Mai 302014
 

Kapital und Freizeit

Der »New Yorker« legt sich die Frage vor, weshalb Keynesʼ Vorhersage nur zur Hälfte eingetroffen ist: »In the winter of 1928, John Maynard Keynes composed a short essay that took the long view. It was titled ›Economic Possibilities for Our Grandchildren‹, and in it Keynes imagined what the world would look like a century hence. By 2028, he predicted, the ›standard of life‹ in Europe and the United States would be so improved that no one would need to worry about making money. ›Our grandchildren‹, Keynes reckoned, would work about three hours a day, and even this reduced schedule would represent more labor than was actually necessary.« (»The New Yorker«: »No Time«) Der »New Yorker« gibt in seinem informativen Artikel viele interessante Antworten auf diese Frage, die wichtigste vergisst er aber: Dass der seit gut einem halben Jahrhundert zu verzeichnende erstaunliche Produktivitätsfortschritt neben der zeitweisen Anhebung der Löhne sich vor allem positiv auf den Fortschritt der Kapitalgewinne, nicht aber den der Arbeitszeitverkürzung ausgewirkt hat.

Der »Baffler« gibt einen guten Überblick zu den Bereichen der genialen Kunst, dem Reich der Freiheit, die das Gegenstück der Produktivitätsgewinne darstellt und die mehr oder weniger zur Freizeit der Vermögenden beiträgt. Ein Beispiel unter vielen bemerkenswerten: »Less than two weeks after [Steven] Cohen’s hedge fund agreed to pay the government $616 million to settle accusations of insider trading, this tireless exemplar of the Veblenesque meritorious consumer snagged Picasso’s ›Le Rêve‹ for $155 million (from rival hoarder Steve Wynn). A dream come true, all around, for the apostles of honorific exploit.« (»The Baffler«: »Hoard dʼOeuvres«)

Angesichts dessen zugleich verständlich und mysteriös genug, dass »The Nation« eine US-amerikanische Marxismus-Renaissance verzeichnet: »This new cohort of Marxists has thrived on the peculiarities of the contemporary media ecology. Despite the skepticism of their less technologically besotted elders, they have made the web into an effective mechanism for disseminating their ideas. Thanks to the Internet, little magazines can conjure up a global audience«. (»The Nation«: »Thomas Piketty and Millennial Marxists on the Scourge of Inequality«) Es sind denn auch überwiegend Feuilletonisten und Literaten (Alyssa Battistoni, Nikil Saval, Benjamin Kunkel, Rachel Kushner, Jhumpa Lahiri, Jonathan Lethem), die »The Nation« als Antikapitalisten abbucht.

Immerhin wesentlich besser als die deutsche Belletristik, deren großer Hit dieses Jahr darin bestand, die schlichte Tatsache, dass am großen WK I einige hochgerüstete Mächte beteiligt waren, nicht zur Nationalismus- und Imperialismuskritik, sondern dafür zu nutzen, Deutschlands Hauptverantwortung an der Massenvernichtung zu bestreiten. »Jungle World« bietet eine gute Übersicht zu diesen Strebern nach wiederhergestellter heutiger deutscher ›Verantwortung‹ und schließt mit der Einschätzung: »Was vorgeblich als Debatte über die Ursachen des Ersten Weltkriegs begann, mündet in die apologetische Ausrufung Deutschlands zum willigen Hegemon. Die Truppen für die künftige moralische Aufrüstung stehen schon bereit. Vorerst aber arbeiten deutsche Intellektuelle daran, die Geschichte des Ersten Weltkriegs in der beliebten Serie ›Als der Weltkrieg Deutschland überfallen hat‹ (Hermann L. Gremliza) zur allgemeinen deutschen Zufriedenheit umzudeuten.« (»Jungle World«: »Das Unschuldslamm«)

 

MENU