Aug 242014
 

Ebola ist zurück. Die Krankheit greift in Westafrika um sich, etliche Menschen fallen ihr im Sommer 2014 zum Opfer. Angesichts des Schreckens davon zu sprechen, dass die Nachrichtenbilder bekannt seien, ist ohne Frage zynisch. Und dennoch scheint das Sprechen über die Folgen der infektiösen Krankheit aus einem bekannten Fundus zu schöpfen. „Sie ist so furchtbar“, heißt es beispielsweise in der „Süddeutschen Zeitung“, „dass man glauben könnte, ein Autor von Gruselschockern habe sie erfunden. Doch es ist umgekehrt: Hollywood nutzt diese Inszenierungen der Natur besonders gerne für seine Zwecke und hält die Angst vor der afrikanischen Seuche auch auf der Nordhalbkugel wach.“

Diese Beobachtung lässt sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive in zwei Richtungen fruchtbar machen: Offensichtlich existiert zum einen ein Speicher kollektiver zeitspezifischer, massenkulturell verfügbarer Bilder von Katastrophen. Zum anderen erlebt die Auseinandersetzung mit Katastrophen gegenwärtig eine besondere Konjunktur. Die Vielfalt an Überlebens-Websites, Blockbuster-Filmen und Ratgebern nährt diese Diagnose. Die Auseinandersetzung mit Katastrophenvorstellungen ist aufschlussreich, weil sie unterschiedliche Strömungen aufgreift und dabei mehr enthält als nur die Dimension des antizipierten Grauens.

Eva Horn widmet sich dem Phänomen der Katastrophe rückblickend gegenwartsdiagnostisch. Mit Erinnerungen an die Zukunft schreibt sie eine luzide Geschichte der Gegenwart. Für eine Zeit von 1816 bis 2006, von der Romantik bis in die Gegenwart, analysiert sie, wie das Imaginäre künftiger Katastrophen die kollektive Wirklichkeit strukturiert (30). Horn setzt mit der Vorstellung vom Weltuntergang als säkularer Katastrophe ein, einem Katastrophenbewusstsein, das an die Stelle der Vorstellung von der Apokalypse als göttlichem Strafgericht trat; es entstand durch die Selbstermächtigung des neuzeitlichen Menschen

Dass – wie etwa in Lord Byrons Gedicht „Darkness“ – der Mensch in Katastrophen auf sich selbst gestellt ist und dabei von einem Horrorszenario in das nächste stürzt, wird insbesondere in der Romantik des 19. Jahrhundert zur ätzenden Kritik an den lichten, hoffnungsfrohen Fortschrittsvisionen der Aufklärung genutzt. Besonders konkret wurden die Weltuntergangsvorstellungen dann im Atomzeitalter und im Kalten Krieg. In dieser Zeit wird die Katastrophe als Option menschlichen Handelns denkbar (81). Zukunft wird als endliche gedacht, als Zeit bis zum Atomschlag des Feindes, der eine dunkle, verstrahlte Welt zurücklässt. Katastrophen haben hier noch einen Akteur, eine Ursache im Handeln der Menschen. Gewissermaßen ein Foucault’scher Souverän, der die Macht hat, leben zu lassen und sterben zu machen.

In unserer postatomaren Gegenwart mit ihren Umwelt- und Klimakatastrophen entdeckt Horn ein neues Katastrophenbewusstsein: Katastrophen ohne Katastrophen. Nicht bestimmte Ereignisse sind die Auslöser des Untergangs, sondern die latenten Prozesse des ganz normalen alltäglichen Lebens, in dem Energie verbraucht, Mobilität zelebriert wird. Für Eva Horn ist in diesen Katastrophenszenarien ein scharfes Bewusstsein für die politischen, sozialen und epistemologischen Dimensionen einer Zukunft enthalten (111f).

Im Gegensatz zum Kalten Krieg sind diese Katastrophenerwartungen unerwartbarer und diffuser. Sie führen gleichsam in eine Metakrise, die uns angesichts der latenten, nicht zu stoppenden Entwicklungen zwingt, uns dauernd mit Präventionsmöglichkeiten zu befassen. Denn Zukunft als Katastrophe zu denken impliziert gleichzeitig, diese handelnd verhindern zu wollen oder wenigstens auf die Folgen von Katastrophen vorbereitet zu sein.

Das, was Horn in diesem Buch beobachtet und apokalyptische Fantasien nennt, entdeckt sie im Kino ebenso wie in naturwissenschaftlichen Ausführungen, in der Philosophie und im Sachbuch (12). In der Konsequenz erschließt sie einen Fundus, der von Lord Byron bis Cormac McCarthy reicht, der Malthus oder den Club of Rome genauso berücksichtigt wie den Film „Minority Report“ und auch Haupt- und Nebenwege des Universitären und des Populären abschreitet, ohne hierbei von (Gattungs-)Grenzen gebremst zu werden.

Das Ergebnis ist ein beeindruckendes, kenntnis- und facettenreiches Kompendium massenkultureller Phänomene, das auf den ersten Blick befremdliche Nachbarschaften stiftet. Was in diesem Kontext genauer ‚vielschichtig‘ bedeutet, können die Ausführungen zur Pariser Enzyklopädie der Eisenbahn und Dampfmaschine aus dem 19. Jahrhundert nur andeuten (273). Sie sind Indizien einer Detailliebe, die in ihrer Verästelung Hauptschneisen zu überwuchern droht.

Zentral ist für die Analyse aber vor allem die Rolle, die den populären zeitgenössischen Fiktionen dieser neuen Untergangsvisionen zukommt. Horn wird dabei nicht müde, den spezifischen Erkenntniswert von Fiktionen zu unterstreichen. Im Chaos der Weltlage mit all ihrer Ununterscheidbarkeit seien wir auf Fiktionen schlicht angewiesen. Diese erfüllen nämlich drei Funktionen: Sie alarmieren, sie entlasten und sie besitzen analytische Kraft (381f.).

Letzteres hat die Autorin primär im Blick, ohne die anderen Funktionen aus den Augen zu verlieren. Alarmierend sind Katastrophenblockbuster, weil sie zeigen, dass es für eine Katastrophe ausreicht, einfach so weiter zu leben. Entlastend sind gegenwärtige massenkulturelle Katastrophenfiktionen, weil sie – wie etwa der Film „I am Legend“, der ein postapokalyptisches Manhattan als Naturidyll zeigt – der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass sich die Natur in der Zeit „nach“ dem Menschen all die Lebensräume, aus denen sie verdrängt war, zurück erobert. Analytisch schließlich ist die veränderte Zeitperspektive. Denn hier wird eine Zukunft als eine ohne den Menschen gedacht. So eröffnet Horn durch die Populärkultur hindurch einen Blick auf ein sehr zeitgenössisches Denken, das radikal gegen ein anthropozentrisches Weltbild vorgeht.

Derlei Narrative leisten, so Horn, „die heuristische Annahme einer Position, die aus der Zukunft auf die Gegenwart zurückblickt.“ (375) Der so eröffnete Raum der fiktiven Bilder ist nicht nur in besonders prägnanter Weise Ausdruck eines spezifischen Zukunftsverhältnisses, sondern diese fiktiven Bilder bestimmen und formatieren allererst das Verhältnis, das wir zur Zukunft einnehmen:

„Geteilte Vorstellungen, Zuschreibungen, Narrative, Bilder, Metaphern sind Modi, in der moderne Gesellschaften sich nicht nur über sich selbst, ihre unterliegenden Codes und moralischen Normen verständigen, sondern grundsätzlicher noch, das fassen, was sie als „Wirklichkeit“ anerkennen: ein fundamentales Element, das die Spezifik eines historischen Lebens- und Existenzstils ebenso prägt, wie das System der Bedeutungen, das Sagbare und Unsagbare, das Verhältnis zwischen unterschiedlichen Teilsystemen der Gesellschaft.“ (22)

Mit einer solchen Herangehensweise unterscheidet die Methode von Eva Horn sich entschieden von klassischen Formen des Geschichte(n)-Erzählens. Insofern geht es nicht darum, ob das im Action-Film Dargestellte „wahr“ im empirisch überprüfbaren Sinne ist. Stattdessen stellt der Kassenerfolg für Horn die Frage, was das Erzählte konsumierbar macht.

Für die Gegenwart gehe es nicht mehr um reine Katastrophenvorbereitung, sondern die Fähigkeit, von Katastrophen nicht so schwer betroffen zu sein, ihr Ausmaß gering zu halten oder sich schnell wieder von ihnen zu erholen (187). Das heißt: Vorderhand ein Zugewinn an Handlungsmacht, indem sich Zukunft präventiv gestalten lässt. Als deren Kehrseite greift aber natürlich das, was man als Selbsttechnologien bezeichnet. Das Wissen über die Potenzialität der Zukunft eröffnet nicht nur Handlungsräume, es verpflichtet auch, die so gebotene Offerte anzunehmen. Davon spricht nicht nur der eigene Schutzraum, der dem Traum von einem gänzlich autarken Individuum verpflichtet ist, sondern auch die Frage nach den Formen von Gemeinschaften im Katastrophenfall (189).

Die Katastrophen machen etwas sichtbar, was sich im Raum intakter Zivilisation, verlässlicher Versorgung und funktionstüchtiger Infrastrukturen nicht erkennen lässt: ihre Katastrophentauglichkeit (191). Horn gelangt in ihrer Analyse zu dem auf den ersten Blick befremdlichen Schluss: In der Katastrophe zählen nicht mehr Freundschaft oder Mitmenschlichkeit, sondern nur noch Verwandtschaftsgrade (195). Damit gelangt eine Institution an Bedeutung, deren Abgesang bereits mehrfach angestimmt wurde: die der Familie. Diese avanciert in Horns Interpretation zum „biopolitisch Allerheiligsten“ (213).

Mit Rückgriff auf das Konzept der Biopolitik bringt Horn etwas ins Spiel, das für die Wahrnehmung von Katastrophen eine entscheidende Rolle spielt: die Bevölkerung. Sie ist, in der Moderne, ihr Dreh- und Angelpunkt. Das illustriert Horn etwa auch am Szenario der Überbevölkerung. Was hier allerdings unerwähnt bleibt, ist das gegenteilige Szenario: Jene demographische Angst „Die Deutschen sterben aus“, die gleichfalls Gegenmaßnahmen kennt. Etwa die staatlicher Finanzierungsprogramme für Behandlungen gegen Unfruchtbarkeit. Und die, das hat etwa Judith Butler trefflich beleuchtet, in ihrer Konsequenz an Fragen der Nation gekoppelt sind.

Aber vielleicht wirkt ja, was gerne auch die „demographische Katastrophe“ genannt wird, angesichts all der Untergangsszenarien, denen sich Eva Horn für ihr Buch ausgesetzt hat, allzu putzig. Es fällt leichter, sich eine Welt ohne Deutsche vorzustellen, ohne Italiener, Spanier oder Finnen, als eine Welt ohne Menschen zu imaginieren. Letzteres aber ist – solange es uns, die Kinoleinwand und genmanipuliertes Popcorn gibt – ungleich faszinierender.

 

Bibliografischer Nachweis:
Eva Horn
Zukunft als Katastrophe
Frankfurt am Main 2014
S. Fischer
ISBN: 978-3-1001-6803-0
480 Seiten

 

Julia Diekämper (Dr.phil.) ist Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Lehrbeauftragte und Autorin.


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