Jul 262014
 

Eine Neubestimmung des Mainstreams verspricht der Sammelband im Titel. Der Einleitungsaufsatz der HerausgeberInnen verweist in äußerster Knappheit auf die Bedeutung, die der Begriff noch heute im Sprachgebrauch besitzt, und bringt sich gegen zwei Forschungstraditionen in Stellung:

Zum einen gegen jenen Ansatz der Cultural Studies, der den Mainstream mit der Meinungsführerschaft der herrschenden Klasse verbindet, wenn sie es geschafft hat, ihre Interessen als die natürlichen, selbstverständlichen Tatsachen und Konsensvorstellungen allen anderen Gesellschaftsschichten eingängig zu machen. Zum anderen gegen den Ansatz von Cultural-Studies-Kritikern, die das Gegensatzpaar Mainstream/Subkultur als zu wertend (aufgeladen mit Vorstellungen von politisch wie ästhetisch richtiger subkultureller Aktivität) einstufen und deshalb als unwissenschaftlich verwerfen.

Die Hg. plädieren hingegen dafür, weiter mit dem Mainstream-Konzept zu arbeiten, es aber eingehender zu beleuchten, um zu einer präziseren Bestimmung zu gelangen. Was sie gegen den Ansatz der Cultural Studies haben, wird freilich an keiner Stelle der Einleitung gesagt. Implizit wird das jedoch an der Auswahl der folgenden Beiträge deutlich, die unter dem Sektionstitel „Reappraising the Mainstream“ versammelt sind:

Alison Huber meint, dem ‚Mainstream‘ (als Konzept und in seiner jeweiligen Formation) werde von den Cultural Studies zu wenig Beachtung geschenkt, weil die Cultural-Studies-Verfechter alle Aufmerksamkeit den Subkulturen schenkten, mit denen sie sympathisierten. Sie selbst bietet aber lediglich den Hinweis an, über den Mainstream nachzudenken sei wichtig, um in einer verstärkt komplexen Weise „forms of dominance“ zu untersuchen. Wenn man über „the specificity of mainstream“ nachdächte, „then mainstream becomes an historically contingent category that usefully refers to modes of dominant (or dominance-producing) behaviours, discourses, values, identities, and so on.“ (S. 11) Das bringt einen doch keinen Schritt weiter, wenn man alle vorübergehenden Dominanzen in spezifischen Szenen und Segmenten als ‚Mainstream‘ bezeichnet. Dann sollte man auf den Begriff tatsächlich besser verzichten.

Sarah Baker glaubt die Annahme, Teeny-Bop-Musik – als Inkarnation der „mainstream popular music“ – sei minderwertig, durch den Nachweis widerlegen zu können, dass „pre-teen girls“ mit ihrer Teeny-Bop-Begeisterung die „site of diverse cultural practice“ bildeten, Praktiken, die weder trivial noch passiv seien (S. 14, 23). Das mag so sein, hilft aber, wie die Autorin selbst ausführt, bei der Frage, wie die Kategorie ‚Mainstream‘ wissenschaftlich gebraucht werden sollte, nicht.

Kurz gesagt: Zur im Titel versprochenen Redefinition des ‚Mainstream‘ trägt das Buch nichts bei. Auf der sicheren Seite verbleiben hingegen all jene historischen und ethnographischen Beiträge, die untersuchen, wer etwas aus welchen Gründen wann als ‚Mainstream‘ klassifiziert hat. Die Spanne dieser Beiträge reicht von Artikeln, die erläutern, was eine Gruppe von Punks in Indonesien als ‚Mainstream‘ ansieht, über Artikel zu australischen Grunge-Fans bis hin zu Kritikern einer angenommenen „‚mainstream, stereotypical lesbian music‘“.

Das trägt zur spezifischen Aufklärung bei, gewiss, enthebt einen aber nicht notwendigerweise der Aufgabe, selbst anzugeben, ob man ‚Mainstream‘ weiter für eine Kategorie hält, die wichtig für eine gesamtgesellschaftliche Beschreibung und Analyse ist. Der bloße Verweis auf Pop-Charts reicht sicherlich nicht aus, geben die ja oftmals nur an, was bestimmte jugendliche Käufergruppen erworben haben.

Beim Beispiel der Musik wäre etwa zu überlegen, ob man unter ‚Mainstream‘ das fasst, was im schulischen und/oder privaten Musikunterricht gelehrt wird, oder das, was Legislative und Exekutive für förderungswürdig erachten, was Gerichte als nicht-jugendgefährdend ansehen, was die Medienunternehmen mit der größten Marktmacht produzieren, was Führungskräfte hören bzw. empfehlen, was eine Mehrheit der Bevölkerung als normale Melodik und Rhythmik empfindet, was Leitmedien positiv besprechen bzw. auf die Agenda setzen – oder ob man bestimmte Kombinationen dieser Angaben bevorzugt.

Wie auch immer die Entscheidung der Mainstream-Forscher ausfiele, mit solchen oder ähnlichen Parametern hätte man Vorgaben zur Hand, die interessante Untersuchungsergebnisse versprechen und nicht bloß eher zufällige (wenn auch teilweise für sich genommen sehr gute) Porträts von einigen musikalischen Performern, Genres, Praktiken und Szenen (im besprochenen Band etwa Artikel zu Elvis, The Archies, Brit Girls, Mash-Up, Ironic Listening), die genauso gut auch unter anderem Vorzeichen hätten geschrieben werden können.

 

Bibliografischer Nachweis:
Sarah Baker/Andy Bennett/Jodie Taylor (Hg.)
Redefining Mainstream Popular Music
New York und London 2013
Routledge
ISBN: 978-0-415-80780-7
222 Seiten


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