Mrz 112015
 

‚Aufmerksamkeit‘ ist in aller Munde. Intellektuelle, die sich breitenwirksam zu den Folgen der Massen- und Internetmedien äußern, greifen besonders gerne zu diesem Begriff. ‚Aufmerksamkeit‘ dient dann als eine Art Superbegriff, erscheinen mit ihm doch unterschiedlichste Formen von gesellschaftlicher Prominenz, medialer Resonanz und politischer Skandalisierung ebenso erklärbar wie unternehmerische Marketingkampagnen, weltanschauliche Tabubrüche, videogefilmte Terroranschläge etc.

Gemeinsam ist vielen Einlassungen dabei, ‚Aufmerksamkeit‘ als Gewinn darzustellen, den die beobachtende Öffentlichkeit für außergewöhnliche Auftritte ausschüttet – und der an die Seite oder gar die Stelle einer unmittelbaren finanziellen Prämierung gerückt sei.

Kann man sich noch darauf einigen, dass es sich bei einer solchen ‚Aufmerksamkeit‘ um ein irgendwie verknapptes Gut handelt, bleibt in den meisten Fällen dennoch unklar, was nun genau unter ihr verstanden wird: Ist ‚Aufmerksamkeit‘ erregbar? Oder fällt sie einem (nur) zu? Lässt sich Aufmerksamkeit „fesseln“ und „faszinieren“, wie Norbert Bolz meint? Oder muss man nicht eher um sie „kämpfen“, wie Bernhard Pörksen zu Bedenken gibt?

Im Grunde ist die inflationäre Rede von der ‚Aufmerksamkeit‘ die späte Nachgeburt eines Aufsatzes, den der Architekt, Publizist und Softwareentwickler Georg Franck 1989 unter dem Titel „Die neue Währung: Aufmerksamkeit. Zum Einfluß der Hochtechnik auf Zeit und Geld“ in der Zeitschrift „Merkur“ erstveröffentlichte und den er in den darauffolgenden Jahren vielfach variierte, zuspitzte und letztlich zu seinem programmatischen Thema ausbaute. So avancierte Francks Band „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ von 1998 bald selbst zu einem terminologischen Massenphänomen.

Als intellektuelle Top-Marke kursiert das Buch längst nicht mehr allein durch akademische Debatten, erzeugte also, was es inhaltlich diagnostiziert, und scheint dabei eine Faszination zu verströmen, die dazu führt, dass das Buch selbst vor Dieter Bohlen nicht mehr sicher ist, der es zu seinen Lieblingslektüren zählt – ein kleiner Umstand unter vielen anderen, dem der Philosoph Jörg Bernardy in seiner jüngst publizierten Studie „Aufmerksamkeit als Kapital“ auf den Grund geht.

Bernardy ist mit seinem Buch ein feines Stück Diskursgeschichte geglückt. „Aufmerksamkeit ist die Bedingung der Möglichkeit von bewusstem Erleben überhaupt, sie ist eine anthropologische Konstante“, hält der Autor gleich zu Beginn fest, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass diese Konstante unter Bedingungen der Mediengesellschaft zu einem „Rationierungsmittel“ aufgewertet wird.

Mit stoischer Ruhe schirmt der Autor seine Untersuchung vor dem schrillen Hype um den Aufmerksamkeitsbegriff ab, um sich umso konzentrierter auf die philosophischen und soziologischen Implikationen, ideengeschichtlichen Umstände und akademischen Zweit-, Dritt- und Mehrfachverwendungen von Francks Buchtitel einlassen zu können.

Verfolgt wird zweierlei: Auf der einen Seite rekonstruiert Bernardy den Aufmerksamkeitsdiskurs der letzten rund zwanzig Jahre unter besonderer Berücksichtigung der (vorgeblich) initialzündenden Schriften Francks. Bernardy argumentiert hierbei sowohl textanalytisch als auch rezeptionsgeschichtlich, arbeitet also heraus, welche begrifflichen und konzeptuellen Schwerpunkte Franck gesetzt hat und wie diese durch Beiträge der scientific community vorformuliert, aufgegriffen und weitergedacht wurden.

Andererseits nimmt Bernardy Francks Ansätze zum Anlass, um nach allgemeineren Strukturen der wissenschaftlichen Aufmerksamkeitserzeugung zu fragen. Dabei geht er von dem Befund aus, dass Franck selbst darauf hingewiesen hat, kein wissenschaftliches Werk im engeren Sinne verfasst haben zu wollen – was Bernardy Anlass bietet zu prüfen, wie es dennoch zu jener enormen Konjunktur von Francks Begriffen sowohl innerhalb als auch außerhalb der akademischen Welt kommen konnte.

Besonderen Gewinn liefert Bernardy dort, wo er hinter den zur geflügelten Wendung und zum terminologischen Klischee verkommenen Buchtitel blickt und dessen inhaltliche Verästelungen freilegt. Dass dabei nicht nur eine Theorie nacherzählt und Thesen addiert werden, ist Bernardys Erkenntnisinteresse zu verdanken: „Ist der Aufmerksamkeitsdiskurs“, fragt sich der Autor, „in einem wissenschaftlichen Rahmen durchführbar? Ist die Unwissenschaftlichkeit und Unschärfe des Diskurses am Ende der Preis für seine hohe Popularität?“

Folglich geht es immer wieder darum, Francks Überlegungen zu kontextualisieren und ihre eigenen Bedingtheiten vor Augen zu führen. Die von Franck betonte Wissenschaftsferne seiner Schriften dient Bernardy als roter Faden, den er mit etlichen Philosophen, Theoretikern und geisteswissenschaftlichen Autoren, die sich ebenfalls mit Begriff und Konzept von Aufmerksamkeit beschäftigt haben, flankiert.

Von Aristoteles, Rousseau und Mead über Vertreter der Psychoanalyse, des Existenzialismus, der Frankfurter Schule sowie der Diskurs- und Sozialtheorie bis hin zu philosophischen Schriftstellern und journalistischen Einwürfen spannt Bernardy ein beachtliches Panorama an Positionen auf, mit denen die geistesgeschichtlichen und institutionellen Voraussetzungen für Francks Aufmerksamkeitskarriere aufgezeigt werden sollen. Es beeindruckt, mit welch begrifflicher Sachkenntnis und philosophischer Umsicht Bernardy zu argumentieren weiß, ja wie er durch die kluge Auswahl ‚seiner‘ Autoren sowohl zur Klärung als auch – vor allem! – zur geschickten Relativierung von Francks Ansätzen beiträgt.

Dazu ein Beispiel: Bernardy fiel auf, dass sowohl Franck als auch Peter Sloterdijk – unabhängig voneinander – personale Prominenz inzwischen als Ausdruck eines Prestiges ohne Gegen- oder Eigenleistung einstufen. Beide Autoren kommen in der Vorstellung überein, dass es heute darum gehe, gesellschaftlichem Prestige einen „Selbstwert“ einzuräumen, um Prominenz um der Prominenz willen ausgestalten zu können.

Doch anstatt diesen Diagnosen nun wiederum nur den bereits bekannten Aufmerksamkeitsbegriff an die Seite zu stellen, erinnert Bernardy daran, dass beiden Diagnosen eine historische Perspektive fehle, sie also nicht deutlich machen können, inwiefern etwa veränderte Öffentlichkeitsstrukturen neue Prestigeformen erzeugen.

Zur Klärung und Relativierung trägt daher bei, dass Bernardy im Rückgriff auf Axel Honneths „Kampf um Anerkennung“ die innere Verbundenheit des gewandelten Prestigebegriffs mit „gesellschaftlichen Klassenkämpfen“ herausarbeitet. Prestige – und die für ihn ausgezahlte Aufmerksamkeit – ist daher nicht nur ein Phänomen moderner Mediengesellschaften, sondern vor allem auch Folge eines auf soziale Distinktion basierendes Gesellschaftsmodells, das sich, freilich mit Einschränkungen versehen, nach Francks dafürhalten auch auf die Mikroebene des innerakademischen Prestigekampfes anwenden lasse.

Inkonsequent erscheint die Studie lediglich dort, wo sie ihren eigenen Kontextualisierungsanspruch vernachlässigt und Franck allzu strikt in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellt. Die konsultierten Autoren wirken dann eher wie Adjutanten einer übergeordneten Theorie; sie dienen nicht mehr der philosophischen Abschwächung oder dem Aufweis begrifflicher Bedingtheiten, sondern als vor- und nachträgliche Stützen, die zur Stabilisierung eines zentralen Gedankengebäudes beitragen sollen. Fraglich wird, ob Franck damit nicht über Gebühr aufgewertet und ihm, nun auf Augenhöhe mit den Geistesgrößen der Kulturgeschichte stehend, eine zu wichtige Stellung innerhalb des Diskurses eingeräumt wird.

Doch viel zu abwägend verfährt Bernardy, als dass sich diese passagenweisen Schwächen auf die Gesamtvorzüge seines Buches nennenswert auswirken würden. Wer den unterschiedlichen Begriffen der Aufmerksamkeit mit ihren je eigenen ökonomischen Implikationen nachspüren möchte – oder wer sich gleichermaßen fasziniert wie verstört von den Wirkungsstrukturen des mentalen Kapitalismus zeigt –, dem sei das Buch mit höchster Dringlichkeit empfohlen.

Es klärt auf beeindruckende Weise über die philosophiegeschichtlichen Verstrickungen des Aufmerksamkeitsdiskurses auf, liefert überdies pointierte Beobachtungen zur geisteswissenschaftlichen Reputationskultur und versorgt den Leser mit allen wichtigen inhaltlichen Ausprägungen und begrifflichen Kommentierungen zu Francks Bestseller. Bernardys herrlich unaufgeregte Diskursgeschichte verläuft quer zur modisch gewordenen Rede vom allseitigen Kampf um mediale Aufmerksamkeit – wodurch ihr ein umso größerer Gewinn zufällt.

 

Bibliografischer Nachweis:
Jörg Bernardy
Aufmerksamkeit als Kapital. Formen des mentalen Kapitalismus
Marburg 2014
Tectum Verlag
ISBN: 978-3-8288-3413-2
194 Seiten

 

Daniel Hornuff ist akademischer Mitarbeiter am Institut für Kunstwissenschaft und Medientheorie, Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

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