Okt 102014
 

Die Schlacht am Fraenkelufer, autonome Heldengeschichten über das legendäre Slime-Konzert im SO 36 mit der Hundertschaft unter der Bühne, der Rauchhaus-Song von Ton, Steine, Scherben – der Berliner Stadtteil Kreuzberg stellt von jeher eine der Hochburgen des alternativen Milieus in Deutschland dar.

Dass ich Ende August 2014 (kurz bevor ich die Lektüre der Studie von Sven Reichardt abschloss) in einer Kneipe des heutigen ‚Szenebezirks‘ auf Bernd – einen 52-jährigen (ehemaligen?) Autonomen – traf, erscheint als nicht besonders großer Zufall. Nicht nur aus den genannten Gründen war Bernd für mich ein sehr interessanter Gesprächspartner. Denn Bernd erzählte gerne von früher, und meistens freut man sich ja, Leuten gerecht werden zu können. Bei aller Geselligkeit und Liebe zum folkloristischen Detail hatte die Situation mit Bernd aber auch etwas Tragisches. Und diese Tragik schien mir darin zu liegen, dass Bernd mit seinen nach wie vor aufrichtig vorgetragenen Hasstiraden gegen Staat und Bürgertum nicht nur politisch, sondern zwischen den anderen Besuchern der Gaststätte auch habituell etwas aus der Zeit gefallen schien.

Ohne festen Job (von einer frühzeitig abgeschlossenen Rentenversicherung ganz zu schweigen) oder nennenswerte familiäre Bindungen erschienen auch seine weiteren Zukunftsperspektiven nicht sehr vielversprechend. Und besonders pikant – dies zeigt die schöne Studie von Reichardt anschaulich – erscheint dieser Umstand im Kontrast zur heutigen Kreuzberger Umgebung, in der sich immer mehr angesagte Kreativunternehmer romantisch-prekär mit eben denjenigen Tugenden des Alternativmilieus (i.d.R. komplementiert aus einem breiten Repertoire kulturindustriell vermittelten Chiques) zu profilieren trachten. Aber nun zur Buchbesprechung:

Sven Reichardt schreibt eine Kulturgeschichte der Linken in gesellschaftstheoretischer Absicht. Indem er die „soziokulturellen Gemeinsamkeiten und kulturellen Verbindungen […], die das Alternativmilieu in den siebziger und frühen achtziger Jahren über die ideologischen Differenzen hinweg zusammenhielten“, untersucht, soll „erörtert werden, inwieweit die Revolutionsvorstellungen der historischen Akteure mit der Lebenspraxis verbunden wurden“ (15). Als weiteres Ziel gibt der Autor an,

„jenseits der konkreten Protestziele, -häufigkeiten und -formen der Neuen sozialen Bewegungen – die übergreifenden soziokulturellen Gemeinsamkeiten, das Verhaltensrepertoire und den Habitus der Protestierenden zu erkunden“ (ebd.).[1]

Seitdem vor allem seit 2008 eine Reihe (oftmals autobiografisch gefärbter; vgl. etwa Schneider 2008 oder Aly 2009) Berichte zum ‚Wie war das damals?‘ der 68er-Bewegung erschienen sind, scheint dem Thema in den letzten Jahren eine besondere Aufmerksamkeit zuteil zu werden. Diesen Forschungsstand stellt der Autor recht knapp (aber m.E. zureichend) dar.

Der Hauptteil des Buches ist in drei Abschnitte (Politik und Selbstreflexion, Lebensräume, Körper und Seele) gegliedert, welche sich wiederum aus acht Kapiteln zusammensetzen. Der erste Abschnitt dient der Einführung ins Thema sowie der Offenlegung von theoretisch-methodologischen Prämissen sowie der Operationalisierung der Studie. Und am Ende steht natürlich ein Fazit. Für seine über 1.000 Seiten ist das Buch relativ dünn, das ist angenehm. Man kommt außerdem schnell durch, weil der Autor nicht nur einen zugänglichen Schreibstil verfolgt, sondern die Angaben zur Literatur in Fußnoten macht (der Text wird so zwar länger, aber man hat eben auch das Gefühl, schneller zu lesen; mitunter fühlt sich das sehr schmeichelhaft an und man entwickelt ein positives Verhältnis zum Buch!).

Gegen Ende der 1970er Jahre stand das Alternativmilieu mit ca. 1,8 Mio. AktivistInnen im Bereich der Sozialen Bewegungen laut Reichardt „zweifellos in seiner Blütezeit“ (35). Eine vom Autor angeführte repräsentative Untersuchung über die politische Einstellung von Studenten rechnet in Berlin 13,5% und in Frankfurt 20,1% der Alternativkultur zu (29).

Mit der Skizzierung eines „linksalternativen Habitus“ unterbreitet der Autor eine Heuristik zum Verständnis spezifischer Kulturelemente des alternativen Milieus. Die Lebensweise zeichnete sich ihm zu Folge durch eine Reihe spezifischer „Denk-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsweisen aus“ (55).[2]

Die identitäre (Selbst-)Definition des alternativen Milieus vollzog sich hierbei einerseits intergenerational (d.h. gegenüber den Älteren) und andererseits in Abgrenzung zur staatlichen Bürokratie. Indem man – durchaus im Einklang mit der Frankfurter Diagnose einer ‚Verwalteten Welt‘ (Adorno 1951) – dem staatlichen Apparat eine Übergriffigkeit gegenüber dem Einzelnen zuschrieb, etablierte man den Maßstab erstrebenswerter Unmittelbarkeit und ‚Authentizität‘ (s.u.):

„Die als autoritär, allgegenwärtig und kalt empfundene Staatsmaschinerie avancierte zum Inbegriff der ‚Repression‘ – ein Lieblingsterminus des linksalternativen Milieus der als Gegen- und Kampfbegriff den Freiheits- und Selbstbestimmungsbedürfnissen Gestalt verlieh“ (52).

Authentizität und Gemeinschaft sind demnach zwei Konstitutionsprinzipien des alternativen Milieus, und bei ihnen setzt Reichardt mit seiner Studie an. Aus soziologischer Sicht beschreibt Authentizität natürlich keine objektive Eigenschaft. Dinge sind aus sich selbst heraus aufrichtig und unmittelbar, sie werden lediglich so erlebt (oder auch nicht). Diesem Konstruktionscharakter trägt der Autor mit der Frage Rechnung, „wann und wozu der Begriff Authentizität von wem genutzt wurde“ (67). Auf diese Weise gelingt es ihm, zu zeigen, wie die konkreten Ausprägungen des Authentizitäts-Ideals menschliche Verhaltensweisen als Leitorientierung beeinflussen (sie begründen Hierarchien, Zielsetzungen, Sanktionen, etc.).

Zur Operationalisierung der Studie: Als forschungsleitenden Rahmen etabliert Reichhardt eine Perspektive auf „alltagsweltliche Probleme und lebensweltliche Erfahrungen“ (877) der Angehörigen des alternativen Milieus. Die Analyse der zusammengestellten Materialien dient der Rekonstruktion dieser Erfahrungen aus drei komplementären Sichtweisen, erstens auf die „Wechselwirkung zwischen medialer Außenbeschreibung und den Selbstbildern im Milieu“, zweitens auf die „Verbindung zwischen den Selbsttechniken von Authentizität, Selbstverwirklichung, Erfahrung und Sensibilität im Alternativmilieu und der Individualisierung in der Gesellschaft insgesamt“ (wie stellen sich die Milieuangehörigen selbst und anderen gegenüber dar?) und drittens auf eine „Ebene der sozialen Praxis“ (d.h. er beschreibt, was die Angehörigen des Milieus so machen).

Die Datenbasis der Studie ergibt sich aus der Recherche in verschiedenen Archiven, der Sekundäranalyse einer Vielzahl von Studien sowie der (Oral-History-inspirierten) Auswertung von 36 Videointerviews.[3] Wesentliche Elemente des empirischen Bezugsrahmens ergeben sich weiterhin aus der Auswertung „unzählige[r] gedruckte[r] Interviews, Gesprächen oder Diskussionen in den Szenepublikationen der siebziger Jahre“ (92f). Ein besonderer (aber nicht exklusiver) regionaler Fokus liegt hierbei auf den Städten Frankfurt, Berlin und Heidelberg.

Das zweite Kapitel zur ‚[P]olitische[n] Theorie und organisatorische[n] Praxis‘ widmet sich der Vorstellung verschiedener Spektren des Alternativmilieus. Die analytische Segmentierung erfolgt hierbei nicht etwa nach Alter, Haarfarbe, Schulabschluss oder sonstigen Merkmalen, sondern entlang der Linien politischer Spektrenbildung.

Das mag insofern überraschend erscheinen, als – so die eingangs explizierte Absicht – eben nicht der unmittelbare Einfluss auf die kollektive Willensbildung innerhalb des politischen Systems, sondern die lebensweltliche Alltäglichkeit des Milieus untersucht werden sollten. Wie der Autor anhand der Vorstellung verschiedener Bereiche (68er-Bewegung, Spontis, Frauenbewegung, Umwelt- und Anti-AKW-Bewegung, die Friedensbewegung und die Partei die Grünen, sowie die Autonomen der frühen 1980er Jahre) zu zeigen vermag, ergibt diese Gliederung deswegen Sinn, weil sich (individuelle und gemeinschaftliche) Identitätsstiftung hier über die Zugehörigkeit zu den Spektren ergab.

Indem dem Leser ein Eindruck der lebensweltlichen Vorgänge verschafft wird, bietet die Darstellung sozialer Dynamiken innerhalb und zwischen diesen Bereichen für den weiteren Argumentationsverlauf eine substanzielle Grundlage. Vor dem Hintergrund des um 2008 recht intensiv thematisierten Spektrums der Studentenbewegung erscheint hier vor allem die „Auseinandersetzung von Teilen der 68er mit dem linksalternativen Milieu“ (128) interessant.

Während – wie der ehemalige Vorsitzende des Kommunistischen Bund Westdeutschland Gerd Koenen (2011) in seiner autobiografischen Aufarbeitung der Aktivitäten seiner Organisation berichtet – Teile des 68er Spektrums eine autoritäre politische Linie[4] verfolgten, unterschied sich die Sponti-Bewegung durch eine weniger strenge, eher individualistische Herangehensweise. Parolen wie „Wir haben keine Böcke auf Dogmas“ oder „Statt hammern und sicheln – jammern und picheln“[5] brachten hier ein Politikverständnis zum Ausdruck, wie es sich in den Folgejahren ähnlich individualistisch (und teilweise ähnlich kontemplativ) etwa auch unter frauenbewegten und autonomen AktivistInnen fand. Trotz ihrer unterschiedlichen (und teilweise auch widersprüchlichen) politischen Ausrichtungen verbindet die Strömungen das Projekt einer (vorwiegend, aber nicht nur komplementären) Etablierung einer „konkreten Lebenswelt in einer ‚Gegengesellschaft‘“ (220) – dem alternativen Milieu.

Im dritten Kapitel stellt Reichhardt Entwicklung und Bedeutung der seit Mitte der 1970er an Bedeutung gewinnenden Alternativmedien dar. Sollten diese nominell „der Sichtbarmachung, Stabilisierung und Mobilisierung nach innen“ (233) dienen, wurden diese mittelfristig aber auch zum wesentlichen Wirtschaftssegment und Transmitter alternativer Ideen in die Gesellschaft. So existierten 1980 390 linksalternative Zeitschriften, von denen monatlich 1,6 Mio. Exemplare erschienen.

Inhaltlich zeichneten sich diese Veröffentlichungen einerseits durch die Vermittlung „‚unterdrückte[r] Nachrichten‘ aus der partikularen Welt des Alternativmilieus“, aber auch durch einen „wechselseitigen Kommunikationsprozess zwischen Redakteuren und Lesern“ (237) aus. Weiterhin folgte die Arbeitsorganisation (wenigstens der Idee nach) basisdemokratischen und unkommerziellen Prinzipien (Wie viel ‚Ausdiskutieren‘ ist möglich, wenn täglich eine neue Ausgabe erscheinen soll?). Im Hinblick auf die vom Autor untersuchten Authentifizierungstechniken, kommt den Alternativmedien eine besondere Bedeutung zu, da in ihnen die „Verwobenheit von Alltäglichkeit mit Politik“ (313) als lebensweltlicher Bestandteil plausibilisiert wurde.

Doch die Wirtschaftsaktivitäten des alternativen Milieus erstreckten sich weit über die Medienwelt hinaus (Kapitel 3): „Der Kern des alternativen Milieus bestätige sich in den Arbeitskollektiven, die von der Kfz-, Fahrrad- und Elektrowerkstatt über die Tischlerei-, Taxi-, Transport- und Entrümpelungskollektive bis zu ökologisch orientierten Lebensmittelläden, Druckereien, Buchläden, Kneipen und Cafés sowie Kinderläden, Stadtteilarbeitsgruppen oder Jugendzentrumsprojekten reichten“ (323).

Karriereambitionen waren kein wesentliches Motiv für das Engagement in Alternativprojekten (332), stattdessen begründeten postmaterielle Wertbezüge und der Wunsch nach homosozialen Kontakten häufig ein Engagement in der Alternativökonomie. Indem „solidarische Kooperation und Selbstverwirklichung“ in den Mittelpunkt wirtschaftlicher Kooperation im Alternativmilieu gerückt wurden, leistete man hier – so die These Reichardts – wesentliche Pionierarbeit für einen wirtschaftlichen Strukturwandel hin zum Netzwerkkapitalismus. Während ungenügende Profitabilität den langfristigen Fortbestand alternativökonomischer Wirtschaftseinheiten zwar verhinderte, leben – so die These – ihre Strukturprinzipien teilweise fort. Alternative Tugenden diffundierten.

Unter dem Oberbegriff alternativen Wohnens rückt das folgende Kapitel neue Formen des Zusammenlebens in den Mittelpunkt, durch die sich das alternative Milieu auszeichnete. Mit Wohngemeinschaften, Landkommunen und Hausbesetzungen werden drei Formen mikrosozialer Vergemeinschaftung einerseits im Hinblick auf ihre praktische Durchführung und andererseits bezüglich ihrer symbolischen Bedeutung analysiert. So waren diese Umgebungen einerseits soziale Laboratorien zur Erprobung und Entwicklung alternativer Lebensentwürfe, andererseits aber auch Symbolträger kulturellen Wandels (z.B. war die Kommune I nicht nur Wohnort, sondern auch Identitätsangebot und öffentliche Provokation). Abgesehen von den terroristischen Gruppen konzentrierte sich um die Hausbesetzungen herum weiterhin das Gewaltpotenzial der alternativen Szene.

Vergemeinschaftungsorte wie die linken Szenekneipen, Buchläden oder Frauenräume werden in Kapitel Sechs dargestellt. Hierbei stehen vor allem die lokalen Praktiken im Vordergrund. Diese Öffentlichkeit der linken Subkultur diente ebenfalls als wesentliche Sozialisationsagentur, aber wiederum auch als gesellschaftlicher Transmitter auf der Ebene der kulturellen Repräsentationen. Der allgemein recht angenehme Formulierungsstil tritt in diesem Kapitel besonders hervor, wenn Reichhardt linksalternative Umgebungen beschreibt.[6] Indem die lebensweltliche Seite der Alternativökonomie nochmal gesondert dargestellt wird, gelingt es, ihre besondere „(politische) Vergemeinschaftungsfunktion“ herauszustellen: „Arbeit war nicht bloß Mittel zum Broterwerb, sondern stand in einem unmittelbar politischen Kontext“ (625).

Der letzte Abschnitt ‚Körper und Seele‘ des Buches umfasst schließlich drei weitere Kapitel. Erstens wird unter der Überschrift ‚Körper und Sexualität‘ beschrieben, wie linksalternative Aufrichtigkeits- und Verwirklichungsideale in einer Praxis der (Wieder-)Aneignung dieser beiden Dimensionen übertragen wurde. Neben der identitäts- und kohäsionsstiftenden Bedeutung von Kleidung und Accessoires und der Darstellung neuer Muster des Begehrens (z.B. jenseits der monogamen Zweierbeziehung) beinhaltet das Kapitel außerdem einen eigenen Abschnitt über ‚Männlichkeiten‘.

Dies erscheint auch insofern bemerkenswert, als es einen komplementären Abschnitt über Weiblichkeiten nicht gibt. Frauen werden im Buch spezifisch hauptsächlich als Protagnostinnen der Neuen Frauenbewegungen behandelt. Etwas seltsam mutet Reichardts Typologisierung von „vier Hauptformen der alternativen Linken“ (639) an. („Primat der Lockerheit, Natürlichkeit und ‚Individualität‘“, „Bild von der verbissenen Spaßbremse mit Vollbart“, ein „eigener Stil“ der Frauenbewegung sowie der „Revoluzzer aus Zeiten der 68er-Bewegung“). Wie genau diese Typologie gemeint ist, bzw. was sie darstellen oder erklären soll, habe ich nicht verstanden.

Kapitel acht beschreibt die Erarbeitung der Theorie sowie die praktische Umsetzung von antiautoritärer Erziehung und Kinderladenbewegung. Der Einfluss des alternativen Milieus auf allgemeine Verkehrsformen in der Gegenwart wird hier besonders deutlich. Hier und auch im darauffolgenden (letzten empirischen Kapitel zum Thema ‚Bewusstseinserweiterungen‘) zeigt sich einmal mehr, dass Selbsttechniken und Verkehrsformen des Alternativmilieus, historisch betrachtet, weit in die Gesellschaft hinein gewirkt haben.

Während die Diffusion entsprechender Ideen im Bereich der Pädagogik sich – im Einklang mit den Befunden neo-institutionalistischer Organisationsforschung – über die Vermittlung entsprechender Professionsgruppen vollzog, erkennt Reichhardt im Bereich der Selbsterfahrungen drei Kommerzialisierungsbewegungen. Aus den autonomen Selbsterfahrungsgruppen entwickeln sich mit der Zeit therapeutische Behandlungszentren, der Drogenhandel folgt in seinen Strukturprinzipien dem Einfluss organisierter Kriminalität und der vereinzelte Spiritualismus einiger Alternativer verdichtet sich zu einem „Religionsmarkt“ (869).

Indem Reichardt das Alternative Milieu mit seinen spezifischen kulturellen Repräsentationen, Selbsttechniken und Praktiken untersucht, leistet er aber nicht nur einen Beitrag zur empirischen Rekonstruktion einer Lebensweise. Vor dem Hintergrund der Darstellung des umfangreichen Materials zieht der Autor eine hochinteressante gesellschaftstheoretische Schlussfolgerung. Anders als dies etwa in der zeitgenössischen sozialen Bewegungsforschung oder der Politikwissenschaft üblich ist, werden die kulturellen Grundlagen gesellschaftlichen Wandels untersucht.

Die anhand des umfangreichen Materials belegte Kernthese des Buches liegt nämlich darin, dass gesellschaftlicher (d.h. kultureller, politischer und ökonomischer) Wandel in der Hauptsache nicht etwa als unmittelbares Resultat politischer Einflussnahme (etwa in Form von Demonstrationen oder des ‚Marsches durch die Institutionen‘, vgl. Seeliger 2012) zu verstehen ist.

In (nicht immer explizierter) Anlehnung an die Beckʼsche (1986) Individualisierungsthese, gelangt der Autor zu dem Schluss, „die Geschichte des linksalternativen Milieus [füge] sich letztlich ein in eine historische Periode der Freisetzung des ‚postmodernen Selbst‘“ (888) ein. Die Grundbegriffe ‚Gemeinschaft‘ und ‚Authentizität‘ dienen ihm hier zur Illustration der Dynamik, die diese Individualisierungsentwicklung absicherte.

„Die Anrufung des autonomen Selbst und des solidarischen Gemeinschaftswesens, das Streben nach Selbstkontrolle wie nach Gruppenbindung verliefen gewissermaßen parallel zueinander und gerieten zum Balanceakt“ (873).

Aus einer (evtl. leicht funktionalistisch eingefärbten?) Perspektive wird so erkennbar, dass es die gemeinschaftliche Plausibilisierung war, die die gesellschaftliche Diffusion vormals linksalternativer Tugenden ermöglichte. Was in den Soziallaboratorien und Mikrokosmen von Berliner WG-Küchen, Schleswig-Holsteiner Landkommunen und Konstanzer Kneipenkollektiven erprobt und entwickelt wurde, prägte in den Folgejahren die Entwicklung westlicher Gesellschaften insgesamt.

Anders als in der orthodox-marxistischen Geschichtsschreibung bestimmt hier allerdings nicht das Sein das Bewusstsein, vielmehr sind es die alternativen Ideen, deren Umsetzung in der Etablierung neuer Vergesellschaftungsformen (erst inner- und dann auch außerhalb des Milieus) mündet. Die ‚Politik der ersten Person‘ (übrigens eine Wortschöpfung des zeitweise in Bochum lehrenden Soziologen Urs Jaeggi, welche später ins Selbstverständnis der Berliner Autonomen-Szene aufgenommen wurde) wurde im Netzwerkkapitalismus dahingehend gewendet, dass ‚Unternehmerische Selbste‘ (Bröckling 2007) ‚Künstlerkritiken‘ (Boltanski/Chiapello 2003) äußern, und so letztlich (?) einen Wandel kapitalistischer Vergesellschaftung bedingen, der weder frühzeitig geplant noch sonstwie antizipiert worden wäre (Bell 1978).

Die hier zu Tage tretende Ambivalenz arbeitet der Autor wunderbar heraus. Was als Gegenbewegung zur Verdinglichung begonnen hatte, manifestierte sich schließlich als Vorlage neoliberaler Ideologie-Diffusion. Entsprechende Anknüpfungspunkte zu den drei Jenaer Grundbegriffen Aktivierung, Beschleunigung und mit Abstrichen auch Landnahme finden sich im Buch haufen- wenn nicht gar bergeweise:

Die Etablierung der Norm individueller Selbstverwirklichung als Austritt aus der verpflichtenden Inklusion in tradierte Bindungen (Rosa 2013) lässt sich aus Reichardts Darstellungen genauso ablesen wie die aktivierungspolitische Wendung solcher Individualisierungsentwicklungen (Lessenich 2013). Dass der Bereich öffentlicher (d.h. letztlich individueller) Gesundheit an der Schwelle zum 21. Jahrhundert als wohlfahrtsstaatliches Politikfeld etabliert wird, geht gleichzeitig einher mit dem Zwang zum Selbstzwang, wie er durch die Selbstverwirklicher der 1970er auf den Weg gebracht wurde. Mit ein bisschen Phantasie lassen sich auch gewerkschaftlicher Mitgliederverlust oder zunehmende Verbetrieblichung tarifpolitischer Auseinandersetzungen (Bispinck/Schulten 2010) als Wegbereiter kapitalistischer Landnahme (Dörre 2009) in Teilen auf die im Buch beschriebenen Entwicklungen zurückführen.

Ich gelange zu dem Fazit, dass sowohl die Operationalisierung der Studie als auch die Darstellung ihrer Ergebnisse äußerst gelungen sind. Die Fülle des Materials wird gut und übersichtlich dargestellt (ein positives Zeichen scheint mir zu sein, dass ich beim Lesen nicht den Überblick verloren habe). Angenehm erschien mir hierbei auch, wie der Autor sich an manchen Stellen kommentierend und/oder erklärend einbringt, und an anderen eben nicht. Auf diese Weise gelingt es ihm z.B., auf mögliche Widersprüche und Diskrepanzen im Selbstverständnis der Milieuangehörigen aufmerksam zu machen, ohne entsprechende Verweise auf die Spitze zu treiben. Stattdessen lässt er das zusammengestellte Material weitgehend für sich selbst sprechen (vgl. 109). Auch das Wechselspiel zwischen den Analyseebenen (vgl. 75) erscheint nicht nur konzeptionell gut ausgedacht, sondern wird auch in der Forschungs- und Darstellungspraxis der Studie sauber umgesetzt.

Das Buch ist sehr kenntnisreich geschrieben, das ist beeindruckend. Häufig ist es so, dass eine entsprechende Sachkenntnis bei Forschern mit einem persönlichen Engagement einhergeht (vgl. etwa Lenz 2008). Einen solchen Hintergrund suche man – so äußert sich der Autor im Radiointerview[7] – bei ihm vergeblich. Im Einklang mit seiner eigenen Argumentation bewahrt ihn dies (wahrscheinlich) vor einer Überidentifikation mit dem Gegenstand. Andererseits fehlt es ihm möglicherweise an subjektivem Praxiswissen, welches an manchen Stellen andere Nuancen in der Darstellung hervorgebracht hätte.[8] Aber das stört wohl keinen großen Geist. Weiterhin gespannt bin ich, inwiefern die Studie auch im englischen Sprachraum rezipierbar werden wird. Folgeuntersuchungen in international vergleichender Absicht erschienen mir ebenfalls erstrebenswert.

Ein normatives Fazit sucht man, jedenfalls an der Oberfläche der Argumentation, vergeblich. Hier und da schimmern jedoch einige eindeutig normative Implikationen hervor. Zwang erscheint ihm (etwa im Rahmen der linksalternativen Selbsterfahrungsgruppen) als per se negativ. Andererseits erscheint die Darstellung der oben skizzierten Ambivalenzen gesellschaftlichen Wandels prinzipiell gut geeignet als Grundlage zeitgenössischer Kapitalismuskritik (und ich vermute, das ist Absicht).

Mit seinem Ansatz, der die kulturellen Grundlagen gesellschaftlichen Wandels (bzw. das Wechselspiel zwischen beiden) untersucht, befindet sich Reichardt in unmittelbarer Nähe zu den Klassikern der Sozialtheorie.[9] Da ihm dies vermutlich klar sein wird, lässt sich die Abwesenheit großspuriger Verweise in der Darstellung des Forschungsvorhabens als sympathisches Understatement deuten. Als historisch interessierten Soziologen führt mich diese Beobachtung abschließend zu einer aktuellen Diskussion über die Rolle von Geschichtswissenschaft in der gesellschaftswissenschaftlichen Theoriebildung.

Wenn ich in der Interpretation der Befunde (gezeigt werden nicht nur das Alternativmilieu und die dortige Bedeutung von Authentizität und Gemeinschaft, sondern ein Wandel der kulturellen Grundlage kapitalistischer Vergesellschaftung) richtig liege, stellt sich m.E. die Anschlussfrage, warum dies nicht expliziter herausgestellt wurde. Ausgehend von der doppelten Grundannahme, dass ich die Absicht des Autors weder falsch gedeutet noch die Darstellung der entsprechenden Befunde schlichtweg übersehen habe, vermute ich die Gründe hierfür in einem disziplinären Unterschied zwischen Geschichts- und Sozialwissenschaft.

Während Teile ihrer Protagonisten die zeitgenössische Sozialwissenschaft mehr und mehr einem Paradigma verschreiben wollen, welches die kumulative Entwicklung eines immer allgemeingültigeren Forschungsstandes durch die systematische Schließung von zu Anfang des Forschungsprozesses zu identifizierenden Forschungslücken vorantreiben möchte, folgt der Wissenserwerb in der Geschichtswissenschaft einem weniger deutlich strukturierten, scheinbar intuitiven (und vermutlich realistischerem) Organisationsprinzip.

Ein entsprechendes Understatement vertritt der Autor der Studie, indem er als Forschungsbeitrag eingangs eine deskriptive Darstellung der Verkehrsformen des Alternativmilieus (kulturelle Repräsentationen, Selbsttechniken und Praktiken) in den 1970er und 1980er Jahren herausstellt. Mit seinen ständigen Bezügen auf Literaturkorpora – als Spitze eines Eisbergs theoretischer Referenzen ragt z.B. immer mal wieder Bröcklings (2007) Studie zum ‚Unternehmerischen Selbst‘ über die Darstellungsoberfläche hinaus – ließe sich die Arbeit allerdings genauso gut dem (etwas weiter gefassten) Kontext der Sozialgeschichte der Bielefelder Schule zuordnen, dem von Hitzer und Welskopp (2010: 20) eben jene „demonstrative Theorieorientierung“ attestiert wird, die sich auch bei Reichardt findet.

Ein ebensolches Postulat von Theoriebildung auf Basis praxeologisch-hermeneutischer Untersuchungen von Längsschnitt-Entwicklungen findet sich auch bei William H. Sewell Jr. (2005 369) – dem Sohn des Historikers William Sewell und einem der wichtigsten Geschichtstheoretiker der Gegenwart:

„Our goal must be understood as the dereification of social life – revealing how apparently blind social forces and dumb social coercions are actually intelligible as products of semiotically generated action.“

Vor diesem Hintergrund erscheint es mir keineswegs übertrieben, Reichardts Untersuchung in einem sozialhistorischen Spektrum zu verorten, in dem Vertreter wie Eric Hobsbawm oder Edward Palmer Thompson „assumed that popular entities, identities, and interests formed more or less automatically in the course of social change, then constituted observable realities“ (Tilly 2002: 5).

Wie ebenfalls von Sewell herausgestellt, besteht zur Etablierung einer tragfähigen Gesellschaftstheorie die unbedingte Notwendigkeit geschichtswissenschaftlicher Analysen:

„Only if historians enter the fray and develop systematic critiques and reformulations of the theories we borrow from social scientists can we expect to build social theories adequate for grasping the ever-changing world that is our common object“ (Sewell 2005: 6).

Leider, und das bemerkt Sewell in seinem Text (ebd.: 12) ebenfalls, neigen Sozialwissenschaftler zu einem größeren Selbstbewusstsein (und vielleicht auch zu einer stärker ausgeprägten Systematik in der Darstellungsform). Es wäre zu wünschen, dass sich dieses in Zukunft ändert!

 

Anmerkungen


[1] Inwieweit der Forschungsbeitrag der Studie durch diese Beschreibung abgedeckt ist, erscheint mir fraglich. Dies soll daher weiter unten noch genauer erörtert werden.

[2] Namentlich „‚Politik in der ersten Person‘ und ‚Betroffenheit‘“ (1), „‚Wärme‘ der Vergemeinschaftung“ (2), „Basisdemokratie und Antihierarchie“ (3), „Bürokratie- und Technologieskepsis“ (4), Verbindung von Spontaneität und ‚neuer Unmittelbarkeit‘“ (5), „Ganzheitliches Leben“ (6), „Unverfälschtheit“ (7), „Provokation und aggressiver Humor in der öffentlichen Kommunikation“ (8) sowie „Expressivität, Unkonventionalität und Kreativität“ (9).

[3] Lobenswert hervorzuheben erscheint, dass Erinnerungen der Protagonisten hier als (möglicherweise glorifizierende) Quelle durchaus kritisch gesehen werden (92f).

[4] Zur Überbrückung post-revolutionärer Versorgungsengpässe plante man z.B. die Einrichtung von Zuchtanlagen für eiweißreiche Karpfen oder sah vor, Abweichler aus den eigenen Reihen zur Umerziehung als Arbeitskräfte in Cuxhavener Fischmehlfabriken einzusetzen (vgl. Koenen 2011). The Empire Strikes Back.

[5] Als zeitgenössischen Ausläufer siehe hierzu auch das Werk der Berliner Elektropunk-Gruppe Egotronic: https://www.youtube.com/watch?v=Fz2Y6xZJFKs

[6] „Bei reichlich Bier und Zigaretten setzte man sich im dämmrigen Kerzenlicht an altem Trödel und ausrangiertem Mobiliat zusammen“ (576). Und vom Subkultur Konstanzer Kneipenkollektiv ‚Café Chaos‘ berichtet er Folgendes: „Die wenig solventen Schüler, Studenten, Auszubildenden und Punker handelten in der damals ohnehin schon billigsten Kneipe der Konstanzer Szene nochmals Sondertarife für Kaffee, Kuchen, Bier und die kleinen Tellergerichte raus“ (574). Die akribische Sichtung einer Vielzahl von Studien versetzt Reichhardt außerdem in die Position, Detailwissen wie den Anteil der Raucher unter den linksalternativen Männern und Frauen prozentual in Drehtabak- und Filterzigarettennutzer zu untergliedern (vgl. 577).

[7] http://www.wdr5.de/sendungen/neugiergenuegt/redezeit/reichardt100.html

[8] Die Punks der 1980er könnte man z.B. viel stärker in der Tradition der Sponti-Bewegung interpretieren. Das würde m.E. auch helfen, deren politische Bissigkeit besser würdigen zu können.

[9] Siehe z.B. Émile Durkheims (1992) Analyse der moralischen Vorbedingung der Vertragsschließung oder Max Webers (1986) Arbeit zur Protestantischen Ethik.

 

Literatur

Aly, Götz (2009): Unser Kampf. 1968 – Ein irritierter Blick zurück. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Bell, Daniel (1978): The Cultural Contradictions of Capitalism. New York: Basic Books

Bispinck, Reinhard; Schulten, Thorsten (Hg.) (2010): Zukunft der Tarifautonomie. 60 Jahre Tarifvertragsgesetz: Bilanz und Ausblick. Hamburg: VSA

Boltanski, Luc; Chiapello, Éve (1999): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK

Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Dörre, Klaus (2009): Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarktkapitalismus. In: Dörre, Klaus et al. (Hg.): Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte. Frankfurt a.M., 21-86

Durkheim, Émile (1992): ber soziale Arbeitsteilung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Hitzer, Bettina; Welskopp, Thomas (2010): Die ‚Bielefelder Schule‘ der westdeutschen Sozialgeschichte. Karriere eines geplanten Paradigmas? In: Dies. (Hg.): Die Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen. Bielefeld: Transcript, 13-31

Koenen, Gerd (2011): Das rote Jahrzehnt: Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977. München: Fischer

Lessenich, Stephan (2013): Die Neuerfindung des Sozialen: Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus. Bielefeld: Transcript

Rosa, Hartmut (2013): Beschleunigung und Entfremdung: Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Berlin: Suhrkamp

Schneider, Peter (2008): Rebellion und Wahn. Mein ´68. Köln: Kiepenheuer und Witsch

Seeliger, Martin (2012): Grüne Politik unter Bedingungen neuer Komplexität. Der Moderne Staat 5, 1, 229-239

Sewell, William H. (2005): Logics of History. Social Theory and Social Transformation. Chicago: Chicago University Press

Tilly, Charles (2002): Stories, Identities and Political Change. New York: Rowman & Littlefield

Weber, Max (1986): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Tübingen: Mohr

 

Bibliografischer Nachweis:
Sven Reichardt
Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren
Berlin 2014
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3518296752
1013 Seiten

 

Martin Seeliger ist Doktorand am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln.


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