Okt 032014
 

Nun also eine Personalbibliografie – die Kanonisierung des Schriftstellers Christian Kracht schreitet unaufhaltsam voran. In der Reihe »Bibliographien zur deutschen Literaturgeschichte« des Aisthesis Verlags steht Kracht jetzt immerhin neben Heiner Müller, Rolf Dieter Brinkmann und Ferdinand Freiligrath. Wie kaum ein anderer Autor seiner Generation hat Kracht die Aufnahme seiner Werke in den heiligen Kanon der Literaturwissenschaft vorangetrieben.

Sein Schreiben ließ Rezensenten schon früh von Mann raunen, von Conrad und weiteren Größen der Weltliteratur bis fast keiner mehr übrig blieb, auf den man keine Verweise in seinen Texte gefunden hätte. Schon als die »Bunte« Krachts Debüt »Faserland« rezensierte, lautete die Überschrift »Goethilein«[i].

Nicht nur solche Funde machen die objektive und subjektive Personalbibliografie, die Matthias N. Lorenz als Herausgeber vorlegt, zu einem verdienstvollen Projekt. Es ist nämlich durchaus kein gewöhnliches. Lorenz, der 2002 bereits eine Martin-Walser-Bibliografie für dieselbe Reihe zusammenstellte, hat das Werk- und das kommentierte Verzeichnis der Sekundärliteratur gemeinsam mit Berner Studierenden zusammengestellt. Zudem konnte er Kracht selbst, seinen Verlag und seine Agentur dafür gewinnen, strittige Fragen zu klären.

Das kann der Kracht-Philologie nur nutzen. Denn sie hat es mit einem Autor zu tun, dessen, wie Lorenz in einem begleitenden thematischen Überblick schreibt, »Selbstinszenierung […] als Teil seines Werkes und seine daraus resultierende Fiktionalisierung« (7) das Sprechen über Text wie Person stets mit einem gehörigen Maß an Unsicherheit versieht. Nie weiß man, auf welcher Seite von Fakt und Fiktion man sich nun befindet.

So sind in der Bibliografie beispielsweise auch diejenigen Texte aus Krachts Zeit bei der Zeitschrift Tempo aufgeführt und entsprechend markiert, die zwar mit seinem Namen markiert sind, aber gar nicht oder nur in sehr geringem Maß von ihm verantwortet wurden. Obwohl man es Kracht selbstverständlich auch zutrauen würde, den Bibliografen falsche Hinweise zu geben, um unliebsame Texte aus dem Werkverzeichnis zu tilgen.

Jenes Werkverzeichnis ist mit Sorgfalt und Anspruch auf Vollständigkeit erstellt, sodass man auch auf bisher wenig bekannte, weil entlegen publizierte Texte Krachts stößt – erwähnt sei hier die Erzählung »Fünf Briefe, die ich noch nicht beantwortet habe«, die 1998 in einem Lesebuch des Piper-Verlags erschien. Dazu kommt der Hinweis auf frühe Kracht-Texte, die die Bibliografierenden bis zur Abiturzeitung des Autors zurück recherchiert haben. Bedauerlich ist hier nur, dass zwar Krachts Facebook-Seite angeführt wird, die vermutlich Kracht zuzuschreibenden Myspace-[ii] und Tripadvisor-Beiträge nicht angegeben sind beziehungsweise deren Herkunft nicht mit Autor und Verlag geklärt werden konnten.

Nützlich, jedoch auch erwartbar ist das Schlagwort-, Personen- und Werkregister. Es erlaubt – über den regulären Gebrauch eines Registers hinaus – zu überprüfen, mit den Texten welcher TheoretikerInnen und AutorInnen besonders enge Verknüpfungen ausgemacht wurden. So lässt sich beispielsweise nachvollziehen, ob mehr Sekundärtexte Bezüge zu Goethe oder Conrad (Goethe liegt mit 25:19 vorne) herstellen oder mit welchen philosophischen und theoretischen Texten Krachts Werk hauptsächlich in Zusammenhang gebracht wird (Baudrillard, Derrida, Deleuze, Agamben).

Die Kommentierung der Sekundärliteratur fällt meist etwas zu ausführlich aus – muss man der akademischen Leserin erst einmal erklären, was das »Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur« ist und wie es funktioniert (vgl. 85)? Zudem handelt es sich weniger um Kommentare als um Inhaltszusammenfassungen, die mit Zitaten aus den besprochenen Aufsätzen und Studien angereichert werden. Letztlich läuft das auf das Nachliefern der im deutschen Raum immer noch vielerorts unüblichen Abstracts hinaus, wobei hervorzuheben ist, dass Bezüge innerhalb der Sekundärliteratur hergestellt werden. Außerdem erschließen die Kommentare auch die koreanische und russische Forschung zu Kracht, die sonst für viele deutschsprachige Philologen kaum zugänglich wäre.

Der größte Kritikpunkt an diesem Werkverzeichnis samt Bibliografie ist weder dem Herausgeber noch seiner Vielzahl an Mitarbeitenden anzulasten: Wieso, geschätzter Aisthesis Verlag, erscheint eine solche Sammlung im Jahr 2014 als Buch? Gerade für ein solches Format würde es sich doch anbieten, die Möglichkeiten digitaler Datenbanken und avancierter Suchmasken zu nützen.

Anstatt von ohnehin schon klammen Bibliotheken wieder einmal 58 Euro zu verlangen, wären wesentlich zeitgemäßere Lösungen denkbar: Beispielsweise der elektronische Zugang über eine Online-Suchmaske innerhalb der OPACs zu einer laufend aktualisierten Datenbank mit der gesamten Bibliografie-Reihe gegen einen festen jährlichen Obulus. Denn diese Bücher sind trotz ihrer sorgfältigen Anfertigung und trotz ihrer Qualität, das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind, sondern hätten es sicherlich verdient, in technisch informierter Umsetzung und grafisch ansprechender Gestaltung noch größere Verbreitung zu finden.

 

Anmerkungen

[i] O. A.: Christian Kracht. Goethilein, in: Bunte (02.03.1995).

[ii] Vgl. Eckhard Schumacher, Omnipräsentes Verschwinden. Christian Kracht im Netz, in: Johannes Birgfeld/Claude D. Conter (Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk, Köln 2009, S. 187-203, hier S. 200f.

 

Bibliografischer Nachweis:
Matthias N. Lorenz (Hg.)
Christian Kracht. Werkverzeichnis und kommentierte Bibliografie der Forschung
Bielefeld 2014
Aisthesis Verlag
[= Bibliographien zur deutschen Literaturgeschichte; Bd. 21]
ISBN 978-3-8498-1062-7
323 Seiten

 

Elias Kreuzmair ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Philologie der Universität Greifswald.

 

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