen geliefert und nicht mehr gesucht werden müssen, lenken Snapchat und Whatsapp den Blick auf Echtzeit-Interaktion und Unmittelbarkeit durch Beschleunigung.

Sie zielen darauf ab, die digitale Kommunikationserfahrung wieder stückweise von ihrer Raum-Zeit Trennung zu befreien und live zu machen. Live sehen, wann Nachrichten gelesen werden, Inhalte, die nach dem Betrachten verschwinden, und die Unmöglichkeit sich durch Inhalte anderer Profile zu klicken. Die Version des Echtzeit-Internets, die Whatsapp, Snapchat und Co antreiben ist also geprägt von einer Kombination aus Geschwindigkeit und Unmittelbarkeit, die das Ziel hat, dass sich Kommunikation intim und sicher anfühlt.

In den Technologiemedien werden selbstlöschende Apps wie Snapchat und Slingshot als neue Generation von ›ephemeral media‹ gefeiert. Der »Technology Review« des MIT schreibt von »Temporary Social Media«, Techcrunch vom Aufstieg des »Ephemeralnet«, das »Wall Street Journal« vom »Erasable Internet«.

Zwar spielte Vergänglichkeit schon in zahlreichen früheren Konzepten zur Zeitlichkeit des Internets eine Rolle, war allerdings stets an das Dauerhafte gekoppelt. Für die Internettheoretiker S.M. Schneider und K.A. Foot bestand 2004 die Idee des Internets darin, sowohl vergänglich als auch andauernd zu sein. Software kann unaktuell, Links können fehlerhaft, Inhalte gelöscht, aber auch gespeichert und archiviert werden. Um Web-Inhalte übermitteln zu können, müssen diese immer irgendwo gespeichert werden, egal wie kurz. Allein die Vorstellung von Echtzeit, so 1997 die These des Soziologen Adrian Mackenzie, sei eine Illusion; was es hingegen zu betrachten lohne, sei die Echtzeiterfahrung und Echtzeitverarbeitung von Daten.

Echtzeiterfahrung ergibt sich aus einer schnellen Verarbeitung, die zwar bis auf Mikrosekunden beschleunigt werden kann, aber dennoch über Dauer verfügt. Das Zwischenspiel von Vergänglichkeit und Beständigkeit ist fundamentaler Bestandteil der Architektur sozialer Plattformen.

Echtzeitmedien bieten mit Streams, aufpoppenden Benachrichtigungen, dynamischen Elementen und beschleunigter Kommunikation nur vordergründig Echtzeiterfahrungen an, denn im Backend werten Plattformbesitzer langfristige Daten aus, erstellen Profile und erweitern ihre Archive. Beschleunigte Benutzeroberflächen treffen auf Wirklichkeit gewordene Datensammelfantasien, das Ephemere operiert im Vordergrund, um die Archivierung neuer Daten im Hintergrund sicher zu stellen.

Doch die meisten haben bereits begriffen, dass ihr Echtzeitnetz nicht ohne das Datenarchiv zu haben ist. Snapchat, Xpire, Wickr und Co bieten sich genau jenen an, die soziale Medien weder als private Sendeanstalt nutzen noch weiter zu ihrer eigenen Archivierung beitragen wollen. Als ›ephemeral media‹ etikettiert, suggerieren diese Apps, es sei ihnen gelungen, das Vergängliche des Mediums von seinem Archivierungsdrang zu befreien.

Seit der Einführung steht Snapchat aber vor dem Problem, dass Snaps sich zwar selbst löschen, sie aber in den wenigen Sekunden der Sichtbarkeit abfotografiert werden können, entweder als Screenshot oder mit einer externen Kamera. Um dem vorzubeugen, müssen Nutzer einen Finger auf den Bildschirm halten, um Snaps zu betrachten – was ihre Bewegungsfreiheit so sehr einschränken soll, dass Screenshots nicht möglich sind. Falls doch ein Screenshot gemacht wurde, so wird dies von Snapchat erfasst und dem Sender mitgeteilt.

Zahlreiche Foren wenden sich deshalb der Frage zu, wie man diese Benachrichtigungen umgehen kann. Man kann inzwischen aus einer ganzen Reihe von Apps auswählen, die es erlauben, unbemerkt Screenshots zu machen. Mit SnapSpy, SnapGrab, SaveMySnaps oder SnapHack können erhaltene und gesendete Snaps archiviert werden, offline oder gleich online, wie zum Beispiel in zahlreichen Snapchat-Screenshot-Tumblrn, die sich oft monothematisch Nacktaufnahmen junger Frauen oder Bildern von Betrunkenen widmen.

Die vergänglichen Snaps bieten lediglich eine Annäherung an das Ephemere, ihrer Permanenz entkommen sie nicht. Schnelligkeit und Unmittelbarkeit der App rufen einen Archivierungsdrang bei anderen Nutzern hervor, die ein Interesse daran haben, Snaps von ihrer Vergänglichkeit zu befreien.

Aber auch die App selbst birgt Möglichkeiten der Archivierung. Um Snaps zu übermitteln, müssen diese sowohl auf dem Snapchat-Server als auch im temporären Speicher des Empfangsgeräts gesichert werden. Sobald die Nachricht gesehen wurde, werden Löschbefehle zum Server und zum Endgerät verschickt. Wird ein Snap 30 Tage nicht betrachtet, wird er automatisch gelöscht.

Snapchat räumt selbst ein, dass zwischen dem Zeitpunkt des Empfanges und des Betrachtens die Möglichkeit besteht, auf die Snap-Datei im temporären Speicher zuzugreifen – auch wenn dies technischer Kenntnisse bedarf. Auf dem Unternehmensblog schreibt Snapchat, dass NutzerInnen diese Einschränkungen berücksichtigen sollten, bevor sie Geheimnisse in Selfies verpacken. In ihrer Privacy Policy wird die Plattform noch deutlicher, kurz nach dem Versprechen »Delete is our Default« vermerkt das Unternehmen: »Don’t send messages that you wouldn’t want someone to save or share.«

Tatsächlich verzichten Snapchat und Co. auf die von Facebook gewöhnten Aufrufe, das eigene Profil doch bitte bis zur Geburt rückwirkend zu vervollständigen. Auch laden sie nicht dazu ein, sich anhand von Zeitleisten durch die Archive Anderer zu scrollen oder zu liken. Doch wie zahlreiche Leaks in der Vergangenheit gezeigt haben, ist auch die Vergänglichkeit Snapchats nicht von der Dauerhaftigkeit befreit.

Der Fokus auf Schnelllebigkeit und unmittelbare Kommunikation ist Teil von Plattformenstrategien, die sich in die Nutzeroberflächen, Features und Selbstdarstellungen einschreiben, um weitere, intimere und unmittelbarere Daten zu erschaffen und Nutzer vergessen zu lassen, dass im Kontext digitaler Medien das Vergängliche nicht ohne das Beständige existiert.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Transcript Verlags.

Weitere Hinweise zum Erstveröffentlichungsort, dem Heft 6 der Zeitschrift »Pop. Kultur und Kritik«, hier.

 

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